„The Terror“: Historischer Survival-Horror besticht mit exzellentem Cast und gespenstischer Atmosphäre

    Umsetzung des Bestsellers von Dan Simmons nimmt sich Zeit

    "The Terror": Historischer Survival-Horror besticht mit exzellentem Cast und gespenstischer Atmosphäre – Umsetzung des Bestsellers von Dan Simmons nimmt sich Zeit – Bild: AMC
    „The Terror“: Ein Fußtrupp erkundet das Eis

    Zehn Folgen nimmt sich AMC in „The Terror“ Zeit, um davon zu erzählen, wie 129 Menschen ihrem sicheren Tod entgegenfrieren: Happy End ausgeschlossen. Das ist kühn, beweist aber, dass für gekonntes Erzählen nicht das „Was“ das Entscheidende ist, sondern das „Wie“. Man kann das kurioserweise immer wieder an nautischen Stoffen nachvollziehen: James Camerons „Titanic“ wurde trotz des bekannt tragischen Ausgangs zum Megahit an den Kinokassen, und auch das derzeit in den deutschen Kinos laufende Hochseedrama „Vor uns das Meer“ funktioniert auch (und gerade!) mit Kenntnis der Geschichte: Der von Colin Firth gespielte Solo-Segler Donald Crowhurst hat seine 1968 unternommene Einmal-um-die-Welt-Regatta nicht überlebt.

    Erst recht gilt das für die letzte, im tödlichen Desaster endende Entdeckungsreise des britischen Polarforschers Captain Sir John Franklin Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Marineoffizier war mit zwei nach damaligem Stand der Technik topmodern hochgerüsteten Ex-Kriegsschiffen – seiner HMS Erebus sowie der HMS Terror von Captain Francis Crozier ­­- anno 1845 von England aus in See gestochen, um die für den Handelsweg so dringend gesuchte Nordwest-Passage durch die kanadische Arktis zu finden. Heute weiß man: Es hat nicht geklappt. Beide Schiffe blieben im Packeis stecken, irgendwo vor King William Island in der Victoria Strait. Drei Winter lang hielten wohl die Vorräte, dann waren Franklin, Crozier und ihre fast 130 Crewmitglieder an Unterkühlung, Unterernährung, Skorbut und Bleivergiftung gestorben. Eine verzweifelte Notiz, Gräber, verstreute Habseligkeiten wurden erst Jahre später gefunden. Knochenfunde deuten zudem darauf hin, dass es zu gegenseitigem Kannibalismus kam. Inuit aus der Region berichteten späteren Suchexpeditionen von ihren letzten Sichtungen der ausgehungerten Männer, die zum Schluss zu Fuß übers Eis zu entkommen versuchten – vergeblich. Erst 2014 beziehungsweise 2016 wurden die beiden Schiffe am Meeresgrund gefunden. Die Nordwest-Passage hat inzwischen der Norweger Roald Amundsen entdeckt: 1905, ganze 60 Jahre nach Franklins gescheitertem Versuch.

    Weil nach der letzten Sichtung durch Waljäger in der Baffin Bay kein Europäer mehr von Franklins Expedition gehört hatte, ranken sich Mythen um den Ablauf der drei eingefrorenen Jahre in der Arktis. Autor Dan Simmons machte für seinen 800-Seiten-Bestseller „The Terror“, der als Vorlage dieser (u. a. von Ridley Scott produzierten) Serie dient, die Mythologie der Inuit fruchtbar, um aus dem Abenteuerstoff ein Horrorstück zu meißeln: Ein seelenfressendes Monster, halb Eisbär, halb Höllengestalt, geht im ewigen Eis um, um sich von Menschen zu ernähren. Da kommen ihm die Matrosen gerade recht.

