TV-Kritik „Warrior“: Martial-Arts-Westernserie überzeugt auch mit historischem Hintergrund

    Serie nach Idee von Bruce Lee präsentiert zeitlose Probleme

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 14.06.2019, 11:29 Uhr

    „Warrior“ – Bild: Cinemax
    „Warrior“

    Am Anfang von „Warrior“ steht die Rassismuserfahrung: Gerade erst ist Ah Sahm (Andrew Koji) dem Schiff entstiegen, das ihn und viele andere Chinesen nach San Francisco gebracht hat, als hinter dem Zaun am Hafen schon wutentbrannte Männer und rufen: „Schlitzaugen, haut ab!“ (Chinks, go home). Die Uniformträger, mit denen er es dann am Zoll zu tun bekommt, sind kaum freundlicher: Mit Bezeichnungen wie chingchong verhöhnen sie die Asiaten. Die Neue Welt, das land of the free, könnte sich für Ah Sahm und seine Mitmigranten kaum abweisender präsentieren.

    Doch „Warrior“ spielt nicht im Heute. Ah Sahm betritt den amerikanischen Boden im Jahr 1878, kurz bevor in der Chinatown von San Francisco die berüchtigten Tong Wars ausbrechen. Verschiedene chinesische Einwandererdynastien („Tongs“), die das Geschäft mit Opium unter sich ausmachten, geraten damals nahezu bürgerkriegsähnlich aneinander. Den Chinesen standen zu der Zeit die Iren gegenüber, die in früheren Migrationswellen in die USA übergesiedelt waren und ihre eigenen Arbeitsplätze durch den „billigeren“ Nachschub aus Asien in Gefahr sahen. Schon in den ersten Szenen wird also ein ganzes Panorama gegenseitiger Abneigungen eröffnet: Rassismus aus sozialer Angst (die Iren gegen die Chinesen), aus einer Machtstellung heraus (die Beamten), dazu der Kampf von Chinesen gegen andere Chinesen. Lauter Konfliktstoffe, an den Ethnien entlang aufgefächert: Damit ist „Warrior“ dann doch eine Serie von heute – obwohl doch das, was „Banshee“-Macher Jonathan Tropper da vorlegt für den Pay-TV-Kanal Cinemax, zuallerst eine saftig unterhaltsame Actionserie sein will.

    Als Grundlage diente, wenn man den Produktionslegenden Glauben schenken will, ein altes Notizbuch von niemand Geringerem als Bruce Lee. Die früh verstorbene Kung-Fu-Legende und Popkultur-Ikone war mit dem Stoff für eine Serie namens „The Warrior“, die Martial-Arts- mit Westernmotiven kreuzt, angeblich in den frühen Siebzigern hausieren gegangen, ohne dass dies je zu einem Ergebnis geführt hätte. Bis dann Warner die Erfolgsserie „Kung Fu“ (1972 bis 1975) herausbrachte – laut Lee und seiner Tochter Shannon ein Plagiat, das sich schamlos an Lees Idee bediente und in Besetzungsfragen „Whitewashing“ betrieb: Shaolin-Mönch Kwai Chang Caine wurde damals vom ganz und gar nicht asiatischstämmigen David Carradine gespielt. Lee starb kurz darauf mit nur 32 Jahren. Während „Kung Fu“ mit Golden Globes ausgezeichnet wurde, geriet das Notizbuchprojekt in Vergessenheit.

    Neuankömmling Ah Sahm (Andrew Koji, r.) mit Waffenhändler Wang Chao (Hoon Lee, l.)
    Neuankömmling Ah Sahm (Andrew Koji, r.) mit Waffenhändler Wang Chao (Hoon Lee, l.)

    Cinemax schließt jetzt diese Lücke. Die ersten Folgen präsentieren eine klassische Crime-/Mobster-Story, gekreuzt mit Elementen aus „Deadwood“, bemerkenswert blutiger Gewalt, etwas stylishem Sex und sehr überzeugend inszenierten Martial-Arts-Kämpfen. „Warrior“ ist eine solide Actionserie mit coolen Typen geworden, die in der Besetzungspolitik den Gepflogenheiten von 2019 folgt: In den chinesischen Hauptrollen sind asiatischstämmige Darsteller aus Kanada, den USA und Großbritannien zu sehen, plus der Indonesier Joe Taslim, den Actionfans aus dem Meisterwerk „The Raid“ kennen.

