Timeless

    Zeitreise-Serie mit reizvoller Grundidee, sympathischer Hauptdarstellerin und Schwächen in der Umsetzung – von Marcus Kirzynowski

    30.10.2016, 08:03 Uhr – Marcus Kirzynowski

    Bisher hat „Timeless“ aus den Möglichkeiten der Zeitreise leider noch nicht viel gemacht …
    Bisher hat „Timeless“ aus den Möglichkeiten der Zeitreise leider noch nicht viel gemacht …

    Wie wäre es, wenn man zu einschneidenden geschichtlichen Ereignissen zurückreisen könnte? Würde man den Absturz des Luftschiffs Hindenburg verhindern wollen, wenn man wüsste, dass er unmittelbar bevorsteht? Würde man Abraham Lincoln vor seinem Attentäter warnen, auch wenn das unabsehbare Folgen für den weiteren Verlauf der Geschichte haben könnte? Solche Gedankenspiele sind nicht neu, boten schon unzähligen Autoren Stoff für Romane, Kurzgeschichten, Filme und natürlich auch Fernsehserien. NBCs Herbststart „Timeless“ ist hier nur das neueste in einer langen Reihe ähnlich angelegter Konzepte.

    Wie in neueren Networkserien üblich, wird die Exposition schnell abgehandelt: Die junge Geschichtsprofessorin Lucy Preston (Abigail Spencer) wird vom Department of Homeland Security für eine ungewöhnliche Aufgabe verpflichtet: Der Kriminelle Garcia Flynn (Goran Visnjic) hat eine Zeitmaschine gestohlen, um die amerikanische Geschichte zu verändern. Als Teil eines Dreierteams soll Lucy ihm durch die Zeit verfolgen und das mit ihrem historischen Fachwissen verhindern. Ziel der Missionen ist dabei jeweils, dass alles genauso passiert, wie es in den Geschichtsbüchern steht. Zu dem Einsatzteam gehören außerdem der Soldat Wyatt Logan (Matt Lanter), der vor kurzem seine Ehefrau verloren hat, sowie der Ingenieur Rufus Carlin (Malcolm Barrett), der an der Entwicklung der Zeitmaschine beteiligt war. Wenige Minuten nach Beginn der Auftaktfolge haben sich alle Hauptfiguren kennengelernt, wobei sich Lucy und Wyatt nur so kurz über die Existenz einer funktionierenden Zeitmaschine gewundert haben, dass ihre Reaktion eher wirkt wie in einem Disney-Comic. Dann geht es auch schon ohne großen Widerspruch auf die erste Mission, zum Tag der Hindenburg-Katastrophe im Jahr 1937.

    Etwas ältere Zuschauer erinnern sich vielleicht noch an „Quantum Leap“ alias „Zurück in die Vergangenheit“, jene 1980er-Jahre-Serie, in der Scott Bakula, begleitet von Dean Stockwell als Hologramm, durch die Zeit reiste, um einen positiven Einfluss auf zurückliegende Geschehnisse auszuüben. „Timeless“ funktioniert im Prinzip ganz ähnlich, mit einem neuen Zeitsprung in jeder Folge und abgeschlossenen Episodenhandlungen. Auch in Networkdramen sind übergreifende Storybögen mittlerweile aber Standard. Deshalb haben die Serienschöpfer Eric Kripke („Supernatural“) und Shawn Ryan eine bislang nur angedeutete Verschwörungsgeschichte im Hintergrund eingebaut, außerdem spielt das Privatleben der Helden eine größere Rolle. So würde Wyatt die Zeitreisen natürlich am liebsten nutzen, um den Tod seiner geliebten Frau zu verhindern. Lucy argumentiert dagegen, dass man die Folgen eines solchen Eingriffs in den „natürlichen Lauf“ der Dinge nicht abschätzen könne. Sie selbst muss nach der Rückkehr von ihrer ersten Mission aber erfahren, dass die bereits krasse Veränderungen in der Gegenwart verursacht hat, obwohl sie diese gar nicht beabsichtigt hatte: So ist ihre vor dem Zeitsprung dahinsiechende Mutter nun plötzlich kerngesund, während Lucys Schwester anscheinend nie existiert hat. Letzteres zu korrigieren wird fortan Lucys private Agenda während der Aufträge bestimmen.

