Deutsches Starensemble kämpft um Macht und Leben in Disneys „City of Blood“ – Review

Vampire, Klimakrise und Rechtspopulismus in gelungener Berlin-Serie

Marcus Kirzynowski
Rezension von Marcus Kirzynowski – 15.09.2026, 17:30 Uhr

„City of Blood“ – Bild: Disney+
„City of Blood“

In einer nicht allzu fernen Zukunft hat die Klimaerwärmung Berlin voll im Griff. Die Temperaturen steigen täglich auf mindestens 40 Grad, die Spree ist versiegt. Eine nicht näher benannte Pandemie hat ihr Übriges dazu getan, dass die Metropole vor die Hunde gegangen ist. Während einer Desinfektionsaktion der Polizei hat die kleine Bea die Wohnung nicht rechtzeitig verlassen. Ihre große Schwester Phoebe kommt zu spät, um sie vor der giftigen Wolke zu retten. 15 Jahre später sind die Schwestern seit langem getrennt: Bea wurde von einer Frau adoptiert, die heute Bauministerin ist, Phoebe kämpft sich weiter alleine auf der Straße durch. Deutschland ist in viele Kleinstaaten zerfallen, Berlin durch einen riesigen Klimadom noch stärker in eine Ober- und eine Unterschicht getrennt. Aber niemand ahnt, wer wirklich hinter diesem gigantischen Projekt steckt.

„City of Blood“ heißt die neue deutsche Eigenproduktion von Disney+, lose basierend auf dem Comic Berlinoir von Tobias O. Meißner und Reinhard Kleist. Letzterer ist heute einer der renommiertesten Comiczeichner hierzulande, bekannt vor allem für seine Graphic Novels über Popstars wie David Bowie, Nick Cave oder Johnny Cash sowie andere berühmte Menschen. Seine Anfänge liegen aber im Genrecomic und so benutzen auch die SerienautorInnen um Philipp Kadelbach und Elena Lyubarskaya Motive des Horrorgenres, um in ihren acht Episoden von höchst realen und gegenwärtigen Problemen zu erzählen.

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In der Republik Berlin stehen die Wahlen bevor. Die amtierende Ministerpräsidentin Hilda Klein (Dagmar Manzel), eine moderate Politikerin, steht unter Druck: Der junge charismatische Neuparteigründer Oliver Lawal (David Schütter) macht ihr mit populistischen Forderungen Konkurrenz. Lawal kommt aus zweifelhaftem Milieu, hat aber in eine reiche persische Familie eingeheiratet. Seine Ehefrau Farah (Melika Foroutan) managt seinen Wahlkampf. Aber Lawal hat auch ein Problem mit seiner Impulskontrolle. Unterdessen trifft Bea (Lea Drinda) nach 15 Jahren wieder auf ihre Schwester Phoebe (Soma Pysall). Bea leidet seit der Giftwolke unter Nierenversagen und ihre Adoptivmutter Laura Hoffmann, die Ministerin (Jördis Triebel), hat Phoebe ausfindig gemacht, damit diese eine Niere spenden kann.

Muss auf Berlins Straßen überleben: Phoebe (Soma Pysall) The Walt Disney Company

Doch wenige Tage vor der Operation ist Phoebe plötzlich verschwunden. Sie wurde von einer Gruppe seltsamer Männer (und weniger Frauen) entführt, die sich als Vampire entpuppen und auf abgesperrtem Gelände Jagd auf ihre Opfer machen. Zu Hilfe kommt ihr in letzter Minute Johan Moderson (Franz Hartwig), Großunternehmer und selbst auch Vampir, der allerdings keine Lust mehr auf Gewalt hat. Er sucht nach einem legalen Weg, den Blutdurst seiner Artgenossen zu stillen, und will diesen durch politischen Einfluss durchsetzen. Und dazu kommt ihm ein populistischer Politiker wie Lawal gerade recht …

