„The Stand“: Miniserie nach Stephen Kings Romanepos bremst sich selbst aus – Review

    Mix aus Pandemie-Thriller und Dark Fantasy wirkt in den ersten Episoden holprig

    Rezension von Gian-Philip Andreas – 02.01.2021, 16:03 Uhr

    In dritter Reihe geparkt: Larry (Jovan Adepo) streift mit Rita (Heather Graham) durchs post-apokalyptische New York.

    Man könnte vermuten, dass es nach einem globalen Krisenjahr virusbedingter Einschränkungen und weltweit 1,8 Millionen Toten (Stand Neujahr 2021) einer Sache ganz gewiss nicht mehr bedarf: einer Serie, die von einer weltweiten Virus-Pandemie erzählt, die über 99 Prozent der Bevölkerung ausrottet und es den immun Übriggebliebenen auferlegt, eine neue Gesellschaft aufzubauen. Doch genau solch ein Szenario wird in „The Stand“ serviert. Die Neuverfilmung von Stephen Kings gleichnamigem Roman ist derzeit als neunteilige Miniserie auf dem US-Streamingdienst CBS All Access abzurufen.

    Als „Das letzte Gefecht“, so der deutsche Buchtitel, 1978 erschien, konnte man den Plot noch ganz als Dark Fantasy genießen, obgleich auch damals schon, noch vor Aids, Sars und anderen infektiösen Heimsuchungen, die Möglichkeit einer sich katastrophisch ausweitenden Seuche als unangenehm realistischer Überbau galt. Als King den Roman schrieb, wurden gerade die ersten Fälle von Ebola in Zaire verzeichnet. Inzwischen ist Kings Roman durch spätere Überarbeitung auf weit über 1000 Seiten angeschwollen: Das Endzeit-Epos, das sich zum post-apokalyptischen Kampf zwischen Gut und Böse ausweitet, ist der umfangreichste (Einzel-)Roman des Horror-Königs und vor allem durch sein ausschweifendes Figurenarsenal eine harte Übung für jeden, der eine halbwegs übersichtliche Verfilmung plant.

    1994 hat CBS das bereits probiert: „The Stand – Das letzte Gefecht“, von King höchstpersönlich geschrieben, dauerte sechs Stunden, war völlig in Ordnung und top besetzt, gewann zwei Emmys – und wirkt doch gerade von heute aus besehen wie ein unzureichendes Kondensat des ausufernden Romans. Nun unternehmen Kinoregisseur Josh Boone („Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, „New Mutants“) und Serien-Autor Benjamin Cavell („SEAL Team“) einen neuen Versuch, den Roman zu packen zu bekommen – und auch sie wurden dabei aktiv von King unterstützt: Dessen Sohn Owen schrieb an drei Folgen mit, King selbst schrieb die finale Episode, für die er (dem Vernehmen nach) einen neuen, vom Roman abweichenden Schluss ersann.

    Die Drei vom Weltenretterkomitee: Frannie (Odessa Young), Glen (Greg Kinnear) und Stu (James Marsden) CBS

    Zumindest darauf also kann man gespannt sein. Der Rest ist, dem Anschein der ersten Episoden nach, leider nur teilweise interessant. Von den vielen Figuren des Romans wurden zwölf für den Main Cast ausgewählt, wovon zwei in den ersten zwei Folgen noch gar nicht aufgetreten sind: der hippieske Professor Glen Bateman (Greg Kinnear, „Besser gehts nicht“) und der geistig gehandicappte Tom Cullen (Brad William Henke, „Manhunt“).

    Das liegt daran, dass sich Boone und Cavell, möglicherweise aus der Not heraus, das Material für ihre immerhin neunstündige Erzählzeit sortieren zu müssen, zu einer dem Roman entgegengesetzten Erzählweise entschlossen haben: Schon in der Pilotepisode wird vor- und zurückgeswitcht zwischen der Zeit des Ausbruchs des (vom Militär entwickelten) Grippevirus und den Ereignissen mehrere Monate später, wenn einige Überlebende in Boulder, Colorado, eine sogenannte „Free Zone“ aufbauen, die sich zur Keimzelle einer neuen Zivilisation auswachsen soll. Nach und nach werden nun die immun bleibenden Protagonisten eingeführt, wobei die Episoden jeweils zwei bis drei von ihnen ins narrative Zentrum stellen.

