TV-Kritik „Joko & Klaas gegen ProSieben“: Wenn dein Sender gegen dich ist

    Neue Show bietet gute, aber nicht bahnbrechende Unterhaltung

    Glenn Riedmeier
    Rezension von Glenn Riedmeier – 29.05.2019, 00:08 Uhr

    „Joko & Klaas gegen ProSieben“ – Bild: ProSieben
    „Joko & Klaas gegen ProSieben“

    Zehn Jahre lang duellierte sich das Entertainer-Duo Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf im deutschen Fernsehen. Auf unterschiedlichen Sendern und in unterschiedlichen Formaten stand der ewige Wettkampf zwischen den beiden Kontrahenten im Mittelpunkt. Für ihre neueste Show-Idee haben sie dieses Konzept über den Haufen geworfen – denn nur wenn sie gemeinsame Sache machen, haben sie eine Chance gegen ihren stärksten Gegner: ihren eigenen Arbeitgeber. Und so hieß es am Dienstagabend zum ersten Mal: „Joko & Klaas gegen ProSieben“.

    Die Prämisse: Joko und Klaas werden von ProSieben zum sendungsübergreifenden Kräftemessen herausgefordert. Ihre Gegner und die zugehörigen Aufgaben werden ihnen von ProSieben vorgesetzt. Insgesamt sieben Spielrunden werden gespielt. Während Joko und Klaas in jeder Runde selbst antreten müssen, kann ProSieben jeweils wechselnde Spieler aus dem Senderuniversum ins Rennen schicken.

    Und um was geht es? Im Falle eines Sieges für Joko und Klaas stellt ProSieben dem Duo 15 Minuten Live-Fernsehen zur Verfügung, die sie völlig frei nach ihren Wünschen gestalten können. Dafür erhalten sie jeweils am darauffolgenden Mittwoch den 20.15-Uhr-Sendeplatz – ganz nach alter TV-Manier überreicht in Form eines überdimensionalen Schecks. Sollte allerdings ProSieben die Show gewinnen, müssen sich Joko und Klaas uneingeschränkt in den Dienst ihres Senders stellen – in der ersten Ausgabe müssen sie sich bei einer Niederlage das ProSieben-Logo tätowieren lassen.

    Die Sendung beginnt mit einem epischen Trailer, in dem (wie offenbar unvermeidlich) bereits Vorschaubilder der bevorstehenden Sendung zu sehen sind. Allerdings beweist ProSieben auch Selbstironie, indem das Intro nach nur zwölf Sekunden von einem kurzen Werbeclip unterbrochen wird. Anschließend begrüßt der ehemalige „Schlag den Raab“-Moderator Steven Gätjen die Zuschauer, der für die neue Show an seine frühere Wirkungsstätte zurückgekehrt ist. Er kündigt die „früheste Samstagabendshow der Woche – an einem Dienstag“ an (Gätjen selbst war übrigens an einem Dienstag auf ProSieben zuletzt 2001 in „Speed – Time is Money“ zu sehen, die Älteren erinnern sich).

    Joko und Klaas im Quiz gegen Viviane Geppert und Thomas Hayo ProSieben
    Joko und Klaas im Quiz gegen Viviane Geppert und Thomas Hayo ProSieben

    Das Studio wirkt frisch, modern und integriert das Senderdesign auf clevere Weise. Ein Teil des Publikums sitzt in roter bzw. schwarzer Kleidung im Studio und formt so die rote ProSieben-Ikone auf schwarzem Grund. Auf den Studioboden werden passend zum jeweiligen Spiel Animationen eingeblendet, zudem erklingen an den unterschiedlichsten Stellen die vertrauten ProSieben-Soundeffekte.

    Nachdem Joko und Klaas das Studio betreten haben, geht es auch schon los mit der ersten Spielrunde: In der „90 Grad Darts WM“ gilt es, auf dem Boden liegend Pfeile auf eine Dartsscheibe in die Höhe zu werfen. Joko und Klaas treten gegen den professionellen Dartsspieler Martin Schindler an, während Elmar Paulke kommentiert. Unmittelbar stellen sich „Schlag den Star“-Gefühle ein, denn das Spiel hätte genauso gut auch dort stattfinden können.

    Im zweiten Spiel haben Joko und Klaas keine menschlichen Gegner, sondern spielen gegen die Zeit. In „Sir Zappelot“ erhalten die beiden Schrittzähler an ihre Arme und müssen in drei Durchgängen innerhalb von 60 Sekunden auf eine bestimmte Schrittzahl kommen – und das, während sie eine kleine Schauspielszene zum Besten geben müssen. Hier sind Joko und Klaas in ihrem Element – und es kommt zu urkomischen Bildern, wenn sich das Komikerduo abmüht und verrenkt.

    Joko und Klaas besteigen den Berliner Funkturm. ProSieben
    Joko und Klaas besteigen den Berliner Funkturm. ProSieben

    Das dritte Spiel ist voraufgezeichnet und wird als Einspielfilm präsentiert – erneut stellen sich Joko und Klaas einer Herausforderung ohne Gegner: Sie sollen den Berliner Funkturm hochsteigen – was sich bei Joko dank dessen Höhenangst als schwieriger entpuppt als gedacht. Er quengelt, will nicht weitergehen und treibt Klaas allmählich in den Wahnsinn. Geboten werden typisch dramatische Szenen, wie man sie etwa aus dem „Duell um die Welt“ kennt. Zu welchem Prozentsatz dies nun authentisch oder inszeniert ist, sei mal dahingestellt.

