„A Different World“: Netflix-Reboot der Kultsitcom startet mit Luft nach oben – Review

Altstars treffen auf junges Ensemble am Hillman College

Marcus Kirzynowski
Rezension von Marcus Kirzynowski – 26.09.2026, 18:30 Uhr

In „A Different World“ übernimmt Maleah Joi Moon sogar die legendäre Brille ihres Serienvaters – Bild: Netflix
In „A Different World“ übernimmt Maleah Joi Moon sogar die legendäre Brille ihres Serienvaters

Es gibt Serienstarts, an die man kaum ohne riesige Erwartungen herangehen kann. Dazu gehört sicher die Neuauflage von „A Different World“ bei Netflix, das Reboot oder die späte Fortsetzung des gleichnamigen Sitcomklassikers von 1987 bis 1993, der in Deutschland als „College Fieber“ lief. In den USA genießt das Original Kultstatus, war es doch eine der ersten Serien, die fast ausschließlich afro-amerikansiche Figuren begleitete – und das höchst erfolgreich zur besten Sendezeit. Sie sparte dabei ernste und kontroverse Themen wie Teenagerschwangerschaften, Abtreibung, HIV und Date Raping nicht aus und thematisierte vor allem immer wieder Rassismus in seinen subtilen und weniger subtilen Formen. Für viele Schwarze wurde sie zum Auslöser, auch studieren zu wollen und sich nicht mit gesellschaftlich zugewiesenen Rollen zu begnügen. Es liegt also ein großer Ballast auf dem Versuch, den Geist dieser Serie für ein junges Publikum in die Gegenwart zu retten. Kann das überhaupt gelingen, ohne die alten Fans zu enttäuschen?

„College Fieber“ startete ursprünglich als Spin-off der Bill Cosby Show mit der Huxtable-Tochter Denise (Lisa Bonet) im Mittelpunkt, die ihr Studium an einer traditionell Schwarzen Hochschule in Virginia aufnahm. Nach ihrem frühen Ausscheiden nach der ersten Staffel rückten ihre früheren KommilitonInnen Whitley Gilbert (Jasmine Guy) und Dwayne Wayne (Kadeem Hardison) in den Mittelpunkt, die nach vielen Turbulenzen heirateten. Sie übergeben nun in der Neuauflage den Staffelstab an ihre jüngste Tochter Deborah (mit der Betonung auf der mittleren Silbe, Maleah Joi Moon), die ebenfalls als Freshman in Hillman anfängt. Das gibt Gelegenheiten für Gastauftritte zahlreicher alter Figuren, während rund um Deborah ein neues Ensemble junger unbekannter Gesichter eingeführt wird.

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Neben Deborahs Eltern – Dwayne ist inzwischen Prorektor, von Whitley lebt er seit einem halben Jahr getrennt – treten so in den ersten beiden Episoden auch gleich Dwaynes früherer bester Kumpel Ron Johnson (Darryl M. Bell) und die freakige Freddie Brooks (Cree Summer) auf. Letztere hat es inzwischen zur Professorin geschafft, bleibt aber ihrem Hippiecharakter treu, indem sie ein Seminar über den Begriff der Liebe im Recht gibt. Ein Homecoming-Tag (eine Art Ehemaligen-Treffen an US-Unis) schafft in der dritten Folge Anlass für einige weitere Gastauftritte. Insgesamt bekommen die neuen Figuren aber deutlich mehr Screentime, handelt es sich doch nach wie vor um eine Collegeserie, die vom Erwachsenwerden und vom Mit- und Gegeneinander junger Menschen erzählen soll.

Die neue Generation am Hillman College: Deborah Wayne (M.) und Kommilitonen Netflix

Moon ist als zentrale Figur eine höchst gelungene Besetzung, die den Durchsetzungswillen ihrer Serienmutter Whitley ebenso gut rüberbringt wie eine Unangepasstheit und einen unabsichtlichen Hang, sich Ärger einzufangen, der an Denise Huxtable erinnert. Etwas blasser bleiben in den ersten Episoden noch die übrigen Neuzugänge. Dabei schälen sich für die meisten schnell zentrale Probleme heraus: Deborahs Zimmergenossin Rashida (Alijah Kai) ist auf finanzielle Unterstützung für ihr Studium angewiesen, bekommt aber ihr Stipendium gestrichen. Amir (Jordan Aaron) hat zwar einen Studienplatz, aber kein Wohnheimzimmer bekommen. Rons Sohn Shaquille (Cornell Young IV), ein Top-Footballspieler, muss mit den an ihn gerichteten Erwartungen zurechtkommen. Zur Kerngruppe gehören noch die gläubige Hazel (Kennedi Reece) und der ghanaisch-nigerianischstämmige Kojo (Chibuikem Uche).

