„Andor“: Untypische „Star Wars“-Serie ohne Jedi und Lichtschwertduelle – Review

    „Rogue One“-Prequel fällt düster und dreckig aus

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 24.09.2022, 18:30 Uhr

    Diego Luna als Cassian Andor – Bild: Lucasfilm Ltd.
    Diego Luna als Cassian Andor

    Was kommt bei einem erfolgreichen Franchise nach dem Prequel, wenn die Verantwortlichen weiterhin auf der Suche nach neuen Geschichten sind? Das Prequel des Prequels, also die Vorgeschichte der Vorgeschichte. So begegnen wir nun also Cassian Andor (Diego Luna) wieder, dem männlichen Helden des Star-Wars-Stories-Films „Rogue One“ von 2016, und zwar fünf Jahre vor der Film-Handlung. Das Galaktische Imperium befindet sich noch im Aufbau, an Wunderwaffen wie den Todesstern ist noch nicht zu denken, aber auch die Rebellion gibt es noch nicht. Andor ist ein kleiner Dieb, der sich auf Randwelten der Galaxis durchschlägt und ein Zyniker, der von Revolutionen nichts hören will. Im Laufe der neuen Serie „Andor“ wird er jedoch zum Mitbegründer der Rebellion und heldenhaften Freiheitskämpfer aufsteigen.

    Nach „Obi-Wan Kenobi“, der Miniserie, in der Ewan McGregor noch einmal in die Kutte des alternden Jedi-Meisters schlüpfen durfte, veröffentlicht der Streamingdienst Disney+ nun also schon die zweite Star-Wars-Serie innerhalb weniger Monate, die zwischen den Kinoepisoden „Star Wars: Episode III – Die Rache der Sith“ und „Star Wars: Episode IV – Eine neue Hoffnung“ angesiedelt ist, also zwischen der sogenannten Prequel- und der Original-Trilogie.

    Dass sich Lucasfilm dabei einer der Figuren aus dem Standalone-Film „Rogue One“ angenommen hat, wirkt zunächst gewagt, ist jener Film bei Fans doch eher umstritten. Schließlich kam er gänzlich ohne Jedi und Lichtschwertduelle aus und erwies sich eher als halbwegs realistischer (Anti-)Kriegsfilm, in dem die HeldInnen am Ende sogar ihr Leben verloren. Taugt ein solcher Stoff nun für einen Serienableger, den man vielleicht eher als schnellen Unterhaltungshappen am Feierabend konsumieren möchte?

    Den düsteren Look des Films behält die Serie jedenfalls von Beginn an bei, wenn Cassian im Vergnügungsviertel des Industrieplaneten Morlana One nach seiner verschollenen Schwester sucht. Ein Bordell ist im Star-Wars-Universum auch mal was Neues. Statt auf seine Schwester stößt er allerdings auf zwei korrupte Beamte des planetaren Sicherheitsdienstes, die er zwar zur Strecke bringen kann, was aber die Behörde auf ihn aufmerksam macht. Dass sich „Andor“ vom herkömmlichen „Star Wars“ absetzen will, wird deutlich, wenn Cassian den wehrlosen zweiten Sicherheitsmann eiskalt exekutiert, während der noch um Gnade winselt. Das wäre noch bei einem „Anti-Helden“ wie Han Solo unvorstellbar gewesen. Cassian versucht zunächst, auf seinem Wohnsitzplaneten Ferrix seine Spuren mit einem falschen Alibi zu verwischen und gleichzeitig ein Stück imperialer Technologie zu verscherbeln, das er erbeutet hat. Aber ein junger pfichtbewusster Sicherheitsoffizier namens Syril Karn (Kyle Soller) hat sich an seine Fersen geheftet.

    Bahnt sich seinen Weg durch die Industrieareale: Cassian Andor Lucasfilm/​Disney+

    Parallel wird uns in Rückblenden nach und nach Cassians Herkunftsgeschichte enthüllt. Ursprünglich hieß er Kassa und wuchs als Kind eines indigenen, nicht über Technologie verfügenden Volks auf dem Planeten Kenari auf. Eines Tages stürzte in der Nähe des Stammes ein imperiales Raumschiff ab, was Kassas Leben einschneidend veränderte. Schließlich wurde er – gegen seinen Willen – von einem Schrottsammlerehepaar einfach in dem Raumschiff mitgenommen, um ihn vor dem Imperium in Sicherheit zu bringen. Die Schrottsammlerin Maarva Andor (Fiona Shaw) wurde seine Adoptivmutter, mit der er in der Gegenwart auf Ferrix lebt, auch ein lustiger Droid namens B2EMO darf in dem Haushalt nicht fehlen.

    „Rogue One“ war der Film, der sich bisher am weitesten vom ursprünglichen Star-Wars-Konzept entfernte: düsterer nicht nur auf visueller Ebene, sondern auch inhaltlich, ohne heldenhafte Jedi-Ritter und den ganzen übernatürlichen „Hokuspokus“ rund um die Macht. Die Serie setzt diese Richtung konsequent fort: Die Begriffe Jedi oder Macht fallen in den ersten drei Episoden kein einziges Mal. Schauplätze sind zum Großteil Industrieplaneten und gigantische Minen, die eher an die Braunkohlehalden in Ostdeutschland erinnern als an die doch immer auch pittoresken Wüsten auf Tattoine. Wunderschöne Wald- oder Wasserplaneten wird man hier ebenso wenig finden wie Prinzessinnen in weißen Kleidern und mit aufwendigen Hochsteckfrisuren. Der Teil der Star-Wars-Galaxis, der uns hier präsentiert wird, ist eine Arbeitswelt, die trotz modernerer Technologie mehr vom Ruhrgebiet vor hundert Jahren hat als von den aus den Kinotrilogien bekannten Planeten.

