„Der Name der Rose“: Neuverfilmung verwässert den Thrill

    Historischer Hintergrund aus Umberto Ecos Werk bremst Tempo aus

    02.04.2019, 17:00 Uhr – Gian-Philip Andreas

    "Der Name der Rose": Neuverfilmung verwässert den Thrill – Historischer Hintergrund aus Umberto Ecos Werk bremst Tempo aus – Bild: RAI
    Die Hauptdarsteller der Serienadaption von „Der Name der Rose“: (v.l.) Rupert Everett, Michael Emerson, John Turturro und Damian Hardung

    Im Jahr 2011 gab Umberto Eco dem britischen Guardian ein Interview, in dem er noch einmal auf die Verfilmung seines berühmtesten Romans zurückblickte. Der italienische Schriftsteller, Semiotiker und Mittelalter-Experte hatte den Film „Der Name der Rose“, den der Regisseur Jean-Jacques Annaud mit Produzent Bernd Eichinger 1986 in Deutschland und Italien drehte, schon nach der Premiere nicht überschwänglich gelobt. Begeistert schien er nun immer noch nicht zu sein: „Ein Buch ist wie ein Clubsandwich, mit Truthahn, Salami, Tomate, Käse und Salat. Der Film aber ist gezwungen, nur Salat und Käse zu nehmen und alles andere wegzuschmeißen“, sagte er, um dann, nach einer Pause, hinzuzufügen: „Es war ein netter Film.“ Oha. „Nett“, das ist natürlich die kleine Schwester von „scheiße“.

    Inzwischen ist Eco tot, er starb 2016. Und befreit von der Last, sich dem prüfenden Blick des Autors aussetzen zu müssen, hat sich jetzt der italienische Regisseur Giacomo Battiato daran gemacht, wenigstens ein bisschen Truthahn, Salami und Tomate wieder in das Clubsandwich zurückzustopfen: In den acht Episoden der Miniserie „Der Name der Rose“, wiederum in deutsch-italienischer Co-Produktion entstanden (Rai Fiction und Tele München Group) und international prominent besetzt, gibt es mehr Zeit und Raum, die vielen Themen unterzubringen oder wenigstens anzutippen, die Ecos postmodern ausufernder Roman jenseits des bekannten Krimi-Plots noch zu bieten hatte.

    Am Buch selbst (1980 erschienen) haben sich Heerscharen von Lesern und Literaten die Zähne ausgebissen: Als vierfach ineinander verschachtelte Erzählung ließ sich der auf der Plot-Ebene an Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Romane angelehnte Whodunit-Thriller zwar süffig weglesen, doch wer alles (oder wenigstens möglichst viel) aus dem im spätmittelalterlichen Jahr 1327 angesiedelten Buch herausholen wollte, musste sich schon auf die philosophischen, theologischen, historischen und eben auch metafiktionalen Diskurse einlassen, die Eco ausgiebig in die Handlung flocht. Die Zahlenspielereien rund um das symbolische Labyrinth der geheimen Bibliothek, um die es in der Geschichte an zentraler Stelle geht, waren ein Fest für Mystery-Nerds: Umberto Eco gilt heute als Vorläufer Dan Browns, nur mit größerem intellektuellen Background.

    William und Adson: Im Film (Sean Connery und Christian Slater) und der Serie (John Turturro und Damian Hardung)
    William und Adson: Im Film (Sean Connery und Christian Slater) und der Serie (John Turturro und Damian Hardung)

    Der Kinofilm hatte sich aus all dem nur den Krimi rausgesucht: Sean Connery als britischer Franziskanermönch William von Baskerville (der Name deutet auf Sherlock hin) und Christian Slater als sein Novize Adson (lies: Watson) kamen in den finsteren Winkeln einer norditalienischen Abtei, irgendwo in einem verschneiten Winkel der piemontesischen Alpen, als fromme Ermittler einem Mörder auf die Spur, der lauter Geistliche meuchelte und dabei doch nur eines im Sinn hatte: verhindern zu wollen, dass irgendjemand das zweite Buch von Aristoteles’ Poetik in die Finger kriegt, das verschollene Buch, in dem der altgriechische Philosoph die Komödie preist. Teufelszeug!