    Captain Sir John Franklin (Ciarán Hinds)

    Die AMC-Umsetzung (entwickelt von Drehbuchautor „A Bigger Splash“, „A Bigger Splash“) scheint offen zu lassen, ob es diesen „Tuunbaq“ in der erzählten Realität wirklich gibt oder ob das Monster eher als eine halluzinatorische Versinnbildlichung des angekündigten Todes zu betrachten ist, als eine Art Kollektivpsychose der Seeleute. Dass man das traurige Ende gar nicht erst spoilern muss, dafür sorgt gleich die erste Szene, die vier Jahre nach den Ereignissen der ersten Folgen spielt: Da trifft ein weiterer berühmter Arktisforscher, Sir James Clark Ross, auf einen Inuit-Jäger, der die Franklin-Expediteure getroffen hatte. Sie hätten kaum mehr laufen gekonnt, und der Tuunbaq, ein Wesen aus „Muskeln und Zauber“, sei die ganze Zeit hinter ihnen hergewesen.

    Dann springt der deutsche Regisseur Edward Berger („Jack“) zurück in medias res: Franklin (Ciarán Hinds, „Rom“, „Die Frau in Schwarz“) und Crozier (Jared Harris, „Mad Men“, „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“) befinden sich bereits in polaren Gefilden. Der Kompass spielt im Umkreis des magnetischen Nordpols verrückt, aber die beiden Kolonne fahrenden Schiffe rücken weiter vor. Auf Actionsequenzen muss in den ersten Folgen (fast) vergeblich gewartet werden, stattdessen nehmen sich Kajganich und Berger viel Zeit, um die Verhältnisse an Bord auszuleuchten.

    Das Promobild verdeutlicht Captain Francis Croziers (Jared Harris) hilfloses Aufbegehren

    Da ist der Endfünfziger Franklin, erfahrener Captain der Erebus, ein jovialer Snob und Hasardeur mit jeder Menge Polarerfahrung. Er möchte den Ruhm der Expedition einstreichen und lässt dafür, das wird rasch klar, auch alle Vernunft über die Reling gehen. Sein Commander und designierter Nachfolger James Fitzjames (Tobias Menzies, „Outlander“, in „Rome“ der Brutus zu Hinds Caesar) ist ein Hochstapler aus dem Abenteuerroman-Typenkatalog: eitel und auf Außenwirkung bedacht, ein Schwätzer. Den beiden antagonistisch gegenüber stehen die Führungskräfte der HMS Terror: Captain Crozier, ein ernster, gerechter Mann, der nach einer (offenbar) traumatischen Erfahrung zum Alkoholiker geworden ist und seinen „Humor verloren“ (Fitzjames) hat. Crozier ist Realist, Kenner der Inuit-Sprachen und von der Ruhmsucht Franklins und Fitzjames’ unangenehm berührt; ihm zur Seite steht „Ice Master“ Thomas Blanky (Ian Hart, „My Mad Fat Diary“, „Backbeat“), ein umgänglicher und loyaler Offizier. Beide raten dringend davon ab, die Reise im Winter fortzusetzen, doch Franklin duldet keinen Widerspruch, und das Unheil nimmt seinen Lauf.

    Um Crozier und Franklin herum gruppieren sich die Crews, aus denen der freundliche Arzt Harry Goodsir (Paul Ready, „Utopia“) sowie der junge Maat Cornelius Hickey (Adam Nagaitis) hervorstechen: Letzterer wird als möglicher Intrigant in Stellung gebracht, ohne dass er gleich als klassischer Schurke gebrandmarkt werden muss.

