„Picnic at Hanging Rock“: Aufwendige Neuverfilmung des australischen Kultromans

    „Game of Thrones“-Star Natalie Dormer ist der Fixpunkt dieses überwiegend schrillen Updates der berühmten Kinofassung von 1975

    "Picnic at Hanging Rock": Aufwendige Neuverfilmung des australischen Kultromans – "Game of Thrones"-Star Natalie Dormer ist der Fixpunkt dieses überwiegend schrillen Updates der berühmten Kinofassung von 1975 – Bild: FremantleMedia/Ben Kink
    „Picnic at Hanging Rock“: (v.l.) Samara Weaving (Irma Leopold), Marion Quade (Madeleine Madden), Mrs. Appleyard (Natalie Dormer) und Miranda Reid (Lily Sullivan)

    Peter Weirs „Picnic at Hanging Rock“ (deutscher Titel: „Picknick am Valentinstag“) aus dem Jahr 1975 ist aus zweierlei Gründen ein Film, den man gesehen haben sollte: erstens, weil es sich dabei um eine mustergültig gelungene Literaturverfilmung handelt, zweitens, weil Weir mit diesem Film das damals aufstrebende australische Kino erstmals weltweit bekannt machte: „Picknick am Valentinstag“ ist ein absoluter Klassiker, genauso wie der dem Film zugrunde liegende Roman von Joan Lindsay aus dem Jahr 1967.

    Beide erzählen betont vage von einem mysteriösen Vorfall, den viele später fälschlicherweise für historisch gehalten haben: Am Valentinstag des Jahres 1900, also zu einer Zeit, als es den australischen Staat noch gar nicht gab, verschwinden während eines Picknickausflugs zum Felsenmonument Hanging Rock nordwestlich von Melbourne drei Schülerinnen und eine Lehrerin des Mädchenpensionats Appleyard College. Der Fall sorgt für Aufsehen und zieht schlechte PR sowie mehrere Suizide nach sich, doch die Verschwundenen werden nie gefunden. So enden Roman und Film. Weir verstand es meisterhaft, die traumartige Atmosphäre des Buchs für seine gemächliche Leinwand-Adaption in gülden-milchige Weichzeichnerbilder umzusetzen, in denen die zentralen Themen dennoch klar zum Vorschein kommen: das unterdrückte sexuelle Erwachen der halbwüchsigen Schülerinnen sowie der Zusammenprall der aus England importierten viktorianischen Kultur samt ihrer blütenweißen Gewänder und gestrengen Sitten mit den jahrtausendealten Mythen der kolonisierten Aborigines. Der Hanging Rock, jene in schroffen Spitzen emporragende Felsformation aus vulkanischem Gestein, stand seit jeher unter der Obhut der dort lebenden Wurundjeri-Stämme und hat, sagen jene, magische Kräfte. Wurden die Mädchen vielleicht in Tiere verwandelt, verschmolzen sie mit dem Gestein? Ein inoffizielles Schlusskapitel aus Lindsays Roman spielte mit diesen Möglichkeiten; im Film gab es nur leise Andeutungen.

    Weirs Film lässt auch nach 43 Jahren keine Wünsche offen. Stellt sich die Frage, ob es eine gute Idee war, sich trotzdem an eine Neuverfilmung zu wagen. Getraut hat sich das nun der australische Pay-TV-Sender FoxTel, der den alten Stoff aus dezidiert weiblichem Blickwinkel neu aufzieht, als sechsteilige Miniserie, geschrieben und (größtenteils) inszeniert von Frauen. Womöglich soll „Picnic at Hanging Rock“ also fürs australische Serienwesen das werden, was die Filmfassung fürs australische Kino war: eine Initialzündung. Es passt jedenfalls in die Serien-Landschaft in Down Under, in der zuletzt vor allem Frauen den Ton angaben („Top of the Lake“, „Wentworth“) – und es passt auch zum Streamingdienst der Deutschen Telekom, EntertainmentTV, der sich nach „The Handmaid’s Tale“ gleich die nächste Serie über weibliches Empowerment ins Portfolio holt. Dort soll „Picnic“ noch in diesem Jahr zu sehen sein (fernsehserien.de berichtete).