    Wofür der 75-jährige Regisseur Battiato, der in Deutschland allenfalls durch seinen trashigen Fantasyfilm „Das Duell der Besten“ aus dem Jahr 1983 ein Begriff sein dürfte, das Mehr als Erzählzeit aufwendet, wird in den ersten beiden Episoden schnell deutlich: War der Kinofilm seinerzeit konsequent und ohne Abwege auf die Geschehnisse in der Abtei fokussiert, blendet die (wie damals aus der Sicht eines erwachsenen Adson erzählte) Serie fast aufgeregt ständig an andere Schauplätze herüber und per Rückblende in die Vergangenheit der Protagonisten. Immerhin: Der historische Hintergrund, der im Roman weitflächig ausgebreitet und im Film höchstens am Rande referenziert wurde, wird so wesentlich klarer, obgleich auch Battiato und seine Co-Autoren Andrea Porporati („Lamerica“) und Nigel Williams („Elizabeth I“) die Mord-Ermittlungen in den Mittelpunkt stellen.

    Auf dem Schlachtfeld wächst Adsons (Damian Hardung) religiöse Überzeugung
    Auf dem Schlachtfeld wächst Adsons (Damian Hardung) religiöse Überzeugung

    Die Pilotfolge beginnt blutig auf italienischen Schlachtfeldern: Im schwertklirrenden Scharmützel stecken auch Adson von Melk und sein viriler Vater, der Baron von Neuenberg (Sebastian Koch, in deutschen Co-Produktionen unvermeidlich). Der Baron würde aus dem feschen Knaben (Damian Hardung, „Club der roten Bänder“) gern einen echten Mann machen, möchte mit ihm nach Feierabend sogar die Prostituierten teilen, doch den Jungen treibt’s zum Mönchtum: Er schließt sich dem gerade durch Florenz wanderpredigenden William von Baskerville an – gespielt von Kult-Schauspieler John Turturro („The Night Of“, „Barton Fink“), der auch als Co-Autor geführt wird. Baskerville soll, im Auftrag des Kaisers, an einem Konvent teilnehmen ­- in besagter Abtei.

    Das, worum es in diesem Konvent geht, fasst die Konflikte der Zeit gut zusammen: Der designierte Kaiser des Heiligen Römischen Reichs verkündete zuvor die Trennung von Politik und Religion, ein Affront für den im französischen Avignon residierenden Papst Johannes XXII. (Tchéky Karyo aus „The Missing“), der sich als von Gott gewählt sah. Er exkommunizierte den Kaiser daraufhin. Folge: Krieg. Weitere Gefahr drohte dem Avignesischen Papsttum durch die „Ketzersekten“ wie die Apostelbrüder um Fra Dolcino. Das waren Radikal-Franziskaner, die die gold- und juwelenfröhliche Prunksucht der katholischen Kirche bis aufs Blut ablehnten – und im Gegenzug von der Inquisition mit dem Tode bedroht wurden. In Ecos Abtei sollen sich nun Gesandte des Papstes mit Gesandten des Kaisers treffen, Baskerville soll moderieren. Eco zeichnete den moderaten Franziskaner als eine Figur der anbrechenden Renaissance, inmitten lauter mittelalterlicher Rückwärtsdenker.

    William von Baskerville (John Turturro) betrachtet als aufgeschlossener Forscher die Beweisstücke
    William von Baskerville (John Turturro) betrachtet als aufgeschlossener Forscher die Beweisstücke

    Bernardo Gui, der berüchtigte Inquisitor, der im Film erst spät auftritt, wird in der Serie früh als zentraler Antagonist eingeführt – Rupert Everett („The Happy Prince“) legt die Rolle brutaler und unerbittlicher an als damals F. Murray Abraham. Man muss hoffen, dass die Autoren da noch den einen oder anderen Bruch in petto haben.

    Außerdem müht sich Battiato um zeitgemäßere weibliche Rollen. Im Kinofilm gab es damals nur das wilde Dorfmädchen, das kein einziges verständliches Wort sprach, dafür aber (mit dem damals 16-jährigen Christian Slater) eine der notorischsten Kino-Sexszenen der Achtziger performen durfte. In der Serie gibt es das Mädchen – das viele Interpreten für die titelgebende „Rose“ halten – ebenfalls, doch diesmal darf die junge Frau sprechen und sogar eine Backstory haben: Ihre Familie musste fliehen und migrieren. Noch prominenter für das Bemühen der Serie um weiblichen Input ist die im Film nicht vorkommende Margherita (Greta Scarano), die in Rückblenden als Gefährtin des Aufrührers Fra Dolcino (Alessio Boni, „Die besten Jahre“) eingeführt wird, deren Familie von Gui niedergemetzelt wird und die sich daraufhin auf einen Rachetrip begibt – inwiefern ihre Geschichte an den Abtei-Plot andocken wird, bleibt abzuwarten.

