The Expanse – Review

    Ambitionierte SciFi-Serie mit Abzügen in der B-Note – von Gian-Philip Andreas

    Rezension von Gian-Philip Andreas – 28.12.2015, 13:48 Uhr

    Kämpft im Weltraum um sein Überleben: Jim Holden (Steven Strait, 2. v.r.) mit seiner Rumpfcrew
    Kämpft im Weltraum um sein Überleben: Jim Holden (Steven Strait, 2. v.r.) mit seiner Rumpfcrew

    Was Syfy hier als vermutlich aufwendigstes Projekt der eigenen Sendergeschichte vorlegt, ist nicht bloß eine neue Sci-Fi-Serie, sondern gleich mehrere in einer. „The Expanse“ bietet einerseits eine futuristische Cop-Story nach „Blade Runner“-Art (wenn auch ohne philosophische Tiefenbohrung), andererseits werden „Star Trek“- und „Star Wars“-Freunde bedient in Form einer Raumschiff-Abenteuergeschichte sowie einer politischen Kriegserzählung. Geht das zusammen? Natürlich nicht wirklich – in den ersten Episoden rumpelt es vernehmlich im dramaturgischen Gebälk. Allerdings, und das muss man „The Expanse“ zugutehalten, besitzen die einzelnen Elemente einen nicht geringen Unterhaltungswert.

    Die Welt, um die es hier geht, haben sich die beiden Autoren Daniel Abraham und Ty Franck ausgedacht, die sich hinter dem Pseudonym James S. A. Corey verbergen und bis dato fünf „Expanse“-Romane veröffentlicht haben. Syfy ließ das ausufernde Bücher-Universum auf (zunächst) zehn Teile eindampfen, verantwortlich dafür war ein weiteres Autorenduo: Mark Fergus und Hawk Ostby, die in der Vergangenheit schon bewiesen haben, dass sie sich wohl mit anspruchsvoll-dystopischer Science Fiction („Children of Men“) als auch mit spaßigen Comic-Spektakeln („Iron Man“) auskennen.

    Spielzeit der Serie ist das 23. Jahrhundert, Spielort nichts weniger als unser komplettes Sonnensystem. Alle anderen Planeten wurden inzwischen kolonisiert, als Regierung fungieren längst die UN, allein der Mars hat sich als unabhängige militärische Macht abgesondert. Den Planeten ist gemeinsam, dass sie von Rohstoffen abhängen, die im Asteroidengürtel (engl. Asteroid Belt) an den Rändern des Sonnensystems abgebaut werden – von sogenannten „Beltern“, proletarischen Arbeitssklaven, die für die wohlhabenderen Planetenbewohner Frondienste verrichten. Die Belter leiden zunehmend unter Wassermangel und an billigen Luftfiltern, eine Revolution liegt in der Luft, Untergrundgruppen blühen. Zwischen Mars und Erde kriselt es ohnehin schon länger, sodass es nicht verwundert, wenn Texteinblendungen gleich zu Beginn der Pilotfolge raunend behaupten, es bedürfe nur eines letzten „Funkens“, um die Welt in Krieg und Chaos zu stürzen. Damit sind wir mittendrin in der erwähnten Kriegserzählung: Die UN-Offizielle Chrisjen Avasarala sucht Hinweise auf den möglichen Geheimwaffeneinsatz einer Rebellengruppe, wofür sie auch auf das Foltern von mutmaßlichen Umstürzlern nicht verzichtet. Die begnadet tiefstimmige Darstellerin Shohreh Aghdashloo („Es begab sich aber zu der Zeit“) spielt das beunruhigend austariert zwischen Friedensengel und Teufelsmutter. Chrisjens Vorgesetzter bei den UN, Sadavir Errinwright (Shawn Doyle aus „Big Love“), mischt ab der zweiten Folge mit.

    Diese auf der Erde angesiedelte Storyline spielt in den ersten Folgen freilich eher eine Nebenrolle. Prominenter werden da sowohl das Handlungssegment „Noir-Krimi“ als auch der Plot-Bestandteil „Space-Drama“ platziert. Für ersteres ist „Hung“-Star Thomas Jane zuständig, der hier den markant behüteten Detective Joe Miller so zwielichtig und lässig-verlottert spielt wie Bogart seinerzeit Philip Marlowe und später Harrison Ford seinen Ex-Cop Deckard im „Blade Runner“. Der Zwergplanet Ceres, ein Außenposten im Asteroidengürtel, gibt dabei einen passend ambivalenten Handlungsort für Millers Schnüffeleien ab: Oben über der zentralen Kolonie blickt die Verwaltungselite auf grüne Bäume, anderswo drängt sich die kreolisch sprechende Belter-Masse hohlwangig und asthmatisch röchelnd auf dunklen Märkten, in Chinatown-artigen Spelunken oder in Wohnblocks unter projiziertem blauem Himmel. Miller ist sich für krumme Deals mit halbseidenen Informanten nicht zu schade und bringt sich so als klassisch unedler Ermittler in Stellung. Der neuer Auftrag des Mannes von der Space Helix Police: Finde Julie Mao! Die Tochter aus superreicher Familie vom Erdenmond Luna ist verschwunden. Der Zuschauer hat sie indes, gespielt von Florence Faivre („The Elephant King“), bereits zu Beginn der Folge schon gesehen: Da irrte sie panisch durch das leere Frachtraumschiff „Scopuli“, ohne das erkenntlich wurde, wer oder was sie warum dort festhielt. Miller beginnt zu ermitteln.

