Mom – Review

    TV-Kritik zur Sitcom von Chuck Lorre – von Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 23.12.2013, 11:15 Uhr

    Schwanger mit 16: Violet (Sadie Calvano), Christy (Anna Faris) und Bonnie (Allison Janney)
    Schwanger mit 16: Violet (Sadie Calvano), Christy (Anna Faris) und Bonnie (Allison Janney)

    Eine Sitcom wie ein Stapel Matrjoschka-Puppen: Mutter steckt über Mutter steckt über Mutter. Oder, genauer: Eine ehemalige Teenage-Mom besucht ihre nicht mehr ganz junge Tochter, die ebenfalls mal eine Teenage-Mom war, die wiederum eine Teenager-Tochter hat, die ihrerseits am Ende der Pilotfolge eine Mutter zu werden droht. Jetzt kann man weiterdenken: Was wohl aus deren Tochter wird? Und aus deren? Hätte „Mom“ das Zeug zum Langzeit-Erfolg wie ihre großen Brüder „The Big Bang Theory“ und „Two and a Half Men“, dann könnte der Staffelstab des Teenie-Mutter-Daseins innerhalb der Serie generationsweise weitergegeben werden. Und immer weiter. Allerdings darf man vermuten, dass diese neue Sitcom von Chuck Lorre (für CBS ko-kreiert von Lorres „Half Men“-Mitstreitern Gemma Baker und Eddie Gorodetsky) den Legendenstatus der erwähnten Erfolgs-Comedies wohl eher nicht erreichen wird.

    Warum? Nun – schlecht ist’s sicher nicht geworden. Nur eben nicht so gut, wie sich das viele wohl erhofft hatten. Dabei ist es zunächst mal eine sehr schöne Sache, die ewig unterschätzte Anna Faris in einer Serienhauptrolle zu sehen: Jahrelang musste die mittlerweile 37-Jährige das Klischee der prall-proportionierten „Ulknudel“-Blondine bedienen, und trotz Nebenrollen in prämierten Filmen („Lost in Translation“, „Brokeback Mountain“) kam sie wegen all ihrer „Scary Movies“ nie auf einen grünen Zweig als ernstzunehmende Aktrice.

    Mit umso mehr Schwung wirft sie sich hier rein in ihren Part als Christy, allein erziehende Mutter zweier Kinder von unterschiedlichen Vätern, zudem Mitglied bei den Anonymen Alkoholikern. Mit 16 ist Christy einst schwanger geworden, zeitgleich mit einem erhöhten Sexualpartnerverschleiß kam dann die Drogen- und Säuferphase. Inzwischen arbeitet sie, schwer gestresst, als Kellnerin und hat obendrein eine Affäre mit ihrem leider verheirateten Chef. Die erste Episode führt Christy am Rande des Nervenzusammenbruchs ein und malt dann genüsslich die Kalamitäten ihres Lebensalltags aus: Christys Geschichte nämlich scheint sie einzuholen und sich gleichzeitig zu wiederholen, denn die ebenfalls 16-jährige Tochter Violet hat einen tumben Boyfriend namens Luke und wird (Episode 2 beweist es) von diesem schwanger, während Christys Mutter Bonnie plötzlich wieder auf der Matte steht. Nach langer Sendepause. Auch Bonnie ist AA-Gängerin mit promisker Drogenvergangenheit und ebenso wie Christy nur 16 Jahre älter als die eigene Tochter. Wenn wir jetzt 16 Staffeln abwarten dürften, könnten wir erleben, wie der Nachwuchs von Violets Nachwuchs geboren würde … 

    Schon nach wenigen Minuten ist der Boden bereitet für mehrere Beziehungsebenen mit komischem Potenzial: Christy und ihre Mutter Bonnie, Violet und ihre Mutter Christy, aber auch Christy am Arbeitsplatz sowie beim amourösen Versteckspiel mit dem Chef. Weil Lorre und Co. das alles eingangs etablieren wollen bzw. müssen, wirkt die Pilotfolge überfrachtet: Das Multi-Camera-Setup covert nicht nur Christys Wohnzimmer, sondern auch das Restaurant (samt Küche) und verschiedene andere Orte (ein Diner zum Beispiel, oder ein anderes Restaurant) mit deutlich mehr Schauplatzwechseln als etwa in „The Big Bang Theory“. Das muss gar nicht schlecht sein, doch zumindest in den ersten Folgen erschwert das dem Betrachter, sich im Charaktergeflecht der multiplen Mütter zurechtzufinden.

