Scream

    Serienadaption der erfolgreichen Horrorfilmreihe – von Gian-Philip Andreas

    Die Schüler der Lakewood Highschool, rund um Film-Nerd Noah Foster (John Karna, m.) und All-American-Girl Emma (Willa Fitzgerald, r.), werden von einem maskierten Serienkiller heimgesucht.

    „Scream“, die Serie, will clever sein und thematisiert die naheliegendste Kritik gleich selbst – dass man nämlich Slasher Movies nicht in Serienform bringen könne. Das behauptet in der Pilotfolge jedenfalls Noah Foster, der prototypische Schul-Nerd von der Lakewood Highschool. Im Englischunterricht steht Horace Walpoles „The Castle of Otranto“ zur Debatte, der erste britische Schauerroman, und vom 18. Jahrhundert aus assoziiert sich die Literaturklasse fröhlich weiter zu modernen seriellen Umsetzungen altbekannter Gothic-Themen, von „American Horror Story“, „Bates Motel“ bis hin zu „Hannibal“, von George A. Romeros klassischen Zombiefilmen bis hin zu „The Walking Dead“. Doch bei „Halloween“ oder „Texas Chainsaw Massacre“ sei Schluss: In diesen klassischen Teen-Slashern würden die Hauptfiguren bekanntlich reihenweise abgemurkst. Wie solle das in Serie funktionieren, über mehrere Staffeln gar?

    Da „Scream“, die Serie, neu auf MTV, bekanntlich selbst auf einem Slasher-Movie basiert, ist die Selbstironie evident. Und die Serienschöpfer – Jay Beattie, Jill Blotevogel und Dan Dworkin – wollen aufdringlich augenzwinkernd den Gegenbeweis antreten: Es geht zwar nicht, aber wir machen das trotzdem, wir übersetzen das Slasher-Prinzip ins Serielle. Dumm nur, dass das so neu nicht ist. Denn „Scream“, der Film von 1996, zog bis ins Jahr 2011 drei Sequels nach sich, was das Original nachträglich zur Pilotfolge der eigenen Filmserie machte (worin es „Halloween“ und „Freitag der 13.“ nacheiferte). Zweitens haben nicht zuletzt das erwähnte „The Walking Dead“ oder „Game of Thrones“ in den letzten Jahren bewiesen, dass das massenhafte Ableben des Main Cast einem seriellen Erfolg nicht im Wege steht – ganz im Gegenteil.

    Selbstironie war ein wichtiger Teil des ersten „Scream“-Films und eine willkommene Abwechslung im Horrorgenre, das Mitte der 1990er Jahre in bleierner Routine erstarrt war. Der spätere „Dawson’s Creek“-Macher Kevin Williamson brachte als Autor darin erstmals sein Markenzeichen zur Anwendung, das referenzlastige Spiel mit der Pop- und Filmkultur, mit besonderem Fokus auf den Stereotypen der amerikanischen Highschool- und Collegewelt. Noah Foster nun, der von John Karna gespielte Nerd der Serie, ist klassischen Williamson-Figuren wie Dawson Leery nachempfunden: ein meta-dramaturgischer Reisebegleiter des Publikums, der redselig und zitierfreudig analysiert, wie sich die Serienwelt organisiert. An der Lakewood Highschool etwa gehe es zu wie in „Friday Night Lights“. Nach einer halben Stunde hat „Scream“, die Serie, bereits einen Gutteil der Genreklassiker erwähnt, und das Namedropping geht auch danach noch fröhlich weiter, von „Carrie“ bis „Terminator“. Das Problem ist nur: Wer seine Vorbilder laut benennt, gerät in die brenzlige Situation, genau daran gemessen zu werden. Und die Fallhöhe ist in diesem Fall hoch.

    Denn „Scream“, die Serie (an der Williamson nicht mitarbeitete und der Regisseur der Filme, Wes Craven, nur als Executive Producer beteiligt ist), kommt über eine Schmalspurausgabe all dessen, das sie anklingen lässt, nie hinaus: Blotevogel, Dworkin und Beattie versammeln nur blasse Abziehbilder der herkömmlichen Highschoolfilm-Rollenklischees. Es gibt das All-American-Girl Emma (Willa Fitzgerald aus „Alpha House“), das wir als Hauptfigur nett und sympathisch zu finden haben, obwohl es mit einem uncharismatischen Basketball-Hunk (Connor Weil) zusammen ist. Der hat offenbar etwas zu verbergen – zusammen mit diversen anderen, noch uncharismatischeren Jocks und Bullys. Es gibt die hyperblonde, oberflächliche Schulschönheit (Carlson Young aus „Endlich Pause!“), die eine heimliche Affäre mit dem feschen Englischlehrer hat, der sich altersmäßig kaum von seinen Schülern unterscheidet, wohl der MTV-Doktrin gemäß. Es gibt den „New Guy“, Kieran Wilcox, eine sich betont enigmatisch gebende James-Dean-Figur mit Unterwäschemodelfigur, deren schmalztolliger Darsteller Amadeus Serafini sich allerdings eher an „Twilight“-Sauger Robert Pattinson orientiert. Er ist Sohn des lokalen Sheriffs (Jason Wiles, „Third Watch“). Schließlich gehört sich noch Außenseiterin Audrey (Bex Taylor-Klaus) ins überraschungsfreie Teenfiguren-Portfolio. Auch sie ist eigentlich eine klassische Williamson-Figur – nur eben nicht so gut geschrieben: ein lesbischer Film-Geek, der die permanent mitgeführte Videokamera der lästernden Schülermeute wie einen gestreckten Mittelfinger entgegenhält. Taylor-Klaus liefert das darstellerische Highlight, sofern man überhaupt von Highlights reden möchte.

