„The Mopes“: Wenn die Depression (Nora Tschirner) sympathischer ist als ihr Wirt – Review

    Die Dramedy von TNT Comedy packt Tabuthemen humorvoll an

    Rezension von Rosanna Großmann – 10.05.2021, 13:53 Uhr

    Anstrengend: Die Depression (Nora Tschirner) ist Mat (Roel Dirven) stets auf den Fersen. – Bild: Turner Broadcasting System Europe Limited/ Oliver Vaccaro
    Anstrengend: Die Depression (Nora Tschirner) ist Mat (Roel Dirven) stets auf den Fersen.

    Mat Benvenuti (Roel Dirven) liegt ruhig im gemeinsamen Bett mit seiner Freundin Susa (Paula Kalenberg), es ist still in der nächtlichen Wohnung. Da schleicht sich eine fremde Frau herein, schaut sich im Raum um. Mit einem großen Schritt steigt sie ins Bett, pflanzt sich zwischen Mat und seine Freundin und raunt ihm zu: Du bist wertlos. Kein Wunder, dass Mat schreiend fast aus den Federn fällt. Gerade hat er das erste Mal seine personifizierte Depression (Nora Tschirner) getroffen. Die TNT-Comedy-Serie „The Mopes“ erzählt, wie die psychische Erkrankung Mat in den Wahnsinn treibt – und er sie.

    Seit Mat aus seiner Boyband ausgetreten ist, läuft sein Leben irgendwie auf Abwegen: Der amerikanisch-niederländische Singer-Songwriter ist zwar gerade fest zu seiner Partnerin Susa nach Berlin gezogen, doch vom Sex mit anderen Frauen hält ihn das nicht ab. Auch die Aufträge bleiben aus – so sehr sich Mats Manager David (Anton von Lucke) auch darum bemüht. Als die Depression auftaucht, glaubt Mat zunächst, zu halluzinieren.

    Immer wieder quatscht sie dazwischen und gräbt seinen Selbstwert an. Sie mischt sich ein in alle zwischenmenschlichen Beziehungen, bis Mat sein jeweiliges Gegenüber gar nicht mehr hört. Mitunter treibt die Depression den erfolglosen Musiker dazu, die Menschen um ihn her wie schizophren anzuschreien – die wissen ja nicht, dass seine Aggressionen eigentlich gegen die unverschämte Krankheit gerichtet sind.

    Da liegt die psychische Erkrankung (Nora Tschirner) gut: mitten in Mats Beziehungen, hier mit seiner Freundin (Paula Kalenberg) Turner Broadcasting System Europe Limited/​Oliver Vaccaro

    Bei einem Gig in Bangkok eskaliert die druckvolle Situation vollends, Mat verwüstet in Rage das Hotelzimmer und zerstört den letzten Rest seines Rufs. Wieder daheim setzt ihn Susa vor die Tür. Mat beschließt, zu seiner Schwester und deren Frau und Kind zu ziehen. Doch ganz unten angekommen ist er noch nicht. Tag für Tag fällt es ihm nun schwerer, sich zu waschen, zu essen, sich überhaupt zu bewegen.

    Die Idee, seelische Vorgänge bildlich in Figuren und Landschaften umzusetzen, ist selbstverständlich nicht neu. In der jüngeren Filmgeschichte wäre da Pixars „Alles steht Kopf“, der die fünf Kerngefühle als quirlige Comicfiguren zum Leben erweckt, die das Seelenleben ihrer Wirte steuern. In der Zeichentrickserie „Big Mouth“ gibt es neben den Hormonmonstern auch eine große, lila-gestreifte Katze namens Depression.

    Auch in „The Mopes“ (umgangssprachlich abwertend für einen leidenden Zustand) ist Mats mittelgradige Depression nicht die einzige psychische Erkrankung. In einem scheinbar aus der beginnenden Industrialisierung stammenden Werk arbeiten ganze Scharen von ihnen mit Lochkarten und Rohrpost an ihren „Fällen“. Ganz die beflissenen Arbeiter tragen sie mit Abzeichen dekorierte Uniformen und marschieren im Gleichschritt durch die Firma.

