„Peacemaker“: Die angemessen alberne erste Serie des „DC Extended Universe“ – Review

    Im spaßigen Solo des „Suicide Squad“-Recken gibt John Cena lustvoll den Hanswurst

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 15.01.2022, 20:18 Uhr

    Platzhirsch unter genervten Kollegen: Christopher Smith alias Peacemaker (John Cena) – Bild: HBO Max
    Platzhirsch unter genervten Kollegen: Christopher Smith alias Peacemaker (John Cena)

    DC zieht nach: Wie es die zum Disney-Konzern gehörende Konkurrenz von Marvel schon seit 2013 tut, ergänzt die Comic-Konkurrenz von DC das eigene Filmuniversum nun ebenfalls durch Serien. „Peacemaker“ macht den Anfang – der achtteilige Action-Quatsch knüpft direkt an das letztjährige Kinoabenteuer „The Suicide Squad“ an, als erstes Soloabenteuer eines Titelhelden, der in der Darstellung des Wrestling-Stars John Cena als Trottelversion von Captain America bezeichnet werden kann. Entsprechend albern ist das Ergebnis: Es ist ein Fest für Fans des Regisseurs James Gunn.

    Durch die Welt der DC Comics geistert die Figur Peacemaker schon seit 1966, doch es dauerte 55 Jahre, ehe sie erstmals auf der Leinwand landete. Im Film „The Suicide Squad“, neben „Wonder Woman“ und „Shazam!“ einer der wenigen wirklich sehenswerten Einträge im „DC Extended Universe“, mischte er als tumb-trumpistische Superheldenparodie beim Kampf einer geheimen Task Force um die fiktive Insel Corto Maltese mit. Ein satirisch interessiertes Publikum begeisterte er dabei mit seinem irren Lebensmotto: Ich schätze den Frieden mit meinem ganzen Herzen, egal wie viele Männer, Frauen… und Kinder ich dafür töten muss.

    Peacemaker ist aber nicht nur der schizophrenste Pazifist der Entertainmentgeschichte, sondern auch ein selbstgerechter Egoist, den man als Filmfigur nur ertrug, weil sie erstens von John Cena (der über ein beachtliches komödiantisches Talent verfügt) mit fast liebenswürdigen Riesenbaby-Zügen ausgestattet wurde; weil sie zweitens in ein ganzes „dreckiges Dutzend“ fragwürdiger Anti-Superhelden mit erratischen Verhaltensweisen und justiziablem Background eingruppiert war; und weil der Film drittens von James Gunn geschrieben und inszeniert wurde. Der Regisseur der „Guardians of the Galaxy“-Filme aus dem Marvel Cinematic Universe ging bei der DC-Konkurrenz fremd, nachdem Disney ihn temporär gefeuert hatte – wegen sexistischer Tweets aus den Nullerjahren.

    Bei Marvel ist Gunn (der sich entschuldigte) inzwischen längst zurück an Bord, doch die dysfunktionale Suicide-Squad-Combo ließ ihn, der früher bei der anarchischen Trash-Filmfirma Troma arbeitete, nicht los. Angeblich schrieb er alle acht „Peacemaker“-Folgen letztes Jahr im Corona-Lockdown. Wer sich also bang fragte, ob das entschieden Alberne der Filmfigur Peacemaker auch in Serie funktionieren würde bzw. ob sich der Gag nicht zu schnell totlaufen würde, konnte immerhin dadurch beruhigt werden, dass Gunn die Serie höchstselbst konzipierte und Cena weiterhin in der Titelrolle zu sehen sein würde.

    Krisensitzung: Das „Project Butterfly“ um (v.l.) John (Steve Agee), Emilia (Jennifer Holland), Clemson (Chukwudi Iwuji) und Leota (Danielle Brooks) mit Vigilante (Freddie Stroma) und Peacemaker. HBO Max