Klimaerwärmung, Pandemie, Aufstieg rechtsradikaler Parteien, zunehmende gesellschaftliche Spaltung in arm und reich, (drohender) Zerfall Deutschlands – es sind viele (teilweise erschreckend) aktuelle Themen, die „City of Blood“ aufgreift. Manche werden nur kurz gestreift wie die Pandemie am Anfang, manche spielen eine zentrale Rolle. Da ist zum einen die allgegenwärtige Hitze, die weite Teile Berlins in eine Ruinenlandschaft verwandelt hat – ein Lob gebührt hier den Setdesignern und Location Scouts -, in der die Massen ums Überleben kämpfen, während reiche Oligarchen aus anderen Ländern unter dem vor einem halben Jahr erbauten Klimadom mit regulierter Temperatur und sauberer Luft wie im Paradies leben. Treffenderweise befindet sich der Dom über dem heute schon reichen Charlottenburg, mit der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche als Blickfang.

Lange getrennte Schwestern: Phoebe und Bea (Lea Drinda) The Walt Disney Company

Zum anderen geht es um den Kampf zwischen demokratischen und rechtspopulistischen Politikern, wodurch die Serie wenige Tage nach dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt – und kurz vor den tatsächlichen Wahlen in Berlin – zusätzliche Relevanz gewinnt. Dabei ist Oliver Lawal nicht mal besonders unsympathisch, sondern wird letztlich als Marionette ganz anderer Kräfte gezeigt. Auch hier liegen Parallelen zu realen rechten Vorzeige-Posterboys und ihren ideologischen Hintermännern auf der Hand.

Die Serie fährt ein fast unglaubliches Aufgebot deutscher TV-Stars auf, das alle Generationen umfasst: von Ex-„Tatort“-Kommissarin Manzel als Regierungschefin über Triebel („KDD“, „Dark“) und Foroutan (ebenfalls „KDD“ und aktuell im Frankfurter „Tatort“) sowie Jenny Schily als Obervampirin bis zu den Jungstars Drinda („Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“) und Pysall („Para – Wir sind King“). Insbesondere letztere stach schon in der sehr empfehlenswerten Coming-of-Age-Serie von Warner Bros. TV hervor, die inzwischen bei HBO Max verfügbar ist. Etwas zu sehr in Richtung Type-Casting geht vielleicht die Besetzung des ohnehin allgegenwärtigen Lars Eidinger als hedonistischer Vampir Zeno, der kein Mitleid kennt und gerne mal in einer Wanne voll Blut badet. Andererseits sorgt er auch für herrliche Kinski-Momente, etwa wenn er, nachdem er ein Opfer erlegt hat, crazy zu tanzen anfängt.

Gruppenbild mit Vampiren (Lars Eidinger, hinten, Jenny Schily, Mitte) The Walt Disney Company

Auf Drehbuchebene versuchen die AutorInnen, einen ausgewogenen Mix aus Actionszenen und Dialogen zu finden, was nicht immer gelingt. Nach einer Auftaktepisode, an der wenig auszusetzen ist, leidet der Fortgang der Handlung zunehmend an Glaubwürdigkeit und Logik. Und die Tiefe, die in manchen intimeren Szenen, etwa zwischen Pysall und Hartwig, angestrebt wird, wird nicht so recht erreicht. Rundum gelungen ist die Serie hingegen handwerklich, was etwa Bildgestaltung und Musik angeht. So erklingen unter anderem ungewöhnliche Coverversionen von Popklassikern wie Foreigners I Want to Know What Love Is.

Insgesamt ist „City of Blood“ nicht der ganz große Wurf, aber doch eine willkommene Abwechslung in der deutschen Serienlandschaft, die unter Genre sonst ja meistens nur Krimi versteht.

Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten vier Episoden von „City of Blood“.

Meine Wertung: 3,5/​5

Die achtteilige Miniserie startet am Mittwoch, den 16. September, bei Disney+.

Über den Autor

Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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