„Mermaids to Lovers“: Die neue Young-Adult-Serie, die nicht unbedingt hält, was sie verspricht – Review

Enemies to Lovers zwischen Chlor und Perlmutt

Rezension von Annika Loh – 10.06.2026, 17:30 Uhr

"Mermaids to Lovers": Die neue Young-Adult-Serie, die nicht unbedingt hält, was sie verspricht  – Review – Enemies to Lovers zwischen Chlor und Perlmutt – Bild: RTL

Hallenbäder riechen nach Chlor, nach Ehrgeiz und nach dem Gefühl, dass die Zeit hier irgendwie anders läuft als draußen. „Mermaids to Lovers“, ab dem 11. Juni auf RTL+, macht aus diesem spezifischen Ort ein ganzes Universum – und das ist vielleicht der mutigste und cleverste Einfall dieser Jugendserie.
Die Geschichte ist schnell erzählt: Trixie (Serena Oexle), Enkeltochter des Schwimmbadbesitzers Willy (Thomas Balou Martin) und verbissene Leistungsschwimmerin, teilt ihr geliebtes Becken plötzlich mit einer Gruppe sogenannter Merpeople – Jugendliche, die in aufwendig gestalteten Fischschwanzflossen durchs Wasser gleiten, sich dabei filmen und das Ganze auf Instagram feiern. Anführer der bunten Truppe ist Finn (Philip Günsch), bekannt als „Finn of the Sea“, warm, humorvoll und mit einer beachtlichen Online-Fangemeinde im Gepäck. Was folgt, ist ein klassisches Enemies-to-Lovers-Konzept mit Muscheln, Stoppuhren und jeder Menge Chlorwasser.

Trixie (Serena Oexle) beim Schwimmtraining RTL

Zwei Welten, ein Becken

Der Kontrast zwischen den beiden Welten ist grotesk. Auf der einen Seite Trixie: Badekappe, aerodynamischer Anzug, Augen geradeaus. Auf der anderen Seite Finn: schimmernde Flossen, Perlmutt, Glitzer auf den Wangenknochen. Leistung gegen Ausdruck, Effizienz gegen Ästhetik – das erzählt die Serie ohne große Worte allein durch Bilder, und das tut sie gut. Die Meerperson-Gemeinschaft selbst ist ein schöner Einfall: Eine Gruppe von Jugendlichen, die sich jährlich zu einem Wettbewerb zusammenfinden, bei dem die „Meerperson of the Year“ gekürt wird. Das ist natürlich absurd aber auch völlig wunderbar. Es gibt eine Eigenlogik in dieser Welt und eine eigene Ästhetik. Das Aufeinanderprallen dieser Welt mit der nüchternen Profischwimmer-Welt von Trixie ist das eigentliche Herz des Serienkonzepts.

Das Hallenbad als einziger Schauplatz ist dabei Stärke und Schwäche zugleich. Die Atmosphäre ist dicht und man spürt, dass dieser Ort für alle Beteiligten mehr ist als nur ein Schwimmbecken. Doch während es einerseits Konzentration und Atmosphäre schafft, erzeugt es andererseits eine gewisse Eindimensionalität. Die Figuren existieren ausschließlich in diesem Raum. Sie haben keine Leben jenseits des Wassers, zumindest keine, die wir sehen oder spüren würden. Das macht es schwieriger, sie als vollständige Menschen zu begreifen. Man kann mit ihnen mitfiebern, aber man fragt sich bisweilen: Was passiert, wenn das Licht ausgeht und die Türen schließen? Wer sind diese Menschen, wenn sie nicht in Badekappen oder Schwanzflossen stecken?