    Im Film wurde Peacemaker, der seine Mitsöldner verriet, offenkundig vom Kollegen Bloodsport erschossen – wer aber beim Abspann sitzen blieb, erfuhr, dass Peacemaker die Attacke überlebte. Genau an dieser Stelle beginnt nun die für den Streamingdienst HBO Max produzierte Serie (wer den Film nicht kennt, wird mit einer rasant montierten Zusammenfassung der Geschehnisse aus dem Film auf den aktuellen Stand gebracht). Zu Beginn wird Peacemaker gerade aus dem Krankenhaus entlassen, und ein Gaga-Dialog mit dem Hausmeister (Rizwan Manji aus „Schitt’s Creek“) liefert erste Hinweise, in welche Richtung es Gunn und Cena hier treiben wollen. Eigentlich müsste Peacemaker, der im echten Leben den bürgerlich-gewöhnlichen Namen Christopher Smith trägt, zurück ins Gefängnis und seine 30-jährige Haftstrafe absitzen, doch da tauchen schon Agenten der geheimen Regierungsorganisation A.R.G.U.S. (Advanced Research Group United Support) auf, die ihn dazu zwingen, bei einem neuen Auftrag als Mann fürs Grobe mitzuwirken: beim „Project Butterfly“. Was genau es damit auf sich hat, erfahren weder Peacemaker noch das Publikum, stattdessen lernen wir erst einmal die Mitglieder dieser buntscheckig-unwahrscheinlichen Truppe kennen, in die der eitle Peacemaker sich einreihen soll.

    Zwei von ihnen waren bereits in „The Suicide Squad“ dabei: Emilia Harcourt (Jennifer Holland), eine brettharte No-Nonsense-Agentin, die Peacemakers Avancen unmissverständlich abschmettert, und der nerdige Computerspezialist John Economos (Steve Agee). Hinzu kommt der Leiter des „Project Butterfly“, Clemson Murn (Chukwudi Iwuji aus „The Split“), der unter dem Oberkommando von Amanda Waller steht (Viola Davis ist mit einem Kurzauftritt per Videoschalte ebenfalls wieder mit von der Partie). Als naiver Neuling ist Leota Adebayo mit im Team. Sie ist Wallers Tochter, was im Team niemand wissen darf. Eigentlich will sie mit ihrer Partnerin möglichst bald ein ganz anderes Leben beginnen, doch erst einmal muss sie sich im Team bewähren. Gespielt wird sie von der zuletzt arg vermissten Danielle Brooks aus „Orange is the New Black“.

    Anbaggern abgeschmettert: Emilia lässt Peacemaker abblitzen. HBO Max

    Es wäre nun eine relativ große Übertreibung zu behaupten, dass der Plot von „Peacemaker“ von entscheidendem Belang wäre. Die ersten Episoden deuten eher darauf hin, dass das Gegenteil der Fall ist: Das „Project Butterfly“ dient allenfalls als Vehikel dafür, den Titel-Antihelden und seine Crew in lauter Situationen geraten zu lassen, die an lustvoller Beknacktheit nichts zu wünschen übrig lassen. Schon am Ende der Pilotepisode gerät Peacemaker an einen „Butterfly“: Eine fluffig frisierte Schöne, die er in einer Bar aufreißt, entpuppt sich als mit übermenschlichen Kräften ausgestattete Assassinin. Bevor sich die beiden einen herzerfrischend stussigen Fight liefern, in dem durch Wände geworfen und Hochhäuser heruntergepurzelt wird und ein Überschallknall für blutige Verhältnisse sorgt, steht Peacemaker nur mit einem weißen Slip bekleidet in der Wohnung dieser Mörderin, blättert begeistert durch deren Hardrock-Schallplattensammlung und singt schaurige Karaoke.

    Diese Sequenz sorgt für zwei Erkenntnisse: Muskelpaket John Cena nimmt tatsächlich keinerlei Gefangene, wenn es darum geht, James Gunns Komik-Konzept mit vollem Körpereinsatz umzusetzen. Und: In Gunns Regie geht die Idee des „DC Extended Universe“ als familienunfreundliche Variante des Marvel-Universums voll auf – sekundäre Geschlechtsmerkmale und Gore inklusive. Der Dude-Humor der „Guardians of the Galaxy“ wird hier durch gelupfte Brüste und blutige Gewalt ergänzt.

    Als wäre Peacemaker als Figur nicht schon abstrus genug, werden ihm zudem noch zwei denkbar unwahrscheinliche Sidekicks hinzugesellt: zunächst ein glatzköpfiger Haustier-Adler namens „Eagly“, CGI-generiert und dem Protagonisten in inniger Liebe zugetan, und dazu noch „Vigilante“, ein sogar noch eitlerer und noch rücksichtsloserer Rächer, der sein Idol Peacemaker fälschlicherweise für seinen besten Freund hält und ihn deshalb permanent stalkt. Als Peacemaker tränenselig feststellt, dass er gar keine anderen Freunde hat, muss er zwangsläufig mit Vigilante vorliebnehmen – und holt ihn sogar für einen flotten Dreier mit ins Bett. Vigilantes Darsteller Freddie Stroma („The Crew“), der die Rolle mitten im Dreh der Staffel von Chris Conrad übernahm, weshalb aufwendig nachgedreht werden musste, taucht in den ersten Folgen ausschließlich maskiert auf – absurd genug.

