„The Flight Attendant“: Kaley Cuocos erste Rolle nach „The Big Bang Theory“ ist ein echter Glücksgriff – Review

    Thriller-Dramedy um Stewardess mit Filmriss gelingt spannend, rasant, witzig

    Rezension von Gian-Philip Andreas – 03.12.2020, 14:00 Uhr

    Cassie (Kaley Cuoco) bekommt Beistand von einem Toten: Alex Sokulov (in der Unschärfe: Michiel Huisman) erscheint ihr in Halluzinationen.

    Wenn man zwölf Staffeln lang die Hauptrolle in einer der erfolgreichsten Sitcoms überhaupt gespielt hat, dann ist das fraglos gut für Bankkonto und Popularität. Nicht unbedingt aber für die weitere Karriere. Denn Schauspieler*innen, die auch nach dem Ende ihrer Hit-Show in möglichst vielen unterschiedlichen Rollen besetzt und anerkannt werden wollen, stehen zwangsläufig im Schatten ihrer eigenen Star-Persona: Mit dieser einen, erfolgreichen Rolle werden sie bis ans Ende ihrer Tage identifiziert. Und jede Abweichung davon gilt als sonderbar.

    Auch Kaley Cuoco wird diese Sorge kennen. Zwölf Jahre lang war sie die Penny in „The Big Bang Theory“ – und an der Ineinssetzung ihrer selbst mit ihrer Sitcom-Rolle dürfte sich auch in Zukunft kaum etwas ändern. Zwischendurch hatte sie immer schon mal Kinofilme gedreht, doch über dubiose Werke wie „Die Trauzeugen AG“ kann man aus jetziger Perspektive wenig mehr sagen, als dass das eben Filme waren, in denen auch „Penny“ mitspielte. Mit „The Flight Attendant“ hat Cuoco nun möglicherweise ein ziemlich ideales Vehikel gefunden, um den entscheidenden Schritt weg von ihrer Erfolgsrolle zu wagen. Die achtteilige Miniserie, die auf einem Roman des Populär-Literaten Christopher A. Bohjalian basiert, ist so etwas wie eine Thriller-Dramedy: ein bisschen komisch, ein bisschen spannend und abgründig, eine Spur surreal, sehr temporeich, und doch wird noch Raum gelassen für ernstere Töne. Was der inzwischen 35-Jährigen willkommene Gelegenheit gibt, über das von ihr Bekannte und bislang Verlangte hinauszugehen. Als Mit-Produzentin (an der Seite des „Arrowverse“-Zampanos Greg Berlanti) stellte sie zudem sicher, dass sie bis zum letzten Schnitt ein Auge auf das beim Streamingdienst HBO Max abrufbare Ergebnis haben konnte.

    Auf den ersten Blick ist die Stewardess Cassie Bowden, die Cuoco hier spielt, ihrer früheren Langzeitrolle dabei gar nicht so unähnlich: Möchtegern-Schauspielerin Penny war damals in „The Big Bang Theory“ ja auch als promiskuitiv lebend und dem Alkohol zugeneigt eingeführt worden, ehe sie sich dann allmählich einem bürgerlicheren Beruf und einem solideren Lebenswandel zuwenden durfte. Cassie ist davon allerdings die Hardcore-Variante: Als New Yorker Stewardess fliegt sie ständig von Kontinent zu Kontinent, nach Dienstschluss gibt sie sich Dauersuff und Gelegenheitssex hin, noch gerade so in einem Ausmaß, das sie im Beruf einigermaßen „funktionieren“ lässt (und durch das sie optisch noch keine Verschleißerscheinungen zeigt). Die Eröffnungsmontage fasst diesen Lebensstil bündig zusammen: Im derangierten Party-Outfit erwacht Cassie in der U-Bahn, sie eilt nach Hause, um sich für einen anstehenden Interkontinentalflug umzukleiden und findet dort einen feschen Partyboy im Bett vor, den sie in der letzten Nacht aufgerissen und ins Bett vorausgeschickt hatte, woran sie sich aber (mal wieder) nicht erinnern kann. Im Flugzeug nach Thailand wartet dann bereits der nächste Flirt: Mit dem smarten Hedgefonds-Manager Alex Sokolov (Michiel Huisman aus „Treme“ und „Game of Thrones“) in Business-Class-Sitz 3C gibt’s alsbald Fummeleien in der Bordtoilette, später dann die Einladung zum romantischen Dinner in Bangkok. Cassies Kollegen – darunter der süffisante Shane (Griffin Matthews) und die mütterlich strenge Megan (Rosie Perez, „Weiße Jungs bringen’s nicht“) – registrieren es mit hochgezogenen Augenbrauen, aber ohne große Überraschung.

