„I Can See Your Voice“: Kann es mehr als eine Musik-Rateshow geben? – Review

    Neue RTL-Show setzt auf bewährte Zutaten

    Rezension von Glenn Riedmeier – 18.08.2020, 22:54 Uhr

    Wer kann wirklich singen und wer nicht?

    Mit „The Masked Singer“ landete ProSieben 2019 den erfolgreichsten Show-Neustart des Jahres. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis auch andere Sender auf den Zug der Musik-Rateshow aufspringen würden – und in den kommenden Monaten gehen im deutschen Fernsehen gleich mehrere ähnlich gestrickte Formate an den Start. Den Anfang macht in dieser Woche RTL mit „I Can See Your Voice“. Es handelt sich hierbei um eine Idee aus Südkorea, von der im Heimatland seit 2015 bereits sieben Staffeln produziert worden sind.

    Das Konzept: Zu Beginn der Show stehen sieben Unbekannte auf der Showbühne, die von sich behaupten, singen zu können. Doch nur ein paar von ihnen sind echte Gesangstalente, während die anderen lediglich bluffen. In mehreren Spielrunden versuchen ein prominenter Musiker und sein Superfan mit Gespür und Menschenkenntnis sowie durch Hinweise, die Spreu vom Weizen zu trennen. In der ersten Ausgabe sind Popsänger Sasha als Musik-Star und Nicole als Fan dabei. Unterstützt werden sie von einem fünfköpfigem Ratepanel, das mit Prominenten aus unterschiedlichen Bereichen der Unterhaltungsbranche besetzt ist. Sie raten mit und geben selbst Tipps ab.

    Sasha, Nicole und Moderator Daniel Hartwich TVNOW/Frank W. Hempel

    Die erste Runde heißt „Der erste Eindruck“. Hier müssen die Prominenten allein basierend auf dem äußeren Erscheinungsbild der Kandidaten einschätzen, wer ein Schwindler sein könnte. Die sieben Teilnehmer tragen markante Outfits und sind mit schillernden Namen versehen: die Bodybuilderin, der Schweizer Stadtmusikant, die Soulsister, der Knochenbrecher, die Dragqueen Angel, der Alleinunterhalter und der Luftgitarrenrocker. Erinnerungen an „The Masked Singer“ werden wach – nicht zum letzten Mal.

    Nachdem Sasha und sein Fan Nicole eine Entscheidung getroffen haben, folgt der erste Moment der Enthüllung. Der Ausgeschiedene muss nun auf der „Bühne der Wahrheit“ performen. Nachdem das Publikum lauthals „Zeig uns deine Stimme!“ gerufen hat, stellt sich heraus: Handelt es sich wirklich um einen Hochstapler oder wurde einem Gesangstalent vorzeitig der Laufpass gegeben?

    RTL/Screenshot

    Die verbliebenen sechs Kandidaten müssen anschließend in Lip-Sync-Runden antreten: Wenn es sich um tatsächliche Gesangstalente handelt, ist ihre echte Stimme zu hören. Wenn es sich um einen Hochstapler handelt, bewegt er oder sie lediglich die Lippen zum Vollplayback. Für das Rateteam, Sasha und Nicole gilt es nun, genau hinzusehen um zu erkennen, ob die Kandidaten wirklich singen. In einer weiteren Runde namens „Fakt oder Fake“ werden Einspielfilme gezeigt, in der sich die Kandidaten mit technisch verfremdeter Stimme näher vorstellen – „The Masked Singer“ lässt grüßen. In der Runde „Kreuzverhör“ darf das Rateteam im „Sag die Wahrheit“-Stil innerhalb kurzer Zeit den Kandidaten so viele Fragen wie möglich stellen. Nach jeder Runde muss eine Entscheidung getroffen werden: Wie einst bei „Geh aufs Ganze!“ oder „Der Preis ist heiß“ beteiligen sich die Zuschauer im Studio sehr lebhaft an dem Spektakel und rufen die Startnummern der Kandidaten rein, von denen sie glauben, dass es sich um Schwindler handelt.

    RTL/Screenshot

    Sasha und sein Fan Nicole haben großes Interesse daran, stets die Bluffer zu enttarnen. Denn der Kandidat, der es am Ende der Show ins Finale schafft, erhält die Ehre, ein Duett mit Sasha zu singen – und nur wenn der übriggebliebene Kandidat tatsächlich ein guter Sänger ist, gewinnt Nicole einen Geldpreis von 10.000 Euro. Wenn sie jedoch auf einen Blender hereingefallen sind, erhält dieser das Geld als Gegenleistung dafür, dass er alle täuschen konnte.