    Die Depression Monika will sich nicht von einer Panikstörung (Kathrin Angerer) aus der Ruhe bringen lassen. Turner Broadcasting System Europe Limited/​Oliver Vaccaro

    Die Idee für diese Umsetzung fasste die Schauspielerin und Drehbuchautorin Ipek Zübert („Bruder – Schwarze Macht“), ihr Mann Christian Zübert („Lammbock“, „Bad Banks“) übernahm die Regie. Dem Gespann gelingt, was sich gerade bei Tabuthemen als Herausforderung präsentiert: Einblicke gewähren in die für viele unbekannte Welt, ohne zu sehr Klischees zu bedienen. Die brutalen Seiten der Thematik ernst nehmen, ohne dabei den Humor zu verlieren.

    Dabei dürfte gerade die hier im Zentrum stehende Depression für die meisten einigermaßen reflektierten Menschen kein Buch mit sieben Siegeln sein. Jeder Mensch erfährt in seinem Leben mindestens einmal eine depressive Verstimmung, und sei es beim ersten Liebeskummer. Dennoch wird die Krankheit als Thema immer noch häufig mit spitzen Fingern angefasst und in der Leistungsgesellschaft als Unfähigkeit verpönt.

    Mats Depression trägt als Namen ihre ICD-10-Klassifizierung, einen komplizierten Buchstaben- und Zahlencode. Doch Mats Nichte Elle (Sue Moosbauer) hat eine andere Idee: Als Einzige im Umfeld des Musikers akzeptiert sie die „neue Frau“, die Mat halluziniert. Und tauft sie Monika. Allein schon, dass der stets in einer Mischung aus englisch und deutsch kommunizierende Mat Monika sieht, ist jedoch eine Abweichung im Alltag der psychischen Erkrankungen.

    Mat kann nicht mehr kommunizieren, nicht mehr arbeiten, nicht mehr musizieren ohne Störung. Turner Broadcasting System Europe Limited/​Oliver Vaccaro

    Abweichungen muss Monika ihren Vorgesetzten melden. Und Distanz zu ihrem Fall wahren. Doch sie beginnt, eine Beziehung zu Mat aufzubauen – empfindet Mitgefühl mit ihm. Ein ganz klarer Verstoß gegen die Regeln. „Diskrepantia“ wird diese irreguläre Reaktion des „Falls“ genannt: Gerade Künstler verhielten sich häufig nicht so, wie die „PE“ (psychischen Erkankungen) es planen.

    Die weiß angestaubten Steppjacken der PE-Arbeiter im Werk und ihre unangenehm fremdgesteuert wirkenden Bewegungen lassen vermuten, dass es hier keinen Platz für so widerspenstige Fälle gibt. Bald bekommt Monika von einer eindrucksvollen schweren Depression zugeraunt, dass ihr Fall Mat ganz schnell in seiner Abteilung landen könne, wenn sie nicht aufpasse.

    Besonders „intriguing“ wirkt der Beisitzer in Monikas Reportings; eine PE mit langjähriger Erfahrung, von Matthias Matschke („Pastewka“) dargestellt. Nach außen hin den Eindruck eines „Systemlings“ wahrend, nähert er sich der Depression der Hauptfigur vorsichtig an. So kommt bald die Vermutung auf, dass hinter der peniblen Fassade und dem geweißten Bart mehr stecken könnte. In Monikas Arbeitsstelle gibt es noch so einige düstere Winkel zu erkunden.

    Monikas Briefing vor stetig steigenden Fallzahlen, mit Matthias Matschke als Beisitzer. Turner Broadcasting System Europe Limited/​Oliver Vaccaro

    Trotz des ernsten Themas macht es Spaß nachzuvollziehen, welche Bedeutungsebenen dem Handeln der Figuren zugrunde liegen. Im Werk der PE gibt es Kurse und Übungen namens „Beleidigungen“, „Schwitzen“ und „Schwere“, aber auch „Selbstverletzung“ oder „Suizidale Gedanken“. Alles zu erlernende Fähigkeiten, die die Störungen nutzen können, um ihren jeweiligen Fall zu quälen.

