TV-Kritik Preacher

    Comicadaption versinkt in Blood, Gore und Klischees – von Marcus Kirzynowski

    Rezension von Marcus Kirzynowski – 20.06.2016, 12:15 Uhr

    Das Hauptfiguren-Trio: Vampir Casssidy (Joseph Gilgun), Prediger Jesse Custer (Dominic Cooper) und Custers Ex Tulip (Ruth Negga)
    Das Hauptfiguren-Trio: Vampir Casssidy (Joseph Gilgun), Prediger Jesse Custer (Dominic Cooper) und Custers Ex Tulip (Ruth Negga)

    Schon die erste Szene zeigt, auf welches Level von Gewaltdarstellung und Gore man sich bei „Preacher“ einzustellen hat: Irgendwo in Afrika wird ein Priester mitten in seiner Predigt von einem Dämonen besessen. Doch gerade als er angefangen hat, sich der begeisterten Gemeinde als von Gott Berufener zu präsentieren, explodiert sein Körper, Blut und Fleischreste spritzen über die Gläubigen in den ersten Reihen. Panik bricht aus, die Menschen stürmen entsetzt schreiend aus der Kirche. Der Gottesmann hat sich einfach als nicht stark genug erwiesen, das übernatürliche Wesen zu beherbergen.

    Im Laufe der Pilotfolge wird der Geist noch rund um die Erdkugel irren und verschiedene andere Gastkörper ausprobieren, die das gleiche Schicksal ereilen wird wie den Afrikaner. So erfahren wir beiläufig über einen im Bildhintergrund laufenden Fernseher, dass auch Scientology-Mitglied Tom Cruise explodiert ist. Am Ende der gut einstündigen Auftaktfolge hat der Dämon seinen Wirt dann endlich gefunden: Ausgerechnet der titelgebende texanische Priester Jesse Custer, dessen Vergangenheit ebenso zweifelhaft ist wie sein eigener Glaube, stellt sich als stark genug heraus und verfügt künftig über die Gabe, jedem seinen Willen aufzudrängen. Bis dahin lernen wir noch eine ganze Reihe merkwürdiger Gestalten kennen, worunter der slackerhafte irische Vampir Cassidy sich nur mit leichtem Vorsprung als die skurrilste hervortut.

    Lange schon war sie im Gespräch, eine filmische Adaption des Kultcomics „Preacher“, mit dem Autor Garth Ennis und Zeichner Steve Dillon Mitte der 1990er Jahre beim DC-Label Vertigo für Aufsehen sorgten. Bereits wenig später schrieb der Nordire ein Drehbuch für eine Umsetzung als Kinofilm, der aber ebensowenig seinen Weg auf die Leinwand fand wie später ein erstes TV-Projekt bei HBO auf die Bildschirme kam. Zu teuer, zu kontrovers, zu blasphemisch, so das Urteil diverser Studio- und Senderbosse. Schließlich nahmen sich der Filmkomiker Seth Rogen, bekannt für seinen Brachialhumor, und sein Jugendfreund Evan Goldberg für den „Walking Dead“-Sender AMC des Themas an. Zusammen zeichnen die beiden bereits für Komödien wie „Superbad“ und den umstrittenen „The Interview“ verantwortlich. Allzu große Subtilität bei der Adaption der Vorlage durfte man bei diesen Namen also wohl schon von vorneherein nicht erwarten.

    Man fragt sich aber während dieser ersten beiden Folgen der Serienfassung schon immer wieder, was das Duo, das neben der (gemeinsam mit Sam Catlin geleisteten) Adaptionsarbeit auch die Regie übernommen hat, eigentlich erreichen will – außer selbst viel Spaß zu haben. Das Ganze macht oft den Eindruck, als hätte man zwei halbwüchsigen Comicfans ein Millionenbudget und völlig freie Hand gegeben, um ihre Lieblingscomicserie zu verfilmen. Das Ergebnis wirkt leider, als hätte man die schlechteren Zutaten von Tarantino-Filmen (übertriebene Gewaltdarstellungen), des AMC-Erfolgs „Breaking Bad“ (megacoole Figurenzeichnungen) und diverser Exploitation-Machwerke (wirre Handlungssprünge) zu einem schwer verdaulichen Fast-Food-Mahl zusammengerührt. Alles in „Preacher“ ist over the top, jede neue Figur soll zeigen, wie schräg die Serie sein soll, jede Actionszene schreit heraus: Schaut her, was wir uns alles trauen! Tatsächlich ist erstaunlich, dass dieser Grad von Massaker mit Kettensägen und anderen Waffen in den USA im Basic Cable präsentiert wird, also nicht bei einem Pay-TV-Sender. Selbst bei HBO hat man solch explizite Gewalt wohl noch nicht gesehen.