    Mit „I Can See Your Voice“ erfindet RTL das Rad nicht neu. Neben „The Masked Singer“ und „Sag die Wahrheit“ bedient man sich auch an Elementen der früheren Show „Es kann nur E1NEN geben“. Moderator Daniel Hartwich führt gewohnt schlagfertig mit Spitzen an den richtigen Stellen durch die Sendung. Einen Großteil der Sendung nehmen das Kombinieren und der verbale Schlagabtausch des Promi-Panels ein, das mit Reality-Star Evelyn Burdecki, „Let’s Dance“-Juror Jorge González, Entertainer Thomas Hermanns, TV-Koch Tim Mälzer und „Tagesschau“-Moderatorin Judith Rakers bunt besetzt ist. Mit lockeren Sprüchen sorgen sie für gute Stimmung, haben sichtlich Spaß am Raten und spielen sich gegenseitig die Bälle zu. So erfahren die Zuschauer etwa, dass Dschungelqueen Evelyn Burdecki glaubt, dass sich das Zwerchfell im Intimbereich befindet.

    Das Rateteam von „I Can See Your Voice“ TVNOW / Frank W. Hempel

    International wurde „I Can See Your Voice“ bereits in zahlreichen Ländern adaptiert. Das erprobte Prinzip des Rätselratens funktioniert auch in dieser Show. Ähnlich wie die Demaskierung eines Promis bei „The Masked Singer“ sorgen hier die „Magic Moments“, in denen sich herausstellt, ob der jeweilige Kandidat singen kann oder nicht, für Staunen, Verblüffung und Begeisterung. Ob die leider nicht live ausgestrahlte Show allerdings spektakulär genug ist, um ein neuer Dauerbrenner im RTL-Programm zu werden, muss sich erst noch herausstellen. Stellenweise wirkte die Sendung unnötig gestreckt. Auf die Einspielfilm- und Kreuzverhör-Runden könnte etwa getrost verzichtet werden, um die Sendung zu straffen.

    Vorerst werden zwei Ausgaben an zwei aufeinanderfolgenden Tagen als Eventprogrammierung gezeigt. In der zweiten Folge am 19. August versuchen sich Schlagerstar Vanessa Mai und ihr Superfan Picco als Spürnasen. Dass es RTL mit der Ausstrahlung sehr eilig hatte, hängt auch damit zusammen, dass ProSieben im September mit „FameMaker“ eine Show mit einem sehr ähnlichen Konzept zeigen wird (fernsehserien.de berichtete).

    Über den Autor

    Glenn Riedmeier ist Jahrgang ’85 und gehört zu der Generation, die in ihrer Kindheit am Wochenende früh aufgestanden ist, um stundenlang die Cartoonblöcke der Privatsender zu gucken. „Bim Bam Bino“, „Vampy“ und der „Li-La-Launebär“ waren ständige Begleiter zwischen den „Schlümpfen“, „Familie Feuerstein“ und „Bugs Bunny“. Die Leidenschaft für animierte Serien ist bis heute erhalten geblieben, zusätzlich begeistert er sich für Gameshows wie z.B. „Ruck Zuck“ oder „Kaum zu glauben!“. Auch für Realityshows wie den Klassiker „Big Brother“ hat er eine Ader, doch am meisten schlägt sein Herz für Comedyformate wie „Die Harald Schmidt Show“ und „PussyTerror TV“, hält diesbezüglich aber auch die Augen in Österreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten offen. Im Serienbereich begeistern ihn Sitcomklassiker wie „Eine schrecklich nette Familie“ und „Roseanne“, aber auch schräge Mysteryserien wie „Twin Peaks“ und „Orphan Black“. Seit Anfang 2013 ist er bei fernsehserien.de vorrangig für den nationalen Bereich zuständig und schreibt News und TV-Kritiken, führt Interviews und veröffentlicht Specials.

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Roseanne, Gargoyles – Auf den Schwingen der Gerechtigkeit

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1969) am melden

      Wie gern würde ich was Positives schreiben, wie sehr hatte ich auf die zweite Show gehofft, aber RTL ist wie die Konkurrenz von Sat1/Pro7 etc. nur daran interessiert, den aktuellen Trends unter den Jungen und Social Media - Junkies zu huldigen, und ältere und andersdenkende Zuschauer vor den Kopf zu stoßen. Die Gamerin? Muss natürlich gut sein, NoBrainer. Die bayerische Beauty Queen? Natürlich ein Fail. Der ältere Schlagersänger nix, der (peinlich über-karikierte) Rocker natürlich auch eine Luft- und Lachnummer, der so sympathische Hardrocker aber ebenfalls ein Griff ins Klo - der muskelbepackte Stripper ("bloß nicht zu heavy/Hardrock") natürlich supi - peinlicher kann man Zielgruppenbespeichelung nicht betreiben und gleichzeitig ganz viele Personengruppen - die glücklicherweise nicht dem Mainstream entsprechen und jedem dämlichen Modetrend nachlaufen- beleidigen. So eine miese Meinungsmache und Ignoranz weiter Bevölkerungsteile und Verehrung des absoluten hirnlosen Mainstreams/Mainstream-Diktats braucht keiner, schade, aber: Fall für die Tonne für jeden mit ein bisschen Grips und Eigenidentität. Aber wie soll eine Show mit Evelyn Burdecki auch ernstgenommen werden...
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