    In der Pilotfolge geht es um den jungen Nerd Harold Lauder (Owen Teague, „Bloodline“), ein verdruckster, erfolgloser Schriftsteller in Maine, der es auf seine frühere Babysitterin abgesehen hat, die schwangere Frannie Goldsmith (ziemlich gut: Odessa Young, „Assassination Nation“). Da Harold als Spanner, bei Wutanfällen und bei aggressiven Masturbationssitzungen in seinem Kinderzimmer gezeigt wird, ist er sofort als potenzieller Unhold markiert. Parallel geht es um Stu Redman (James Marsden, „Enchanted – Verwünscht“), der mit dem verunglückten „Patient Zero“, einem geflohenen Soldaten, in Kontakt gekommen war, aber als Einziger immun blieb und deshalb zur Beobachtung in einem militärischen Komplex festgehalten wird. Doch Stu kann am Ende, nach einer denkwürdigen Begegnung mit einem im Angesicht seines Todes klischeegemäß Puccini-Arien hörenden General (J.K. Simmons, „Whiplash“), fliehen.

    Fast alle sind dem Virus erlegen, aber Frannie (Odessa Young) ist schwanger. CBS

    In der zweiten Folge werden dann die undurchsichtige Lehrerin Nadine Cross (Amber Heard, „Aquaman“), der verkrachte New Yorker Musiker Larry Underwood (Jovan Adepo, „The Leftovers“, „Watchmen“), die taffe Farmerin Ray Brentner (Irene Bedard, „Smoke Signals“) und der taubstumme Nick Andros (Henry Zaga, „Eine wie Alaska“) eingeführt. Am zentralsten geht es allerdings um Underwood, an dessen Beispiel das apokalyptische Setting erstmals detailliert ausbuchstabiert wird. Dabei wird strikt nach der bewährten Filmregel verfahren, nach der jeder, der einmal hustet, wenige Minuten später in der Grube liegt. Die Infizierten beginnen rasch zu fiebern und aus allen Körperöffnungen zu suppen (die Szenen hustender oder sabbernder Menschen in Bars sind unter den aktuellen Corona-Eindrücken durchaus schwer zu ertragen), ihr Hals füllt sich sackartig mit eitrigem Auswurf. Bald schon ist das Gros der Bevölkerung tot, nur noch wenige Leute – Verrückte, Kriminelle – streifen durch die Straßen New Yorks, wo verlassene Autos die Straßen und Brücken verstopfen: Hier erinnert „The Stand“ am ehesten an die bewährten Virus-Apokalypse-Vorläufer wie „The Walking Dead“ oder das stilbildende Videospiel „The Last Of Us“, zumal generell mit Gore-Momenten nicht gegeizt wird (ausgepickte Pferdeaugen; weggeschossene Gesichter; Ratten, die aus Mündern krabbeln) und sehr viel Wert darauf gelegt wird, den omnipräsenten Verwesungsgestank zu thematisieren. Eine kurze Romanze zwischen Larry und der traurigen Witwe Rita (Heather Graham, „Austin Powers – Spion in geheimer Missionarsstellung“) wirkt dagegen wie ein zwischengeschalteter Tagtraum: Es ist die bislang berührendste Passage der Serie.

    Weil aber von diesem durchaus zwingend inszenierten Ausbruchsszenario immer wieder in das „Später“ der Erzählung vorgeblendet wird, in der man unter anderem schon erfährt, dass Stu mit Frannie zusammenkommen wird, geht der Seriendynamik Entscheidendes verschütt: Im Roman war man mit allen zentralen Figuren längst vertraut, ehe dann in Boulder Anlauf genommen wurde für das „letzte Gefecht“. In der Serie werden dagegen wichtige Wendungen innerhalb der Figuren schon vorweggenommen, was sowohl für Kenner als auch Nichtkenner der Vorlage alles andere als ideal ist.

