„Tales from the Loop“: Eine Serie wie bedeutungsvolles Schweigen – Review

    Elegische Gedankenspiele über fantastische Möglichkeiten

    Rezension von Marcus Kirzynowski – 08.04.2020, 17:30 Uhr

    „Tales from the Loop“: Enkel Cole (Duncan Joiner, l.) mit Großvater Russ (Jonathan Pryce) und mysteriösem Schrott

    Die Grundschülerin Loretta (Abby Ryder Fortson) will nach der Schule ihre Mutter von der Arbeit abholen. Vergeblich wartet sie, ihre mit Bestnote bewertete Mathearbeit in der Hand, vor dem Tor des Loop, eines unterirdischen Forschungslabors. Ihre Mutter ist nicht unter den herauskommenden Angestellten. Verängstigt zieht das Mädchen durch den winterlich eingeschneiten Wald, wo sie erst einen geheimnisvollen schwarzen Gegenstand findet, wo zuvor das Haus der Familie stand, und dann einen gleichaltrigen Jungen namens Cole (Duncan Joiner) trifft, der versucht, ihr zu helfen. Gemeinsam fragen sie den Pförtner des Loop nach Lorettas Mutter, der ihr sagt, eine Frau mit dem Namen arbeite dort nicht. Der Name kommt ihm aber trotzdem bekannt vor … 

    Eine Serie zum Roman, zum Film, zum Comic ist schon lange nichts ungewöhnliches mehr. „Tales from the Loop“, die neue Produktion aus den Amazon Studios, hat jedoch eine ungewöhnliche Inspirationsquelle: Gemälde. Der schwedische Künstler Simon Stålenhag verbindet in seinen Werken realistische Landschaften mit retrofuturistischen Maschinen und Gebäuden. Sein Bildband gleichen Titels inspirierte bereits ein Rollenspiel – und nun also eine ganze TV-Serie. Die wirkt aber leider über weite Strecken ähnlich handlungsarm wie ein Kunstbuch. Das Format der achtteiligen, komplett von Nathaniel Halpern geschriebenen Staffel erinnert an eine Anthologieserie alten Schlags wie etwa Twilight Zone: Jede Folge erzählt eine abgeschlossene Geschichte mit wechselnden Hauptfiguren, wobei hier allerdings einige Figuren einen festen Kern des Ensembles bilden, vor allem die Familie Lorettas. Jonathan Pryce („Game of Thrones“) nimmt dabei als Leiter des Loop eine Art Erzählerrolle ein, weitere Stammfiguren spielen unter anderen Rebecca Hall („Parade’s End – Der letzte Gentleman“) und Paul Schneider („Parks and Recreation“).

    Handlungsort ist jeweils die typisch amerikanische Kleinstadt, die seltsam zeitlos wirkt. Mobilar und örtliches Kinoprogramm (Ingmar Bergmans „Die Zeit mit Monika“) lassen an die 1950er Jahre denken, es wundert sich aber keiner der Einwohner über die haushohen Roboter, die einfach im Wald rumstehen. Es scheint sich um eine Welt mit alternativem Geschichtsverlauf zu handeln, in der durch einen stärkeren Fokus auf Wissenschaft bestimmte technische Entwicklungen eine rasante Beschleunigung genommen haben. Wirklich erklärt wird aber zumindest in den ersten Folgen nichts – auch nicht, was die eigentliche Handlung angeht.

    Prime Video

    So trifft die kleine Loretta in der Auftaktfolge irgendwann sich selbst als erwachsene Frau. Es scheint also eine Zeitreise in irgendeiner Form gegeben zu haben. Jedoch hat weder der Zuschauer noch das Mädchen selbst gemerkt, dass sich die Welt um sie herum geändert hätte. Es müssten ja mindestens 30 Jahre vergangen sein und die Kleinstadt entsprechend anders aussehen. Warum dies nicht so ist, bleibt ebenso unklar, wie es auch keine Erklärung für die Zeitreise selbst gibt. So bleibt man trotz des interessanten Ansatzes nach der knapp einstündigen Laufzeit unbefriedigt zurück.

    Loretta (Abby Ryder Fortson, l.) und Cole (Duncan Joiner) gehen auf der Suche nach Lorettas Mutter jedem Hinweis nach, auch dem winterlichen knacken des Holzstegs. Prime Video

    Nicht viel anders in der zweiten Episode: Zwei jugendliche Freunde, finden im Wald eine Art „Raumkapsel“. Als der schüchterne, aber intelligente Jakob (Daniel Zolghadri) hineinkriecht, tauscht er mit dem selbstbewussten, sportlichen Danny (Tyler Barnhardt), der aber schlecht in der Schule ist, den Körper. Nachdem die beiden ungleichen Freunde ausprobiert haben, dass sich die Transformation problemlos rückgängig machen lässt, beschließen sie, einen Tag im Körper des jeweils Anderen zu verbringen. Jakob erkennt in Dannys Rolle, dass das Leben des Freundes gar nicht so sorglos ist, wie er dachte, während sich Danny in Jakobs Körper zunehmend wohl fühlt … Auch diesmal wird nicht erklärt, wie der Körpertausch möglich war.

    Mit Science Fiction hat die Serie also weniger zu tun, da sie sich jeder wissenschaftlichen Erklärung verweigert. Eher erinnert das Ganze an eine Reihe von Gedankenexperimenten à la was wäre, wenn …  Die Ausgangssituationen sind dabei für sich genommen durchaus interessant, die Ausführung kränkelt dann allerdings an der extrem elegischen Erzählweise, gegen die etwa „Mad Men“ fast wie eine Actionserie wirkt. Die wenige Handlung wird extrem gedehnt, es wird viel und bedeutungsvoll geschwiegen und die immer wieder eingesetzte repetitive Score-Musik von Philip Glass lässt einen manchmal denken, man sehe gerade einen Bericht im „Weltspiegel“. Von den angeblich so faszinierenden Maschinen des Simon Stålenhag ist zudem gar nicht allzu viel zu sehen.

    Insgesamt machen die ersten beiden Episoden den Eindruck, die Macher hätten zwar gute Ideen für philosophische Fragestellungen gehabt, aber keinen richtigen Ansatz, diese auch in spannende Geschichten zu verpacken. Unmögliche Dinge sind möglich, weil in dieser Welt eben alles möglich ist ist jedenfalls selbst als Konzept für eine fantastische Serie zu wenig. Vielleicht ist es doch keine so gute Idee, eine ganze Serie auf einem Bildband aufzubauen.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten beiden Episoden der Serie „Tales from the Loop“.

    Meine Wertung: 3/5

    Prime Video hat die achtteilige erste Staffel von „Tales from the Loop“ Anfang April 2020 weltweit veröffentlicht, in Deutschland auch in Synchronfassung.

    Trailer zu „Tales from the Loop“ (englisch)

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1985) am melden

      ... habe die Serie in einem Zug also 4 Tagen geschaut, Folge für Folge muss man für sich selbst bewerten, ich habe die Ruhe und den Frieden teilweise sehr genossen ...
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