„Prisoner – Auf der Flucht“: Britischer Actionthriller in ARD ist an löchriges Drehbuch gekettet – Review

Kronzeuge und Bewacherin müssen in Degeto-Koproduktion Gangstersyndikat entkommen und rechtzeitig vor Gericht erscheinen

Christopher Diekhaus
Rezension von Christopher Diekhaus – 18.06.2026, 17:30 Uhr

Wie gefährlich ist Häftling Tibor Stone (Tahar Rahim)? – Bild: Sky UK
Wie gefährlich ist Häftling Tibor Stone (Tahar Rahim)?

Als abgehalfterter Cop hat Bruce Willis in Richard Donner Leinwandreißer „16 Blocks“ die Aufgabe, einen Kriminellen vom Gefängnis zum Gerichtsgebäude zu eskortieren, wo Letzterer in einer Korruptionsaffäre aussagen soll. Der gar nicht mal so weite Weg durch die im Titel genannten 16 Häuserreihen wird allerdings zu einem Spießrutenlauf für das ungleiche Duo. Etwas weiter ist die unter ähnlicher Prämisse von Las Vegas nach Phoenix ablaufende Reise für einen ebenfalls ausgebrannten Polizisten und eine Prostituierte in Clint Eastwoods „Der Mann, der niemals aufgibt“. Das beliebte Thriller-Motiv des Gefangenentransports unter erschwerten Bedingungen bedient nun auch die bislang sechs Folgen umfassende britische Actionserie „Prisoner – Auf der Flucht“ (eine zweite Staffel wurde bereits geordert), die in Koproduktion mit der deutschen ARD Degeto Film entstand und hierzulande deshalb in der ARD Mediathek und im Ersten aufschlägt.

Ein Gespann wider Willen bilden in der von Matt Charman (unter anderem Schöpfer der Netflix-Miniserie „Hostage“ und Mitautor des Drehbuchs zu Steven Spielbergs „Bridge of Spies – Der Unterhändler“) entwickelten Geschichte die frisch aus der Elternzeit kommende Amber Todd (Izuka Hoyle, „Ludwig“), die als Begleiterin im Gefangenentransport arbeitet, und der an einem eigentlich streng geheimen Ort irgendwo auf dem Land untergebrachte Tibor Stone (Tahar Rahim, „Die Schlange“), ein hochintelligenter Killer, der in wenigen Tagen am Krongericht in London, dem Old Bailey, gegen seinen früheren Boss Harrison Dempsey (bemüht bedrohlich: Brían F. O’Byrne, „The Abandons“), den Anführer des gefürchteten Gangstersyndikats Pegasus, als Kronzeuge auftreten soll. Da der Unterschlupf des Ex-Auftragsmörders ausgerechnet jetzt auffliegt, will ihn Alex Tebbit (in einer blassen Rolle verschenkt: Eddie Marsan, „King & Conqueror“), der Chefermittler der National Crime Unit, so schnell wie möglich in die britische Hauptstadt bringen lassen. Damit der Zuschauer auch ja nicht vergisst, wie wichtig Tibor für den Ausgang des Prozesses ist, wird immer wieder betont, dass Dempsey ohne seine Aussage in Kürze ein freier Mann sei.

Amber Todd (Izuka Hoyle) hat alle Hände voll zu tun Sky UK

Obwohl die unbewaffnete Amber und ihr Kollege nicht für eine solch sensible Überführung ausgebildet sind, müssen sie, weil sie mit ihren Wagen in der Nähe zu tun hatten, einspringen. Ein klassischer Fall von: „Zur falschen Zeit am falschen Ort!“ Über einen Hubschreibereinsatz denkt im Polizeiapparat an dieser Stelle niemand groß nach. Was folgt, ist absehbar: Die Eskorte des Gefangenentransporters wird in einen (CGI-verstärkten) Hinterhalt gelockt und bis auf Todd und Stone niedergemäht. Den beiden, die mit Handschellen aneinanderkettet sind, gelingt aus der unübersichtlichen Situation die Flucht. Doch alsbald nimmt Dempseys Bluthündin Nina Drâgus (holt das Beste aus ihrem Part heraus: Leonie Benesch, „Der Schwarm“) die Fährte auf. Pikanterweise hat Tibor die junge Frau einst selbst im Töten ausgebildet. Ein Kampf zwischen Mentor und Schützling kündigt sich also an.

Erhalte News zu Prisoner – Auf der Flucht direkt auf dein Handy. Kostenlos per App-Benachrichtigung. Kostenlos mit der fernsehserien.de App.
Alle Neuigkeiten zu Prisoner – Auf der Flucht und weiteren Serien deiner Liste findest du in deinem persönlichen Feed.

Das Grundkonzept ist simpel und klar umrissen. Serienschöpfer Charman möchte aber spürbar mehr aus seinem Stoff herausholen als einen geradlinigen Wir-schlagen-uns-irgendwie-durch-Thriller: Tibor spielt, zumindest anfangs, ein paar an „Das Schweigen der Lämmer“ erinnernde Psychospielchen mit Amber. Aus dem inneren Zirkel der National Crime Unit werden Informationen an Dempsey durchgestochen, sodass dieser meistens gut im Bilde ist. Zwischen dem Obergangster und seinem Sohn Declan (Laurie Davidson, „Das Gift der Seele“) kommt es zu einem Generationenkonflikt und Kompetenzgerangel, das teils amüsante Blüten treibt. In den letzten Folgen lassen die Macher politische Ambitionen anklingen, die allerdings zu aufgesetzt daherkommen, um eine erschütternde Wirkung zu entfalten. Tibors gruselige Backstory wird, mit Küchenpsychologie garniert, in das Fluchtszenario eingefädelt. Und selbstredend, dafür muss man wahrlich kein Nostradamus sein, ist die Tatsache, dass Amber mit ihrem Partner Olly (Finn Bennett, „A Knight of the Seven Kingdoms“) ein Baby hat, keine bloße Fußnote, sondern entscheidend für den Handlungsverlauf.

