In „Bait“ sieht Schauspieler Shah Latif (Riz Ahmed) seine mögliche Zukunft als James Bond, den Frauen und Männer als Agent 007 lieben.
Bild: Courtesy of Prime / Amazon MGM Studios
Die Wellen im Vereinigten Königreich schlugen im Jahr 2023 hoch, weil „Doctor Who“ als schwarzer Mann neu geboren wurde. Angesichts solcher Kämpfe um die Abstammung mag man gar nicht spekulieren, dass vielleicht ein Engländer mit pakistanischen Wurzeln als James Bond antritt. Indes scheint Shah Latif (Riz Ahmed) in „Bait“ dieses Schicksal zu blühen. Jedenfalls erhitzen entsprechende Gerüchte die Gemüter von Shahs Familie in London. Fans der Filmreihe streiten wiederum in Social Media, ob ein nicht-weißer Kerl den aktuellen Hauptdarsteller Daniel Craig ersetzen darf. Derweil plagen widersprüchliche Gefühle den erfolglosen Schauspieler, obwohl er von der großen Karriere träumt.
Oscar-Preisträger Riz Ahmed porträtiert seine Hauptfigur komisch und glaubwürdig. Allerdings muss er zusätzliche Leistungen erbringen. Immerhin hat er die Story entwickelt und am Drehbuch mitgeschrieben. Er betreut „Bait“ als Showrunner – gemeinsam mit Ben Karlin („Modern Family“ und „The Daily Show“). Demnach hält Riz Ahmed die meisten Fäden in der Hand. Zeigt er wirklich die Typen der Serie als interessante und schräge Charaktere? Bewegt Shahs Schicksal die Herzen des TV-Publikums? Zuschauer beim Amazon-Dienst Prime Video können die sechs Folgen ab dem 25. März beurteilen. In jeweils 22 bis 25 Minuten erleben sie den Trubel, der Shah für vier Tage mitreißt. Dabei vergessen sie mitunter die Entscheidung über Agent 007, solange die Geschichte und die Persönlichkeiten überzeugen.
Parvez (Sajid Hasan, l.) und Tahira (Sheeba Chaddha) nehmen ihren Sohn Shah Latif (Riz Ahmed) in die Mitte und staunen über einen Fremdkörper. Courtesy of Prime / Amazon MGM Studios
Schauspieler kämpft mit Trick um Hauptrolle als James Bond
Ein Spion in Abendgarderobe erschießt beiläufig eine Geisel. Aber als er am Tatort mit einer teuflischen Schönheit diskutiert, fehlen dem Helden plötzlich die Worte. Text!, ruft Shah Latif um Hilfe. Doch der Regisseur unterbricht die Probeaufnahme und schickt den Verlierer nach Hause. Musste diese zwielichtige Dame unbedingt fragen, wie ihr Gegner mit sich selbst leben kann und wer er überhaupt ist? Dieser Psycho-Trick der Filmfigur hat den Mann außerhalb seiner Rolle erschüttert. Bereits der Misserfolg im Job verunsichert Shah, sodass er ähnliche Vorwürfe verinnerlicht.
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Infolgedessen lässt der Pechvogel ein paar Tränen auf einen Tontechniker fallen. Dann fasst er frischen Mut: Dank einer Ausrede entkommt er seiner Aufpasserin durch die Vordertür, anstatt wie befohlen über den Hof zu verschwinden. Auf der Straße wartet nämlich ein Paparazzo, der nach Meinung der Produzenten keine Kandidaten für James Bond ablichten soll. Dank der improvisierten Flucht kann der Fotograf zumindest einen Anwärter für die Hauptrolle knipsen. Shahs Laune steigt – und fällt sogleich wieder, als ein Passant ihn mit Dev Patel („Slumdog Millionär“) verwechselt. Shah posiert für ein Video mit dem Handy, bevor die Täuschung auffliegt.
