TV-Kritik The Girlfriend Experience

    Drama um Sex-Arbeit als Kapitalismus-Metapher vermittelt komplexere Einsichten – von Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 25.04.2016, 13:31 Uhr

    „The Girlfriend Experience“ ist alles andere als romantisch verklärt inszeniert: Christine (Riley Keough, l.) auf Entfernung zu Kunde Jake (Andy McQueen)
    „The Girlfriend Experience“ ist alles andere als romantisch verklärt inszeniert: Christine (Riley Keough, l.) auf Entfernung zu Kunde Jake (Andy McQueen)

    Steven Soderbergh hat mit dem Kino vorerst angeschlossen, seit drei Jahren macht er nur noch Qualitätsfernsehen, „The Knick“ zum Beispiel, oder „Liberace – Zuviel des Guten ist wundervoll“ („Behind the Candelabra“). Früher aber, als er noch fürs Kino drehte, verteilte er sein Bemühen wie kein zweiter namhafter US-Regisseur zu gleichen Teilen auf Blockbuster und Indie. Wenn er gerade keine Hits wie „Ocean’s Eleven“ oder „Traffic“ inszenierte, widmete er sich obskuren Low-Budget-Projekten ohne Stars, gedreht fürs Nischenpublikum. „The Girlfriend Experience“ von 2009 ist dafür ein gutes Beispiel: Die fragmentarisch erzählte Geschichte einer jungen Edelprostituierten, die sich Businessmännern in Zeiten der Weltwirtschaftskrise als emotionalen Anker anbot (ihnen also die titelgebende „girlfriend experience“ offerierte), gab sich betont sperrig und erzeugte vor allem deshalb gehörigen Buzz, weil in der Titelrolle Sasha Grey zu sehen war, ein damals noch aktives Porno-Starlet. In Deutschland reichte das aber auch nicht für einen Kinostart.

    Dass jetzt, sieben Jahre später, der Serienableger „The Girlfriend Experience“ im Angebot des Pay-TV-Senders Starz auftaucht, ist einigermaßen kurios – obgleich der Film über die Jahre durchaus eine kleine Fanbase aufbauen konnte. Abgesehen vom Grundmotiv (junge Frau verdingt sich als Edelhure mit „girlfriend experience“ im Dienstleistungsportfolio) ist plotmäßig allerdings wenig übriggeblieben vom Original. Wahrscheinlich aber ist genau das der Punkt, an dem die Sache für den Innovationsfanatiker Soderbergh wieder interessant werden konnte. Er selbst fungiert hier zwar als Executive Producer, die künstlerische Leitung hat er jedoch an zwei Darlings der amerikanischen Off-Filmszene übergeben: Lodge Kerrigan und Amy Seimetz. Kerrigan hat mit „Clean, Shaven“ und „Keane“ zwei der meistgefeierten amerikanischen Indie-Hits der letzten 25 Jahre gedreht, Seimetz als Darstellerin gearbeitet und mit dem Avant-Thriller „Sun Don’t Shine“ auch als Regisseurin überzeugt. Ihr größter Coup als Schauspielerin war das großartige Sci-Fi-Rätsel „Upstream Color“, dessen Regisseur Shane Carruth wiederum ebenfalls für die „Girlfriend Experience“ gewonnen werden konnte: als Komponist. Carruths minimalistische Ambient-Drone-Sounds sind für die klirrend kalte Atmosphäre dieser Serie maßgeblich mitverantwortlich.

    Man muss Kerrigan, Seimetz und Soderbergh unbedingt loben dafür, dass sie keineswegs den bequemen Weg gehen und den Film nicht als gefällige „Pretty Woman“-Variante in Serie bringen. Im Gegenteil: Die auf 13 halbstündige Folgen angelegte erste Staffel (on demand schon komplett abzurufen) bleibt der kühlen Atmosphäre des Films treu. Die Erzählweise ist elliptisch, fragmentarisch beinahe, auf naheliegende Gratifikationen wird gezielt verzichtet. Mögliche voyeuristische Gelüste etwa bleiben weitgehend unbefriedigt, und wenn doch mal Hüllen fallen, betonen Kerrigan und Seimetz (die sich mit der Regie abwechseln und gemeinsam die Drehbücher schrieben) das Distanzierte und Distanzierende der Situation. Tatsächlich bewegt sich die Serie, nicht auf der Plotebene, aber in Tonfall, Style und Gestus ähnlich „off key“ und jenseits aller Mainstream-Erwartungen wie seinerzeit der Film: Zugriffszahlen wie bei seinem Hit „Outlander“ wird Starz hier jedenfalls nicht erwarten können.

    Überzeugt in der Hauptrolle: Riley Keough
    Überzeugt in der Hauptrolle: Riley Keough

    Schon die Sets – oder die Art ihrer Inszenierung – verdeutlichen, in welchem atmosphärischen Kontext man sich hier bewegt: Das ist „Corporate America“ in seiner ganzen metallic-kalten Oberflächenglätte. Funktionale Unorte, Glasfronten, unpersönliche Büros in Grau und Blau, öde Kanzleiflure, anonyme Hotellobbys und Gyms, slick-schicke Cocktailbars. Selbst das Apartment, das Protagonistin Christine Reade anmietet, wirkt unwohnlich. Die Regie rückt das Personal gern in extreme Totalen, blickt von außen durch Fenster oder von innen durch Scheiben auf die Figuren, die manchmal wie eingefroren dastehen mit ihrem Coffee-to-Go in der Hand, diesem Klischee gewordenen Symbol für einen nachgespielt wirkenden urbanen Lifestyle. Der Soundtrack liefert dazu viel Stille, nur hin und wieder das beunruhigende Wummern, Ziepen und Dröhnen von Shane Carruth. Zum Frösteln.

