„The Time Traveler’s Wife“: Romantische HBO-Miniserie nach Bestseller ist eher wirr als mitreißend – Review

    „GoT“-Star Rose Leslie als Geliebte eines Wanderers zwischen den Zeiten

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 15.05.2022, 17:30 Uhr

    Rose Leslie spielt Claire Abshire, „The Time Traveler’s Wife“ – Bild: Home Box Office, Inc. All rights reserved
    Rose Leslie spielt Claire Abshire, „The Time Traveler’s Wife“

    Auf den ersten Blick ist Henry (Theo James, „Die Bestimmung – Divergent“) ein ganz normaler junger Mann Anfang 20 – gut aussehend, lange Haare -, der in einer öffentlichen Bibliothek in Chicago arbeitet. Eines Tages trifft er dort die attraktive Clare (Rose Leslie, „The Good Fight“), die er noch nie gesehen hat, die aber behauptet, ihn schon seit vielen Jahren zu kennen. Henry weiß, dass das durchaus plausibel ist – denn er ist ein Zeitreisender. Trotzdem haut es ihn ziemlich um, als die junge Frau ihm auch noch offenbart, mit ihm verheiratet zu sein.

    „Die Frau des Zeitreisenden“, der Debütroman der US-Schriftstellerin Audrey Niffenegger, war ab 2003 ein großer Bestseller. Bereits 2009 gab es eine Verfilmung fürs Kino mit Rachel McAdams und Eric Bana, nun folgt die Adaption als sechsteilige Miniserie für den US-Premiumsender HBO unter dem Originaltitel des Romans „The Time Traveler’s Wife“. Wie schon beim Roman und dem Film handelt es sich um einen etwas ungewöhnlichen Genremix aus Science-Fiction und romantischem Drama, mit Schwerpunkt auf der Romantik, zumindest wenn man die Auftaktfolgen als Maßstab nimmt.

    Die erwachsene Clare fungiert als Erzählerin, die zwischendurch immer wieder in einer Art Video-Tagebuch direkt in die Kamera spricht und von ihrem schwierigen Leben mit Henry erzählt. So werden wir Zeugen, wie sie schon als Achtjährige bei einem Streifzug durch den Wald, der ans Grundstück ihrer Eltern grenzt, zum ersten Mal auf den mysteriösen Henry trifft. Der ist in dieser Version bereits um die 30, trägt seine Haare kürzer und taucht plötzlich im Gebüsch auf – nackt, weshalb Clare ihm erst einmal Kleidung bringen soll, bevor er sich zeigt. Das einsame, aber pfiffige Mädchen schließt schnell Freundschaft mit dem geheimnisvollen Erwachsenen, der ihm seine besondere Gabe erklärt: Immer wieder wird er in der Zeit hin und her geworfen, ohne dass er selbst das beeinflussen könnte. Trotzdem kehrt er in den nächsten Jahren regelmäßig in den Wald und zu Clare zurück, wo sie zusammen Schach spielen.

    Das erste Treffen zwischen Henry und Clare verläuft nicht so reibungslos, wie es hier den Anschein hat Home Box Office

    Während Clare mit Anfang 20 Henry also schon den größeren Teil ihres Lebens kennt (oder zu kennen glaubt), ist es für den gleichaltrigen Henry die erste Begegnung, als sie ihm in der Bibliothek gegenübersteht. Denn er hat sie ja erst kennengelernt, als er schon über 30 war. Klingt kompliziert? Ist es auch – und leider wechselt schon die Auftaktfolge so oft und so schnell zwischen den verschiedensten Zeitebenen, dass man beim Zusehen Mühe hat, intellektuell mitzukommen.

    Zumal wenig zum Prinzip des Zeitreisens explizit erklärt wird. Offenbar herrscht hier aber ein ähnliches Konzept der Zeitreise, wie es etwa auch in der berühmten „Zurück in die Zukunft“-Trilogie angewandt wurde: Es ist möglich, dass der Zeitreisende jederzeit auf ältere oder jüngere Versionen seiner Selbst trifft (und mit diesen auch interagieren kann). Das führt dann schnell dazu, dass nicht nur zwei, sondern Dutzende unterschiedlich alte Henrys sich in einer Szene tummeln. Damit man nicht ganz den Überblick verliert, arbeitet die Serie mit Einblendungen nach der Art „Clare ist 20, Henry ist 32… und Henry ist 22 und 41“, was aber auch nur bedingt hilft.

