„Snowpiercer“: Dystopische Sci-Fi-Serie nach Filmvorlage droht stecken zu bleiben – Review

    Jennifer Connolly in weniger überdrehter Version der Zugparabel

    Rezension von Marcus Kirzynowski – 28.05.2020, 09:55 Uhr

    Gegensatzpaar: Jennifer Connelly als Melanie Cavill und Daveed Diggs als Andre Layton in „Snowpiercer“

    Die Klimakatastrophe müssten wir eigentlich schon längst hinter uns haben. Zumindest, wenn man der Prämisse von „Snowpiercer“ folgt: Die neue Netflix-Serie – ursprünglich für den US-Kabelsender TNT produziert – spielt im Jahr 2021, sieben Jahre nach dem Beginn einer neuen Eiszeit. Die haben Wissenschaftler versehentlich ausgelöst, beim Versuch, die globale Erwärmung zu stoppen. Die Folgen waren verheerender als die, die man bekämpfen wollte: Durch die extreme Abkühlung ist die Erde unbewohnbar geworden, lediglich ein paar Tausend Menschen haben überlebt – an Bord eines Zuges, der gleich eines perpetuum mobile pausenlos im Kreis fährt. Wenn Ihnen diese Prämisse bekannt vorkommt, haben Sie wahrscheinlich den gleichnamigen Film des diesjährigen Oscar-Preisträgers Bong Joon-ho (für „Parasite“) gesehen, der 2013 in die Kinos kam. Offiziell ist die „Snowpiercer“-Serie ein Reboot des Films (Bong dient wie sein südkoreanischer Regisseurskollege Park Chan-wook als Executive Producer) und basiert wie schon die Kinoversion auf dem französischen Comicroman „Schneekreuzer“ von 1982 (deutsch bei Jacoby & Stuart). Es handelt sich allerdings um eine eigenständige Ausgestaltung der Grundidee mit neu kreierten Figuren.

    Wie in Comic und Film ist der Schneekreuzer-Zug ein Mikrokosmos, der in seinen Hunderten von Waggons eine komplett ausdifferenzierte Gesellschaft beherbergt. Da sind die Angehörigen der Elite, die in den vorderen Waggons der ersten Klasse ein luxuriöses und trotz der äußeren Umstände weitgehend sorgenfreies Leben führen. In der zweiten und dritten Klasse werden die Lebensbedingungen zunehmend härter und am Ende des Zuges, im sogenannten Tail (wörtlich: Schwanz) vegetieren die Ausgestoßenen zusammengepfercht vor sich hin wie in der dystopischen Version eines Obdachlosenheims. Bei ihnen handelt es sich um Blinde Passagiere, die sich vor der Abfahrt des Zuges ohne Fahrkarten Zutritt verschafft haben. Sie werden vom Management des Zuges mit seinem Sicherheitsdienst streng reglementiert und dürfen die hintersten Waggons nicht verlassen – es sei denn, eines ihrer Kinder wird bei den seltenen Schullotterien ausgelost, in die vorderen Klassen aufgenommen zu werden. In und zwischen den verschiedenen Klassen findet sich im Kleinen alles, was es im Großen auch vor der Katastrophe gab: Luxusrestaurants und frivole Nachtclubs in der ersten Klasse, Gemüsefarmen und Rinderwaggons, Krankenstationen und Klassenzimmer. Und ganz vorne, nur für die Allerwenigsten zugängig, sitzen im Triebwagen diejenigen, die im Wortsinne die Geschicke der Restmenschheit lenken.

    Im Film war es Tilda Swinton, die als Ministerin und Stellvertreterin des Zugbauers und Oberführers Mr. Wilford tyrannisch und von der übertriebenen Maske zur Kenntlichkeit verzerrt über das Volk herrschte. In der TV-Fassung übernimmt Jennifer Connelly („Hulk“, „A Beautiful Mind“) die Führungsrolle als Leiterin des Kundenservice und „Stimme des Zugs“, die die täglichen Durchsagen über die Lautsprecheranlage macht. Ihre Figur ist wesentlich differenzierter angelegt als die Swintons, wechselt diese Melanie Cavill doch ständig zwischen verbindlicher Freundlichkeit und kompromissloser Härte. Dass sie in Wahrheit eine viel wichtigere Rolle spielt, als sie nach außen hin vorgibt, wird am Ende der Auftaktfolge klar. Quasi exemplarisch fürs entgegengesetzte Ende der in die Waagerechte verlagerten Gesellschaftspyramide steht Andre Layton (Daveed Diggs), ein dreadlockiger Bewohner des Tails. Die Tatsache, dass er vor der Katastrophe Ermittler bei der Mordkommission war, verhilft ihm zu einem unerwarteten und zunächst eher widerwillig angetretenen „Urlaub“ vom Elend: Cavill rekrutiert ihn, um die Ermittlungen in einer Mordserie zu übernehmen, die die erste Klasse heimsucht, ist er doch der Einzige an Bord mit entsprechenden Erfahrungen. Gemeinsam mit der taffen Bess Till (Mickey Sumner) vom Sicherheitsdienst macht er sich auf die Suche nach Spuren, während er heimlich als Spion versucht, seinen im Tail zurückgelassenen Schicksalsgenossen zur „Flucht nach vorne“ und damit zur Revolution über ihre Unterdrücker zu verhelfen.