    In den ersten Folgen geht es um Ah Sahms Initiation in die Tong-Welt. Dass der Neuankömmling nicht lange fackelt und über beeindruckende Martial-Arts-Fähigkeiten verfügt, wird bereits am Hafen deutlich, wo er in einer knackigen Kampfsequenz die rassistischen Zollbeamten ausschaltet. Der umtriebige Waffenhändler Wang Chao (dessen Darsteller Hoon Lee hat Jonathan Tropper aus „Banshee“ mitgebracht), der sämtliche Tongs und geschickterweise auch noch die Polizei mit seinen Waren beliefert, wird auf den coolen Kämpfer aufmerksam, nimmt ihn mit zu den Hop Wei. Deren Boss Father Jun (Perry Yung aus „The Knick“) bringt die Lage der chinesischen Einwanderer und das rassistische Sündenbock-Syndrom in bitteren Worten auf den Punkt: „Wir dürfen nichts besitzen, wir dürfen nicht wählen, und doch werden wir von den Enten für sämtliche wirtschaftlichen Probleme ihrer Nation verantwortlich gemacht.“ Enten, ducks: So nennen die Chinesen die weißen Amerikaner, die bekanntlich allesamt selbst Einwanderer sind oder von Migranten abstammen.

    Father Juns Sohn, Young Jun (Jason Tobin), ist ein junger Heißsporn, der sich möglicherweise für etwas ausgebuffter hält, als er ist. Er nimmt den schweigsamen Neuen unter seine Fittiche, führt ihn ins Bordell der geheimnisvollen Ah Toy (Olivia Cheng) und informiert ihn (und uns Zuschauer) über die Loyalitätslinien in der Tong-Konkurrenz Chinatowns. Das wird wichtig, als Ah Sahms eigentliche Mission ersichtlich wird: Er sucht seine Schwester. Diese lebt inzwischen allerdings unter dem Namen Mai Ling (Dianne Duan) als Ehefrau des ältlichen Tong-Bosses Long Zii und genießt als solche einige Macht – vor allem auch, weil sie mit dem Mann fürs Grobe der Familie, Li Yong (Taslim), nicht nur ein Verhältnis hat, sondern auch im Lotterbett Ränke schmiedet. Es ist durchaus der Rede wert, dass mit Ah Toy und Mai Ling gleich zwei asiatische Frauen einflussreiche, taffe Rollen mit Entscheidungsgewalt spielen.

    Waffenhändler Wang Chao (Hoon Lee) und die geheimnisvolle Bordellbesitzerin Ah Toy (Olivia Cheng)
    Waffenhändler Wang Chao (Hoon Lee) und die geheimnisvolle Bordellbesitzerin Ah Toy (Olivia Cheng)

    Während zwischen den Hop Wei, den Long Zii und anderen Tongs alles auf einen bewaffneten Konflikt zuläuft, an deren Ausbruch gleich mehrere Beteiligte einiges Interesse zu haben scheinen; während immer mehr grausam gemeuchelte Tong-Mitglieder in den Gassen Chinatowns herumliegen und sich das Doppelleben mancher Figur offenbart; und während sich Ah Sahm und Mai Ling als geschwisterliches Duo auf gegnerischen Seiten wiederfinden, blendet die Story auch zur Polizei und in die Politik herüber. Officer „Big Bill“ O’Hara (Kieran Bew aus „Liar“) soll eine Task Force für Chinatown zusammenstellen, ein ungeliebter Job, weshalb er auf den einzigen Freiwilligen zurückgreifen muss: Richard Lee (Tom Weston-Jones aus „Copper – Justice is brutal“) kommt aus den Südstaaten und ist schon deshalb, nur 13 Jahre nach dem Sezessionskrieg, bei den Kollegen verhasst. Konfliktpotenzial besteht also auch innerhalb der Polizei – und vom irischen Mobster und Arbeiter-Aufwiegler Dylan Leary (Dean Jagger) war da erst knapp die Rede. Bürgermeister Samuel Blake (Christian McKay aus „Ich und Orson Welles“), Stammgast in Ah Toys Bordell, wird währenddessen von seinem Stellvertreter Buckley (Langley Kirkwood) hintergangen und muss alsbald zusehen, wie seine junge Gattin Penelope (Joanna Vanderham, „The Paradise“) für Ah Sahm entbrennt.

