Madam Secretary – Review

    TV-Kritik zum CBS-Politdrama – von Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 09.10.2014, 10:00 Uhr

    Wird unverhofft zur neuen Außenministerin: Téa Leoni als Elizabeth McCord

    Auch für Hörende kann es gewinnbringend sein, beim Serienschauen die Untertitel für Gehörlose zuzuschalten, bringen sie das Geschehen doch meist treffend auf den Punkt. Fliegt etwa ein Auto in die Luft, steht da als Übersetzung des Tons: „the car explodes“. Und wenn vor einer schicken US-Botschaft in einem arabischen Land (egal in welchem) schmutzige Araber stehen und antiamerikanische Botschaften (egal welche) skandieren, steht da: „people chanting in arabic“. Das ist halt ungefähr auch schon alles, was viele Hollywood-Filme und dürftige amerikanische Serien wie „Madam Secretary“ über das Fremde zu sagen haben. Leute skandieren auf Arabisch. Denn um die amerikanische Mainstream-Kultur von diesem „Fremden“ abzugrenzen, reichen ihnen Stereotype, Versatzstücke und Dialog-Stanzen: Ein Muezzin singt, Leute brüllen auf Arabisch im Chor, aha, dann kann’s nicht mehr lange dauern, bis die erste Bombe hochgeht. Und so kommt es dann natürlich auch.

    „Madam Secretary“ ist die Neuschöpfung der Fernsehmacherin Barbara Hall, die mit der Teenieserie „Die himmlische Joan“ (mit Amber Tamblyn) bekannt wurde und zuletzt als Co-Produzentin von „Homeland“ frische Meriten erwarb. Mit ihrer neuen CBS-Serie bringt sie nun ein recht prominent besetztes Politdrama fürs große Publikum raus, das sich von bewährten Politserien allerdings durch sein besonders schlichtes, vulgärpatriotisches Weltbild unterscheidet – und durch die Tatsache, dass hier mal eine Frau im Mittelpunkt der politischen Ranküne steht. Natürlich kann man sich politischen Themen durchaus anders nähern als durch den Ultrazynismus von „House of Cards“ oder die internalisierte Paranoia von „Homeland“, allerdings macht „Madam Secretary“ selbstbewusst ein ganz großes Fass auf: die Weltpolitik. Die Madam Secretary, um die es hier geht, ist keine Sekretärin, sondern die neue „Secretary of State“, also die Außenministerin der USA. Und wenn man um einen derart hochstehenden Charakter nichts Originelleres einzufädeln weiß, als das Intrigenspiel und die Spionagepanik aus den erwähnten Leuchtturmserien mit zwei Gramm Familienserie und jeder Menge Walk-&-Talk auf Ministeriumsgängen (bewährt seit Aaron Sorkins „The West Wing“) zu verwirbeln, dann muss das Resultat schon fast zwangsläufig die Frage aufwerfen, ob es einer solchen Serie überhaupt (noch) bedarf. Zumal ja auch an einflussreichen Politikerinnen und sonstigen taffen Frauen in der amerikanischen Qualitätsserien-Landschaft, kein Mangel herrscht – siehe „Veep – Die Vizepräsidentin“ auf HBO, aber auch „Good Wife“, das im CBS-Programm fatalerweise unmittelbar nach „Madam Secretary“ ausgestrahlt wird (und die Fallhöhe zwischen beiden Programmen umso deutlicher macht).

    Téa Leoni in der Hauptrolle kann man keinen großen Vorwurf machen. Die Filmschauspielerin („Dick und Jane“) mit der wunderbar heiseren Stimme spielt Elizabeth McCord, eine Uni-Professorin mit Vergangenheit als CIA-Agentin, die nach dem Flugzeugabsturz des Außenministers als dessen Nachfolgerin berufen wird, sehr kompetent als Mischung zwischen dem offensichtlichen Vorbild Hillary Clinton und der „Sopranos“-Therapeutin Melfi. Man schaut sich das ganz gerne an, trotz der teilweise bestürzend uninspirierten Dialogzeilen, die man ihr vorgesetzt hat. Aus der Besetzung ragt auch Oscar-Preisträger Keith Carradine („Nashville“) heraus, der unlängst in „Fargo“ ein schönes Seriencomeback feierte. Er spielt hier den US-Präsidenten Conrad Dalton als fördernden, fordernden Patriarchen, von dem gezielt unklar bleibt, ob er Demokrat oder Republikaner ist. Leider taucht er nur am Rande auf.

    McCords rechte Hand: Geoffrey Arend verkörpert den Redenschreiber Matt Mahoney
    „Madam Secretary“ fährt, das lassen die ersten Episoden vermuten, viergleisig: Erstens geht es darum, wie sich Elizabeth im neuen Job zurechtfindet. Umringt wird sie dabei von der „West-Wing“-typischen Entourage aus Kümmerern und Einflüsterern. Schönling Erich Bergen („Jersey Boys“) gibt ihren Assistenten, Sebastian Arcelus („House of Cards“) den strategischen Berater, Musical-Sängerin Patina Miller die PR-Frau. Sie alle bleiben anfangs relativ profillos, am ehesten verankert sich noch Geoffrey Arend („500 Days of Summer“) im Gedächtnis. Er spielt Elizabeths nerdigen Redenschreiber Matt. Als mögliche Antagonistin wird Nadine (Bebe Neuwirth, „Fame“) eingeführt, Elizabeths eisige Büroleiterin. Wird sie Intrigen spinnen oder auf Elizabeths Seite überlaufen? Man merkt schon: So richtig spannend ist das nicht.