Die Bemühungen in allen Ehren. Manchmal ist es jedoch sinnvoller, es kernig und kompakt zu halten, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die Drehbücher jedenfalls haben von Folge zu Folge mehr Probleme, alle Aspekte überzeugend aufeinander abzustimmen. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Die oft in eisig blaue und gräuliche Bilder getauchte Serie hat ihre stimmungsvollen, nervenaufreibenden Momente. Vor allem in den finalen drei Folgen, inszeniert von der deutschen Regisseurin Pia Strietmann („Herrhausen – Der Herr des Geldes“), gibt es einige sauber choreografierte Spannungspassagen, etwa den Pegasus-Angriff auf ein einsam gelegenes Farmhaus.

Konterkariert werden derartige Erfolgserlebnisse aber, weil es in unschöner Regelmäßigkeit mit der inneren Logik von „Prisoner – Auf der Flucht“ hapert. Plausibilität sollte in fiktionalen Erzählungen nicht das oberste Bewertungskriterium sein. In einem Actionthriller, der einen erdigen Ton anschlägt, nicht übermäßig auf Spektakel setzt, darf man von den Autoren gleichwohl schon etwas mehr erwarten, als wir hier geboten bekommen. Dass der Diabetiker Tibor zwingend eine medizinisch geschulte Kraft beim Transport bräuchte: geschenkt! Das zu kritisieren, wäre kleinlich. Weitaus nerviger sind andere Unstimmigkeiten und Vereinfachungen.

Profikillerin Nina Drâgus (Leonie Benesch) lässt nicht locker Sky UK

In manchen Situationen schießen die von Nina angeführten Dempsey-Schergen alles über den Haufen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Dann wieder lassen sie potenzielle Zeugen einfach am Leben. Akte plötzlicher Mitmenschlichkeit? Man weiß es nicht! Bereits zu einem frühen Zeitpunkt hat das Killerkommando die Chance, Amber und Tibor zu erledigen. Dass sie verstreicht, hat nur einen Grund: die Serie wäre sonst zu Ende. An den Kopf fasst man sich auch in der vierten Folge, wo eine haarsträubende Entscheidung Ambers, die jedem Fluchtinstinkt zuwiderläuft, geradewegs in die Katastrophe führt. „Selbst schuld!“, möchte man da fast ausrufen.

Wackelig konstruiert sind ferner diverse zeitliche Abläufe: Während unsere Protagonisten nicht recht vom Fleck zu kommen scheinen, obwohl sie zwischendurch im Auto unterwegs sind, gelingt es den Verbrechern stets in Windeseile, an unterschiedlichen Orten aufzutauchen. Lustigerweise gehen die Kriminellen aber immer dann, wenn sie zuschnappen wollen, erstaunlich fahrig vor. Was die Frage aufwirft: Wie konnte Pegasus ein derart einflussreiches Syndikat werden? Bezeichnend ist nicht zuletzt, dass Matt Charman und seine kreativen Mitstreiter mehrfach billige Kniffe nutzen, um den Plot voranzutreiben bzw. unsere Hauptfiguren aus Problemlagen zu befreien. Amber und Tibor brauchen Bares? Voilà, schon fahren sie am „Versteck“ einer Drogenbande vorbei, dem eigentlich nur noch ein fettes Schild mit der Aufschrift „Rauschgift abzugeben“ fehlt. Glück muss man haben!

Meine Wertung: 2,5/​5

In der ARD Mediathek erscheinen alle sechs Kapitel der Serie „Prisoner – Auf der Flucht“ am Freitag, dem 19. Juni. Die lineare Ausstrahlung der ersten vier Episoden erfolgt am Mittwoch, dem 24. Juni ab 23:30 Uhr im Ersten. Die verbleibenden Kapitel zeigt die ARD schließlich am Freitag, dem 26. Juni ab 23:35 Uhr.

Über den Autor

Christopher Diekhaus, Jahrgang 1985, erlebte seine TV-Sozialisation in den 1990er-Jahren. Seine echte Liebe für den Flimmerkasten entbrannte allerdings erst gegen Ende der Schulzeit. Nach seinem Studium landete er zunächst in einer Film- und Fernsehproduktionsfirma. Seit 2013 schreibt Christopher als Freiberufler Film- und Serienkritiken. Das Portal fernsehserien.de unterstützt er seit Ende 2019. Im Meer der Veröffentlichungen die Perlen zu entdecken – diese Aussicht spornt ihn immer wieder an. Insgeheim hofft er, irgendwann eines seiner in der Schublade liegenden Drehbücher zu verkaufen. Bis er den Oscar in Händen hält, sichtet und rezensiert er aber weiter fleißig die neuesten Serien.

Lieblingsserien: Devs, Lass es, Larry!, Severance

Kommentare zu dieser Newsmeldung

  • (geb. 1967) am

    für so einen dämlichen Handlungsplott muss man eine Koproduktion machen, wenn die sonst keine Probleme haben, alles schon 8 Millionen mal dagewesen, das juckt doch niemanden mehr, ich denk die müssen sparen ...

    weitere Meldungen

    Hol dir jetzt die fernsehserien.de App