    Der Kontakt der vorderen Zugteile mit dem „Tail“ erfolgt immer unter paramilitärischer Bedeckung. TNT

    Viel Stoff also für eine Staffel (die zweite ist allerdings schon bestellt): gesellschaftliche Dystopie, Klassenkampf und mittendrin noch eine Kriminalgeschichte. Letztere ist in den ersten Folgen das überflüssigste Element, wird aber wohl noch größere Entwicklungen auslösen. Wesentlich interessanter ist das Gesellschaftspanorama im Miniaturformat, das Graeme Manson („Orphan Black“) sowie als Autor der zweiten Episode Donald Joh auffächern – das war auch an der Filmfassung schon das Faszinierendste (vom ersten Serienentwurf von „Terminator: Sarah Connor Chronicles“-Schöpfer Josh Friedman soll sich die aktuelle Serie komplett entfernt haben).

    Da sind die harten Szenen im Tail, wo Menschen Suizid begehen und Aufständige brutal bestraft werden, auf der anderen Seite Einblicke in den luxuriösen Alltag der Oberschicht, die angesichts der allgegenwärtigen existentiellen Bedrohung fast satirisch wirken. Allerdings deutlich zurückgenommen gegenüber der Filmfassung, wo das ausschweifende Leben zur Groteske verkam. Insgesamt ist der ganze Stil der Serie trotz der im Grunde unglaubwürdigen Prämisse wesentlich realistischer als der der Kinoversion. Auch der Wechsel zwischen Actionszenen und ruhigeren Sequenzen wirkt viel organischer als im Film, der sich nie richtig entscheiden konnte, ob er ein ernstzunehmendes Sci-Fi-Drama, eine überdrehte Sozialsatire oder doch hauptsächlich ein Actionkracher sein wollte. Natürlich kann sich eine auf mehrere Staffeln angelegte TV-Serie aber auch viel mehr Zeit lassen, eine Welt zu entwerfen und in dieser ihre Geschichte(n) zu erzählen.

    Melanie Cavill (Jennifer Connelly) leitet diplomatisch die Geschicke unter den Passagieren – auch zwischen dem Chef der eher an „Mall-Cops“ erinnernden „Bordpolizei“ (Mike O’Malley) und dem zunächst unkooperativen Ex-Cop Andre Layton (Daveed Diggs). TNT

    Den ersten beiden Episoden gelingt es allerdings nicht besonders gut, das große Figurenensemble zu etablieren. Zu viele Charaktere huschen zu kurz vorbei, als dass sie bleibenden Eindruck hinterlassen könnten. Neben Cavill und Layton gelingt das (in geringerem Maße) nur Till sowie der von Katie McGuinness gespielten Josie Wellstead, einer der Bewohnerinnen des Tail, die ebenso stark wie einfühlsam rüberkommt. Was nun aber die ganzen weiteren Passagiere und Zugmitarbeiter charakterlich auszeichnet und wer genau welche Position innehat, wird noch nicht klar. Die technische Seite ist – wie öfter bei TNT-Produktionen – ebenfalls unausgegoren: Kann die Ausstattung der verschiedensten Waggons durchaus überzeugen, sehen die wenigen Bilder von außerhalb des Zuges leider aus wie schnell am Computer zusammengebastelt.

    Nach zwei Episoden kann man noch nicht so recht erkennen, wohin die Reise gehen wird. Einerseits hat „Snowpiercer“ eine faszinierende Ausgangssituation und ein großes Arsenal an potentiell interessanten Figuren. Andererseits könnte das Ganze aber auch schnell zwischen Überambition und Budgetmangel steckenbleiben. Und dann könnte wohl kein noch so starker Schneekreuzer den Weg wieder frei schaufeln.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten beiden Episoden der Serie „Snowpiercer“.

    Meine Wertung: 3,5/5

    „Snowpiercer“ feiert seit dem 17. Mai in den USA Weltpremiere, die Deutschlandpremiere besorgt ab dem 25. Mai Netflix.

    Trailer zu „Snowpiercer“ (OmU)

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

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      Den Film "Snowpiercer" finde ich sehr gut.

      Bei der ersten Folge der Serie hatte ich Mühe nicht einzuschlafen.
      Ich finde die Serie langweilig und überflüssig.
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        Das Mordopfer in Episode 1 war aus der dritten Klasse.
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