    Zwar mit neuer Maske, doch Ghostface darf in der „Scream“-Serie nicht fehlen.

    Auf der Plot-Ebene kommt das Horror-Element ins Spiel, doch auch das weiß nicht zu überzeugen. Natürlich ist auch hier wieder ein Ghostface im Spiel, ein Serienkiller von möglicherweise übernatürlicher Herkunft, doch die aus der Filmreihe bekannte weiße Gruselmaske musste aus rechtlichen Gründen optisch verändert werden. Jetzt sieht sie so aus wie ein schlechtes Rendering der „Halloween“-Maske von Michael Myers, was indes weniger schlimm ist als die dumpfen Sentenzen, die der Mörder hier ausstoßen muss: „Ich bin derjenige, der die Maske abreißen wird!“ Er meint sicher die Maske der Heuchelei, die er vermittels seiner Greueltaten der Gesellschaft von Lakewood aus dem Antlitz zupfen möchte, aber doof klingt es dennoch.

    Zu Beginn schreitet er erstmals zu Werke, in einer aktualisierten Version der berühmten Drew-Barrymore-Szene, die 1996 den ersten „Scream“-Film in Schwung brachte. Wieder tappt eine junge Schöne durch ein mondänes Haus, wieder wird sie telefonisch von Ghostface behelligt, der sich bereits im Haus verschanzt hat, und wieder muss die Schöne abschließend dran glauben. Im Grunde präsentiert sich das Remake der Szene als gewitztes Update: Die Schöne (Bella Thorne aus „Shake It Up – Tanzen ist alles“) fuhrwerkt mit zeitgenössischen Kommunikationskanälen herum, inklusive Laptop-Webcam, doch als sie ihrem Smartphone befiehlt, die Polizei zu verständigen, antwortet der schwerhörige Siri-Verschnitt ganz freundlich, sie rufe jetzt bei der Töpferwerkstatt an. Tücken der Verständigung! Leider wird in dieser frühen Szene auch schon deutlich, dass die Macher vor lauter tongue in cheek vergessen haben, sich auch um die Spannung zu kümmern – ein eklatanter Unterschied zu den „Scream“-Filmen (zumindest den ersten beiden), die ja gerade deshalb so gut funktionieren, weil sie Selbstironie und Suspense ideal verbinden. In der Serie endet die Szene blutig, doch gruselig wurde es bis dahin nie.

    Der Plot, der sich danach entfaltet und zeitgenössische Themen wie Cyber-Mobbing mit altbekannten Serienkillermotiven verbinden möchte, bewegt sich ohne größere Höhepunkte gemächlich voran. Die Ermordete war eine Highschool-Tyrannin, die vor ihrem Ableben ein Video online gestellt hatte, auf der Audrey in inniger Pose mit einem anderen Mädchen zu sehen ist. Gleichzeitig steht das Jubiläum eines Massakers an, das sich zwanzige Jahre zuvor in Lakewood ereignete: Damals fand ein gewisser Brandon Jones im Wren Lake sein (vermeintliches) Ende, nachdem er – maskiert – mehrere Morde begegangen und einem blonden Mädchen nachgestellt hatte. Dieses Mädchen entpuppt sich (man erfährt’s blöderweise schon in der Pilotepisode) als Emmas alleinerziehende Mutter Maggie (Tracy Middendorf, „Die Poetin“), die inzwischen als Pathologin (!) arbeitet und dem Sheriff nachstellt. Ist Jones zurück? Das fragt nicht nur Noah, sondern ab der zweiten Folge auch eine alerte Podcasterin.

    Beim Zusehen hakt man mäßig interessiert ab, welche Figur oder welche Situation so oder so ähnlich schon in einem der „Scream“-Filme vorzufinden war. Inszeniert ist das alles ganz ordentlich, aber auch nicht weiter auffällig. Bryan Batt („Mad Men“) huscht als besorgter Bürgermeister durch ein paar Szenen, zwischendurch darf man MTV-kompatible Formen der Trauerarbeit bestaunen: Als ein Mädchen dem Maskenmann zum Opfer fällt, stellt dessen Geliebte Audrey schon nach wenigen Stunden ein like-bereites YouTube-Memorial zusammen. Das dürfte Klassenstreber Noah gefallen, der sofort medienkritisch feststellt: „Wir leben im Zeitalter von Instagram, YouTube und Tumblr, wir müssen das, was wir tun, teilen, sonst ist es so, als wäre es nie geschehen.“

    Man müsste ihm antworten: Stimmt, sofern niemand den Stecker zieht. Doch dann kommt schon wieder der Maskenmörder und raunt Geisterbahnsätze wie: „Ich zeige euch die Wahrheit!“ oder „Es wird wehtun!“ Das scheint die Haltung der Serienmacher zu sein: marktschreierisch Attraktionen zu versprechen, die mit diesem Cast und diesem Plot niemals einzulösen sein werden. Was dabei nicht unbedingt gewinnt, ist die Marke „Scream“.

    Meine Wertung: 2,5/5

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten zwei Episoden von „Scream“.


    © Alle Bilder: MTV

    27.07.2015, 15:28 Uhr – Gian-Philip Andreas/fernsehserien.de

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas
    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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