    Mai Lin (Dianne Doan) und ihr Geliebter Li Yong (Joe Taslim, l.)
    Mai Lin (Dianne Doan) und ihr Geliebter Li Yong (Joe Taslim, l.)

    Nur unzureichend ist damit das für eine Actionserie relativ komplexe Anfangsgeschehen skizziert, das sich quasi von der ersten Sekunde an mit vielen Konflikten dem Verhängnis entgegenschraubt und dabei ein forsches, mitunter fast zu eiliges Tempo vorlegt (schon am Ende der Pilotepisode folgt Enthüllung auf Enthüllung). Die Kämpfe werden von den Regisseuren Assaf Bernstein („Fauda“) und Loni Peristere erfreulich mätzchenfrei inszeniert: ohne nervtötende, kaschierende Schnittgewitter und ganz auf die Fertigkeiten der Beteiligten zugespitzt. Der (durch Mai Ling) unterbrochene erste Kampf zwischen Ah Sahm und Li Yong ist vielversprechend: Beide Männer, die sonst zu gut für alle Gegner zu sein scheinen, etablieren sich als ernstzunehmende Nemesis des jeweils anderen und lassen weitere knackige Zusammentreffen erhoffen.

    Tonal wirkt „Warrior“ dagegen etwas unentschlossen. Die Kämpfe etwa werden betont anachronistisch und fast tarantinoesk mit funkigen Musiknummern unterlegt, andernorts dröhnt Hip-Hop durch die Gassen, wenn die Tong-Schläger in feschen Anzügen aufmaschieren. Dann wird es ironisch-grotesk, wenn Richard Lee wie ein nerdiger Western-Sherlock in Eingeweiden wühlt, oder sogar selbstreferenziell, wenn entscheidende Zusammentreffen in einem Saloon namens „Banshee“ stattfinden. Andernorts (auch in den diversen, etwas geschmäcklerisch inszenierten Sexszenen) wird’s dagegen gern mal sehr ernst und melodramatisch, wobei sich Newcomer Andrew Koji in der Titelrolle dem ihm Abverlangten als nicht immer gewachsen erweist. Er ist sowieso eher in jenen Szenen ideal, in denen er den coolen Loner so geben darf wie Keanu Reeves als „John Wick“, den es in einen Bruce-Lee-Film verschlagen hat. Da fällt dann auch nicht so auf, dass man in Sachen Dialogkunst und Charaktertiefe insgesamt schon Aufregenderes gesehen hat.

    Gegenspieler: Li Yong (Joe Taslim, l.) und Ah Sahm (Andrew Koji, r.)
    Gegenspieler: Li Yong (Joe Taslim, l.) und Ah Sahm (Andrew Koji, r.)

    Bruce Lee selbst allerdings widerfährt mit dieser Produktion 46 Jahre nach seinem Tod späte Gerechtigkeit. Shannon Lee (die an der Seite von „Fast & Furious“-Regisseur Justin Lin auch als Executive Producer fungiert) dürfte sichergestellt haben, dass Tropper dem Geist des Lee’schen Notizbuches einigermaßen treu geblieben ist; und die Sensibilität, die dabei den Themen Rassismus und Migration entgegengebracht wird, müsste selbst David Carradine gutheißen. Diese wird auch auf der sprachlichen Ebene mitgedacht, die aus der Not, dass Mainstream-Zuschauer keine Lust auf untertitelte chinesische Sprachen haben, eine clevere Tugend macht: Immer wenn die Chinesen unter sich sind, switcht ihre Sprache (zeitgleich mit einer kreisenden Kamerabewegung, die diesen „Trick“ visuell kenntlich macht) vom Kantonesischen ins Englische über; kaum sind sie aber mit Amerikanern oder Iren konfrontiert, hören wir sie wieder Kantonesisch und allenfalls gebrochenes Englisch sprechen, womit sie als „Fremde“ markiert sind. Dieses Spiel mit Vertrautheit und Distanz geht überraschend gut auf, auch (oder gerade weil) dabei realistische Darstellungsweisen gezielt überschritten werden.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden der Serie „Warrior“.

    Meine Wertung: 3,5/5


    © Alle Bilder: Cinemax

    Die Serie „Warrior“ hat bei Sky Atlantic ab dem 14. Juni 2019 ihre Deutschlandpremiere. Die zehnteilige Auftaktstaffel läuft immer freitags um 20.15 Uhr. In den USA wurde die Serie bereits für eine zweite Staffel verlängert.

    Trailer zu „Warrior“ (englisch)

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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