Q erkennt Cousin als künftigen Agent 007
Mit einem Fahrdienst für Muslime rettet Zulfi (Guz Khan) seinen Cousin aus der Notlage. Im Auto zanken die beiden Kumpels miteinander, bevor sie zu Hause bei Shahs Angehörigen auftauchen. Seine Mutti Tahira (Sheeba Chaddha) plaudert amüsant und liebevoll – bevor sie wegen der Arbeit nachbohrt: Warum nur hat Google schon einige Zeit keinen Alarm über ihren Goldjungen ausgelöst? Etwas später lässt Shas Kusine Q (Aasiya Shah) eine Bombe platzen, als sie online die Aufnahmen des Klatschreporters entdeckt: Du sollst der nächste James Bond werden!
Familie jubelt, aber Rassisten schlagen los
Tahira zerspringt beinahe vor Stolz. Dagegen würde Zulfi dieser Nachricht nur glauben, wenn die BBC den Wahrheitsgehalt bestätigt. Papa Parvez (Sajid Hasan) will in seiner Muttersprache Urdu zunächst wissen, ob der bisherige Darsteller von Agent 007 gestorben ist. Irritiert denkt Zulfi ebenso an diesen Star: Daniel Craig ist weiß! Tahira protestiert: Halt’s Maul, du Bastard! Entrüstet erwidert Zulfi, dass sein Cousin ständig Sex mit liederlichen Girls habe. Er verliert rasch seine Skepsis, denn Daniel Craig habe schließlich 20 Millionen pro Film kassiert. Mein Sohn kriegt 21 Millionen, verkündet Tahira siegesgewiss. Nun möchte Zulfi mit dem muslimischen Business durch den Ruhm seines Kumpels absahnen.
Shah erhält eine zweite Chance für die Beförderung zum Top-Spion. Freunde begrüßen ihn abends im Club so nett wie nie zuvor. Im Web überschlagen sich die Kommentare zum erstaunlichen Bewerber für den Geheimdienst seiner Majestät. Der Rummel erdrückt Shah, während sein Vater daheim betet. Aus heiterem Himmel zerschmettert irgendein Täter das Fenster: Erstmals haben die Rassisten und Hassverbrecher losgeschlagen. Sie hinterlassen ein ekliges Trümmerstück, womit Shah irgendwie Kontakt zu einem Publikumsliebling aus Film und Fernsehen aufnimmt. Lasst uns nicht weiter spoilern …
Die verlockenden Aussichten etwa als Bodyguard hauen Zulfi (Guz Khan) um, doch auf einer Gala wird er von Cousin Shah (Riz Ahmed, r.) verleugnet. Courtesy of Prime / Amazon MGM Studios
Podcast könnte zu Wahnsinn führen
Nach der ersten Folge ist zu sehen, wie Shah etwas Dummes auf einer elitären Kunstausstellung anrichtet. Ein Podcast mündet in übersinnliche Erfahrungen oder in ausbrechenden Wahnsinn. Ex-Freundin Yasmin Khan (Ritu Arya) schimpft in einem Artikel, dass James Bond koloniale Sehnsüchte bediene und Shah diesen miesen Eindruck lediglich abschwächen würde. In einem Restaurant entfesselt er einen Krach mit der widerspenstigen Frau. Auf der Flucht vor neugierigen Zeugen landet das frühere Paar auf einem verrückten Dancefloor. Nach einem frustrierenden Besuch bei der Polizei grübelt Shah, wem er überhaupt vertrauen kann. In einer Moschee verursacht er Chaos, bevor er in einem Albtraum wandelt. Dreht Shah jetzt durch? Er erwacht verletzt im Krankenhaus und muss wichtige Entscheidungen fällen.
Verhinderter Star und Angehörige schnappen nach Ködern
Der verhinderte Star schnappt nach der Traumrolle wie ein Fisch nach einem Köder, also nach „bait“ in der englischen Sprache. Andererseits gieren die Familienmitglieder nach Lockmitteln, die mit Erwartungen an Shah zusammenhängen. Tahira will an der Karriere anteilnehmen. Für Zulfi sollen Geld und persönliche Zuwendung abfallen. Parvez hält seinen Sohn für einen Lebemann, der einen Blick auf verbotene Genüsse erlaubt. Q und einige Verwandte vergleichen Shah zum Beispiel mit Idolen aus Bollywood. Ansonsten hofft Schauspielagentin Felicia (Weruche Opia), dass sich ihre Mühe um den Klienten endlich lohnt. Die Motive und Beziehungen dieser Nebenfiguren hätten stärkere Beachtung verdient. Diese Mängel behindern den Erzählfluss.