    Böses Erwachen: Cassie ahnt noch nicht, in welcher Bredouille sie sich befindet. hbo max

    Nach einem tollen Date-Abend in der thailändischen Hauptstadt, aber noch vor dem poppig bunten Vorspann erlebt Cassie in Alex’ Luxushotelzimmer ihr böses Erwachen: Der Handy-Wecker reißt sie mit „Wake Me Up Before You Go-Go“ aus dem Fuselkoma – dann entdeckt die fies verkaterte Stewardess das Drama, um das sich die Serie fortan drehen wird: Alex liegt mit durchgeschnittener Kehle neben ihr im Bett. Sie selbst kann sich, suffbedingt, an nichts erinnern. Was ist passiert? Ist jemand in das Zimmer eingedrungen? Oder hat Cassie gar selbst … ? Kann doch nicht sein, denkt sie. Und die Zuschauer hoffen es.

    Im Folgenden tut Cassie so ziemlich alles, was man in dieser Situation nicht tun sollte. Sie räumt die Scherben der als Mordwaffe benutzten Flasche weg, sie wischt den Boden (und hinterlässt eigenes Blut), sie schickt die Reinigungskraft fort, ruft bei der Rezeption an und legt panisch wieder auf, türmt am Ende schlecht verkleidet und auffällig unauffällig aus dem Hotel zurück in ihre eigene Unterkunft. Das kann ja nicht gutgehen. Zurück in New York wird sie denn auch vom FBI in Empfang genommen: Im Interview mit dem alerten Agentengespann Kim Hammond (Merle Dandridge, „Greenleaf“) und Van White (Nolan Gerard Funk) verstrickt sie sich in Windeseile in immer neue Widersprüche, und bald begeht sie sogar neue Dummheiten, indem sie beispielsweise den Firmensitz des Getöteten aufsucht … Sollte Cassie versucht haben, sich aus der Geschichte möglichst herauszunehmen, dann hat sie so ziemlich das Gegenteil erreicht.

    Der Abend vor dem Mord: Cassie und Alex lustwandeln durch Bangkok. hbo max

    Bei den anstehenden Versuchen, ihre Unschuld zu beweisen, stehen Cassie dann zwei hilfreiche Geister zur Seite: ihre beste Freundin Annie (Zosia Mamet aus „Girls“) und ein tatsächliches Hirngespinst. Denn Alex meldet sich regelmäßig in Cassies Unterbewusstsein zu Wort, um ihrem Erinnerungsvermögen auf die Sprünge zu helfen und immer neue Bruchstücke aus dem Filmriss-Zeitraum der verhängnisvollen Nacht hervorzukramen. Alle Huisman-Fans können also beruhigt sein: Seine Figur mag in der Pilotepisode schon dahinscheiden, aus der Serie raus ist er damit noch lange nicht.

    An der Oberfläche ist „The Flight Attendant“ also ein analytisches Drama mit Anklängen an die antike Tragödie. Schon Ödipus musste ja nichtsahnend gegen sich selbst als Täter ermitteln – allerdings steht hier in Zweifel, ob Cassie wirklich was mit dem Mord zu tun hat. Regisseurin Susanna Fogel („Bad Spies“, „Chasing Life“) und Autor Steve Yockey (der zuvor Episoden von „Supernatural“ schrieb und produzierte) erzählen das in den ersten Folgen rasant und sehr unterhaltsam mit surrealen Noir-Anklängen; hinzu kommt die jazzige Musik des Berlanti-Stammkomponisten Blake Neely, die den tadellosen Rhythmus der Szenenfolgen ebenso ideal unterstützt wie die vielen eingesetzten Split-Screens, die an Sixties-Heist-Movies erinnern. Der Thrill daran sitzt, die Verdachtsmomente auch: Was hat es mit der mysteriösen Miranda (Michelle Gomez aus „Green Wing“) auf sich, die in der Mordnacht wohl dabei war? Ist der arbeitslose Schauspieler Buckley (Colin Woodell, „Unknown User 2: Dark Web“), mit dem Cassie einen One-Night-Stand verbringt, wirklich so arglos, wie er tut? Und warum tauscht die so patent und brav wirkende Megan Drogen gegen Festplatten?