    Leichenfund in beeindruckender CGI-Kulisse
    Leichenfund in beeindruckender CGI-Kulisse

    Der Krimi-Plot rund um die verschneite Abtei wandelt dagegen auf den bekannten Pfaden: Walk-and-Talk-Dialoge in Kreuz- und dunklen Geheimgängen, mysteriöses Gift, flackernde Fackeln, verbotene Bücher, der verwinkelte Bibliotheksturm – und immer mehr tote Mönche, die (im Blutzuber, im Bad) auf Arten und Weisen dahinscheiden, die an die sieben Trompeten der Apokalypse erinnern. „Lost“-Star Michael Emerson spielt den Abt in bewährt verhuschter Manier, James Cosmo (zurück von der Nachtwache in „Game of Thrones“) den blinden Reaktionär Jorge von Burgos, Richard Sammel („The Strain“) den dubiosen Bibliothekar Malachia. Die italienischen Schauspiel-Routiniers Roberto Herlitzka (als Kloster-Ältester Alinardo), Stefano Fresi und Fabrizio Bentivoglio komplettieren den zentralen Cast: Bentivoglio scheint als trunksüchtiger Kellermeister Remigio mit Apostelbrüdervergangenheit deutlich mehr Raum zu bekommen als im Film. Fresi als sein buckliger Assistent Salvatore hat es freilich schwer, aus dem Schatten von Ron „Hellboy“ Perlman herauszutreten, der die Rolle im Film so unnachahmlich verkörperte.

    So verständlich es aber ist, den Plot, der durch den Film in dessen Salat-und-Käse-Variante ins Kollektivbewusstsein des Publikums sickerte, wieder näher an den Roman heranzurücken und die historischen Vorgänge szenisch in den Blick zu nehmen, so unvermeidlich geht dies doch auf Kosten der Spannung. Dass die Mörderhatz in den klammen Gemäuern, die im Kinofilm einen starken Sog entwickelte, immer wieder durch Seitenstränge auf Nebenschauplätzen unterbrochen wird, sorgt für ein ungut verstolpertes Tempo. Trotz überzeugender Ausstattung wirkt zudem vieles hölzern, auch das Schauspiel. Turturro ist bemüht, aus dem meisterdetektivisch spürnasigen Baskerville eine eigenständig sanfte und franziskanisch bescheidene Figur zu machen, doch wo Sean Connery einst sympathisch, verschmitzt und väterlich rüberkam, wirkt sein William auf den ersten Blick herb, mitunter fast belehrend.

    Geschichts-, Eco-, Krimi- und Mittelalterfans können den Blick auf diese Neuinterpretation natürlich trotzdem riskieren: Das Sandwich der Ecoschen Klosterstory ist auch heute noch schmackhaft, egal wie viele Tomatenscheiben drinstecken.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „Der Name der Rose“.

    Meine Wertung: 3/5


    © Alle Bilder: RAI

    Die achtteilige Miniserie „Der Name der Rose“ feierte im März 2019 ihre Weltpremiere in Italien. Sky 1 wird sie ab dem 24. Mai 2019 als Deutschlandpremiere ausstrahlen. Am selben Tag wird die Staffel von Sky auch komplett on Demand veröffentlicht.

    Trailer zu „Der Name der Rose“ (englisch)

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • prospero (geb. 1965) am 03.04.2019 18:13

      Sehe ich nicht so, die Darstellung der persöhnlichen Motivation der einzelnen Personen ,sowie die Historischen Hintergründe und Abgründe ergeben ein abgerundettes Bild der Zeit bezüglich Kirche ,Welt,Glaube ,Macht und Politik.
      In einem Zeitalter ,in dem Glaube/Aberglaube geschürrt wurde um wilkürliche Macht über die Menschen auszuüben. Leider ein Spiegelbild der heutigen Realität ,da sich immer wieder viele Dumme und Geistesschwache vor den karren des glaubens spannen lassen um versagern die Steigbügel zu halten und deren Rosette mit der zunge zu pollieren. Gilt leider für Christen,Juden und Moslems in gleicher weise.
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