Fantasy Filmfest 2020: Russische Aliens und Körperhorror

    Haunted-House-Grusel und Andy Samberg in Zeitschleife

    Rosanna Großmann – 30.09.2020, 19:05 Uhr

    „Sputnik“

    In diesem Jahr etwas verschlankt, schaffte es das Fantasy Filmfest in Köln (vom 23. bis zum 27. September 2020) dennoch, ein abwechslungsreiches Programm auf die Beine zu stellen. Der Saal eins in der Residenz war bei den meisten Filmen gut gefüllt, bis auf den letzten Platz – man vertraute dem Abstand, den die komfortablen Sessel schon zueinander aufweisen. So manchen beschlich jedoch das Gefühl, dass das enge Beieinandersitzen und vor allem die Ansammlungen im Foyer schutztechnisch nicht ganz vernünftig sein können. Doch der Filmgenuss lässt die Bedenken schnell vergessen.

    Zum Festivalstart ging es gleich los mit einer irrwitzigen Zeitschleifen-Geschichte. In „Palm Springs“ spielt Andy Samberg, bekannt als Detective Jacob Peralta aus „Brooklyn Nine-Nine“, die Hauptrolle. Diesmal wird die ewige Wiederholung des gleichen Tages ausgiebig genutzt, um die verrücktesten und brutalsten Eskapaden anzugehen.

    Am Donnerstagabend gab es eine Seltenheit im Rahmen des Festivals: Mit „Sputnik“ schaffte es eine russische Produktion in die Auswahl. Schon zu Beginn beschleicht einen bei den Aufnahmen in der Raumkapsel die Klaustrophobie. Konstantin Veshnyakov (Pyotr Fyodorov) überlebt den Absturz, doch er bringt etwas aus dem Weltraum mit: einen Alien-Parasiten, den er nachts aus dem Inneren seines Körpers hervorwürgt.

    Die Atmosphäre auf der gesicherten militärischen Station, auf der Konstantin festgehalten und untersucht wird, zeigt die Härte und Distanz des Systems in den 1980ern, in denen der Film spielt. Immer sprechen sich alle mit ganzem Namen und Nachnamen an, es geht ständig um einen veralteten Begriff von Heldentum und Ehre. Ein empathieloser General und ein gewissenloser Arzt treffen auf die Psychologin Tatiana Yurievna, die das Ganze anders angeht und versucht, sowohl mit dem gelandeten Astronauten als auch mit dem Außerirdischen Kontakt aufzunehmen. Das Creature-Design ist dabei regelrecht außerirdisch gut. Schleif-, Rutsch- und Schnarrgeräusche des Parasiten rufen wohligen Ekel hervor, erschreckend eindringlich hämmert der Soundtrack die Spannung ein. Immer wieder spiegelt das schöne Gesicht der Protagonistin die Handlung. Dennoch wirkt die Beziehung zwischen den Hauptfiguren etwas flach, ebenso wie die parallel erzählte Hintergrundgeschichte.

    „Relic – Dunkles Vermächtnis“ IFC Films

    Ein absolutes Glanzlicht des Festivals war der mysteriöse Haunted-House-Horror von Natalie Erika James: „Relic – Dunkles Vermächtnis“. Das Spielfilmdebüt lässt die Zuschauenden nie zur Ruhe kommen, während die Düsternis immer mehr vom Bild Besitz ergreift. Der schwarze Schimmel frisst sich durch das Haus der Großmutter, aber auch durch die Beziehungen der drei Generationen von Frauen, die im Film spielen; als Mutter in der Mitte Emily Mortimer. Man kann die Dauerspannung gut als klassischen Grusel genießen und das dunkle Wesen, das im Haus und in den Wänden umherschleicht, als überirdischen Eindringling sehen. Naheliegend ist jedoch eine Verwandlung des Hauses und der Erzählung zum Sinnbild für die Krankheit Demenz, die die Großmutter ergreift. Die pure Angst, die die Mutter beim Blick in die Augen der Großmutter ergreift, funktioniert sogar ganz ohne Besessenheit oder Geister.

    Direkt im Anschluss lief am Festival-Freitag „Possessor“, ein FSK-18-Geblute vom Sohn des Körperhorror-Meisters, Brandon Cronenberg. Die Auftragskillerin Tasya Vos (Andrea Riseborough) kann mittels einer Technologie fremde Körper in Besitz nehmen und in dieser Rolle ihre Morde verüben. Doch die Wechsel machen ihr zu schaffen, und dann ist da auch noch ihre Familie, die sie emotional involviert und nicht eiskalt genug sein lässt. Experimentelle Sequenzen werden abgewechselt mit meditativen Architekturbeobachtungen und eklig-brutalen Schlachtungs-Morden.

    Dabei glänzt vor allem Christopher Abbott in der Rolle des von Tasya Besessenen, der die Abstufungen der beiden Charaktere und vor allem deren Vermischung verwirrend einfühlsam darstellt. Ein paar Sexszenen weniger hätten es auch getan, aber Cronenberg scheint einen Narren gefressen zu haben an diesem Moment, in dem die Fremdkörpererfahrung ihren Höhepunkt findet.

    Brandon Cronenbergs „Possessor“ Youtube/Screenshot, Rhombus Media

    Das Finale bildete am späten Sonntagabend der schwarzhumorige Slasher „Bloody Hell“. Der Protagonist Rex (Ben O’Toole) betörte gleich in doppelter Besetzung, da er – das Gimmick des Films – die Eigenschaft hat, in zwei verschiedenen Persönlichkeitsausprägungen Selbstgespräche zu führen. Das gilt auch, als Rex sich, wie ein Stück Fleisch von der Decke hängend, im Keller einer finnischen Familie wiederfindet. And so I killed her whole family and we’ve been a couple ever since, der letzte Satz des Films, sagt eigentlich alles über den absurden Rachefeldzug. Leider bringen die Erklärungs- und Erzählsequenzen häufig etwas zu viel Ruhe in die ansonsten turbulente Haupthandlung.

    Die Veranstalter können sich über den vollen Erfolg des Festivals freuen, auch viele neue Besuchende waren in diesem Jahr dabei, um sich mit Eifer über das Merchandise herzumachen. Es war diesmal wegen der Krise ein Leichtes, Premieren für das Fest zu bekommen, auch mit „Bloody Hell“ wurde eine Weltpremiere gezeigt. In anderen Städten, wie in Stuttgart, durften die Säle hingegen nicht voll besetzt werden: So lief der Eröffnungsfilm auch mal in vier Kinos parallel. Die Kinobetreiber können momentan zwar schwer planen, da die amerikanischen Verleiher Starts immer wieder verschieben – doch auch die „White Nights“, das Winter-Genrefest, sollen stattfinden.

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1960) am melden

      Bei dem Absatz über den russischen Film ist euch leider ein kleiner Fehler unterlaufen.
      Die Menschen, die den Weltraum bereisen, heißen im russischen Sprachraum "Kosmonauten" und nicht "Astronauten"
      😉
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