TV-Kritik Manhattan

    TV-Kritik zum historischen Atombombendrama – von Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 29.09.2014, 14:40 Uhr

    Ein Team gegensätzlicher Charaktere in einer Stadt in der Wüste: das Ensemble von „Manhattan“
    Ein Team gegensätzlicher Charaktere in einer Stadt in der Wüste: das Ensemble von „Manhattan“

    Das „Manhattan Project“ war ein berüchtigtes Forschungsprojekt der US-Armee, das – tief in der Wüste von New Mexico versteckt – die Entwicklung der Atombombe vorantrieb. Unter der wissenschaftlichen Leitung des Physikers J. Robert Oppenheimer und unter strengster Geheimhaltung lebten Forscher, Soldaten und ihre Familien ab 1942 in einer von der Außenwelt abgeriegelten Kleinstadt – ein Mikrokosmos, der als Spielort einer Dramaserie natürlich hervorragend taugt.

    Das sah auch Sam Shaw so, ein Neuling unter den Serienautoren, der zuletzt immerhin drei Episoden des gefeierten Forscherdramas „Masters of Sex“ schrieb: Wissenschaftlier scheinen ihm zu liegen. „Manhattan“ ist nun zwar beileibe nicht das erste fiktionale Werk, das sich mit dem Manhattan Project beschäftigt (erinnert sei stellvertretend an die britische Miniserie „Oppenheimer“ von 1981 und an den Paul-Newman-Film „Die Schattenmacher“ von 1989), aber definitiv die erste Qualitätsserie neuerer Machart, die sich des Themas annimmt. Gleichzeitig ist sie die zweite eigenproduzierte Serie des Kabelsenders WGN America – nach dem trashigen Hexendramolett „Salem“.

    Bis auf die Figur Oppenheimer selbst (entrückt: Daniel London, „Old Joy“) ist das Personal fiktiv. In der Pilotfolge wird es erst einmal in Gruppen aufgeteilt: Auf der einen Seite – jener, mit der wir Zuschauer uns identifizieren sollen – steht Dr. Frank Winter im Zentrum (John Benjamin Hickey, „The Big C … und jetzt ich!“), ein stiller, von Dämonen gejagter 50-Jähriger, der seinem Team jeden Morgen die neuesten Zahlen der im Krieg gegen Hitler-Deutschland gefallenen GIs auf die Tafel schreibt – als Motivation. (Freilich waren längst nicht alle Forscher des Projekts darüber aufgeklärt, dass das Ziel ihrer Bemühungen die A-Bombe war.) Die Handlung setzt im Sommer 1943 ein, ungefähr ein Jahr nach Installierung des Manhattan Projects im Wüstenkaff Los Alamos und, wie eingangs eingeblendet wird, 766 Tage vor Hiroshima – dem Ort in Japan, über dem die Atombombe schließlich erstmals abgeworfen werden würde.

    Winter arbeitet mit einem in bewährter Weise zusammengestellten Team gegensätzlich gezeichneter Charaktere, wie es so oder ähnlich auch auf jeder Serien-Polizeistation, -Raumschiffbrücke oder in jedem Serien-Krankenhaus anzutreffen sein könnte: Dem versnobten, ambitionierten Briten Crosley (Harry Lloyd, der die Nase hier ebenso hoch trägt wie zuletzt als Viserys Targaryen in „Game of Thrones“) stehen die beiden aus dem „The Big Bang Theory“-Universum herübergebeamten Nerd-Scientists Meeks (dünn: Christopher Denham) und Fritz (dick: Michael Chernus) gegenüber, hinzu kommt als Quoten-Frau Dr. Helen Prins (Katja Herbers).

    Auf der anderen Seite steht als Antagonist schnell Dr. Reed Akley (David Harbour, „Rake“) fest, ein kräftiger, großspuriger Forscher, der in der Gunst Oppenheimers gerade an Winter und seinem Team vorbeizieht: Akley arbeitet an einer „eigenen“ Bombe, dem „Thin Man“. Als Winters eigentliche Kontrast- und Spiegelfigur wird in der Pilot-Episode allerdings Dr. Charlie Isaaks (Jake-Gyllenhaal-Lookalike: Ashley Zukerman) eingeführt, ein junger, aufstrebender Forscher, den Akley in sein Team holt. Mit Isaaks Augen geht es für uns Zuschauer erstmals nach Los Alamos hinein, durch die Straßensperren in die provisorische Kleinstadt aus billig zusammengeschraubten Hütten, über den Markt mit seinen rationierten Gütern und schließlich per Führung in die Labore, wo sich Autor Shaw einen Spaß daraus macht, im nächsten Raum die „besten Computer der Zeit“ anzukündigen: Es ist ein Raum voller Frauen – begabten „Rechnern“.

    Isaaks entpuppt sich schnell als ambivalenteste Figur, als Grenzgänger zwischen den Teams (ein möglicher Überläufer?), nicht nur, weil er im älteren Winter eine Respektsperson erkennt, sondern auch, weil er inoffiziell mit dessen Team in Berührung kommt und gleich mehreren möglichen love interests begegnet: Helen zum Beispiel, und, womöglich, Franks Teenie-Tochter Callie (Alexia Fast).