    Was die kinoerfahrenen Beatrix Christian (Autorin, „Jindabyne – Irgendwo in Australien“) und Larysa Kondracki (Regisseurin, „Whistleblower – In gefährlicher Mission“), die die ersten drei Episoden inszenierte, vorhatten, lässt sich anhand der ersten beiden, auf der Berlinale vorgeführten Folgen gut überprüfen: Sie wollten die Story möglichst anders erzählen, in Tonfall, Style und Schwerpunktsetzung möglichst weit weg von der Weir-Fassung. Es scheint so, als richtete sich das Ergebnis ganz speziell an junge Zuschauer, die weder den Filmklassiker noch den Lindsays-Roman kennen. Das äußert sich in einem wesentlich rasanteren Erzähltempo sowie in einer wilden Kombi aus extrovertierter Kamera-Arbeit und flamboyantem Dekor; da kippen die Bilder immer wieder in Schräglage, der Soundtrack pulst und wummert elektronisch die Spannungsmomente entlang, es wird mit viel Zeitlupe gearbeitet, und auch das Schauspiel speziell der beiden bekanntesten Darstellerinnen im Cast grenzt ans Karikatureske: Natalie Dormer (Margaery Tyrell aus „Game of Thrones“) und Yael Stone (Lorna Morello aus „Orange is the New Black“) grimassieren in ihren Lehrerinnenrollen um die Wette, ganz so, als würden sie in Hogwarts unterrichten oder durch irgendwelche Tim-Burton-Filme irrlichtern oder es mit Neil Patrick Harris in „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ aufnehmen. Das ist oft ziemlich lustig – man muss das aber mögen. Im Laufe der zwei ersten Folgen schrammt es bisweilen haarscharf am Nervtötenden vorbei – und es bleibt fürs Erste offen, ob das über sechs Folgen trägt.

    Natlie Dormer spielt Mrs. Appleyard in „Picknick at Hanging Rock“

    Dormer spielt Mrs. Appleyard, die Leiterin de Mädchenpensionats, das sie selbst eingangs in einem riesigen Anwesen vor den Toren von Melbourne eröffnet. Anders als im Film steht Appleyard im Zentrum des Geschehens, viel mehr als dort wird sie mit einer zwielichtigen Vorgeschichte versehen, die mittels Flashbacks nach und nach aufgedeckt wird: Ist die Institutsleiterin mit den strengen Prinzipien (die, kaum alleine, allerdings gern zur harten Flasche greift) in Wahrheit keine prüde Witwe, sondern eine untergetauchte Betrügerin, eine Mörderin gar? Die spitznasige Dormer jedenfalls lässt keinen gehässigen Kommentar, keinen Seitenblick ins Publikum und keinen Satz in falschem Oxford-English aus, um sich verdächtig zu machen.

    Zu Beginn klebt die Kamera minutenlang an Dormers Hinterkopf, ehe sie ihr Gesicht erstmals in den Blick nimmt. Danach wird vorgeskippt und das Leben im dann bereits etablierten College vorgestellt: Unter der Aufsicht von Mrs. Appleyard, der verklemmten Religionslehrerin Dora Lumley (Yael Stone mit falschem Gammelgebiss kaum wiederzuerkennen) sowie der warmherzigen Französischlehrerin Mademoiselle de Poitiers (Lola Bessis) hat sich unter den Schülerinnen eine Hackordnung ausgebildet, die jeder amerikanischen Highschool-Komödie gut zu Gesicht stünde. Da gibt es – neben vielen anderen – Irma Leopold, eine blonde Erbin aus bestem Hause (Samara Weaving); die schnell als Protagonistin herausmodellierte, zauberschöne Miranda Reid (a Star is born: Lily Sullivan) mit ihrer unbändigen Freiheitsliebe, eine junge Frau, die sich zu wehren weiß, und sei es mit der Mistgabel gegen zudringliche Verehrer; da sind das Miranda treu ergebene Waisenmädchen Sara (Inez Curro), die unbeliebte Edith (Ruby Rees) und die illegitime (weil Halb-Aborigine) Richterstochter Marion Quade, gespielt von Madeleine Madden („Ready for this – Die Chance deines Lebens“).