    Insgesamt gibt es keinen wirklich neuen Dreh in diesem Figurentableau, keine tatsächlich überraschende Figur – der exzellente Cast aber lässt darüber hinwegsehen. Sehr schön wird die Zweiklassengesellschaft an Bord herausgearbeitet: Während sich die Offiziere beider Schiffe eingangs noch in fescher Uniform am Captain’s Table einfinden und sich von Kammerdienern und Kellnern mit feinem Wein und edler Rinderzunge bedienen lassen, sind die einfachen Matrosen im Schiffsbauch eingepfercht. Erstes Unheil zeigt sich, als zunächst ein junger Seemann an schweren inneren Blutungen stirbt und kurz vor seinem Tod einen vollbärtigen Inuit-Geist visioniert (der ein wenig an Ai Wei Wei erinnert), dann infolge einer Schiffsschraubenblockade ein Mann über Bord geht: Die Szene, in der ein Crewmitglied im eisigen Wasser die demolierte Schraube vom Eis befreit, während die Leiche des Überbordgegangenen um ihn herumschwebt, ist spektakulär spannend. Daran ist nicht nur der toll frostige Score von Marcus Fjellström schuld und das starke Sound Design (es knarrt, grollt und grummelt so schön wie seit „Das Boot“ nicht mehr), sondern auch die geniale Kamera von Florian Hoffmeister. Er taucht die Umgebung der Schiffe in eine gnadenlos milchige Komplettweißheit, die die Erkundungsreise wie eine abstrakte, gespenstische Hadesfahrt wirken lässt. Als am Ende der Pilotepisode das Knarren plötzlich abrupt aufhört, ist die Katastrophe eingetreten: Die Schiffe haben sich festgefahren und sind von dickem Eis umgeben. Die Kamera fängt die hölzernen Boote aus der Draufsicht ein – fragiles Spielzeug in einer monströsen Eiswüste. Als einzige weibliche Figur stößt in der zweiten Episode noch eine junge Inuit-Frau (Nive Nielsen) zum Cast, die von einem Spähtrupp der Erebus aufgegriffen wird. Diese „Lady Silence“ ist es, die den Männern erstmals vom Tuunbaq erzählt – verdammt aber sind sie ohnehin schon.

    Ohne Ton natürlich nur halb so beeindruckend: Notreperatur unter Eis

    Mit guten Dialogen, die zum Glück nicht so klingen, als habe Kajganich sein angelesenes nautisches Wissen platzieren wollen, wechselt die Serie stimmig ab zwischen den Spannungen innerhalb der Crew und den Desastern der Gesamtsituation. Außerdem montiert Berger erhellende Rückblenden in die Londoner Gesellschaft in den Plot, wo Neunziger-Star Greta Scacchi („The Player“, „Jane Austens Emma“, „Rasputin“) Gastauftritte als Franklins Ehefrau hat. Auch wenn nach der Sichtung der ersten zwei Episoden nicht ganz klar ist, was jetzt noch acht Folgen bis zum bitteren Ende geschehen soll (gegen die sehr getragene Erzählweise sollte man jedenfalls nicht allergisch sein), zeigt sich doch eines ganz zweifellos: Den Machern ist es durch die starke atmosphärische Gestaltung gelungen, eine sehr spannende Grundstimmung herzustellen. Es ist ein Triumph des Wie über das Was und eine geglückte Romanverfilmung zwischen historischem Abenteuer und Gruselmär, deren bekanntem Ende man unbedingt entgegenfiebert.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten zwei Episoden von „The Terror“.


    © Alle Bilder: AMC

    „The Terror“ feiert aktuell seine Weltpremiere bei AMC und parallel seine Deutschlandpremiere bei Prime Video mit wöchentlich neuen Episoden immer montags. Bei der Bestellung wurde „The Terror“ als Anthologie-Serie vorgestellt, die sich im Erfolgsfall in jeder Staffel einer neuen, in sich abgeschlossenen Horror-Geschichte widmen wird.

    Featurette zu „The Terror“

    01.04.2018, 18:15 Uhr – Gian-Philip Andreas/fernsehserien.de

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • Deckard am 16.05.2018 09:28 via tvforen.de

      Ich würd mich gerne austauschen, aber ich glaub, hier im Forum gibt es kaum fans von der Serie... oder doch?

      Also, die aktuelle (9.) Folge hat mich echt vom Hocker gehauen.

      Das wird ja offenbar nun - kurz vor dem Finale - immer mehr vom spannenden Thriller mit Horrorelementen zum emotional tief berührenden Drama. Irgendwie bin ich schon fast froh, wenn all das Leiden vorbei ist... obwohl ich andererseits den Jungs ewig zuschauen könnte. Die spielen einfach alle so gut und die Bilder sind sensationell.
      • Wilkie am 16.05.2018 11:29 via tvforen.de

