„The Serpent“: Die Faszination des Bösen bleibt zu blass – Review

    BBC/​Netflix-Miniserie über den „Bikinimörder“ verharrt an der Oberfläche

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 05.01.2021, 17:30 Uhr

    „The Serpent“ verknüpft die Schicksale höchst verschiedener Menschen miteinander – Bild: BBC One
    „The Serpent“ verknüpft die Schicksale höchst verschiedener Menschen miteinander

    Glatt wie eine Schlange wirkt dieser Alain Chartier, der sich ahnungslosen Rucksacktouristen im Bangkok der 1970er Jahre als französischer Diamantenhändler vorstellt: gutaussehend, kultiviert, wohlhabend, aber auch irgendwie unnahbar, unantastbar. In Wirklichkeit heißt er nicht Alain Chartier. Und die Diamanten, die er verkauft, hat er Touristen gestohlen – die er teilweise brutal ermordet hat.

    „The Serpent“ heißt die achtteilige Miniserie von BBC One und Netflix, die weitgehend auf Tatsachen beruht. Auf dem Höhepunkt der Fernreisewelle von jungen Hippies aus reichen Ländern durch Indien und Südostasien wurde Charles Sobhraj zum Serienmörder, der unter falscher Identität naive Touristen in die Falle lockte, bevor der berüchtigte „Bikinimörder“ 1976 endlich geschnappt werden konnte. Der algerischstämmige Franzose Tahar Rahim („Ein Prophet“, „The Eddy“) spielt ihn wie der Gewinner eines Richard-Hatch-Doppelgänger-Wettbewerbs, mit typischer 70er-Jahre-Langhaarfrisur, dunklem Taint, mal glatt rasiert, mal mit lässigem Zehntagebart. Immer an seiner Seite ist seine angebliche Ehefrau Monique, mit echtem Namen Marie-Andrée Leclerc (Jenna Coleman, „Doctor Who“), eine polyglotte Schönheit, die ihm bei seinen Verbrechen assistiert.

    Drehbuchautor Richard Warlow erzählt die teilweise unglaublich klingende Geschichte mit ständigen Sprüngen im Wesentlichen auf zwei Zeitebenen: Auf der einen werden wir Zeugen, wie Sobhraj seine Opfer kennenlernt, mit seinem Charme und vorgetäuschter Großzügigkeit einlullt, in sein Haus lockt oder mit KO-Tropfen außer Gefecht setzt, schließlich vergiftet, ausraubt und ihre Körper „entsorgt“. Auf der anderen Ebene folgen wir dem jungen Attaché der niederländischen Botschaft in Thailand Herman Knippenberg (Billy Howle), der sich auf die Spur des Mörders begibt. Nach dem Anruf einer besorgten Mutter aus seinem Heimatland macht er sich auf die Suche nach einem jungen Pärchen, das vor Monaten irgendwo zwischen Hongkong und Bangkok verschollen zu sein scheint. Obwohl sein Vorgesetzter ihn ermahnt, es sei Aufgabe der örtlichen Polizei, diese niederländischen Hippies zu suchen, lässt der idealistische Knippenberg nicht locker.

    Scheinbar nur ein mondänes Ehepaar: „Monique“ (Jenna Coleman) und „Alain“ (Tahar Rahim) BBC

    Zunächst findet er nur heraus, dass sie zwar in Bangkok gelandet, aber nie in dem Hostel angekommen sind, das sie gebucht hatten. Trotz der mangelnden Hilfe der Behörde ermittelt er gemeinsam mit seiner deutschen Ehefrau Angela (Ellie Bamber) auf eigene Faust weiter und stößt schließlich auf die Verbindung zu jenem geheimnisvollen Diamantenhändler, über den es schon vorher Gerüchte gab, er sei nicht nur ein Dieb und Betrüger, sondern sogar ein Mörder. Nur haben bisher alle diese Vorwürfe ignoriert, die Polizei ebenso wie die internationalen Botschaften vor Ort.