    Die zweite Ebene belegt das Familiendrama. Die paternalistische Frage, ob eine gut aussehende, intellektuell versierte Mutter und Ehegattin das „packen“ kann, so einen harten, verantwortungsvollen Job, bleibt darin dezidiert ausgespart. Im Gegenteil: Elizabeths Ehemann Henry, ein an der Georgetown University von Studentinnen umschwärmter Prof (Tim Daly, „Private Practice“), ist das verständnisvollste Männerwunschbild, das sich Frauen jenseits von Margarinereklamen überhaupt nur ausdenken können. Selbst abendliche Bettgespräche über die nachlassende Frequenz des ehelichen Beischlafs lächelt er charmant weg. Immerhin die Kinder motzen ein bisschen: Söhnchen Jason (Evan Roe) sondert als präpotenter 12-Jähriger papierene Provo-Sprüche ab, Tochter Alison (Kathrine Herzer) will, schwer pubertierend, von der großen Politik nichts wissen. Und Stevie, die ältere Tochter (wird man bald öfter sehen wollen: Wallis Currie-Wood), schmeißt eingangs das College, weil sie dort als Ministertochter wahlweise gemobbt oder angeschleimt wird. Wie dem auch sei: Es herrscht eine fast gespenstische Harmonie in dieser Familie – die eigentlich nur darauf hindeuten kann, dass es dann doch irgendwann zu Untreue, Drogenkonsum und anderen Eruptionen kommen muss. Oder doch nicht? Risse in der Fassade gibt es jedenfalls noch nicht.

    Die dritte Ebene zeigt „Madam Secretary“ in Aktion: Pro Folge, scheint’s, muss Elizabeth ein paar aufrechte Amerikaner aus internationalen Notsituationen raushauen. In der Pilotfolge holt sie zwei Studenten aus einem syrischen Knast – nach der Rückkehr springen sie in Zeitlupe auf ihre Eltern zu und schmeißen sich dann zu Geigengesäusel auf den amerikanischen Flughafenboden, um ihn zu küssen. Meint Barbara Hall das ernst? Es ist zu befürchten. Denn mit ähnlich ungebrochenem Vaterlandsstolz geht es in Folge 2 gleich weiter: Da verhindert Elizabeth ein „zweites Benghasi“, indem sie eine Botschafterfamilie aus dem Jemen ausfliegen lässt. Das sind übrigens die, die von den besagten skandierenden Arabern bedroht werden. Zumindest aus europäischer Perspektive muten solche mutwillig undifferenzierten Szenen schon beinahe parodistisch an. Leider sind auch die diplomatischen Hebel, die Elizabeth meist gegen den Willen des Stabschefs im Weißen Haus (Zeljko Ivanek, „Mob Doctor“) einsetzt, nicht allzu aufregend geraten. Und geradezu ärgerlich wird es, wenn sie dann quasi im Vorbeigehen – während eines Banketts – dem Potentaten des afrikanischen Kleinstaats Swaziland die Leviten in Sachen Polygamie und Aids-Politik liest: Der mokante, nicht nur vage herablassende Blick auf fremde Kulturkreise wird hier besonders deutlich.

    Vielleicht weil Barbara Hall um die Defizite dieses „Fall der Woche“-Konzepts wusste, spendierte sie ihrer neuen Serie noch eine vierte, episodenübergreifende Ebene: Ein Hauch von Verschwörungsparanoia weht durch „Madam Secretary“, wenn Elizabeths ehemaliger Agentenkollege George („Roswell“-Sheriff William Sadler) verdächtige Andeutungen macht und kurz darauf einen Unfall erleidet. Hängt die CIA mit drin?

    Als Beispiel dafür, auf welche Art von Komplexitäten in Dramaturgie und Dialog man sich hier einstellen kann, seien zwei Dialogzeilen referiert: Als George plötzlich nachts bei Elizabeth auftaucht, raunt er, kurz vor seinem Tod, über den Flugzeugabsturz ihres Amtsvorgängers: „Das war kein Unfall!“ Als Elizabeth dann am nächsten Tag von Georges Tod erfährt, raunt sie, kurz vor dem Episodenende, über den Auto-Crash: „Das war kein Unfall!“ Spätestens danach dürften auch wohlmeinende Betrachter wissen: Das hier wird klein Klassiker. Es ist wohl eher, ja nun, ein Unfall.

    Meine Wertung: 2/​5

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten zwei Episoden der Serie.

    Gian-Philip Andreas
    © Alle Bilder: CBS

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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