    Jedenfalls findet die junge Clare den gleichaltrigen Henry erstmal unerträglich – ist er doch ein Großmaul und ganz anders als der ruhigere Henry, den sie als Kind kennengelernt und später geheiratet hat. Der war ja auch schon älter und gesetzter. Im Bett landen sie trotzdem gleich, denn Clare weiß schließlich, dass die gemeinsame Zeit immer nur kurz ist, bevor ihr Geliebter wieder ohne sie in eine andere Zeit gerissen wird. Dort landet er übrigens immer nackt wie Arnold Schwarzenegger als „Terminator“ – und muss sich kurz darauf jedes Mal übergeben. Wenigstens das wurde uns bei Arnie erspart, da Killerandroiden bekanntlich keinen Magen und deshalb auch keinen Mageninhalt haben, den sie wieder ausspucken könnten.

    Eines ist klar: Irgendwann werden Henry (Theo James) und Clare (Rose Leslie) heiraten Home Box Office

    Das ständige Speien ist leider nicht das Einzige, was auf die Nerven fällt. So ist die Serie manchmal auch unnötig brutal. In Folge 2 etwa geht es um Henry als Kind, der mitansehen musste, wie seine Mutter (Kate Siegel) bei einem Autounfall ums Leben kam: Sie wurde dabei geköpft, was nicht nur einmal, sondern mindestens ein halbes Dutzend Mal mit viel CGI-Blut gezeigt wird. Trotzdem ist diese Episode gelungener als die Pilotfolge, vermittelt sie doch die große Tragik, dass der kleine Henry versucht, seine Mutter in der Vergangenheit zu retten, was aber nicht gelingen kann, da die Zukunft sich nicht ändern lässt. So muss nicht nur Henry als Kind immer wieder Zeuge des brutalen Tods seiner Mutter werden, auch die erwachsenen Henrys zieht es wiederholt zu diesem furchtbaren Ereignis.

    Im Mittelpunkt steht aber wie gesagt die wechselhafte Beziehung zwischen Henry und seiner großen Liebe Clare – oder wie sie selbst es als schon ältere Frau in Folge 3 ausdrückt: „Dies ist nicht die Geschichte des Zeitreisenden, sondern der Frau des Zeitreisenden.“ Diese Liebesgeschichte wird mit reichlich Pathos und aufdringlicher Musikuntermalung erzählt, so dass man sich oft tatsächlich eher in einer romantischen Young-Adult-Komödie wähnt als in einer Serie von HBO, das ja hauptsächlich für subtilere Dramen bekannt ist. Leider krankt die Darstellung daran, dass Clare etwas blass bleibt und Henry meist nicht allzu sympathisch rüberkommt. Was sie im jeweils Anderen sehen, vermittelt sich nach drei Episoden jedenfalls noch nicht.

    Eine große Liebe trotz aller Hindernisse Home Box Office

    Ansonsten bieten die vom ehemaligen „Doctor Who“-Showrunner Steven Moffat geschriebenen und von Emmy-Preisträger David Nutter („Game of Thrones“) inszenierten Folgen einige gute Szenen und interessante Ansätze zum Philosophieren über Fragen wie freier Wille versus Vorbestimmung, weisen aber auch ziemlich viel Unlogik auf. Wenn sich doch die verschiedenen Henrys sowieso ständig begegnen, warum hat der 30-jährige Henry dem 20-Jährigen dann nicht einfach längst von Clare erzählt? Oder hätte das irgendwas an ihrem „ersten“ Treffen in der Bücherei geändert, wenn sich doch angeblich das Schicksal eh nicht austricksen lässt?

    Unklar bleibt auch die Zielgruppe dieser Serie: Fans anspruchsvollerer Science-Fiction werden wohl enttäuscht sein, emotional angesprochen werden eher jüngere (und weibliche) Zusehende, die aber eventuell von der Brutalität in Folge 2 wieder verschreckt werden. So wirkt das Ganze reichlich unausgegoren, ein bisschen wie Twilight mit Splattereffekten.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Episoden der Miniserie.

    Meine Wertung: 3/​5

    „The Time Traveler’s Wife“ startet in den USA am Sonntag, den 15. Mai auf HBO. In Deutschland läuft die erste Folge am Montag, den 16. Mai um 20:15 Uhr auf Sky Atlantic, die weiteren Episoden folgen wöchentlich.Gleichzeitig werden die einzelnen Folgen jeweils auch auf Sky Q und Sky Ticket veröffentlicht.

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv​a>.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Ich fand die Spielfilm-Umsetzung von 2009 schon langweilig.
      • (geb. 1954) am

        ... damals sahen aber die Schauspieler noch gut aus.

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