    Inmitten dieses gagzentrierten, von herrlich schwiemeligem Hard Rock beschallten Quatschkosmos mutet es fast abseitig an, Peacemakers Persönlichkeit und Herkunft ergründen zu wollen, doch genau das versucht James Gunn auch noch. Auf seine Weise. Er lässt Christopher Smiths toxischen Vater Auggie aufmarschieren, der in seinem magischen Hobbykeller Peacemakers Ausrüstung zusammenbastelt, als wäre er James Bonds Q oder Batmans Lucius Fox in der Gestalt eines rassistischen und sexistischen alten Trump-Wählers mit Bürstenschnitt. Robert Patrick, der mit Cena schon im Actionfilm „The Marine“ spielte, macht sich einen genüsslichen Spaß aus dem Porträt dieses weißen Suprematisten im karierten Hemd, lässt aber auch Bedrohlichkeit zu: Als Auggie in der zweiten Episode im Knast landet, wird er von den weißen Insassen mit Heilsgrüßen als „White Dragon“ gefeiert.

    Der Vater als Rechtsextremist: Auggie (Robert Patrick) hält nicht viel von seinem Sohn Chris. HBO Max

    Ob aus dieser Konstellation oder aus all den anderen Storyfragmenten (mit verlässlich guten Gastdarstellern wie Annie Chang aus „Shades of Blue“ oder Lenny Jacobson aus „Nurse Jackie“) tatsächlich ein runder Plot erwachsen kann oder ob das Ganze nur als Abfolge grotesker Actionszenen und (an „Wayne’s World“ oder „Beavis und Butt-Head“ erinnernden) Witzeleien weitergeht, lässt sich nach zwei Episoden nur schwer absehen. Zu vermuten ist, dass Leota eine wichtige Rolle spielen wird, die erkennbar als Peacemakers Gegenfigur angelegt ist. Gut möglich, dass sich die Gags schnell abnutzen; ebenso gut möglich aber auch, dass die Party acht Folgen füllen kann.

    In den ersten beiden Episoden jedenfalls kommt wenig Langeweile auf, was auch daran liegt, dass Gunn (wie schon bei seinen „Guardians“) das Dauerfeuer an infantilem Kerlehumor betont selbstironisch abfedert. Dass Peacemaker als Personifikation vorgestriger Männlichkeitskonzepte durch die Szenen stolziert und dabei allerorten für Cringe-Gefühle sorgt, gehört mit zum Konzept; wie Cena die Figur dabei liebevoll ironisch zeichnet, das ist gekonnt und sorgt für gute Laune – wie übrigens auch der famose Vorspann. Darin sieht man alle Haupt- und einige Nebendarsteller in einer begnadet uninspirierten Choreografie durch einen neonfarben ausgeleuchteten Raum tanzen, ganz so, als befänden sie sich gerade auf der Achtzigerparty einer Vorstadtdisco von Dinslaken. Keine Frage: Es ist die bisher beste Titelsequenz des Superheldenserienwesens!

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden der Serie „Peacemaker“.

    Meine Wertung: 3,5/​5

    Die achtteilige Serie „Peacemaker“ wird aktuell beim Streaming-Dienst HBO Max veröffentlicht. Ob, wann und wo die Serie nach Deutschland kommt, ist noch unbekannt.

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Ich fand The Suicide Squad, welches im Gegensatz zum 2016er Film hochgelobt wurde, einfach nur peinlich/schrecklich. Sauschlechte Gags, null Spannung und eben noch weniger Story als ein Bay Transformers Film.
      Diese Schiene scheint man weiterführen zu wollen.
      Und nein, Marvel macht es nicht besser. Deren Gags haben sich auch abgenutzt und sind einfach nur noch aufdringlich.
      • am

        Eine Serie die wirklich keiner braucht. Schon allein nach The Suicide Squad hatte ich keinen Bock auch noch davon eine Serie zu schauen. Es beweist auch hier, das Marvel es einfach besser macht und DC nie, nie an deren Erfolg rankommen wird.
        • am

          Ja, wenn Sky schon HBO Max verhindert, sollten sie wenigstens zeitgleich die OV-Versionen veröffentlichen
          • am

            Da sie bei HBO Max veröffentlicht werden kann man nur hoffen, dass sie dann (möglichst bald) bei Sky Atlantic laufen werden.

            weitere Meldungen