    Abigail Spencer als Historikerin Lucy Preston
    Abigail Spencer als Historikerin Lucy Preston

    Diese moralisch-philosphischen Ansätze sind das im Grunde Interessante an dem Serienkonzept. So will Wyatt in der Pilotfolge gegen seinen Auftrag eine junge attraktive Journalistin retten, die von der abstürzenden Hindenburg getötet wurde – respektive getötet werden wird. Er muss in diesem Fall allerdings feststellen, dass sich das Schicksal nicht so einfach austricksen lässt. In der zweiten Folge entwickelt sich zwischen Wyatt, Rufus und Lucy eine Grundsatzdiskussion über die Frage, ob sie Präsident Lincoln warnen dürfen oder nicht. Obwohl Lucy als Historikerin den großen Einiger des Landes bewundert, ist sie strikt dagegen, merkt dann aber, dass es nicht so leicht ist, an ihren Prinzipien festzuhalten, als sie selbst bei dem Attentat direkt hinter ihm sitzt. Abseits dieser Gedankenspiele ist „Timeless“ aktueller Network-Standard: ein paar kleine harmlose Gags, ein bis zwei ebenso einfallslose wie überflüssige Actionszenen, etwa Schlägereien, die man so auch schon in den 1980ern hätte inszenieren können. Am Ende jeder Folge ist die jeweilige Gefahr gebannt, wobei die bestimmenden Ereignisse der US-Geschichte im Großen und Ganzen unverändert bleiben – mit leichten Abweichungen, die aber eben nur im Kleinen einen Effekt auf die Gegenwart haben.

    Unter den Schauspielern sticht Abigail Spencer hervor, die nach ihrer großartigen Darstellung der Schwester des freigelassenen Todeskandidaten in der SundanceTV-Serie „Rectify“ hier ihre erste Hauptrolle in einer großen Networkserie spielt. Sie bringt genügend Charme und Talent mit, um eine solche Serie zu tragen, auch wenn diese Rolle ihr naturgemäß nur einen Bruchteil der schauspielerischen Fähigkeiten abverlangt, die sie in dem tiefgründigen Kabel-Drama gezeigt hat. Im Prinzip reicht es hier meist, in wechselnden historischen Kostümen eine gute Figur zu machen. Ihre beiden männlichen Ko-Stars bleiben blass. Völlig verschenkt ist aber Goran Visnjic als 08/15-Bösewicht, dessen Motivation zudem bislang überhaupt nicht nachzuvollziehen ist. Warum genau will er eigentlich die US-Geschichte verändern? Seine Auftritte beschränken sich auf wenige Minuten pro Folge, in denen er nicht viel mehr tun darf als böse zu gucken und geheimnisvolle Andeutungen zu raunen. Schade, war der gebürtige Kroate doch immerhin viele Staffeln lang einer der Sympathieträger und Stützpfeiler von „Emergency Room“.

    Insgesamt vereint „Timeless“ eine reizvolle Grundidee mit vielen typischen Schwächen aktueller Networkdramen: oberflächliche Figurenzeichnungen, zu schnell und einfach aufgelöste Episodenhandlungen und Hau-Drauf-Action, die nicht mehr besonders zeitgemäß wirkt. Man kann sich schon fragen, warum ausgerechnet „The Shield“-Erfinder Shawn Ryan sich für ein solches Konzept hergegeben hat. Auf der Habenseite kann die Serie neben den philosophischen Implikationen ihre sympathische Hauptdarstellerin und eine gefällige Inszenierung verbuchen. Dabei hat NBC vermutlich für die Auftaktfolge mit dem spektakulären Absturz der Hindenburg schon einen Großteil des Budgets verbraten, die zweite Episode bietet wesentlich geringere Schauwerte. Wer leichte SciFi-Unterhaltung für zwischendurch sucht, ist mit „Timeless“ nicht schlecht bedient. Wer es lieber etwas anspruchsvoller mag, wartet wohl besser auf die große Zeitreiseserie von HBO, AMC oder Netflix.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten zwei Episoden der Serie.

    Meine Wertung: 3/5


    © Alle Bilder: NBC

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit "Ein Colt für alle Fälle", "Dallas" und "L.A. Law" auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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