„Des“: David Tennant fasziniert als Serienkiller mit Biedermannbrille – Review

    Im britischen True-Crime-Dreiteiler verkörpert der „Doctor Who“-Star den Muswell Hill Murderer

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 28.11.2020, 17:30 Uhr

    Ohne Emotion: David Tennant als nekrophiler Serienmörder Dennis Nilsen. – Bild: itv
    Ohne Emotion: David Tennant als nekrophiler Serienmörder Dennis Nilsen.

    Im Februar 1983 wurde die Metropolitan Police in den Nord-Londoner Stadtteil Muswell Hill gerufen: Ein Klempner hatte in einem Abflussrohr menschliche Überreste gefunden. Detective Chief Inspector Peter Jay und seine Kollegen warteten vor Ort auf den Mieter der verdächtigen Dachgeschosswohnung. Dennis Nilsen, 37-jähriger Schotte und Sachbearbeiter im Arbeitsamt Kentish Town, führte die Polizisten schließlich höflich und ohne jeden Widerstand hinauf in seine Wohnung, in der schon der Verwesungsgestank auf das hindeutete, was sich den Entgeisterten dann offenbaren sollte: Nilsen, der sich selbst stets „Des“ nannte, hatte in den fünf Jahren seit 1978 mindestens zwölf junge Männer und Jugendliche, meist drogensüchtig und obdachlos, getötet: Er hatte ihre Leichen anschließend noch längere Zeit in der Wohnung aufbewahrt, ehe er sie zerstückelte, unter den Dielen versteckte oder im Garten verbrannte.

    Nilsen hatte seine Opfer auf der Straße, in Schwulenbars und Soho-Kneipen aufgegabelt, dann auf ein paar Rum-Cola mit nach Hause genommen und dort ermordet. Danach hatte er sie neben sich in einen Sessel gesetzt und ein paar Tage oder auch Wochen mit ihnen zusammen-“gelebt“. Gelegentlich verging er sich an noch an den Leichen, jedoch immer, wie er mit Nachdruck betonte, „ohne Penetration“. In einem Prozess vor dem Crown Court wurde Nilsen schließlich für sechs dieser Morde zu lebenslänglicher Haft verurteilt.

    Dennis Nilsen zählt fraglos zu den krassesten Serienmördern der britischen Kriminalgeschichte, und es war nur eine Frage der Zeit, ehe sich ITV seiner annehmen würde. Das britische Network legt seit zwanzig Jahren in loser Abfolge Miniserien über berüchtigte Killer vor, erinnert sei etwa an das tolle „Appropriate Adult“ (2011) mit Dominic West. Um den Fall „Des“ kümmerten sich nun (für drei Folgen à jeweils 45 Minuten) Regisseur Lewis Arnold und Autor Luke Neal. Arnold hatte zuvor eine Episode der dritten Staffel der Krimiserie „Broadchurch“ inszeniert – und vielleicht deshalb nun deren Star für die Titelrolle gewinnen können: David Tennant. Der schottische Meisterschauspieler kann damit seiner langen Liste markanter Rollen, nach „Doctor Who“, „Marvel’s Jessica Jones“ sowie zuletzt „Good Omens“ und „Deadwater Fell“, ein weiteres Kapitel hinzufügen. Mit über die Stirn hängendem Pony und überdimensionierter Spießerbrille sieht er dem damaligen Nilsen nicht nur optisch ähnlich, er eignet sich auch dessen soziopathisch-emotionslose, bald eitel-narzisstische Art beklemmend perfekt an. Tennants patentiert schottischer Akzent, deutlich ausgeprägter als bei Nilsen, wirkt allerdings fast karikaturesk: Er ist das einzig distanzierende, weil annähernd komische Moment in dieser ansonsten eng an den grausigen Fakten bleibenden Miniserie.

    Maskenpflicht im Verwesungsdunst: DCI Jay (Daniel Mays) verschlägt es den Atem. itv

    Zwei Dinge ist „Des“ allerdings entschieden nicht: ein Whodunit und Exploitation. Erstens beginnen die drei Teile mit dem Abflussrohr-Vorfall und der Enttarnung des Mörders, der die Taten sofort gesteht. Von diesem narrativen Zeitpunkt aus gibt es keine Rückblenden, sprich: Die Taten selbst werden nicht inszeniert, auf Säge- und Schnetzelszenen wie etwa in Fatih Akins „Der goldene Handschuh“ wird komplett verzichtet. Was Freunde härterer Gangarten allerdings nicht abschrecken sollte, denn der Horror, der aus Nilsen/​Tennants nüchternem Referat der Tathergänge erwächst, ist durchaus heftig genug.

    Es geht der Serie also nicht um eine Tätersuche, sondern um das Porträt dieses Mannes, der sich des Unrechts seines Tuns absolut bewusst ist, aber keinerlei Empathie empfindet. Im Gegenteil: Nilsen klagt mit schwer erträglicher Selbstgerechtigkeit die Gesellschaft an, die sich, bevor er selbst eingriff, kaum um die ausgestoßenen jungen Männer gekümmert habe. Der zeitgenössische Hintergrund, die sozial brutalen frühen Thatcher-Jahre in Großbritannien mit ihrer hohen Arbeitslosigkeit, wird denn auch mehrfach angeführt, allerdings auch nicht als Erklärungsmuster bemüht. Nilsen selbst lebte ein gesichertes Leben, er war ein Einzelgänger, aber durchaus in soziale Zusammengänge eingebunden. Zum Beispiel war er gewerkschaftlich engagiert.