Finn und Trixie könnten unterschiedlicher nicht sein.RTL

Trixie und Finn: Potential mit Lücken

Trixie ist die interessantere Figur. Kalt, jähzornig, getrieben. Trixie ist nicht unbedingt unsympathisch – man versteht ihre Kälte, ihre Gereiztheit, ihren Jähzorn als Schutzmechanismus. Aber sie ist auch nicht leicht zu mögen, zumindest nicht sofort. Was Trixie interessant macht, ist das Potenzial, das unter ihrer gepanzerten Oberfläche schlummert. Wenn sie – in seltenen Momenten – ihre Rüstung ablegt, ist da ein Mensch, der tief verletzt ist, der Nähe sucht, aber nicht weiß, wie er sie zulassen soll. Serena Oexle trägt diese Ambivalenz mit bemerkenswerter Körpersprache: die Art, wie sie im Wasser zur Ruhe kommt, die kleinen Zögerer, bevor sie jemandem antwortet, der Moment, wo sie fast lacht und es dann doch abbricht, als hätte sie sich selbst ertappt.

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Finn ist ihr Gegenentwurf: warm, selbstironisch und verletzlich. Aber auch Finn hat einen Haken: eine überambitionierte Mutter, die gleichzeitig Managerin ist und Finns Social-Media-Karriere kontrolliert. Die Frage, was es mit einem Menschen macht, wenn die eigene Identität zur Instagram-Marke wird, ist eine der thematisch interessantesten Schichten der Serie. Sie wird leider nicht konsequent genug entwickelt.

Die Liebesgeschichte selbst verspricht einen Slow Burn – und hält das Versprechen nur halb. „Mermaids to Lovers“ baut diese Spannung auf. Und dann – an einem Punkt, der sich nicht ganz erklären lässt – springt sie einfach drüber. Es gibt keinen klar definierten Augenblick, keine szenaristisch sorgfältig gebaute Szene, in der man als Zuschauerin oder Zuschauer denkt: „Ah. Jetzt. Jetzt ist es passiert.“ Stattdessen ist Trixie auf einmal warm. Auf einmal reden die beiden über ihre Ängste und ihr Leben. Auf einmal ist da Nähe, wo vorher Kälte war – und man fragt sich: Habe ich eine Folge verpasst? Hat die Dramaturgie hier eine Seite vergessen?

Wenn man sich an diesen antiklimaktischen Umschwung aber gewöhnt hat, entfalten die beiden eine süße, anrührende Qualität. Viele ihrer gemeinsamen Momente sind aufrichtig lieb, offen in Bezug auf Sex, Unsicherheit und Tabuthemen und die ungewöhnliche Rollenverteilung fühlt sich wohltuend unkommentiert an.

Trixie (Serena Oexle) und Finn (Philip Günsch), die sich auf der Party im Schwimmbad näher kennenlernenRTL

Was nervt, was funktioniert

Ehrlich gesagt: Die Dialoge haben ein Problem. Die Serie versucht, in der Sprache ihrer Zielgruppe zu sprechen – Denglisch, Influencer-Jargon, Cancel-Culture-Referenzen – und klingt dabei manchmal so, als hätten Erwachsene gegoogelt, wie Teenager heutzutage reden. Das reißt aus der Immersion heraus, öfter als es sollte. Die richtigen Werte sind da – Diversität, Unsicherheiten, Social Media – aber sie werden bisweilen zu aufdringlich eingebaut, um sich organisch anzufühlen. Das Finale überrascht niemanden: Das Bad muss gerettet werden, ein Wettbewerb entscheidet alles – und dieser Wettbewerb besteht in der Serie aus einer einzigen Schwimmbahn. Für etwas, an dem so viel hängt, ist das dramaturgisch sehr schlank. Trotzdem funktioniert der emotionale Abschluss einigermaßen, weil man – trotz allem – will, dass diese zwei Menschen gewinnen.