        Deckard schrieb: ------------------------------------------------------- > Ich würd mich gerne austauschen, aber ich glaub, > hier im Forum gibt es kaum fans von der Serie... > oder doch? > Ich habe 1989 das Buch "Der eisige Schlaf: Das Schicksal der Franklin-Expedition" gelesen, seitdem hat mich das Schicksal dieser Expedition nie ganz losgelassen, wobei ich die jahrelange Suche nach der Expedition genauso spannend finde wie den eigentlichen Verlauf der Expedition. Das Schicksal der Expeditionsteilnehmer ist so erschütternd, dass ich es nicht begreifen kann, dass man dieses noch um Fantasy-Horror-Elemente erweitern muss. Auch wenn diese Serie sehr gute Kritiken hat und ich sie selbst auch für sehenswert finde, finde ich es doch schade, dass es nicht eine rein historische Serie ist wie z. B. "Turn".
      • Deckard am 16.05.2018 20:10 via tvforen.de

        Wilkie schrieb: > Das Schicksal der Expeditionsteilnehmer ist so > erschütternd, dass ich es nicht begreifen kann, > dass man dieses noch um Fantasy-Horror-Elemente > erweitern muss. Ja, das finde ich auch - das ist irgendwie schräg. Als ob die Situation nicht ohnehin schon schrecklich genug wäre. Andererseits ist es irgendwie interessant, weil dieses Tier ja offenbar auch eine Metapher sein soll. Und ich mag die Storyline rund um Silent Women, die Schamanen. Naja, wie auch immer - bin gespannt auf das Finale. Schluchz.
    • User 1353942 am 11.04.2018 10:07

      Man sollte doch die Kirche im Dort lassen. Positives wie die Besetzung ist tatsächlich anzumerken.
      Bei dem immensen Aufwand - tolle Bilder der "Aussenaufnahmen" im ewigen Eis, fragt man sich, wie derartig plumpe Erfindungen wie die "Kreatur" unterlaufen können. Sie zerstören die teilweise sehr auf Authentizität angelegte Inszenierung. Auch der Eskimofrau geht in jeder Hinsicht die Glaubwürdigkeit ab. Sie steht oder sitzt obendrein noch oft unmotiviert in der Gegend herum und zelebriert einen Pseudozauber. Völlig mißlungen sind die Rückblendeszenen, die sich nicht nahtlos einfügen. Auch ist fraglich, ob der steife Umgangston untereinander nach allem was passiert, authentisch ist. Das kann auch an der Synchronisation liegen. Leider gibt es Aussen - Szenen, in denen sich die Akteure bewegen als wären sie in einem wohltemperierten Atelier. Mich interessiert die Story, deswegen halte ich durch.
      Dirk Jungnickel
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      • Deckard am 07.04.2018 16:33 via tvforen.de

        Nachdem ich gelesen habe, worum es geht und wer mit von der Partie ist, hab ich mir die Serie sofort zugelegt. Blöderweise muss ich trotzdem von Montag zu Montag warten - was in Wahrheit ein Glück ist! Sonst würd ich mir das Ding garantiert per Bingwatching reinziehen, so toll ist die Serie gemacht. Ausstattung, Kamera, Drehbuch und Cast - und natürlich auch Regie... einfach alles top!

        P.S. Die ganze Zeit hab ich mir überlegt, warum mir das Duo Ciaràn Hinds und John Menzies so bekannt vorkommt - dann wusste ich es plötzlich: in "Rom" – einer weiteren tollen Serie – waren die beiden Julius Cäsar und Brutus ;-)
        • ChristophR (geb. 1983) am 02.04.2018 09:05

          Die ersten beiden Folgen haben mir schon mal sehr gut gefallen. Freue mich schon darauf, wenn ich mir später die dritte Folge schauen kann.
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          • cameron poe am 01.04.2018 18:23 via tvforen.de

            Habe bereits zwei Folgen gesehen und muß sagen Klasse Serie für mich (ohne Spoiler). Montag kommt die dritte Folge.
            • faxe61 am 01.04.2018 18:34 via tvforen.de

              Es ist so mit "Spoiler" oder besser geschichtlichen Fakten, wie es auch bei einer neuen Verfilmung wäre: Der Wettlauf zum Südpol - Amundsen gegen Scott. Es kommt auf die Umsetzung an. Den Erfolg von Titanic nehme ich mal aussen vor, subjektiv.
          • faxe61 am 01.04.2018 18:22 via tvforen.de

            Hört sich "eiergut" an.
            Bei Filmen im Eis bin ich immer dabei.