Seit „WandaVision“ die neue Streaming-Ära der Marvel-Serien bei Disney+ einläutete, sind fünf Jahre vergangen und 16 weitere Serien unter dem Dach des Marvel Cinematic Universe (MCU) vom Stapel gelassen worden. Nummer 18 heißt „VisionQuest“ – die achtteilige Miniserie ist der Abschluss einer Binnentrilogie, die um die Figur Vision und ihr Zurechtkommen mit Trauer-, Identitäts- und Familienfragen kreist. Nach „WandaVision“ und „Agatha All Along“ können die extrem voraussetzungsreichen Episoden von „VisionQuest“ das emotionale Level nicht ganz halten – ein würdiges Finale samt Rückkehr von Ultron ist das Ganze aber trotzdem geworden.
Einer der Hauptvorwürfe, die dem MCU seit Jahren gemacht werden, lautet, die jeweils neuen Serien und Filme würden sich hauptsächlich an jene richten, die auch mit den Vorgängern vertraut sind. Filme und Serien verstünden sich als Einträge einer fortlaufenden Reihe, als unendlicher Fanservice, der all jene, die nur ab und an (oder erstmals) ins MCU reinschauen möchten, immer häufiger außen vor lässt. Das MCU wird in diesem Sinne als eigene (Groß-)Serie betrachtet, die stets aufs schon Geschehene zurückverweist und die Grundlagen legt für alles Kommende. Zuschauer, die einzelne Episoden auslassen, haben das Nachsehen.
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Natürlich gilt das mal mehr, mal weniger. In Serien wie „Wonder Man“ oder Filme wie „The Fantastic Four: First Steps“ konnte man zuletzt auch als Neuling gut einsteigen; bei allem, was mit den bisherigen Abenteuern der „Avengers“ zu tun hatte, ist das schon problematischer. Und sich an „VisionQuest“ ohne Vorkenntnisse erfreuen zu können, dürfte sich als Ding der Unmöglichkeit erweisen.
Man merkt’s schon daran, wie die ersten Episoden pausenlos nachreichen müssen, was zuvor geschah – in den Serien „WandaVision“ (2021) und „Agatha All Along“ (2024) und auch in den Filmen „Avengers – Age of Ultron“ und „Avengers: Infinity War“, auf denen die Serien aufbauten. Das passiert über ungelenke Erklärdialoge ebenso wie über Ausschnitte aus alten Szenen, die bei Gelegenheit eingebaut werden und klarmachen: Ohne dieses Basiswissen geht es hier nicht. Ob die Clips und Erläuterungen Neulingen wirklich helfen können, bleibt zweifelhaft.
Vision instruiert seine Künstlichen Intelligenzen: F.R.I.D.A.Y. (Orla Brady), J.A.R.V.I.S. (James D’Arcy), U (Jonathan Sayer) und D.U.M.-E. (Henry Lewis). Disney+
Erinnern wir uns trotzdem kurz zurück: Vision, das ist ein männlicher Android (korrekter: „Synthezoid“), der der ultimativen KI Ultron als mit Vibranium verstärkter Körper dienen sollte, dann aber, als Ultron die Vernichtung der Menschheit plante, zu so etwas wie dessen empathiebegabtem Gegenentwurf wurde, ausgestattet mit „Mind Stone“ und Tony Starks KI-System J.A.R.V.I.S. Später wurde dieser ursprüngliche Vision von Thanos getötet. In „WandaVision“ stand er danach wieder auf, als magische Kopie, herbeigezaubert von seiner großen Liebe Wanda Maximoff, der „Scarlet Witch“, die sich mit ihm und den Zwillingssöhnen Billy und Tommy ins Vorstadtfamilienleben einer heilen Fernsehserienwelt hineinvisionierte. Bis auch dieser Traum am Ende platzte. Immerhin: Die Erinnerungen des Original-Vision wurden am Ende von „WandaVision“ in einen neuen Androiden verpflanzt, der nun unter dem Label „White Vision“ firmiert. Und auch die „Seelen“ der unecht-echten Zwillingsbrüder fanden Unterschlupf in neuen Wirten …
Wer an dieser Stelle des Referats bereits entnervt aufstöhnt, hat entweder sowieso keine Freude an den Verwinkelungen des Marvel Cinematic Universe oder aber im Besonderen nicht an der Cyber-Seelenschau rund um die Figur Vision – die für manch andere wiederum, neben „Loki“, zu den wenigen wirklich komplexen Charakteren dieses Multimilliarden-Comic-Universums zählt.