    In einem weiteren Schritt übertragen Kerrigan und Seimetz das auch auf die Figurenebene. Wie leicht und billig wäre es gewesen, Christine als wärmende Sympathiefigur durchs eiskalte Kommerzamerika zu schicken, als netten Nobel-Escort auf Herzensbildungsreise. Doch sie statten die Jura-Studentin mit fast psychopathischen Zügen aus: Kompromisslos zielstrebig und gleichzeitig irritierend somnambul treibt Christine Reade durchs Geschehen. In einer Bar fordert sie einen Fremden unverblümt zum Sex auf (er darf dann allerdings nur zuschauen, wie sie vor ihm masturbiert), und schon am Ende der dritten Episode geht sie ihrer „Agentin“ von der Angel, der sie zuvor 30 Prozent ihres Hurenhonorars zahlen musste.

    Riley Keough macht das in der Hauptrolle einigermaßen grandios: Die 26-jährige Elvis-Presley-Enkelin fiel bislang vor allem in Nebenrollen auf (etwa in Soderberghs „Magic Mike“), doch in der „Girlfriend Experience“ ist sie von Anfang an der Star. Ihre Christine verbindet die Cuteness einer Emma Watson oder Drew Barrymore mit Kristen Stewarts Lässigkeit und dem kämpferischen Ehrgeiz von Elizabeth Moss in „Mad Men“. Man weiß nie so ganz, worauf Christine hinauswill. Man nimmt ihr Selbstbewusstsein, ihre Skrupellosigkeit ebenso verblüfft zur Kenntnis wie die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre nächtliche Nebentätigkeit als Business und die Sex-Arbeit als Profession im Eigenmanagement begreift: In Zeiten, in denen längst nicht mehr nur kreative Freiberufler zur permanenten Eigen-PR verdammt sind, eröffnet diese betont pragmatische Darstellung von Prostitution erhellende neue Perspektiven.

    Christine ergattert zu Beginn der Pilotepisode einen Praktikumsplatz in einer renommierten Chicagoer Anwaltskanzlei und findet sich gleich „in competition“: Am Ende werden nur die beiden besten Praktikanten übernommen. Den Wettbewerbsgeist, den zu lieben sie schon im Vorstellungsgespräch beteuert, wird sie bald ins Escort-Gewerbe übertragen, mit dem Unterschied, dass sie dort aufreizende Kleider trägt und nicht Kostüm und Rollkragenpulli. Kommilitonin Avery (Kate Lyn Sheil aus Seimetz’ „Sun Don’t Shine“), schon länger Nobel-Escort, führt sie in die Branche ein. Beide haben Spaß am Sex, sind in ihren Orientierungen fluide (was ganz nebenbei erzählt wird). So gestalten sich für sie die Abende in teuren Bars mit solventen Geschäftsmännern, die nicht immer zwingend alt und hässlich oder auch nur männlich sein müssen und auch nicht zwingend immer bloß Beischlaf wünschen, nicht unbedingt grässlich. „The Girlfriend Experience“ vermeidet die üblichen Klischees, kein Teufel wird an die Wand gemalt, dennoch vermittelt sich auf allen Ebenen, in Sounds, Blicken und Interieurs, ein beklemmendes Bild menschlicher Beziehungsverweigerungszusammenhänge. Keine der Figuren wirkt glücklich, allenfalls der teure Rotwein im Glas strahlt Wärme aus.

    Wie lange dieses Panorama der Einsamkeiten die Serie tragen kann, bleibt freilich ebenso abzuwarten wie die Belastbarkeit des Plots. Der kommt sehr schnell voran, die Monate vergehen zügig, Christine entwickelt als Escort mit dem Künstlernamen „Chelsea“ bald Routine. Es deutet sich an, dass Avery, die bei der Agentin in Ungnade fällt, Probleme machen wird, eine Erpressung liegt in der Luft, als ein Umschlag mit kompromittierenden Fotos auf Christines Schreibtisch landet. Zudem wird klar, dass Christines Night Job mit dem Day Job in der Kanzlei kollidieren, sich womöglich sogar mit ihm überschneiden wird. Im Intrigantenstadl der Firma sind als aufstrebender Anwalt David und dessen Kollegin Erin mit Paul Sparks („Boardwalk Empire“) und Mary Lynn Rajskub („24“) die einzigen beiden wirklich prominenten Darsteller der Serie besetzt. Amy Seimetz selbst ist als Christines Schwester ab der vierten Folge auch vor der Kamera mit dabei.

    Die größte Stärke von „The Girlfriend Experience“ liegt in der Beiläufigkeit, in der von existenziellen Dingen erzählt wird, vom Körperlichen, vom Sozialen, vom Ökonomischen. Wie sich Prostitution und kommerzieller Wettbewerbsgeist dabei spiegeln, in einer Gesellschaft, in der längst nicht nur Sex, sondern auch Innigkeit und Freundschaft als „Erlebnispaket“ verkauft werden, macht dabei den eigentlichen Schrecken aus. Sex-Arbeit als Kapitalismus-Metapher – gewiss, diese Analogsetzung läuft auch Gefahr, als Banalität zu enden. Doch die ersten Episoden deuten darauf hin, dass hier durchaus mit komplexeren Einsichten zu rechnen ist.

    Meine Wertung: 4/5

    © Alle Bilder: Starz

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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