    Im weiteren Verlauf des Abends treten Joko und Klaas noch gegen die Sportler Mario Basler und Joey Kelly in einem Haushaltsgegenstände-Weitwurfspiel an. Darin gilt es etwa, eine Küchenrolle aus möglichst großer Entfernung in einen Einkaufswagen zu werfen. Gegen „taff“-Moderatorin Viviane Geppert und Ex–„GNTM“-Juror Thomas Hayo gilt es, in einem Multiple-Choice-Quiz mit Fachwissen über „Germany’s Next Topmodel“ zu punkten.

    Das unterhaltsamste Spiel des Abends ist allerdings „Der menschliche Lappen“, für das Joko und Klaas das Studio verlassen und sich draußen vor einem Haufen Matsch und Müll wiederfinden. Joko hängt in einem Lappen-Kostüm an einem Kran, der von Klaas gesteuert wird. Es gilt, den Müll freizuräumen, um eine einfache Rechenaufgabe freizulegen, die sich unter dem Haufen befindet. Als menschlicher Lappen wird Joko zunächst in Putzmittel getunkt und anschließend per Kran über den Müllhaufen gesteuert. Wie er keuchend und fluchend in dem Kostüm am Kran hängt – das sind Bilder, die man so schnell nicht vergisst und regelrechtes „Wetten, dass..?“-Außenwetten-Feeling aufkommen lassen.

    Joko als menschlicher Lappen. ProSieben
    Joko als menschlicher Lappen. ProSieben

    Es bleibt festzuhalten: „Joko & Klaas gegen ProSieben“ ist eine solide Unterhaltungsshow – das Rad wird allerdings nicht neu erfunden. Echte Anarchie sucht man vergeblich. Stattdessen werden altbekannte Zutaten anderer Joko-und-Klaas-Formate neu zusammengemischt. Je nach Spiel ist das mal mehr, mal weniger gelungen. Voraufgezeichnete Runden als Einspielfilm wirken in dem Format generell unpassend. Teilweise erscheint das Spielprinzip zudem willkürlich, da Joko und Klaas mal im direkten Duell gegen andere Promis antreten und mal alleine gegen die Zeit. Selbst das Finalspiel – basierend auf einem Running Gag aus „Scrubs“ – bestreitet das Duo im Alleingang.

    So richtig will sich das Gefühl, dass Joko und Klass hier gegen einen ganzen Sender antreten, nicht einstellen. Dafür tritt der Sender an sich zu wenig in Erscheinung – es wäre doch beispielsweise reizvoll gewesen, wenn die Belegschaft unterschiedlicher ProSieben-Redaktionen aus Unterföhring in dem einen oder anderen Spiel als Gegner für Joko und Klaas angetreten wäre.

    Hervorzuheben ist die Leistung von Steven Gätjen, dem es scheinbar gut tut, wieder ProSieben-Luft zu atmen. Denn im Gegensatz zu seinen weitgehend kurzlebigen ZDF-Showversuchen wirkt der Moderator in seiner alten Heimat deutlich lockerer und schlagfertiger und verteilt wohldosiert Sticheleien. Wenn „Joko & Klaas gegen ProSieben“ jetzt noch live wäre und nicht aus der Konserve käme – es würde der Spannung enorm dienlich sein, wovon man sich sich erst kürzlich bei „Denn sie wissen nicht, was passiert – Die Jauch-Gottschalk-Schöneberger-Show“ überzeugen konnte.

    Drei weitere Ausgaben von „Joko & Klaas gegen ProSieben“ sind in den kommenden Wochen am Dienstagabend um 20.15 Uhr zu sehen.

    Über den Autor

    Glenn Riedmeier

    Glenn Riedmeier ist Jahrgang ’85 und gehört zu der Generation, die in ihrer Kindheit am Wochenende früh aufgestanden ist, um stundenlang die Cartoonblöcke der Privatsender zu gucken. „Bim Bam Bino“, „Vampy“ und der „Li-La-Launebär“ waren ständige Begleiter zwischen den „Schlümpfen“, „Familie Feuerstein“ und „Bugs Bunny“. Die Leidenschaft für animierte Serien ist bis heute erhalten geblieben, zusätzlich begeistert er sich für Gameshows wie z.B. „Ruck Zuck“ oder „Kaum zu glauben!“. Auch für Realityshows wie den Klassiker „Big Brother“ hat er eine Ader, doch am meisten schlägt sein Herz für Comedyformate wie „Die Harald Schmidt Show“ und „PussyTerror TV“, hält diesbezüglich aber auch die Augen in Österreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten offen. Im Serienbereich begeistern ihn Sitcomklassiker wie „Eine schrecklich nette Familie“ und „Roseanne“, aber auch schräge Mysteryserien wie „Twin Peaks“ und „Orphan Black“. Seit Anfang 2013 ist er bei fernsehserien.de vorrangig für den nationalen Bereich zuständig und schreibt News und TV-Kritiken, führt Interviews und veröffentlicht Specials.

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Roseanne, Gargoyles – Auf den Schwingen der Gerechtigkeit

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