Schnell finden sich erste Paare zusammen, wobei Deborah bereits eine Vorgeschichte mit Shaquille hat, sind ihre Eltern doch schon seit deren Collegezeit befreundet. Gesellschaftspolitische Themen werden anfangs noch weitgehend ausgespart, das ändert sich aber im Verlauf der mit nur zehn Folgen leider recht kurz geratenen Staffel. Zunächst steht die angeschlagene finanzielle Situation der Hochschule im Mittelpunkt, die sogar deren Zukunft gefährdet. Ihrem Vorläufer treu bleibt die Serie, indem natürlich auch wieder gesungen wird und es gleich in Folge 4 einen prominenten Gaststar gibt: die R’n’B-Sängerin Summer Walker spielt sich selbst, wie es im Original unter anderem Gladys Knight und Jesse Jackson taten.

Date mit dem Jugendfreund: Shaquille (Cornell Young IV) und Deborah Netflix

Völlig anders ist hingegen der technische Set-Up: Statt klassischer Multi-Camera-Sitcom vor Publikum ist die Neuauflage als Single-Cam gedreht, was direkt in der schnell geschnittenen Einleitungssequenz mit Außenaufnahmen auffällt. In der Originalserie hingegen dauerte es bis zur vorletzten Staffel, bis überhaupt mal das Studio verlassen wurde. Für Altfans ist es sicher ungewohnt, vertraute Schauplätze wie die Wohnheime oder die Cafeteria The Pit samt Innenhof aus ganz neuen Blickwinkeln zu sehen. Der fehlende Laugh Track (das an den passenden Stellen zu hörende oder extra eingespielte Lachen des Live-Publikums) soll wohl durch dauernde Hintergrundmusik kompensiert werden, was eher etwas nervt.

Auch modisch ist die Serie absolut gegenwärtig, Outfits, Frisuren, Schmuck und Haarfarben sind wesentlich diverser als in den 1980ern und 90ern. Manchmal erscheint das allerdings wie etwas zu viel Style über Substanz. Diverser sind natürlich auch die Lebensformen inszeniert. Wurde der gesamte LGBTQI-Bereich im Original noch ausgespart, ist Amir nun die erste offen schwule Figur. Die Zeiten, in denen das einzige queere Element war, dass Dwayne eine Doppelfolge lang als Frau verkleidet herumalbern musste, sind zum Glück vorbei.

Der Alumnitag bringt alte Freunde zusammen: Whitley (Jasmine Guy), Dwayne (Kadeem Hardison) und Ron (Darryl M. Bell) Netflix

Insgesamt funktioniert das Integrieren der alten Stars in den Reboot wesentlich besser als zuletzt etwa in der thematisch vergleichbaren australischen Schulserie Heartbreak High, in der Mitglieder der Originalbesetzung aus den 1990ern nur sekundenlang auftauchten. Wahrscheinlich kann man als Fan der alten Serie in diesem Fall gar nicht anders, als die Szenen mit Dwayne, mit Whitley und Jaleesa (Dawnn Lewis) oder die nette Hommage an den Cafeteriabetreiber respektive dessen auch im echten Leben verstorbenen Darsteller Lou Myers am besten zu finden. Aber natürlich müssen vor allem die jungen Figuren und deren Handlungsstränge überzeugen, um langfristig ein ausreichendes Publikum zu finden. Hier liegt das Hauptproblem: Deren Szenen sind einfach nicht besonders witzig. Was Pointen und überraschende Einfälle angeht, ist noch viel Luft nach oben.

Das Potential ist sicher vorhanden, schon weil mit Debbie Allen (auch „Grey’s Anatomy“) die prägende Showrunnerin des Originals als Produzentin – und wiederkehrende Gastdarstellerin – mit an Bord ist (und auch die Auftaktfolge inszeniert hat). Die neue Showrunnerin Felicia Pride muss aber, ebenso wie die neue Besetzung, erst noch beweisen, ob sie es schafft, die großen Fußspuren des Vorbilds auszufüllen. Wenn Netflix ihnen die Zeit zur Entwicklung gibt, denn auch das US-Seriengeschäft ist heute eine ganz andere Welt als vor 40 Jahren.

Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten sieben Episoden von „A Different World“.

Meine Wertung: 3,5/​5

Die zehnteilige erste Staffel ist bereits bei Netflix verfügbar.

Über den Autor

Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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