Ungeplant feiert Shah Latif (Riz Ahmed) zusammen mit seiner Ex-Freundin Yasmin (Ritu Arya), aber die Ungewissheit trübt das Vergnügen. Courtesy of Prime / Amazon MGM Studios
Traditionalisten und Extremisten hassen nicht-weißen James Bond
Shah verliert sich in unzähligen Wünschen, ohne den eigenen Pfad zu erkennen. Darüber hinaus leidet er heftiger als seine Lieben unter Demütigungen der Mehrheitsgesellschaft. Szenen schockieren, in denen Rassisten den South Asian in Kindheit und Jugend quälten. Shah und seine Familie geraten ins Fadenkreuz, als die Gerüchteküche zum künftigen Darsteller von James Bond überbrodelt. Im Internet treffen Traditionalisten und Extremisten auf Vordenker und Gutmenschen. Beide Seiten verzeihen einander keine Fehler. Jedoch verharren Riz Ahmed und sein Team häufig in Andeutungen: Führt diese Strategie zu Vor- oder Nachteilen?
Leichtigkeit schwindet und surrealer Ansatz verwirrt
Gleichwohl ist stets zu spüren, wie Shah zwischen den Fronten zerrieben wird. In der Serie schwindet die Leichtigkeit nach und nach. Ohnehin erreicht der ausgefallene Humor die deutschen Zuschauerinnen und Zuschauer noch schwieriger als generell bei britischer Comedy. Der surreale Ansatz verwirrt besonders in der fünften Episode. Ausgenommen von dieser Kritik sind die bizarren Einsätze des geheimnisvollen Gaststars, der alleine mit seiner sonoren Stimme Höhepunkte in „Bait“ setzt: Ihm gehören die besten Dialoge.
Trifft die ungewöhnliche Serie den deutschen Geschmack?
Zu überlegen ist, ob muslimische Bedürfnisse zu viel Raum beanspruchen. Dessen ungeachtet steht mir bei diesem Thema kein Urteil zu. Meine Erwartung wirkt vermutlich vermessen, dass Riz Ahmed irgendwelche Probleme durch den Islam berücksichtigt. Letztlich entstammt er einer Welt, in der Religion in den Alltag einfließt. Diese Lücke zwischen Überlieferung und Moderne überbrücken der Filmemacher und seine Kollegen mit Spott und weiterem Spaß. Die Handlung pendelt zwischen Tragik und Komik, wobei die Übergänge manchmal knirschen. Bei allen Einschränkungen lohnt „Bait“ für einen Versuch, ob die ungewöhnliche Serie den persönlichen Geschmack trifft.
Meine Wertung: 3,5/5
Ab dem 25. März läuft die sechsteilige Serie „Bait“ bei Prime Video.
Über den Autor
Seit 2016 hat Stefan Genrich Websites entwickelt und an einer Hochschule unterrichtet. Vor einer siebenjährigen Pause bei fernsehserien.de würdigte er das weihnachtliche TV-Programm im United Kingdom: Sein Herz schlägt für britisches Fernsehen. Daher verfolgt er jeden Cliffhanger von „Doctor Who“. Der Journalist kritisiert nebenberuflich Serien. Ihn ärgern Mängel bei ARD und ZDF – oder er genießt „Tagesthemen“ sowie „Nord bei Nordwest“. Frühe Begegnungen mit „Disco“ und „Raumschiff Enterprise“ haben Spuren hinterlassen. Später scheiterte Stefan beim Versuch, die Frisur von „MacGyver“ zu kopieren. Wegen „Star Trek: Strange New Worlds“ und „1923“ mag er Paramount+.