    Unterdessen macht der dritte große Handlungsstrang die Leinen los, irgendwo draußen im All, Nähe Saturn: Der Eisfrachter „Canterbury“ ist auf dem Rückweg nach Ceres, Besatzungsmitglied Jim Holden (Steven Strait aus „Magic City“) wird gerade zum kommandieren Offizier hochgelobt, da der bisherige „XO“ verrückt wurde: Der unvergleichliche Jonathan Banks (Mike Ehrmantraut aus „Breaking Bad“ und „Better Call Saul“) hat in dessen Rolle einen denkwürdig bizarren Gastauftritt. Dann schnappt die „Canterbury“ plötzlich ein Notsignal auf, von der erwähnten „Scopuli“. Das Signal soll erst verschwiegen werden, dann aber kann Holden nicht anders: Mit ein paar Crew-Mitgliedern setzt er per Shuttle zum verlassenen Frachtraumschiff über, findet in der „Scopuli“ aber nur einen dort offensichtlich gezielt platzierten Transmitter. Eine Falle! Ein Raumschiff, offenbar vom marsianischen Militär, zerstört die „Canterbury“. Holden bleibt mit den vier Kollegen seiner Rettungsmission allein zurück.

    Thomas Jane und Shohreh Aghdashloo
    Thomas Jane und Shohreh Aghdashloo

    Diese geschrumpfte Crew lernen wir in der zweiten Episode näher kennen: Ingenieurin Naomi (cooles neues Gesicht: Dominique Tipper), Pilot Alex (Cas Anvar aus „Diana“), der quadratschädelige Mechaniker Amos (Wes Chatham) sowie der ängstliche Arzt Shed (Paulo Costanzo aus „Royal Pains“) trauen sich gegenseitig kaum über den Weg und müssen trotzdem fortan Abenteuer absolvieren (Trümmerstürmen ausweichen) und Rätsel lösen (Sauerstoffknappheit bekämpfen) – nur um alsbald von Marsianern gekidnappt zu werden. Keine Frage: Dieser Handlungsstrang, der sich an den Cockpit-Suspense und Rettungsmissionen-Thrill aller möglichen Space-Opern von „Star Trek“ über „Alien“ bis hin zu „Battlestar Galactica“ anlehnt, hat in „The Expanse“ das größte Potenzial, die Zuschauer nachhaltig an den Haken zu bekommen.

    Auffällig ist dennoch, wie unabhängig voneinander die Plotlines ablaufen – obwohl sie inhaltlich mit Plot-Scharnieren verbunden sind. Der Krimi, das Diplomatendrama und die Weltraum-Action sind auch stilistisch so verschieden geraten, dass man kaum glauben mag, dass sie von ein und demselben Regisseur (Terry McDonough) inszeniert wurden. Es wird interessant sein zu sehen, ob – und wenn ja, wie – es den Machern gelingt, diese Stränge im Lauf der zehn Episoden zusammenzuführen.

    Bis dahin ist die detaillierte Welterfindung dieser Romanverfilmung bedeutend interessanter: Sowohl auf Ceres als auch auf Erden ist „The Expanse“ gespickt mit einer Vielzahl kleiner Ausstattungsdetails, die zum Schönsten gehören, was in dieser Sci-Fi-Seriensaison zu sehen war, und dabei viel Spaß bereiten. Tricktechnisch präsentiert sich das vom Schwerelos-Sex im Raumschiff über schicke Future-Smartphones bis zur explosiven All-Action mit viel Liebe zum Detail. Angesichts der Budgetlimitierungen einer Syfy-Serie sieht das Ergebnis staunenswert perfekt aus (auch wenn die Kamera die Raumschiffe etwas sehr häufig mit der Kamera umkreist).

    Ein Manko sind die in Teilen durchschnittlichen Darstellerleistungen: Ex-Model Steven Strait etwa geht optisch als jüngere und attraktivere Ausgabe von Billy Bob Thornton durch, leider aber versprüht er den Charme eines etwas übermotivierten B-Film-Helden. Sich ihn dauerhaft als sympathischen Space Captain vorzustellen, das ist nicht so leicht. Auch seine Crewmitglieder wirken überwiegend hölzern, allenfalls grob können sie ihre Figuren profilieren. Das mag natürlich auch an dem bemüht „coolen“, vor allem angestrengten Buddy-Sprech liegen, den ihnen die Autoren in Mund und Gestik gelegt haben. Nicht nur ihnen übrigens: Auch Miller und sein Assistent Dmitri (Jay Hernandez aus „Hostel“) müssen sich mit Zeilen aus abgegriffenen Lässigkeitsfibeln herumplagen. Vielleicht sind das nur frühe Fehler, eventuell regelt das die nahende Plot-Verdichtung, möglicherweise gewöhnt man sich sogar auch an diese Art Dialoge. Davon abgesehen sind für kommende Folgen Qualitätsmimen wie „Mad Men“-Star Jared Harris (als Belter-Rebell) angekündigt. Eines aber zeigen diese Problemchen schon: An die ganz großen Klassiker und Vorbilder der televisionären Science Fiction reicht dieser Genremix nicht heran. Er taugt aber (immerhin) als solider, meistens spannender, nie öder Nachschub an No-Nonsense-Sci-Fi, muss aber aufpassen, dass er sich nicht in seinen diversen Handlungssträngen verzettelt.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten zwei Episoden der Serie.

    Meine Wertung: 3,5/5

    © Alle Bilder: Syfy

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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