Tatsächlich beginnt „VisionQuest“ dann auch genau dort, wo man die Figur heute erwarten würde: irgendwo im Nirgendwo, rätselnd über die eigene Existenz. Denn genau um diese Frage kreist Vision unablässig: Wer ist er eigentlich? Er verfügt zwar über die Erinnerungen seines Originals, er weiß, was mit den Avengers passierte, ist sich der Liebesbeziehung zu Wanda bewusst und weiß sogar um sein implodiertes „magisches“ Familienleben – allein fühlen kann er es nicht. Was macht das also aus ihm? Wie kriegt er Erinnern und Fühlen wieder in Einklang? Würde ihn das zum Menschen machen oder zur menschlichen Maschine? Und was ist überhaupt das Wesentliche: Was man erinnert, empfindet oder entscheidet? Philosophische Erörterungen sind das, die theoretisch bestens andockbar sind an wichtige Frage unserer Zeit, in der sich Künstliche Intelligenzen längst als Freunde oder Geliebte ausgeben können und außer etwas Haut und ein paar Knochen auf dem Weg dahin sind, keine erkennbaren Unterschiede mehr erkennen zu lassen.
Müssen gemeinsame Sache machen und dabei sich selbst finden: Vision und Tommy (Ruaridh Mollica, r.). Disney+
Für derlei Überlegungen findet Headautor Terry Matalas („12 Monkeys“) ein schönes Bild. Während White Vision „offiziell“ in menschlicher Gestalt in einer Spelunke im schottischen Edinburgh arbeitet, zieht er sich „privat“ in einen virtuellen Mindspace zurück: Das Innere seiner digitalen Synapsen präsentiert sich als schneeweißes Schlösschen auf einem bilderbuch-idyllischen schottischen Landsitz. Dort hat Vision diverse Hilfs-KIs versammelt, die aus früheren MCU-Produktionen bekannt sind, hier aber erstmals als menschliche „Avatare“ auftreten.
Da ist zunächst F.R.I.D.A.Y., Tony Starks langjährige Assistenz-KI, die hier als eine Art Securitychefin auftritt, verkörpert von Orla Brady (die Matalas von seiner Zeit als „Star Trek: Picard“-Showrunner kennt). Dann sind da Starks Werkstattroboter D.U.M.-E. und U, die man aus den „Iron Man“-Filmen kennt: Matalas hat sie mit zwei Londoner (Theater-)Comedians besetzt, Henry Lewis und Jonathan Sayer, die hier als helfende Hände hauptsächlich für Shakespeare’schen Slapstick zuständig sind. Außerdem mit dabei: E.D.I.T.H., bekannt als Augmented Reality aus Starks und Spider-Mans Sonnenbrille. Sie wird gespielt von der wunderbaren Emily Hampshire („Schitt’s Creek“), neu angelegt als chaotisch-kindische Bespaßungsmaschine.
Und dann ist da natürlich noch J.A.R.V.I.S. – Tony Starks erste Assistenz-KI, die seinerzeit in Vision eingesetzt wurde. Das Interessante: J.A.R.V.I.S. wurde damals ebenso von Paul Bettany gespielt wie seither Vision, weshalb der J.A.R.V.I.S.-Avatar in „VisionQuest“ nun – als eine Art Chef-Butler – von James D’Arcy verkörpert wird. Der spielte in der Serie „Agent Carter“ Edwin Jarvis spielte, die menschliche Vorlage für die KI.
Auch das zeigt, wie viele Auskenner-Schleifen die Serie dreht. „VisionQuest“ ist aber immer dann am stärksten, wenn es um das Gefrotzel, Gekabbel und Diskutieren Visions mit diesen durchweg wunderbar gespielten KI-Figuren geht … zu denen dann noch eine weitere gehört: Ultron! Ja, tatsächlich, eine digitale Kopie (oder so) der einstigen Vernichter-KI lebt jetzt (in Gestalt des „The Blacklist“-Stars James Spader) auf dem Dachboden des virtuellen Schlösschens. Mit Rauschebart und Wohlstandsbauch hockt Ultron da oben und guckt fern. Das „Vision“ in „Television“ wird in der Vision-Trilogie großgeschrieben – und wüsste man nicht um die Trickster- und Manipulator-Qualitäten des ehemaligen Oberbösewichts, fast würde man ihm die Wandlung zum kulturbeflissenen Grandseigneur abnehmen. (Er hat selbstredend eine eigene Agenda.) Die Zweierdialoge zwischen dem ernst die eigene Identität befragenden Bettany und dem zynisch-sarkastisch die Vergeblichkeit der menschlichen Existenz bespöttelnden Spader als Vision und Ultron sind das Beste an „VisionQuest“ – eine verquere Sohn-und-Vater-Dynamik, die zumindest anfänglich großen Spaß bereitet.
