Entstaubt den Planwagen, die Ingalls sind zurück! (v. l.) Mary (Skywalker Hughes), Caroline (Crosby Fitzgerald), Laura (Alice Halsey) und Charles (Luke Bracey) versuchen ihr Glück in Kansas.
Bild: Netflix
Familie, Haus, Himmel: Bis heute hat das legendäre NBC-Präriedrama „Unsere kleine Farm“ zahlreiche Fans, unablässig werden die 200 Episoden über eine dem Guten verpflichtete Farmerfamilie im Mittleren US-Westen im linearen Fernsehen wiederholt (in Deutschland derzeit bei Sat.1 Gold). Jetzt hat sich Netflix an ein Update gewagt, das eher den zugrunde liegenden (Kinder-)Romanen von Laura Ingalls Wilder folgen will als der alten Serie. Dennoch bleibt im neuen „Unsere kleine Farm“ fast alles beim Bekannten, nur beim Blick auf die Native Americans wurde nachjustiert. Um Enttäuschungen zu vermeiden, ist Folgendes wichtig zu wissen: Vom Plot her decken die acht Episoden nur den damaligen Pilotfilm ab. Eine zweite Staffel ist allerdings schon in der Mache.
Zwischen 1974 und 1983 war es für viele Zuschauer ein krasser Fall von appointment television: Die ganze Familie saß vor der Flimmerkiste, um das jeweils neueste Abenteuer der Ingalls zu erleben. Die mussten sich rund um ihre winzige Farm in Minnesota mit den Kalamitäten in Natur und Zivilisation herumplagen, konnten sich am Ende aber immer auf eines verlassen: auf den Zusammenhalt ihrer kleinen Gemeinschaft und darauf, dass kein Zuschauer schlecht gelaunt in den Abspann entlassen wurde.
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Auch heute noch erfreut sich die mit vier Emmys prämierte Serie großer Beliebtheit, nicht zuletzt als Feelgood-Gegengift für unsichere Zeiten. Michael Landon, damals am Zenit seiner Karriere, von „Bonanza“ rübergeholt und noch kein „Engel auf Erden“, war der ultimative Familienpapa, ein Girls’ Dad, dem die moralische Lektion, die er aus allen Ereignissen zu ziehen wusste, stets wichtiger war als toxisches Patriarchentum. Überhaupt: Western? Bis heute ist ja umstritten, ob „Unsere kleine Farm“ überhaupt als Western einzustufen ist. Ja, es gab eine Farm, Pferde, die Prärie, manchmal sogar Indianer, dazu den ein oder anderen Trapper oder Cowboy, aber in Richtung Frontier, in den Wilden Westen also, ging es in der Serie nie. Sie verblieb in den Great Plains, wo sich die Familie Ingalls ab den 1870er-Jahren ein neues Leben aufbaute. Die halb-autobiografischen Romane von Laura Ingalls Wilder (erschienen 1932 bis 1943) hatten davon kindgerecht erzählt, die NBC-Serie bereitete sie mit starken Seifenopern-Elementen auf.
Als nun angekündigt wurde, dass Netflix eine Neufassung von „Little House on the Prairie“ (der Originaltitel bezieht sich auf den dritten Band der Buchreihe) produziert, folgte das, was in solchen Fällen heutzutage fast immer geschieht: Die herzigen Bauernhofgeschichten wurden in den Kulturkampf hineingezogen. So tat etwa die MAGA-Influencerin Megyn Kelly aufgeregt ihre Sorge kund, „Unsere kleine Farm“ könne nun „wokifiziert“ werden. Wenn das passiere, twitterte sie, werde sie es zu ihrer „einzigen Mission machen, das Projekt zu ruinieren“. Man kennt das: Kriege, Klimakatastrophen, krasse soziale Ungleichheiten sind Kinkerlitzchen gegen den gigantischen Affront, den positiv gezeichnete queere oder migrantische Figuren in fiktionalen Serien bedeuten …
Ein Arzt für Independence: Dr. Tann (Jocko Sims) sucht (und findet) im Laufe der Staffel nicht nur die Liebe, sondern auch Nachschub an Malaria-Medizin. Netflix
Doch Scherz beiseite: Tatsächlich wird „Unsere kleine Farm“ in rechtskonservativen Kreisen und in der Tradwife-Subkultur als Idealbeispiel für das wahre, „echte“, weil entschieden libertäre Amerika herangezogen: eine liebende Familie, die sich mehr oder weniger selbst versorgt, zu Beginn sogar die Kinder homeschooled und sich weitgehend fernhält von den Einmischungsbegehrlichkeiten der Regierung. Ingalls Wilder war entsprechenden Ideen zugeneigt, ihre Tochter Rose Wilder Lane, die die posthume Veröffentlichungsgeschichte der Romane begleitete, eine führende Aktivistin der libertären Ideologie. Dennoch gehen all jene in die Irre, die „Unsere kleine Farm“ als „rechte“ Serie für sich vereinnahmen wollen. In ihrer prompten Replik auf Kelly riefen die noch lebenden Darsteller von damals in Erinnerung, dass es in den Episoden oft um Themen wie Rassismus und die Rechte von Minderheiten ging, um Frauenhass und Gewalt in der Ehe sowie jede Menge anderer Diskurse, die heutzutage reflexhaft mit dem Kampfbegriff „woke“ belegt werden. In der Tat drehte sich die Moral der Geschichten in „Unsere kleine Farm“ fast immer darum, tolerant gegenüber jenen zu sein, die anders sind als wir selbst, Empathie mit jenen zu zeigen, denen es nicht gut geht. Diese fast bergpredigthafte Grundhaltung, die in der Serie immer präsent blieb, steht dem Neuen Testament des Christentums deutlich näher, als man es heute aus dem Dunstkreis manches vorgeblich bibeltreuen Staatenlenkers zu hören gewohnt ist.
