„The Boroughs“: Monsterattacken in Gottes Wartezimmer – Review

Science-Fiction-Serie der „Stranger Things“-Macher um Bedrohung in Rentnerstadt passt sich Tempo der betagten Protagonisten an

Christopher Diekhaus
Rezension von Christopher Diekhaus – 21.05.2026, 09:01 Uhr

Alles Gute kommt von oben, ähm … aus dem Ofen? In „The Boroughs“ eher nicht! – Bild: Netflix
Alles Gute kommt von oben, ähm … aus dem Ofen? In „The Boroughs“ eher nicht!

Vor allem in den USA erfreuen sich sogenannte Rentnerstädte großer Beliebtheit. Wer sein Arbeitsleben hinter sich gebracht hat, den Ruhestand in vollen Zügen genießen will und dabei altersmäßig unter seinesgleichen bleiben möchte, findet an Orten wie Sun City im Bundesstaat Arizona optimale Bedingungen vor. Ein solches Setting ist auch der Schauplatz der neuen Netflix-Serie „The Boroughs“, die von Jeffrey Addiss und Will Matthews (beide an „Der dunkle Kristall: Ära des Widerstands“ beteiligt) entwickelt und von den „Stranger Things“-Machern Matt und Ross Duffer produziert wurde. Jener Streaminghit, der erst kürzlich zu Ende ging, scheint im frischen Achtteiler unverkennbar durch. Immerhin müssen die in diesem Fall angegrauten Hauptfiguren ebenfalls gegen eine außerweltliche Macht antreten, während kräftige Retro-Vibes zu spüren sind. Angelegt ist der Mix aus Science-Fiction, Mystery und Drama zudem als Hommage an Ron Howards 1980er-Jahre-Komödie „Cocoon“, in der die Bewohner eines Seniorenheims durch Kontakt mit verpuppten Alien-Kreaturen plötzlich wundersam aufblühen.

Erinnerungen weckt „The Boroughs“ mit seinem titelgebenden, aus dem Boden gestampften, hübsch herausgeputzten, mitten in der Wüste von New Mexico gelegenen Handlungsort überdies an den Kinothriller „Don’t Worry Darling“, in dem Florence Pugh und Harry Styles als vermeintliche Eheleute aus den 1950er-Jahren Teil einer scheinbar perfekten Gemeinschaft namens The Victory Project werden. Tatsächlich handelt es sich bei der pittoresk anmutenden Firmensiedlung im staubigen Nirgendwo allerdings um eine virtuelle Welt, in der toxische Männer ihre Partnerinnen gefangen halten und sie zu unterwürfigen Hausfrauen degradieren.

Sam (Alfred Molina, l.) und Wally (Denis O’Hare) kommen aus dem Staunen nicht heraus.Netflix

Dass auch hinter der schönen Fassade der Rentnercommunity The Boroughs unheimliche Dinge vor sich gehen, daran gibt es von Anfang an keinen Zweifel. Der im Horrorgenre existierende Ratschlag Don’t show the monster!, dem etwa Steven Spielberg in seinem Klassiker „Der weiße Hai“ aus Kosten- und Produktionsgründen notgedrungen folgte, wird hier beiseitegeschoben. Die kreativen Köpfe hinter der Netflix-Serie haben kein Interesse, ihr Ungetüm zu verschleiern, um die Spannung anzuheizen, sondern lassen es schon zum Einstieg halbwegs aus dem Schatten treten. Ohne große Umschweife attackiert ein lang- und vielbeiniges Geschöpf eine Einwohnerin der Seniorenanlage und befördert die alte Frau ins Jenseits.

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Da ihr an Demenz erkrankter Ehemann Edward (Ed Begley Jr.) schon länger im Haupthaus von The Boroughs unter ständiger Beobachtung lebt, steht das Heim der Dahingeschiedenen frei. Ihren Platz nimmt schließlich der ehemalige Ingenieur Sam Cooper (Alfred Molina) ein, der nach dem Tod seiner Ehefrau Lily (Jane Kaczmarek) widerwillig in das angepriesene Altenparadies zieht. In „Gottes Wartezimmer“, wie er es nennt, zu versauern, darauf hat der mürrische Witwer keine Lust. Weshalb er bei Blaine Shaw (Seth Numrich), dem CEO des Projekts, vorstellig wird, um seinen Vertrag alsbald wieder zu kündigen. Doch dann überzeugen ihn die warmen Worte seines redseligen Nachbarn Jack Willard (Bill Pullman) überraschend schnell, erst einmal zu bleiben.