Leider aber baut die Serie rund um Vision und seine tragikomischen Existenzfragmente im virtuellen Oberstübchen noch einen Mystery-Plot auf, der weniger aufregend ist als das Kammerspiel im „Mindspace“. Viel verraten sollen und wollen wir darüber nicht, es seien nur ein paar Kernelemente benannt: Erstens wird Vision von einem mächtigen Kopfgeldjäger namens Paladin gejagt, den Todd Stashwick, ein Lieblingsschauspieler von Matalas (aus „12 Monkeys“ und „Picard“), weniger als charismatischen Superschurken spielt denn als Westentaschenganoven aus dem Guy-Ritchie-Kosmos. Interessanter ist seine Assistentin, die ihn vom Schreibtisch aus durch die Welt lenkt: Diane Morgan („Cunk on Earth“), eine der derzeit meistgepriesenen Comediennes, spielt sie mit herrlich beiläufigem Sarkasmus.
Auch eine KI ist mal verzweifelt: Spaßmaschine E.D.I.T.H. (Emily Hampshire) muss von Vision getröstet werden. Disney+
Zweitens steckt hinter Paladin ein mysteriöser Auftraggeber. Drittens greift bald noch eine weitere Synthezoidin ins Spiel ein: Jocasta hat ein Racheding mit Ultron am Laufen und wird von T’Nia Miller („Spuk in Bly Manor“) sehenswert verkörpert. Viertens hängt all das zusammen mit einer größer angelegten Intrige, in der „Battlestar Galactica“-Star Mary McDonnell federführend mitmischt. Die Geschehnisse führen schließlich zurück bis zum allerersten „Iron Man“-Film. Beinharte Fans jubeln erquickt, Newbies runzeln fragend die Stirn. Neu ist immerhin die kühle Härte, mit der Vision hier teilweise vorgehen darf – bald ringt er um seine eigene Moral.
Fünftens geht es, und das ist am wichtigsten, um den jungen Tommy Shepherd (Ruaridh Mollica), der gemeinsam mit seiner Freundin Lisa (Lauren Morais) als Trickdieb die Straßen unsicher macht. Wer den Trailer gesehen hat (oder auch nur den Vornamen Tommy zur Kenntnis nimmt), weiß, wie hier der digitale Hase läuft: Könnte Tommy jener Wirtskörper sein, in dem das Gedächtnis von Tommy „Speed“ Maximoff, Visions Sohn aus „WandaVision“, seinen Platz gefunden hat? Eine rhetorische Frage. Es ist natürlich der Ansatzpunkt für eine doppelte Identitätsfindung: Sowohl Vision als auch Tommy müssen einen Weg finden, wieder ganz sie selbst zu sein (bzw. die aktuellen Versionen ihrer selbst), und das passiert am Ende relativ konventionell über die gegenseitige Annäherung im Rahmen einer Vater-und-Sohn-Beziehung. Später taucht dann noch prominent eine Figur aus „Agatha All Along“ auf – womit die Trilogie den Sack zumachen kann, während sich Lisa wiederum als eine andere Marvel-Comicfigur entpuppt. Das Ende einer Saga ist im MCU grundsätzlich schon der Anfang des nächsten Content.
Das Problem: All diese Elemente, Sci-Fi, Comedy, Familiendrama, Mystery, Philosophie plus die standardmäßigen MCU-Actioneinlagen mit Backstory-Ballast, werden von Matalas nicht immer zu einem funktionierenden Ganzen zusammengebunden. Für sich genommen haben all diese Teile, auch in ihrer einfallsreichen visuellen Umsetzung, großen Reiz. Als Gesamtpaket wirkt die Serie bisweilen überfrachtet. Das erschwert selbst Kennern der Materie den emotionalen Zugang. Wer sich vor allem für Bettany und Spader begeistern kann, die ihre Rollen hier als kauzige Antagonisten erstmals ausgiebig „in Menschengestalt“ interpretieren dürfen, wird sicher am besten bedient. Wer einfach nur auf simples Marvel-Actiongetöse mit eingestreuten Gags aus ist, kommt dagegen wohl weniger zufrieden aus der Sache heraus: Die Dialoge stehen klar im Zentrum.
Wer sich für die philosophischen Dimension der androidischen Identitätsfindung am meisten interessiert, wird sich wiederum bald von den exzessiven Um- und Auswegen genervt fühlen, die die Serie auf acht Stunden Länge bringen – bis zum leicht pathetischen Finale zur Musik von Roger Whittaker (ernsthaft!). Die Suche nach den Gefühlen jedenfalls, die Vision so stark antreibt, sie führt sicher nicht das gesamte Publikum an das gewünschte Ziel.
Meine Wertung: 3/5
„VisionQuest“ wird ab dem 14. Oktober wöchentlich auf Disney+ veröffentlicht.
Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) - gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).