Teenager-Spaß mit Substanzfragen

Was die Serie trotz ihrer Schwächen trägt, ist ihr grundsätzlicher Gestus: Sie meint es ernst mit ihren Figuren, auch wenn sie das nicht immer handwerklich überzeugend umsetzt. Trixies Freunde Nadira (Eilin Aliza) und Konstantin (Oscar Nadermann) bleiben leider weitgehend Schablonen – loyal und präsent, aber ohne eigenes Leben. Die Merpeople-Gruppe um Finn ist amüsant und bunt, aber ebenfalls austauschbar. Das ist in einer Serie mit 20-Minuten-Folgen nicht unbedingt ein Todesurteil, aber es zeigt: „Mermaids to Lovers“ ist eine Welt, in der die Hauptfiguren fast alles tragen müssen – und das gelingt ihnen mal mehr, mal weniger.

Interessant ist auch, wie die Serie mit der Idee von Wettkampf umgeht. Sowohl Trixie als auch Finn sind im Kern kompetitiv, und dieser gemeinsame Zug verbindet sie mehr als alles andere. Der Streit um Hallenzeiten, die Belegungslisten, das gegenseitige Ausboten – das ist auf eine fast komische Weise die ehrlichste Darstellung ihrer Gemeinsamkeit. Zwei Menschen, die einander ausstechen wollen und dabei merken, dass sie der jeweils andere sind, gegen den sie wirklich antreten wollen.

(v. l.) Lolle (Nola Essam), Willy (Thomas Balou Martin), Trixie (Serena Oexle), Konstantin (Oscar Nadermann) und Nadira (Eilin Aliza) RTL

Für wen ist diese Serie?

Die ehrliche Antwort: „Mermaids to Lovers“ ist eine Serie für Teenager und junge Erwachsene, die Slow-Burn-Liebesgeschichten mögen, die Instagram und Social Media als natürlichen Lebensraum begreifen, und die bereit sind, einer Welt zu vertrauen, die klein ist, bunt ist und manchmal holperig erzählt ist. Wer komplexe Charakterentwicklungen, nuancierte Dialoge und plotstrukturelle Präzision sucht, wird enttäuscht werden. Wer dagegen bereit ist, sich von der Grundatmosphäre tragen zu lassen, die gelegentliche Plumpheit als liebenswürdigen Charakter zu begreifen und sich auf zwei Figuren einzulassen, die trotz allem ihr Bestes geben – der wird in „Mermaids to Lovers“ etwas finden, das sich lohnt.

Es gibt Serien, die klüger sind. Es gibt Serien, die handwerklich präziser sind. Es gibt Serien, die tiefere Charaktere haben und stringentere Plots. Aber es gibt auch etwas an dieser kleinen, chlorriechenden, glitzernden Welt, das schwer zu beschreiben ist und sich leichter anfühlt: die Aufrichtigkeit des Konzepts, die Wärme in den besten Szenen, das Gefühl, dass hier Menschen eine Geschichte erzählen, die ihnen – trotz allem – wirklich am Herzen liegt.  

Fazit: 2 von 5 Meerjungfrauen-Flossen

„Mermaids to Lovers“ ist eine unausgereifte, aber irgendwie ehrliche Serie, hinter der die Nachwuchstalente Lia Zebra und Larissa Dold als Gewinnerinnen des Storytellers-Wettbewerbs 2024 von RTL+ stehen. Ihre Serie hat Ideen, die größer sind als ihre Ausführung, Figuren, die interessanter sind als ihre Dialoge, und eine Liebesgeschichte, die süßer ist als ihre Dramaturgie. Sie ist das Ergebnis von echtem Enthusiasmus, dem die handwerkliche Vollendung noch fehlt.

Das Schwimmbad ist trotzdem ein toller Ort. Und manchmal ist es genug, wenn zwei Menschen am Ende zusammen ins Wasser springen, auch wenn der Weg dorthin etwas holprig war.

Meine Wertung: 2/​5

Alle fünf Folgen von „Mermaids to Lovers“ werden am 11. Juni auf dem Streamingdienst RTL+ veröffentlicht.

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