Judy (Alfre Woodard) wird von einem Verlust kalt erwischt.Netflix

Sam hält auch dann noch die Stellung, als er eines Nachts Zeuge eines weiteren Monsterangriffs mit tödlichen Folgen wird. Vielmehr scheint ihn die Beobachtung anzuspornen, ihm eine neue Aufgabe zu geben, die auch seine technischen Kenntnisse erfordert. Ehe er sich versieht, spielt er mit den Mitanwohnern Wally Baker (Denis O’Hare), einem Arzt, der Krebs im Endstadium hat, und der Ex-Journalistin Judy Daniels (Alfre Woodard) Detektiv. Zum zentralen Figurenensemble gehören außerdem Judys Gatte Art (Clarke Peters), ein sinnsuchender, ständig kiffender Althippie, der in der Wüste eine unglaubliche Entdeckung macht, und die ehemalige Musikmanagerin Renee (Geena Davis), die auf Tuchfühlung mit der frisch eingetroffenen Sicherheitskraft Paz Navarro (Carlos Miranda) geht – eine nette Abwandlung des üblichen Alter-Mann-trifft-junge-Frau-Klischees. Sie alle stehen unter dem wachsamen Blick von Hank Williams (Eric Edelstein), der als Security-Chef kein Interesse zeigt, den rätselhaften Ereignissen in der Siedlung auf den Grund zu gehen.

Was sehr schnell ins Auge sticht: Der Erzählrhythmus von „The Boroughs“ passt sich den betagten Figuren an. Sprich: Gemächlich führen uns die Macher in die Welt ihrer Serie ein. In den ersten vier für diese Kritik gesichteten Episoden zieht das Tempo selten schlagartig an, und Spannungsmomente werden in kleinen Dosen ausgegeben. Dementsprechend bleibt Raum, um die Protagonisten etwas genauer kennenzulernen. Sam leidet merklich unter dem Verlust seiner Ehefrau, die ihm wiederholt in Träumen und Visionen erscheint. Auch Judy, deren Ehe längst eingerostet ist, ringt mit ihren Emotionen, als ihr eine neue Liebe unverhofft entrissen wird. Eine Prise Galgenhumor bringt der unheilbar kranke Wally ein, der bereits jetzt nach dem passenden Sarg Ausschau hält. Augenblicke zum Schmunzeln gibt es immer mal wieder, ohne dass das Alter der Charaktere für allzu billige Gags herhalten müsste. Insgesamt pendeln sich die Profile der Hauptfiguren irgendwo zwischen interessant und etwas oberflächlich ein.

Judy (Alfre Woodard), Sam (Alfred Molina) und Wally (Denis O’Hare) bereiten sich auf das Schlimmste vor.Netflix

Das Gefühl, im Herbst des Lebens nicht mehr gebraucht oder für voll genommen zu werden, zunehmend aufs Abstellgleis zu geraten, und der Wunsch, körperlich wieder fit zu sein, gut auszusehen, bilden zwar den Unterbau der Mystery-Story. An manchen Stellen hätte man sich allerdings gewünscht, die Serie würde diese Aspekte noch etwas mehr vertiefen. Gerade weil das Bestreben, den Alterungsprozess zu verlangsamen, so lange wie möglich jung zu bleiben, aktuell – Stichwort: Longevity-Bewegung – ein vieldiskutiertes Thema ist.

Ob das große Geheimnis von The Boroughs den Achtteiler tragen und den Zuschauer begeistern kann, darf zur Hälfte zumindest leise angezweifelt werden. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass die Autoren mehr als einmal einen einfachen Weg beschreiten, um die Nachforschungen der Rentnergang voranzutreiben. Soll heißen: Nicht jede Handlungsvolte ist restlos überzeugend. Noch dazu könnte der Druck auf die ermittelnden Senioren etwas größer sein. Auch der vor allem über die Musikuntermalung und einzelne Requisiten erzeugte Retro-Touch trägt dazu bei, dass „The Boroughs“ nicht aus der Serienmasse herausragt. Der nostalgische Anstrich mag einen gewissen Charme haben. Nach „Stranger Things“ und vielen anderen ähnlich gefärbten Film- und Fernsehproduktionen der letzten Jahre ist er aber längst kein origineller Kniff mehr.

Meine Wertung: 3/​5

Die Serie „The Boroughs“ steht ab Donnerstag, den 21. Mai auf Netflix zu Verfügung.

Über den Autor

Christopher Diekhaus, Jahrgang 1985, erlebte seine TV-Sozialisation in den 1990er-Jahren. Seine echte Liebe für den Flimmerkasten entbrannte allerdings erst gegen Ende der Schulzeit. Nach seinem Studium landete er zunächst in einer Film- und Fernsehproduktionsfirma. Seit 2013 schreibt Christopher als Freiberufler Film- und Serienkritiken. Das Portal fernsehserien.de unterstützt er seit Ende 2019. Im Meer der Veröffentlichungen die Perlen zu entdecken – diese Aussicht spornt ihn immer wieder an. Insgeheim hofft er, irgendwann eines seiner in der Schublade liegenden Drehbücher zu verkaufen. Bis er den Oscar in Händen hält, sichtet und rezensiert er aber weiter fleißig die neuesten Serien.

Lieblingsserien: Devs, Lass es, Larry!, Severance

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