    Christy (Anna Faris) am Rande des Nervenzusammenbruchs
    Christy (Anna Faris) am Rande des Nervenzusammenbruchs

    Am interessantesten, gelungensten und damit witzigsten scheint mir bis jetzt das Duo Bonnie/Christy geraten zu sein. Anna Faris chargiert zwar in den Anfangsszenen als heulkrampfgeschüttelte Frustziege etwas zu sehr, kommt aber ganz zu sich (und das heißt: zu einer herrlich glaubwürdigen Are-You-Kidding-Me-Genervtheit), als Mutter Bonnie den Rücksturz in ihr Leben wagt. Allison Janney hat leichtes Spiel in der Rolle: Sie gibt die unverbesserlich Sucht-affine, mit herablassenden oder gönnerhaften Sprüchen nur so um sich werfende Jung-Großmutter eisern lächelnd und ganz unangestrengt als selbstbewusste „Cougar Town“-Sirene. Klar, dass kein smarter Café-Kellner vor ihrem Charme sicher ist. Jenney, die man aus tollen Serien („The West Wing“) und Filmen („Juno“) kennt (und die gegen Ende von „Lost“ einen denkwürdig albernen Auftritt als Ur-“Mom“ hatte), ist ein ideales Gegenstück zu Faris’ Blonder-Pony-Püppchenhaftigkeit. Doch Faris schwingt sich zu weit mehr auf als zu einer bloßen Sparringspartnerin: Wenn sie als Christy Bonnies eher schwesterlichem als mütterlichem Eindringen in ihr fragiles Alltagsgeflecht mal grenzhysterisch, mal zornig und dann wieder auf zaghaftem Versöhnungskurs begegnet, hat das was von der komischen Energie einer frühen Goldie Hawn.

    Verglichen mit dem Drive, den dieses Mütterduo von Anfang an entwickelt, stinken die anderen Figuren in ihrer Relation zu Christy bislang noch etwas ab. Sadie Calvano hat als schwangeres Teen-Girl Violet bislang wenig mehr zu tun als zwischen Teenie-Trotz und verliebter Schwärmerei hin- und herzuschwanken. Lustig ist nur, wie sie Oma Bonnie zur Christys Ärger wie einen Kumpel behandelt. Ganz blass gezeichnet wird Christys Liebelei mit Restaurantmanager Gabriel (Nate Corddry aus „Harry’s Law“): Der Konflikt, der Christy und Gabriel verbindet, ist eigentlich ziemlich groß, denn Gabriel ist mit der Tochter des Restaurantsbesitzers verheiratet, und eine Scheidung würde wohl sowohl seine als auch Christys Entlassung bedeuten. Trotzdem kommt er in den ersten Folgen kaum über bloßes Trottel-Niveau hinaus: Dass Christy ihm zugeneigt sein soll, geht jedenfalls nur als Behauptung durch. Dazu passt, dass sich Christy schon in Episode drei mit einem anderen Mann trifft (Gastauftritt: Justin Long).

    Es gibt noch weitere, womöglich zu viele Figuren für die 22 Minuten einer Sitcom-Folge: Christy hat noch einen zehnjährigen Sohn namens Roscoe (Blake Garrett Rosenthal), bei dessen Zeichnung sich die Autoren offenbar noch nicht ganz zwischen Niedlichkeit und potenzieller Weirdness entscheiden konnten. Dessen Vater Baxter schaut immer mal wieder vorbei – ein im Wohnwagen lebender Hallodri und Drogendealer, mit dem Christy nichts verbindet als eben jener Sprössling. Glücklicherweise wird Baxter von Matt Jones gespielt, dessen sanfte Schmirgelstimme man spätestens seit seinem „Badger“ in „Breaking Bad“ in liebevoller Erinnerung hat. Wie damals schon wünscht man sich auch hier deutlich mehr Screen Time für ihn. Am Rande präsent ist der sarkastische Küchenchef Rudy, der bislang außer ein paar schwarzhumorigen One-Linern wenig zu tun hat: Für Darsteller French Stewart („Hinterm Mond gleich links“) ist zu hoffen, dass sich das ändert. Und Luke (Spencer Daniels), Violets Freund? Wie gesagt: Tumb ist er. Und bislang noch nicht viel mehr.

    Ob diese Figurenkonstellation über Monate oder Jahre trägt, ist naturgemäß schwer zu sagen am Anfang einer ersten Sitcom-Staffel. Potenzial ist hier ja zweifellos erkennbar, weswegen es gut möglich ist, dass sich die dramaturgische Unwucht im Verhältnis Bonnie/Christy versus dem Rest der Figuren irgendwann von selbst erledigt.

    Problematisch aber ist der längst nicht immer zündende Dialogwitz. Dass die Gag-Dichte etwa an den Lorre-Hit „Big Bang Theory“ nicht heranreichen würde, musste nicht überraschen, dass man es hier jedoch teilweise mit Flach- und Bartsketchen zu tun hat, in denen Leute über die Reling stolpern oder lustig vom Auto überrollt werden, dagegen eher doch. Es gibt durchaus heftige Brüller und hintersinnige Lacher in den ersten Folgen, so ist es nicht. Aber eben auch genügend Rohrkrepierer und sogar etwas Leerlauf; bezeichnenderweise gibt’s das größte Rumoren im Studiopublikum, als sich einmal kurz „Half Men“-Star Jon Cryer die Cameo-Ehre gibt. In solchen Momenten wächst der Zweifel an der Zukunftsfestigkeit dieser Serie, die eigentlich Spaß machen müsste, es aber noch zu wenig tut.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Episoden von „Mom“.

    Meine Wertung: 3/5

    © Alle Bilder: CBS

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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