    Vor den FBI-Agenten Hammond (Merle Dandridge, l.) und White (Nolan Gerard Funk) redet sich Cassie immer tiefer ins Schlamassel. hbo max

    „The Flight Attendant“ ist aber mehr als ein komödiantisch angehauchter Whodunit- bzw. Did-I-do-it?-Krimi – und mehr als das süffige Serien-Äquivalent einer funktionalen Strandlektüre. Cuoco wird sehr darauf gepocht haben, ein komplexes Charakterporträt abliefern zu dürfen. So wird von der ersten Minute an auch kein Hehl gemacht aus Cassies Alkoholproblem: Nicht nur auf Partys trinkt sie regelmäßig viel zu viel, sondern auch in einsamen Stunden zu Hause oder im Hotelzimmer: Nur warum schießt sie sich ständig so rabiat die Lichter aus? Kurze Flashbacks mit Szenen, in denen sie als Kind gemeinsam mit ihrem Vater (Jason Jones, „The Detour“) auf die Jagd ging und dort Bierdosen verabreicht bekam, deuten auf tiefersitzende Probleme hin; und auch die Wortwechsel mit ihrem Bruder (T.R. Knight; „Genius“, „11.22.63 – Der Anschlag“), den sie ständig am Telefon vertröstet, deuten auf zurückliegende Verwerfungen hin.

    Tatsächlich aber gelingt Kaley Cuoco die darstellerische Tour de Force, die ihr da abverlangt wird: ständige und zügige Registerwechsel zwischen Comedy und Charaktertragödie, Panik und Romanze. In einem Moment ist sie voll im Penny-Modus, so blendend aussehend wie eh und je und nach wie vor in der Lage, Pointen jedweder Güteklasse so abzufeuern, wie das kaum eine andere Hollywood-Schauspielerin kann. Im nächsten Moment kommt dann das beschädigte Wesen hinter Cassie zum Vorschein: Man bangt um sie und fühlt mit ihr. Egal wie clever der Fall noch gebaut sein mag in den restlichen Folgen, egal wie befriedigend die Auflösung sein wird (Kenner des Romans wissen’s ja eh): Allein die verblüffend mühelose Art und Weise, wie Cuoco diese ständigen Tonfallwechsel vollzieht, lohnt schon das Anschauen. Vermutlich wird sich „The Flight Attendant“, rein an der inhaltlichen Substanz gemessen, nicht zum epochemachenden Prestigedrama aufschwingen – doch für Cuocos erste große Rolle nach „The Big Bang Theory“ ist das genau das Richtige: Sie kann sich nicht an Thesen und Themen verheben – und geht trotzdem einen überzeugenden und durchaus komplexen Schritt weg von Penny.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „The Flight Attendant“.

    Meine Wertung: 4/5

    „The Flight Attendant“ wird seit dem 26. November beim US-Streamingdienst HBO Max veröffentlicht. Eine deutsche Heimat für die Serie ist noch nicht bekannt geworden.

    Trailer (englisch)

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1967) am melden

      @Martina: alleine schon der Trailer hat nicht mein Bedprfnis geweckt, das Ding überhaupt zu gucken!
        hier antworten
      • (geb. 1978) am melden

        Ich habe mich gefragt, wie viel ich von dem Text lesen muss, um bei dem Teil anzukommen, wo es gut wird. Das klingt doch nach einer relativ gewöhnlichen, oft gesehenen Story. Soll das eigentlich emanzipiert sein, wenn man eine Frau als promiskuitive Säuferin darstellt, die jeden nur möglichen Fehler bei der Vertuschung einer Straftat macht? Klingt leider nach der "Blondes Dummchen" Schublade.
          hier antworten
        • (geb. 1976) am melden

          Hm. Von allen TBBT-Darstellenden sehe ich bei Cuoco die geringste Festlegung auf eine Rolle. Dazu war sie als Figur zu banal und austauschbar. Alle anderen hatten ja ihr gewissen Freak-Level. Sie war bestenfalls das Mädchen-von-Nebenan. Von da aus was anderes zu machen ist sicher leichter als die sechs anderen Hauptdarstellenden.
            hier antworten

          weitere Meldungen