Prosit, „Kobra, übernehmen Sie“

    Vor 45 Jahren startete die Originalserie „Mission: Impossible“ – von Ralf Döbele

    Ralf Döbele
    Ralf Döbele – 17.09.2011, 08:37 Uhr

    Mission: Impossible
    Zwergstaat in Gefahr? Vergeltungswaffe in falschen Händen? Drogensyndikat außer Kontrolle? Altnazis im Anmarsch? Kalter Krieg auf dem Weg zur Hitzewallung? Nicht mit Jim Phelps und seinem Team, das das Unmögliche möglich machte. Eine Tonbandnachricht von einem nicht-genannten Auftraggeber setzte stets eine minutiöse Kettenreaktion in Gang, die schließlich das Weltgeschehen für immer zum Positiven veränderte. Von 1966 bis 1973 schrieb „Mission: Impossible“ Fernsehgeschichte. 45 Jahre ist es inzwischen her, dass eine der legendärsten TV-Serien Premiere feierte – ein Klassiker, dessen Qualität auch durch eine Neuauflage in den 80er Jahren und drei Kinofilme bislang unerreicht blieb. „Kobra, übernehmen Sie“ bot weder tiefgehende Charaktere noch eine gewaltige Dosis Realismus. Dennoch, in den besten Zeiten der Impossible Missions Force galt: Kein anderes Format war spannender, keines glaubte mehr an die Intelligenz seiner Zuschauer und forderte deren gesamte Aufmerksamkeit. Wir halten noch einmal das brennende Streichholz an die Zündschnur und blicken zurück auf sieben Staffeln mit Köpfchen statt Knarre.
    Guten Morgen, Mr. Phelps. Und Prosit, „Kobra, übernehmen Sie“.


    „Ihr Auftrag, sollten Sie ihn annehmen…“

    1966 ging es den Desilu-Studios äußerst schlecht. In den 50er Jahren von Lucille Ball und Desi Arnaz gegründet, hatte Desilu zwar schon früh mit Serien wie „I Love Lucy“ oder „Meine drei Söhne“ einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Auch 1966 war noch ein Desilu-Hit auf Sendung, Lucille Balls Sitcom „Hoppla Lucy“. Doch ansonsten reihte sich Misserfolg an Misserfolg. In den vergangenen Jahren hatte Desilu zahlreiche teure Pilotfolgen für neue Formate produziert, die allesamt nicht an eines der drei Networks verkauft werden konnten. Nun änderte sich dies mit zwei innovativen Formaten, die das Studio wieder auf die Beine bringen sollten. Eines davon war eine kleine Science-Fiction-Serie namens „Star Trek“. Das andere war „Mission: Impossible“ von Autor und Produzent Bruce Geller, der sich dafür Inspiration bei Filmen wie „Topkapi“ oder „Rififi“ geholt hatte. Im Zentrum stand ein kleines Team von Geheimagenten, das außerhalb jeder Autorität und Verantwortung vor dem Gesetz operierte.

    Dan Briggs (Steven Hill, l.) und das IMF-Team der ersten Staffel
    An der Spitze dieses Teams stand zunächst aber nicht der legendäre Jim Phelps, sondern Dan Briggs, verkörpert von Steven Hill. An seiner Seite: das Topmodel Cinnamon Carter (Barbara Bain), der Technik-Spezialist Barney Collier (Greg Morris), der Gewichtheber Willy Armitage (Peter Lupus) und der „Mann der tausend Gesichter“, der Schauspieler Rollin Hand (Martin Landau). Daneben integriert Briggs je nach Bedarf weitere Agenten in sein Team. Schließlich ist seine Mappe mit verfügbarem Personal prall gefüllt, enthält die Dossiers von Ärzten, Chemikern, Kameramännern, Bankräubern, Puppenspielern, ja ganzer Schauspieltruppen. So wie auch Jim Phelps später durchstöbert Briggs zu Beginn jeder Folge die Mappe mit der Aufschrift „Impossible Missions Force“ (IMF), um die perfekte Zusammenstellung für seinen minutiös ausgeklügelten Plan zu finden. Danach folgt stets eine Besprechung mit dem Team in seinem eleganten Apartment in einer ungenannten, amerikanischen Großstadt.

    Doch am Anfang jedes Plans steht natürlich die Nachricht von einem Auftraggeber, dessen Stimme sich in allen sieben Staffeln (zumindest in der Originalversion) nie ändert, dessen Namen wir nie erfahren, der aber in irgendeiner Funktion für den „Minister“ arbeitet – der jede Kenntnis von IMF-Aktivitäten abstreiten wird, sollte etwas schief gehen. Handelt es sich hier um den Verteidigungsminister der USA? Wir erfahren es nie. Die ersten Anweisungen zu einer Mission erhält Dan Briggs noch per Schallplatte, erst nach und nach wird das Tonband zum bevorzugten Medium – das sich fast immer nach Ende der Nachricht selbsttätig vernichtet. Manchmal ist die anonyme Stimme aber auch kreativer, versteckt die Botschaft in einer Filmkurbel, in dem Lautsprecher eines Autokinos, in einem Passbild-Automat oder gar in einem Fernrohr.

    Serienerfinder Bruce Geller hielt im Vorspann das Streichholz an die Zündschnur
    Ihre Missionen führt die IMF dann oft in exotische und stets fiktive Länder, mitunter Zwergstaaten, die unter der Kontrolle eines kommunistischen Diktators stehen. Manchmal bleibt das Team aber auch im eigenen Land um die bösartigen Pläne von Gangsterbossen oder Drogenhändlern zu vereiteln. Für die Planung müssen Dan und Jim über detaillierte Informationen verfügen: Psychologische und durchaus intime Profile der Gegner werden erstellt, genaue Ortskenntnisse sowie Mittel und Wege, das Umfeld zu infiltrieren, werden angeeignet. Dies geschieht durch Schauspielkunst, aber auch durch den Einsatz spezieller Gesichtsmasken, die Rollin oder Cinnamon im Handumdrehen in eine andere Person verwandeln – Infiltration in Perfektion. Regel Nummer eins im „Mission“-Universum: Hinterfrage nie die Masken! Oder die technischen Spielereien, die Barney regelmäßig für die Missionen bereitstellt und auf die vermutlich selbst James Bonds Q manchmal neidisch wäre.

    Die IMF stürzt ihre Gegner regelmäßig ins Verderben. Sie hält das brennende Streichholz an die Zündschnur, was wie im legendären Vorspann der Serie eine Kettenreaktion auslöst, die den Feind letztendlich vernichtet. Dessen Verhalten steuert und beeinflusst das „Kobra“-Team stets subtil aber wirkungsvoll, so dass der letzte Schritt, der schließlich das Aus für den Gegner bedeutet, stets von diesem selbst ausgeht. Warum sollte man beispielsweise jemanden aus dem Gefängnis befreien, wenn man den Wärter durch Lug und Trug dazu bringen kann, den Gefangenen freiwillig auszuhändigen? Für die großartigen Autoren von „Mission: Impossible“ wie William Read Woodfield und Alan Balter, Laurence Heath oder Paul Playdon war das Erstellen der Drehbücher oft wie ein verzehrendes Puzzlespiel, nicht vergleichbar mit der Arbeit an anderen Serien. Beim Anschauen ging es dem Publikum ähnlich: Um auch kein Detail des IMF-Plans zu verpassen, beispielsweise wie ein Teammitglied mal wieder die Gestalt wechselt, konnte man sich praktisch keine Minute vom Bildschirm abwenden. Tat man es dennoch, konnte man der Handlung kaum noch folgen.

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