    Marion, Miranda und Irma sind es dann auch, die während des Picknicks am Hanging Rock in Begleitung der Mathelehrerin Miss McCraw (Anna McGahan, „House Husbands“) zu einer spontanen Besteigung des Geisterfelsens aufbrechen – und am Ende der Pilotepisode spurlos verschwinden. Um die drei starken Jungdarstellerinnen nicht zu verschenken (fünf Episoden bleiben zu füllen), tauchen sie alsbald in Rückblenden wieder auf, die die Beziehungsgeflechte am Appleyard College vertiefen.

    Männerparts gibt es da nur am Rande. Am meisten ins Blickfeld gerät noch Harrison Gilbertson als Michael Fitzhubert, Neffe eines reichen College-Gönners. Der junge Mann, der seine Uni in Cambridge infolge eines zunächst nicht genannten Skandals verlassen musste, kreuzt am Valentinstag per Zufall den Weg der später Verschwundenen und entwickelt bald eine Art Obsession, den Fall aufzuklären – assistiert von Albert (James Hoare), dem kernigen Kutscher seines Onkels. Während in der Beziehung von Michael und Albert deutlich homoerotische Untertöne zu erkennen sind, bleiben die anderen Männer zunächst bloße Skizze. Was will der nette Bruder von Dora Lumley? Was ist mit dem Sergeant? Was mit dem Arzt? Und wie hartherzig ist Colonel Fitzhubert (gespielt von Nicholas Hope aus dem Aussie-Kultfilm „Bad Boy Bubby“)?

    Am ehesten an Weirs Film erinnert noch die ausgedehnte, sich somnambul in den Erzählstrom fläzende Picknicksequenz, in der ganz vorlagengetreu die Armbanduhren stehenbleiben und alle von plötzlicher Müdigkeit befallen werden. Der Rest strebt mit entschieden surrealen Horror-Elementen, absurdem Humor und schrillen Einfällen deutlich (und immer auch ein wenig bemüht) weg vom Altbekannten. Kondracki, Christian und Co. haben über sechs Stunden Laufzeit deutlich mehr Zeit und Platz, um der einstmals so vagen Geschichte spannende Doppelböden einzuziehen. Ob das gelingt oder am Ende doch alles eher als typischer Fall von Style over Substance endet, ist vorerst ungewiss – ein launiger Anfang ist allemal gemacht.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „Picnic at Hanging Rock“, die auf der 68. Berlinale im Februar 2018 vorgeführt wurden.

    Meine Wertung: 3,5/5


    © Alle Bilder: FreemantleMedia Australia

    „Picnic at Hanging Rock“ wird am 6. Mai 2018 in Australien seine TV-Premiere feiern. Die deutschen Rechte hat sich der Streamingdienst ErntertainTV Serien der Telekom gesichert. Wann die Serie dort zu sehen sein wird, wurde noch nicht bekannt gegeben.

    Featurette zu einer Aufführung des Serienpiloten in Australien

    30.03.2018, 12:00 Uhr – Gian-Philip Andreas/fernsehserien.de

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • Duncan_Kirkland am 31.03.2018 16:34

      Den Film habe ich mir angesehen, großartig, ist nur schon sehr lange her.

      Kann man sich öfters ansehen.
        hier antworten
      • katja-mai am 30.03.2018 16:12 via tvforen.de

        ... der Film aus den 70ern ist mir im Gedächtnis geblieben. Kommt so unschuldig fast kitschig, weichgezeichnet und mit Panflötenmusik untermalt daher aber hinterläßt doch irgendwie einen verstörenden Eindruck. Ganz subtiler Schauder...
        Die Serie werd ich mir bei Gelegenheit ansehen. Hoffentlich werd ich nicht enttäuscht.

        Ein schönes Beispiel für eine gelungene Neuverfilmung ist die Serie "The handmaids tale" - die Ursprüngliche Verfilmung des Romans aus den 70er war eher schlecht, die Serie mit Elizabeth Moss dagegen packend und wirklich gelungen.
        • matzkap am 30.03.2018 16:32 via tvforen.de

          katja-mai schrieb: ------------------------------------------------------- - die Ursprüngliche Verfilmung des Romans aus den > 70er war eher schlecht, mmh, Du meinst jetzt aber nicht die Verfilmung des Romans "Die Geschichte der Dienerin" von Volker Schlöndorff, oder? Weil die ist von 1990. Gibt es denn noch eine weitere Version aus den 70ern? Anyway, auf die Hanging Rock-Neuverfilmung freue ich mich sehr!!