Zur Beruhigung aller Vorab-Empörten kann nun aber ohnehin vermeldet werden, dass die Neufassung keine neuen Pronomen verteilt. Die Ingalls-Eltern sind nicht lesbisch geworden und Laura ist nicht of colour. Showrunnerin Rebecca Sonnenshine, deren Netflix-Horrorserie „Archive 81“ sehr zu empfehlen ist, ist sichtlich darum bemüht, dem aus der alten Produktion überlieferten Bild einer weißen Siedlerfamilie, die in der ebenso zauberschönen wie unwirtlichen Prärielandschaft aufschlägt, keine allzu große Umdeutung angedeihen zu lassen: Planwagen, Holzhaus, Pferd und Hund, Mädchen mit Hauben, alles da.
Dennoch wollte Sonnenshine die alte Serie nicht einfach rebooten. Die Produktion damals hatte sich in Teilen stark von der Vorlage entfernt – was auch an Michael Landon lag, der Ed Friendly, dem Produzenten, der ihn engagiert hatte, die kreative Leitung entrissen hatte, um aus seiner Figur des Charles „Pa“ Ingalls eine ganz andere Heldengestalt zu machen als den rauschebärtigen Pionier der Romane. Die neue Serie holt „Pa“ nun wieder etwas vom Sockel runter, behält aber das Smarte und Kernige der Figur bei: Der australische Filmschauspieler Luke Bracey („Point Break“) hat natürlich Mühe, aus dem Landon’schen Schatten herauszutreten, ist aber sympathisch genug, um sich neue Publikumsschichten erspielen zu können – sofern diese über sein allzeit frisch geföhntes und mit wirkmächtigem Conditioner in Form gebrachtes Haar hinwegsehen können, das im rauen Präriewind von 1870 definitiv keine Chance gehabt hätte.
Steht waidwund in der Rutenhirse: Mr. Edwards (Warren Christie) hat Schicksalschläge hinter sich. Netflix
Überhaupt wirkt in dieser Neuversion alles ein bisschen zu glatt und dekorativ, vom Look der Hauptfiguren bis hin zum Interieur des Holzhäuschens, das mit seinem Steingutgeschirr und dem formschönen Holzmobiliar eher nach sündhaft teurem Landlust-Einrichtungsgeschäft aussieht als nach dem spärlichen Minimalismus harter Zeiten. Nicht erst in der Weihnachtsepisode (Folge 6) mit ihrem auf die Hausdächer gerenderten CGI-Schnee sieht die Serie so cozy und hygge aus wie ein Toffifee-Werbespot in Manufactum-Kulissen. Das steht ein bisschen quer zur sonst sehr überzeugenden Ästhetik mit ihren prächtigen Prärieaufnahmen vor beeindruckenden Himmelpanoramen (gedreht wurde in Manitoba, Kanada) und einer oft nah an den Protagonisten geführten Handkamera, die eher an Indie-Kinofilme denken lässt.
Der Plot deckt über achtmal 45 Minuten übrigens genau das ab, was in der alten Serie bereits im 90-minütigen Pilotfilm abgefrühstückt wurde. Das heißt, dass jenes Setting, für das die Serie vor allem berühmt ist, Stand jetzt noch gar nicht vorkommt. Die „kleine Farm“ in Walnut Grove, Minnesota, wo es die Ingalls mit den Olesons, Miss Beadle und den anderen bekannten Charakteren zu tun bekommen, wird erst in der allerletzten Szene ins Spiel gebracht. Bis dahin spielen die Episoden in Kansas.
Dort nämlich, mitten in der Prärie, in der Nähe des Städtchens Independence, landet die nach ihrem Wegzug aus Wisconsin im Planwagen umherreisende Familie zuerst. Anfangs müssen Charles, seine erneut schwangere Frau Caroline (Crosby Fitzgerald), die 14-jährige Mary (Skywalker Hughes, westernerpobt aus „Joe Pickett“) sowie die abenteuerlustige elfjährige Laura (Alice Halsey aus „Eine Frage der Chemie“) noch in Zelten schlafen, dann wird die Blockhütte hochezogen. Zur Hand geht dabei der aus der alten Serie bekannte Mr. Edwards (Warren Christie aus „Alphas“): Hier ist er ein von Krieg und Verlust traumatisierter Alkoholiker, der schon in der zweiten Episode auf eine längere Rehabilitierungsreise geschickt wird (wobei die Serie keinen Zweifel daran lässt, dass es sich bei ihm um eine gute Seele handelt).