    Das Hin und Her zwischen den Rückblenden zu Sobhraj und seinen Opfern sowie den Ermittlungen Knippenbergs soll wohl die Spannung erhöhen, betonen doch die grausamen Erkenntnisse, die der Botschaftsangestellte über die Schicksale der Vermissten gewinnt, deren verhängnisvolle Naivität im Umgang mit dem charmanten Sobhraj. Wirkliche Überraschungen im Sinne eines klassischen Whodunnits gibt es aber keine – wir wissen von Anfang an, dass der vermeintliche Diamantenhändler die jungen Leute umbringen wird, und auch sein Modus Operandi ist für uns relativ schnell zu durchschauen. Da wir auch – durch eine Rahmenhandlung ganz zu Beginn, in der Sobhraj Jahre später von einer Fernsehjournalistin interviewt wird – wissen, dass er schließlich gefasst wird, kann echte Spannung im herkömmlichen Sinn nie aufkommen.

    Hartnäckige Ermittler auf eigene Faust: Angela (Ellie Bamber) und Herman Knippenberg (Billy Howle) BBC

    Eher soll die Miniserie wohl als Charakterstudie funktionieren, wobei nach den ersten zwei Episoden die einzige wirklich interessante Figur ausgerechnet der konservativ-langweilig wirkende Knippenberg ist, den das Schicksal der verschwundenen Touristen als einzigen nicht kaltlässt. Deshalb wagt er sich weit nicht nur über seine Zuständigkeit, sondern auch aus seiner Komfortzone hinaus. Der Schlüsseldialog zu seiner Motivation findet sich in der zweiten Folge, wenn er dem gelangweilt-unbeteiligten britischen Botschafter an den Kopf wirft: Wozu sind wir da? Ich meine nicht beruflich, sondern als Menschen. Wenn wir uns nicht um unsere Mitmenschen sorgen, wozu dann?

    Die eigentliche Haupt- (und Titel-)Figur bleibt dagegen seltsam untercharakterisiert. Warum Sobhraj zum Serienmörder geworden ist, bleibt über die Gier nach Geld hinaus im Verborgenen. Was seine Partnerin und Geliebte angeht, sehen wir zwar in noch weiter zurückgehenden Flashbacks deren Skrupel und Ängste, während sie zum ersten Mal Zeugin von Sobhrajs Gewalttaten wird. Warum sie aber so schnell bereit ist mitzumachen, wird ebenfalls nicht deutlich. Bleiben die Opfer, mit denen man zwar mitleidet, die aber so erschreckend naiv agieren und teilweise so schnell wieder aus der Handlung verschwunden sind, dass man auch keine rechte emotionale Bindung zu ihnen aufbauen kann.

    Handwerklich lässt sich an der von Tom Shankland („The Missing“) gefällig inszenierten Serie nichts bemängeln. In schönen, allerdings sehr touristischen Bildern fängt er mit seinem Kameramann Seppe Van Grieken die exotische Atmosphäre Thailands und Hongkongs ein, die so viele westliche Wohlstandskinder nicht nur in der damaligen Zeit fasziniert hat. Die parallel erzählten Handlungen sind schnell geschnitten und teils mit geschmackvollen französischen Chansonklassikern wie etwa von Charles Aznavour unterlegt. Über die stylische Oberfläche hinaus hinterlassen die Auftaktepisoden aber keinen bleibenden Eindruck. Wie bei vielen Verfilmungen wahrer Verbrechen stellt sich die Frage nach dem Sinn des Ganzen. Hätte eine Zeitungsreportage nicht ausgereicht, um die Geschichte aufzuarbeiten, wenn man aus irgendeinem Grund ein zeithistorisches Interesse daran hat? Die dramatische Fallhöhe etwa des Lebenswegs des Versace-Mörders in der zweiten Staffel von „American Crime Story“ fehlt hier jedenfalls völlig, auch da die Titelfigur keinerlei psychologische Entwicklung durchmacht. So bleibt die Serie letztlich genauso kühl wie Sobhraj selbst.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „The Serpent“.

    Meine Wertung: 3/​5

    Die Miniserie läuft zurzeit auf BBC One und wird später in Deutschland bei Netflix zu sehen sein.

    Trailer zur Miniserie

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv​a>.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

      weitere Meldungen