    Andor trifft den Dealer und Rebellen Luthan Rael (Stellan Skarsgård). Lucasfilm/​Disney+

    Insgesamt fügt sich das gut ein in ein Erzähluniversum, das – etwa im Gegensatz zum zweiten großen Science-Fiction-Franchise in Film und Fernsehen, „Star Trek“ – immer schon wie ein used universe wirkte, eine abgenutzte Welt, mit rag tag fleets statt Vorzeigeflotten und flinken Schrottmühlen wie dem Millenium Falcon statt Flaggschiffen wie der Enterprise. In „Andor“ sind aber (zumindest bisher) auch keine imposanten imperialen Sternzerstörer und Offiziere in eleganten schwarzen Uniformen und mit glänzenden Stiefeln zu sehen. Der halbprivate Sicherheitsdienst, der hier als antagonistische Organisation dient, wirkt eher, wie Securityfirmen in unserer Welt eben auch wirken: Da gibt es einige Leute, die sich für verhinderte Polizisten halten und viele, die es nur als irgendeinen Job betrachten.

    Etwas blass bleiben noch die neuen Figuren, wobei sich der übereifrige und dennoch im entscheidenden Moment überforderte Syril Karn noch am besten in die Reihe jüngerer Bösewichte wie Kylo Ren einreiht. Adria Arjona als Mechanikerin und Andors Ex-Freundin Bix Caleen bekommt hingegen noch zu wenig zu tun, um echtes Profil zu entwickeln, darf aber zumindest – für Star Wars ebenfalls ungewohnt – etwas Sex andeuten. Der schwedische Star Stellan Skarsgård („Chernobyl“) hat eher kurze Auftritte als Hehler und zukünftiger Rebellenführer (?).

    Vom Dieb und Zyniker zum Helden der Rebellion: Titelheld Cassian Andor Lucasfilm/​Disney+

    Das Erzähltempo ist ziemlich langsam, was bei der kurzen Laufzeit der Epsioden von netto um die 30 bis 40 Minuten – also ohne Abspann und Zusammenfassung am Anfang – etwas überrascht. Teilweise erweckt das schon den Eindruck, man habe eine Handlung, die nur für einen Kinofilm reichen würde, auf zwölf Folgen gestreckt. Aber vielleicht zieht das Tempo im Laufe der Staffel ja noch an.

    Von der technischen Seite her gibt es erwartungsgemäß eh nichts zu meckern: Bei Design, Kostümen, Bild- und Tongestaltung läuft die Star-Wars-Maschinerie seit Jahren wie geschmiert. Das hat eindeutig Kinoqualität. Über die Handlung lässt sich das nach drei Folgen noch nicht so eindeutig sagen. Einerseits trauen sich die Autoren um Tony Gilroy („Das Bourne Vermächtnis“), eine Geschichte zu erzählen, die auf gängige Motive des Franchise verzichtet. Andererseits besteht dadurch auch die Gefahr, dass es nur ein weiteres Sci-Fi-Kriegsabenteuer wird, das mit „Star Wars“ nicht mehr viel zu tun hat. Origineller als die x-te Handlung auf Tatooine ist es aber in jedem Fall jetzt schon.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Episoden von „Andor“.

    Meine Wertung: 4/​5

    Die drei Auftaktepisoden stehen bereits bei Disney+ zur Verfügung. Die weiteren Episoden folgen im Wochentakt jeweils mittwochs.

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit "Ein Colt für alle Fälle", "Dallas" und "L.A. Law" auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      "Teilweise erweckt das schon den Eindruck, man habe eine Handlung, die nur für einen Kinofilm reichen würde, auf zwölf Folgen gestreckt. Aber vielleicht zieht das Tempo im Laufe der Staffel ja noch an."


      Teilweise?!? Also ich bin kein Fan und auch kein Feind von langsamen Erzählungen, außer wenn sie dadurch langweilig werden. Andor ist bei mir knapp dran! Bis jetzt ist es mir auf jeden Fall etwas zu dröge, um mehr als 6 von 10 vergeben zu können und wenn das so bleibt, bin ich raus. Da hilft es auch nicht, dass die Qualität der Produktion ansonsten auf sehr hohem Niveau ist, denn ein bisschen unterhaltsam darf auch ein Slowburner sein und das, was bislang die meisten Star-Wars-Serien ausgezeichnet hat, war gelegentlich auch etwas Humor oder Situationskomik. Hier bislang leider Fehlanzeige.


      Es muss kein Jar Jar Binks dabei sein, auch kein kleiner süßer Meister Yoda, aber irgendetwas, das der Geschichte ein kleines bisschen Farbe verleiht, sollten sie dringend und schnell einführen, denn ansonsten werden außer den hardcore Sternenkriegern wohl nicht viele Leute an Bord bleiben.
      • am

        Situationskomik bot in der 3. Folge der Roboter "B", der offenbar Cassians eingehende Funknachricht nicht verstehen konnte, ohne sie akustisch wiederzugeben und der dann auch nicht antworten konnte, weil er die Antwort wohl nur senden konnte, wenn er sie parallel auch akustisch rausplärrt.
        Das war doch saukomisch, oder? 🙃

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