    Grimmig, schlecht gelaunt, wenig charismatisch: Dr. Frank Winter (John Benjamin Hickey)
    Grimmig, schlecht gelaunt, wenig charismatisch: Dr. Frank Winter (John Benjamin Hickey)

    Womit wir bei der dritten Gruppe wären, die zwischen den Teams und den überall herumschwirrenden Soldaten Kontur gewinnt: den Forscherfamilien, vor allem den Ehefrauen. Winters Gattin Liza ist selbst Wissenschaftlerin und wird als lebenskluge Mittvierzigerin von der wie üblich sehenswerten Britin Olivia Williams („Rushmore“) verkörpert. Jünger und vom Umzug überfordert ist Isaaks’ Frau Abby (Rachel Brosnahan, „House of Cards“), die von den in Geschwaderstärke auftretenden Housewives der Nachbarschaft sogleich in Beschlag genommen wird. Die Tagline der Serie lautet schließlich „Nuclear. Family“, was dem Begriff der Kernfamilie einen schön atomaren Doppelsinn verleiht; vor allem zeigt sie, worauf „Manhattan“ im Spezielleren hinaus will: auf den Effekt, den das todbringende Geschäft der (ja eigentlich dem Wahren und Hehren verpflichteten) Wissenschaftler auf ihr Umfeld haben wird.

    Eine Serie, die als period piece in den 1940er Jahren spielt, muss Wert auf Kostüme, Frisuren und Dekors legen. „Manhattan“ tut dies vorblidlich. Es dürfte allerdings klar sein, dass eine so stark zeitgeschichtlich orientierte Produktion, die sich mit (männlich dominierten) Konkurrenzsituationen und Kompetenzgerangel befasst, an Matthew Weiners „Mad Men“ gemessen werden wird; zumal mit Mark „Duck“ Moses (als Colonel Cox) ein „Mad Men“-Darsteller mitspielt und Daniel Stern („City Slickers“) als Winters weißbärtiger Mentor nicht nur von Ferne an den alten Bertram Cooper erinnert.

    Und obwohl „Manhattan“ inszenatorisch einen durchaus überzeugenden Eindruck macht (die ersten beiden, schön dahinfließenden Episoden inszenierte Produzent und „The West Wing“-Regieveteran Thomas Schlamme), bleibt die Serie, zumindest in ihren ersten Episoden, deutlich hinter der renommierten, in den Sixties spielenden Konkurrenz zurück, vor allem im Dialog, aber auch in den Ambivalenzen der Charakterzeichnung.

    Während „Mad Men“ vom unaufhaltsamen Macht- und Bedeutungsverlust des weißen, westlichen Manns erzählt, ist der Glaube an die männliche Autorität in „Manhattan“, trotz Krieg und Krise, im Kern noch intakt. Doch Frank Winter erweist sich bis dato als wenig taugliche Zentralfigur. Nicht etwa, weil Hickey ein schlechter Schauspieler wäre, sondern weil er Winter bislang nur als grimmigen, schlecht gelaunten, wenig charismatischen Maniker zeichnen darf, um den herum der Ton (buchstäblich) dumpf wird – ein Mann, dem zuzusehen nicht eben faszinierend ist.

    Gewiss, es gibt sehr gute Szenen. Die beste von ihnen ist vielleicht das Finale der insgesamt sehr gemächlich voranschreitenden Pilotfolge, in dem Winter aus dem Off lange mit sich selber hadert und erst nach einem Kameraschwenk offenbar wird, dass er seine Gedanken mit dem mexikanischen Hausmädchen teilt – das kein Wort Englisch versteht. Dem gegenüber stehen leider arg klischeehafte Sequenzen und sogar ärgerliche Simplifizierungen, die hart an der Parodie segeln: Männer, die auf Formeln starren. Da muss der geniale Isaaks etwa nur mal eben zwei Sekunden auf eine mit mathematischen Formeln vollgekritzelte Tafel blicken, um den Kern des Gekritzels sofort erkennen: „Sie entwickeln eine Atombombe!“ Oder: Weil Liza eine Botanikerin ist, muss sie am Küchentisch Chrysanthemen klassifizieren und im Dialog in florale Gleichnisse flüchten. Oder: Ein als Spion verdächtigter Forscher aus Winters Team wird einem brutalen Verhör unterzogen, in dessen Inszenierung trotz des klaren Bezugs auf Guantanamo und Abu Ghureib auf sattsam bekannte Stereotype zurückgegriffen wird – inklusive des freundlich sein Sandwich kauenden, katzenliebenden Brutalo-Verhörers.

    Diese Makel beeinträchtigen die Freude, die man an „Manhattan“ sonst definitiv haben könnte. Denn im Prinzip hat die Serie das Potenzial, auf klaustrophobisch kleinem Raum sehr mitreißend von den Wechselbeziehungen von Politik und Privatleben, Triumph und Scheitern zu erzählen. Und die nötige tragische Fallhöhe hat sie sowieso: Die Weltkatastrophe von Hiroshima und Nagasaki schwebt schließlich von der ersten Sekunde an über dem gesamten Geschehen.

    Meine Wertung: 3/5

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten zwei Episoden der Serie.

    © Alle Bilder: Lionsgate TV / WGN America

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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