    Das Böse (Alexander Skarsgård) im pinken Licht der Sünde CBS

    Der Endkampf zwischen den Guten (der „Kommune“ in Boulder) und den Bösen (die sich natürlich im Sündenpfuhl Las Vegas versammeln) ist der Fluchtpunkt des Romans. (Warum derartige Bossfights in immerhin weltumspannenden Katastrophenszenarien grundsätzlich in den USA stattfinden und nicht etwa, sagen wir mal, in Italien oder Bhutan, wäre an anderer Stelle zu erörtern.) Sortiert werden die beiden sich am Ende gegenüberstehenden Gruppen ganz King-typisch durch Träume: Stu, Frannie & Co. folgen den Traumrufen der 108-jährigen Mother Abagail (in der Serie gespielt von der nicht ganz 108-jährigen Whoopi Goldberg, „Ghost – Nachricht von Sam“), das Böse tritt dagegen auf in der Figur des in King-Erzählungen immer wieder auftauchenden „Dark Man“ a.k.a. Randall Flagg, hier in Gestalt von Alexander Skarsgård („Big Little Lies“) ausgestattet mit Jeansjacke, Skorpionschnalle und Wildlederstiefeln. Die schon im Roman leicht wunderlich geratene mystische Ebene der Rekrutierung im Traum wird in der Regie von Josh Boone und Tucker Gates in eine eher peinliche Maisfeldsymbolik übertragen: Mal huscht da ein Wolf, mal Goldberg, mal der smarte Jeansjackenmann über die Ackerfurche. Na ja.

    Die zwei Zeitebenen stehen aber selbst dieser manichäischen Aufteilung der Figuren im Weg. Weil wir zum Beispiel schon in der ersten Folge erfahren, dass Harold seiner verehrten Frannie das Liebesglück mit Stu missgönnt und sich daraufhin so teuflisch gebärdet wie ein misogyner Incel in den Kommentarspalten des Internets, ist seine spätere Hinwendung zum Bösen keine Überraschung mehr. Lloyd Henreid dagegen (Nat Wolff, „Margos Spuren“), den Flagg aus dem Knast befreit, um ihn zu seiner „rechten Hand“ zu machen, wirkt viel zu nett: Im Roman war er ein übler Massenmörder, hier hat er nur einen aus dem Ruder gelaufenen Überfall hinter sich. Warum sollte das Böse ausgerechnet ihn als Assistenten engagieren?

    Gewiss, es ist dem achtbaren Cast, den beteiligten Autoren und der kompetenten, vielleicht ein wenig zu oft auf Popsongs setzenden Regie durchaus zuzutrauen, dass sie, wenn denn mal alle Figuren eingeführt wurden, mehr Zug und Drama in den Plot bringen können. Doch Stand hat man als Zuschauer stets das Gefühl, ein paar wichtige Episoden verpasst zu haben: Die Reisen der einzelnen Protagonisten hin nach Boulder sind im Roman schlicht viel zu entscheidend für das, was danach kommt, als dass sie bloß nachgeliefertes Material für Flashbacks sein dürften. Der emotionalen Involviertheit des Publikums ist das abträglich – und ob das, ganz gleich, ob und wie sich das am Ende rundet, im Sinne der Erfinder war, ist fraglich.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden der Minisierie „The Stand“.

    Meine Wertung: 3/5

    Die Miniserie „The Stand“ wird seit dem 17. Dezember 2020 mit wöchentlichen Episoden beim Streamingdienst CBS All Access in den USA veröffentlicht. Ihre Deutschlandpremiere hat sie ab 3. Januar 2021 beim Streaminganbieter Starzplay, der neue Episoden ebenfalls wöchentlich veröffentlicht.

    Trailer zu „The Stand“

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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