    In Preacher soll die Welt Kopf stehen
    In Preacher soll die Welt Kopf stehen

    Gefilmt ist das alles handwerklich hochwertig. Wenn nicht gerade Gedärme durch die Gegend fliegen, fängt die Kamera das flirrende Licht der texanischen Provinz ein, das in Wirklichkeit in New Mexico schien. Nicht von ungefähr erinnern die Landschaftsbilder an „Breaking Bad“, denn wie seinerzeit jene AMC-Serie wird auch „Preacher“ in Albuquerque und Umgebung gedreht. Auch die Musik trägt zur Western-Atmosphäre bei, unter anderem kommen Songs von Johnny Cash zum Einsatz. Schwach bleiben die darstellerischen Leistungen: Identifikationsfiguren sind bislang schwierig zu finden, es sei denn, man möchte sich mit dem trinkenden, fluchenden Vampir Cassidy verbrüdern, den der irische Schauspieler Joseph Gilgun im gleichen auf Dauer nervenden Volldampf-Modus gibt wie schon den Proll Rudy in den späteren „Misfits“-Staffeln. Auch Custers’ Ex Tulip, gespielt von Ruth Negga („Marvel’s Agents of S.H.I.E.L.D.“), taugt eher als maschinengewehrschwingende Actionfigur denn als glaubwürdiger Charakter aus Fleisch und Blut. Die größte Leerstelle bleibt aber die Titelfigur. Dominic Cooper (Howard Stark in „Marvel’s Agent Carter“) spielt den innerlich zerrissenen Antihelden, der die Geschichte eigentlich tragen müsste, dermaßen farblos, dass man sich fragt, warum man sich überhaupt für sein Schicksal interessieren soll.

    Besonders ernst nehmen sich Rogen, Goldberg und Catlin nicht. Immer wieder zitieren sie stattdessen ihre filmischen Vorbilder, die irgendwo zwischen B-Movie-Altmeister Jack Arnold und den Werken der Blackploitationwelle der 1970er angesiedelt zu sein scheinen. So beginnt der Pilot mit einer absichtlich billig aussehenden Animation des Dämons, der sich im All auf die Erde zubewegt. Größere Orts- und Zeitwechsel (von denen es eindeutig zu viele gibt) werden mit riesigen Einblendungen im Stil von Irgendwo in Russland oder 1881 eingeleitet. Alle Klischees werden übererfüllt. Der Humor appeliert eher an Zuschauer, die das Stadium der Adoleszenz noch nicht überschritten haben (was schon merkwürdig anmutet, da die Serie kaum jugendfrei sein dürfte). Da hat etwa eine Figur nach einem misslungenen Suizidversuch mit einem Gewehr einen Mund, der an einen Anus erinnert, und folgerichtig den Spitznamen Arseface.

    Nichts zu merken ist bislang hingegen von der vielschichtigen Auseinandersetzung mit dem Thema Religion, für die die Comicreihe gelobt wurde. Immerhin geht es darin um eine wortwörtliche Suche nach Gott, der die Menschheit vor langer Zeit verlassen hat. Nach zwei Folgen der TV-Serie sucht man zumindest als Zuschauer, der die Vorlage nicht kennt, aber vor allem nach einem Sinn in der reichlich wirren Story. Wohin die Autoren und Produzenten mit ihrer Adaption wollen – ob weiterhin nur ins Fahrwasser von Tarantino und seinen zahlreichen Epigonen oder doch mehr in Richtung Drama, das mit den Mitteln der Überzeichnung auch irgendetwas Relevantes über unsere Welt erzählen will -, bleibt vorerst unklar. Für einen Sender, der sich mit ambitionierten Zeitdramen wie „Mad Men“ und „Breaking Bad“ einen hervorragenden Namen unter Serienfans erwarb, ist das doch sehr enttäuschend.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten zwei Episoden der Serie.

    Meine Wertung: 2,5/5


    © Alle Bilder: AMC

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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