Einige Bewohner der nahegelegenen Stadt werden näher beleuchtet, darunter vor allem der schwarze Arzt Dr. George Tann (Jocko Sims aus „New Amsterdam“), den die frühere Serie schamvoll verschwieg und der hier eine zentrale Storyline absolvieren darf; dazu ein paar reiche und ärmere Bewohner mit mehr oder minder überraschenden Eigenschaften, die beispielhaft für das Tableau einer US-Kleinstadt im ausgehenden 19. Jahrhundert stehen, in der soeben das erste Postamt eröffnet wird. Vor allem aber, und genau an dieser Stelle korrigiert die Neuproduktion die Bücher und auch Teile der alten Serie deutlich, nimmt sie die Native Americans neu in den Blick. Die Mitglieder der Osage Nation auf deren Land die Ingalls ohne Genehmigung bauen, werden nicht mehr nur als grimmige Widersacher und folkloristisch angepinselte Statisten gezeigt, sondern in ihren Belangen, Bräuchen und Intentionen ernstgenommen – alles andere wäre bei heutigen Einträgen ins Westerngenre auch nicht mehr vermittelbar.
Interkulturelle Freundinnen: Die kleine Laura trifft das gleichaltrige Osage-Mädchen Good Eagle (Wren Zhawenim Gotts). Netflix
Im Besonderen wird das Dilemma der Vertreibung der Natives und ihrer erhobenen Ansprüche an William Mitchell (Meegwun Fairbrother, „The Sticky“), seiner Frau White Sun (Alyssa Wapanatâhk) und ihrer Tochter Good Eagle (Wren Zhawenim Gotts, „Echo“) durchgespielt, mit der sich Laura anfreundet – eine Familie, die als indigene Spiegelversion der Ingalls konzipiert ist. Diese Figuren, die es in der Vorlage nicht gab, sind es am Ende vor allem, die diese Neufassung allemal rechtfertigen. Ansonsten folgt die Erzählung überwiegend dem Bekannten: Hausmusik an der Fiddle, Häschenjagen mit der Schleuder, erste ungelenke Annäherungen an einen Stadtjungen. Und am Ende der Staffel müssen sich die Ingalls eine neue Bleibe suchen – diese ersten acht Episoden fungieren eben lediglich als Prolog.
Dass es in Walnut Grove im nächsten Jahr weitergeht, ist schon ausgemachte Sache und absolut folgerichtig, denn gerade an den emotionalen Stellschrauben dreht Sonnenshine mit ihrem Team („A Knight of the Seven Kingdoms“-Regisseurin Sarah Adina Smith drehte die Pilotepisode) sehr effektiv. Pro Folge gibt es ein bis zwei Schrecksekunden, wenn die Familie mal wieder in eine missliche Lage gerät: beim Flussüberqueren im Planwagen, beim Brunnenbau, beim Verirren im Maisfeld. Einmal brennt es lichterloh, einmal werden die Mädchen sogar von einem Rudel grauslig grollender und zähnefletschender CGI-Wölfe überrascht – und die Episode, in der die Protagonisten nacheinander am Wechselfieber dahinzuscheiden drohen, folgt gar der Dramaturgie einer Zombieserie. Ebenso verlässlich wird aber immer schnell wieder alles gut. Das Geschehen bleibt explizit familienfreundlich, und bei den diversen Liebesbekundungs-, Freundschaftsversicherungs- und erst recht den finalen Abschiedsszenen bleibt kein Auge trocken. Für alte Fans wird übrigens sogar einmal ein unerwarteter Cameo eingeschoben. Wir verraten nichts!
Wenn auch manchmal ein bisschen viel psychologisiert wird und lebende oder tote Familienmitglieder in Traum(a)visionen durch die Szenen geistern, bleiben die Episoden weitgehend der kindlichen (und weiblichen) Perspektive treu, die in den Büchern etabliert wurde. Die kleine Laura, Alter ego der Romanautorin, ist auch diesmal wieder most valuable person. Das Schönste: Alice Halsey gelingt es erstaunlich mühelos, von Anfang an mindestens genauso viel Charme, Wildheit, Wissbegier und Lebenslust in die kleine Laura zu legen, wie es damals Melissa Gilbert in ihrer ikonischen Rolle vermochte. Kein leichtes Unterfangen! Wenn auch der ganz große neue Wurf ausbleibt, den die Macher dieses Updates möglicherweise im Sinn hatten, so überträgt sich der staunende, positive, allem Fremden und Unbekannten gegenüber entschieden aufgeschlossene Blick, den Laura auf die wilde Welt um sie herum wirft, sofort aufs Publikum. Und das ist weit mehr als die halbe Miete.
Meine Wertung: 3,5/5
Die achtteilige erste Staffel von „Unsere kleine Farm“ liegt seit dem 9. Juli auf Netflix zum Streamen bereit.
Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) - gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).