„Reprisal“: Abigail Spencer überstrahlt stylishes Retro-Gangsterdrama – Review

    Film-Noir-Hommage beeindruckt visuell, enttäuscht inhaltlich

    Rezension von Marcus Kirzynowski – 23.12.2019, 17:30 Uhr

    Abigail Spencer in „Reprisal“

    Die Zahl der verschiedenen Streamingdienste wird langsam genauso unübersichtlich wie die der von ihnen produzierten Serien. Während gerade erst mit Disney+ und Apple TV+ zwei neue große Player auch in Europa an den Start gegangen sind, kämpft in den USA auch noch das bereits seit längerem etablierte Hulu mit Netflix und Amazon Prime um Abonnenten und Marktanteile. Ein Pfund, mit dem es wuchern kann, ist der Kritikerliebling „The Handmaid’s Tale“. Doch der Dienst produziert auch weit weniger anspruchsvolle Formate, wie der Neustart „Reprisal“ zeigt, den man eher dem Pulp-Genre zuordnen kann. Dabei muss aber ja trashig nicht gleichbedeutend mit schlecht sein.

    Alle Ingredienzen der von Josh Corbin entwickelten Serie wirken wie schon hundert Mal gesehen: Die von Abigail Spencer („Rectify“, „Timeless“) gespielte Hauptfigur ist eine wunderschöne, gedemütigte und fast getötete Frau, die Jahre später zur rächenden Femme fatale wird – „Kill Bill“ lässt grüßen -, ihr Gegenspieler (und Bruder) der Boss einer kriminellen Motorradgang (Rory Cochrane), der im Hauptberuf einen Stripclub betreibt; dieser heißt zwar nicht Bada Bing oder Titty Twister, ist mit dem Namen Burt’s Bang-a-Rang aber nicht allzu weit davon entfernt. Die Biker sind in erster Linie nicht an Motorsport interessiert, sondern am Drogenhandel, den sie in ihrer Region dominieren, dabei geraten sie natürlich auch mit einer verfeindeten anderen Gang aneinander. Dann gibt es noch Nackttänzerinnen mit großem Herzen und andere junge Frauen, die von bösen Männern gerettet werden müssen.

    So weit, so klischeehaft. Das ist aber eigentlich fast egal, denn die Story ist überhaupt nicht, worauf es Corbin ankommt. Vielmehr ist sie nur ein Vorwand, um eine nostalgisch verklärte Welt in Szene zu setzen, die stilistisch permanent an die 1950er Jahre erinnert, irgendwo zwischen „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ und „Pulp Fiction“. Wie letzterer Kultfilm spielt auch „Reprisal“ in einer nicht so recht einzuordnenden Zeit. Mode, Farben, Autos und Motorräder, die Beliebtheit von Autokinos und Musikboxen sowie die altmodischen technischen Geräte scheinen allesamt der Mitte des vergangenen Jahrhunderts zu entstammen, dann greifen die Figuren aber doch immer wieder zu Mobiltelefonen – jedoch keinen Smartphones, sondern auch schon wieder retro gewordenen Klapphandys. Ästhetisch ist die Serie dabei ziemlich weit vorne (Regie der ersten drei Episoden: Jonathan van Tulleken): Viele Einstellungen sehen fast aus wie gemalt, Neonfarben und Leuchtreklamen tauchen die oft nächtlichen Szenerien in ein sanftes Licht. Das erinnert an die Filme des Dänen Nicolas Winding Refn („Drive“, „The Neon Demon“) oder an David Lynchs „Wild at Heart – Die Geschichte von Sailor und Lula“ (ebenfalls schon eine 50er-Jahre-Hommage). In Folge 3 kommen dann noch Split Screens und (während eines Drogentrips) Animationen dazu. Natürlich ist das alles Style over Substance, aber verdammt gut gemacht.

    Brodelnder Rachevulkan mit Flip-Phone: Abigail Sencer.

    Einen großen Teil zur visuellen Faszination der Serie trägt die Hauptdarstellerin bei, deren Haarfarbe zwischen schwarz und einem Blond, das genauso künstlich wirkt wie die gesamte Bildgestaltung, wechselt. Abigail Spencer ist hier schauspielerisch wesentlich weniger gefordert als bei ihrer vielschichtigen Nebenrolle in „Rectify“, dominiert aber jede Szene, in der sie zu sehen ist. Den Rollentypus der Femme fatale beherrscht sie perfekt, kann sie doch innerhalb von Sekunden von scheinbar hilfsbedürftig auf knallhart und skrupellos umschalten. Unter der Oberfläche ihres glatten, schönen Gesichts scheint immer schon der nächste Gewaltausbruch zu brodeln. Den Grund für diese Gefühlswallungen erfahren wir gleich in der Auftaktsequenz der ersten Folge: Bei ihrem Gangsterbruder in Ungnade gefallen, misshandeln dessen Bikerjünger die junge Katherine und lassen sie schwer verletzt zurück. Doch sie überlebt und wartet die nächsten zehn Jahre lang auf ihre Gelegenheit zur Rache, während sie unter neuem Namen ein bürgerliches Leben als Ehefrau und Kellnerin führt. Als ihr älterer und vermögender Gatte stirbt, sieht sie ihre Chance endlich gekommen.

    Joel (Rodrigo Santoro) und seine Biker von den Banished Brawlers,

    Gleichzeitig führen uns die ersten Folgen anhand eines jungen Rekruten (Mena Massoud) in die Welt der Bikergang ein, deren raue Sitten und fragwürdigen Ehrenkodex wir allerdings schon aus zahlreichen anderen Serien und Filmen kennen. Dabei krankt die Charakterisierung ziemlich daran, dass alle Biker obercool sein wollen und ständig Sprüche auf ihren dicken Lippen haben, die auch einem Tarantino-Film entsprungen sein könnten. Ein anderes Problem der Serie ist das Tempo, das sich meist anfühlt, als fahre man mit gezogener Handbremse. Natürlich passt das zum Genre des Film Noir, das sich ja noch nie durch eine rasante Erzählweise auszeichnete. Bei Laufzeiten von bis zu einer Stunde pro Folge wird es zwischendurch aber doch ziemlich zäh. Ach ja, Ron Perlman ist auch noch mit dabei. Er wirkt in seiner Rolle als Ober-Mobster so, als habe er nach dem Ende von „StartUp“ nicht nur seinen Ohrring, sondern auch seinen ganzen Habitus des arroganten Unternehmensbosses einfach ins nächste Engagement mitgenommen.

    Joel (Rodrigo Santoro) bei seinem Job im Bang-a-Rang.

    Insgesamt ist „Reprisal“ sicher keine Serie für jeden und jede. Inhaltlich weit entfernt von Hulus Qualitätsserien, zu denen man auch das Sektendrama „The Path“ rechnen muss, spricht es eher Serienfans an, die Wert auf das Visuelle legen. Eine Emmy-Nominierung als bestaussehende Serie des Jahres hätte sie eindeutig verdient. Wer Pulp- und Film-Noir-Hommagen mag, wird vielleicht auch über die wenig originelle Kombination bekannter Elemente hinwegsehen können. Allen anderen wird das langsame Voranschreiten der stereotypen Geschichte wohl schnell zu viel werden.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten drei Episoden der Serie „Reprisal“.

    Meine Wertung: 3/5

    © Alle Bilder: Hulu

    Der amerikanische Streaming-Dienst Hulu hat die komplette, zehnteilige Staffel von „Reprisal“ Anfang Dezember 2019 veröffentlicht. Eine deutsche Heimat ist bisher nicht bekannt geworden.

    Trailer zu „Reprisal“

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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