    Obwohl „Des“ also True-Crime-untypisch auf die Enttarnung des Täters komplett verzichtet, zentrieren Arnold und Neal das Geschehen sehr geschickt um einen gleich dreifachen Ermittlungsplot herum. Denn um Nilsen erstens des Mordes anklagen zu können – und zwar in möglichst vielen Fällen -, mussten zunächst die Namen der Opfer her. An diese konnte sich der Mörder allerdings (entweder angeblich oder tatsächlich) nicht erinnern. Weil es sich bei den Getöteten fast ausschließlich um junge Outsider, Junkies und Obdachlose handelte, waren sie in der Regel nicht einmal als vermisst gemeldet worden, weshalb es auch keine polizeiliche Suche nach ihnen gegeben hatte. Ein Großteil der ersten und zweiten Episode dreht sich also um die Suche von Detective Chief Inspector Peter Jay (Daniel Mays aus „White Lines“) und seinem Team (darunter Barry Ward aus „Jimmy’s Hall“, Ben Bailey Smith aus „Hunted – Vertraue niemandem“ und Jay Simpson aus „Chernobyl“) nach belastbaren Namen tatsächlicher Opfer. Zweitens geht es in der dritten Episode um ein juristisches Manöver: Nachdem Nilsen sich zuerst völlig offen und kooperativ zeigt, sogar auf einen Anwalt verzichtet, vollzieht der sich alsbald als eitler Narzisst entpuppende Mörder plötzlich eine Kehrtwende. Er plädiert auf „nicht schuldig“ und versucht, der lebenslangen Haft durch den Nachweis mangelnder Zurechnungsfähigkeit zu entgehen – was ihm beinahe gelingt. Jay und Team müssen Wege finden, um die Jury von der vollen Schuldfähigkeit zu überzeugen, die aus Totschlag Mord macht. Am Ende blieb Nilsen bis zu seinem Tod 2018 hinter Gittern.

    Zwei Ermittlungswege: Buchautor Brian Masters (Jason Watkins, l.) und DCI Peter Jay im Dachgeschoss des Männermörders. itv

    Die dritte Form von Ermittlung, die der Plot berücksichtigt, kreist um den Journalisten Brian Masters (Jason Watkins aus „McDonald & Dodds“), der 1985 das Sachbuch „Killing for Company“ über Nilsen schrieb, das der Serie als Grundlage diente. Masters sucht Nilsen immer wieder im Gefängnis auf, um hinter die psychologischen Beweggründe des Serienmörders zu gelangen: Wie er dabei immer mehr aufpassen muss, um nicht der Eitelkeit des Killers zu erliegen und dessen Ruhmsucht aktiv zuzuarbeiten, ist ein zentrales Motiv dieses Handlungsstrangs, und Watkins’ entgeisterte Blicke angesichts der verstiegenen Ansichten seines Gesprächspartners sind absolute Highlights der Serie. (Seitenbemerkung: Der Kniff, den Autor der eigenen Vorlage zum Mit-Gegenstand einer Serie zu machen, tauchte dieses Jahr schon in der famosen HBO-Doku-Serie „I’ll Be Gone in the Dark“ auf, in der es um Michelle McNamaras Enthüllungen über den sogenannten Golden State Killer ging. Ist das schon ein Trend?)

    „Des“ konzentriert sich angesichts der begrenzten Spieldauer von 135 Minuten dankenswerterweise fast komplett auf den Fall. Die private Situation des schwulen Masters und des von seinen Kindern getrennt mit neuer Frau (Faye McKeever aus „A Confession“) zusammenlebenden Jay wird zwar skizziert, aber nicht ausbuchstabiert. Das Interesse gilt Nilsen und der Polizei – es geht um Dinge wie Homophobie, die Nilsen, der selbst Soldat war und auch als Polizist gearbeitet hatte, dafür verantwortlich macht, dass er sich in sein unscheinbares Beamtenleben verabschieden musste. Es geht um die Sparpolitik Thatchers, die unter anderem dazu führt, dass Jays Detectives von den Vorgesetzten (Silas Carson aus „Trust“ und Gerard Horan aus „Detectorists“) gegängelt werden, dass sie am Ende aus Geldgründen die Ermittlungen abbrechen und den Fall schon nach sechs ermittelten Ermordeten vor Gericht bringen müssen (einige Opfer wurden bis heute nicht identifiziert). Es geht am Rande auch um die Sensationslust der Presse (Bronagh Waugh aus „The Fall“ spielt eine Journalistin). Und es geht um den trügerischen Ehrencodex von Scotland Yard: Weil die Polizei der Öffentlichkeit erklären muss, warum der Mörder jahrelang unbeobachtet morden konnte und seine Opfer nicht einmal vermisst wurden, gilt Jay zeitweise als Nestbeschmutzer.

    All dies binden Arnold und Neal in drei knackigen, das Setting der frühen Achtziger mit seinem omnipräsenten Zigarettendunst, den dubiosen Frisuren und beschränkten Telekommunikationsmöglichkeiten perfekt heraufbeschwörenden Episoden ohne jede Länge zusammen: Diese Miniserie ist nicht nur David-Tennant-Fans und True-Crime-Aficionados uneingeschränkt zu empfehlen, sondern generell allen, die avancierte britische Krimikost mit zeitkritischen Untertönen schätzen.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der kompletten Miniserie „Des“.

    Meine Wertung: 4/​5

    Die Miniserie „Des“ wird in Deutschland vom Streamingdienst Starzplay am Sonntag, 29. November 2020 veröffentlicht. Starzplay ist als Channel über Prime Channels, Apple TV+ sowie über eine eigene App verfügbar.

    Trailer zu „Des“ (Synchronfassung)

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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