    Wozu das Ganze? Was soll diese Laubsägearbeit an der Psyche der armen Kranken? Das Ziel, das Arbeiterinnen wie Monika verfolgen, ist letztendlich, ihre Fälle zur Einsicht zu zwingen. Sie sollen sich Hilfe holen, sich in Therapie begeben. Anfangen, ihre Probleme anzugehen, anstatt sie weiter zu verdrängen. Dazu müssen die PE eben schwere Geschütze auffahren.

    Monika versucht jedenfalls weiterhin, Mat das Gefühl einer extra denglischen Wörslessness einzuimpfen. Sie reduziert seine Kontakte, lässt ihn ungepflegt in einer Müllkippe von Zimmer vor sich hinrotten. Sie hängt sich beim Gehen an seine Beine, hält den Kühlschrank zu, legt sich als schwerer Sack – eben wie die lilafarbene Depressionskatze – auf Mats Bauch. Bis dieser sich endlich um einen Termin bei einem Therapeuten bemüht.

    Den Apfel will Mat wohl eher nicht mehr essen. Turner Broadcasting System Europe Limited/​Oliver Vaccaro

    Doch damit ist auf dem langen Weg der Genesung erst der erste Schritt getan. Und Monika scheint nun auch selbst Unterstützung zu benötigen mit ihrem ungewöhnlichen Fall. Möglicherweise gibt es in einem urtümlichen Archiv in den Kellern ihrer Firma eine Selbsthilfegruppe – in der schon eine Melancholie, eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, eine Panikstörung und eine Posttraumatische Belastungsstörung auf Monika warten.

    Bei all der Freude über das filmische Ansprechen eines so wichtigen Themas ist man bereit, über gewisse ungelenke Mankos von „The Mopes“ hinwegzusehen. Da wäre die stumpfe Personenexposition, in der ohne Scham die aktuelle soziale Situation und der Lebenslauf der Figuren heruntergerattert werden. Oder die 12-jährige Nichte Elle, die zwar einen kindlichen Zugang und Umgang mit der Krankheit ermöglicht – trotz etwa gleichaltriger Schauspielerin jedoch viel älter und reifer wirkt und damit das Filmklischee des weisen Kindes bedient.

    Und, passend ausgedrückt „The Elefant in the Room“ ist die Mischung aus Deutsch und Englisch, die Hauptfigur Mat durchgehend von sich gibt. Auch wenn Mat zur Hälfte Amerikaner sein soll, wird das Sprachverständnis der Rezipienten doch sehr gefordert. Wenigstens wird das bedeutungsschwere Neuberliner Gefasel durch Monikas Denglisch ironisch gebrochen: I have to speak English because you suck at German!

    Monika erhält einen richtigen Namen – und findet Freunde in der Selbsthilfegruppe? Turner Broadcasting System Europe Limited/​Oliver Vaccaro

    Empathie empfindet man daher gar nicht in erster Linie mit dem leidenden („moping“) Mat, dafür sind seine Abstürze auch zu lustig dargestellt. Man könnte an dieser Stelle sagen, leider wieder: Der Depressive ist ein stinkendes Tier, das sich nicht zusammenreißen kann, seine Freunde vor den Kopf stößt und vor lauter Faulheit und Ekligkeit in neben dem Bett stehende Flaschen pisst.

    Tatsächlich ist die durch die Serie tragende Figur Nora Tschirner als die Depression selbst. Und zwar von Anfang an, derart, dass man wütend wird, als Mat sie als hässliche, alte Frau bezeichnet. Vielleicht ein weiterer Schritt zur Heilung: Monika trotz aller Quälerei nicht zu hassen. Sie hat nur das Beste im Sinn.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Folgen von „The Mopes“.

    Meine Wertung: 4/​5

    Die Serie „The Mopes“ läuft ab dem 11. Mai immer dienstags um 20.15 auf TNT Comedy, danach stehen die sechs Folgen als Video on Demand bei Sky und weiteren Diensten zur Verfügung.

    Trailer zu „The Mopes“

    Über die Autorin

    Rosanna Großmann wurde schon früh zur Cineastin. Als Kind bettelte sie jahrelang darum, Filme wie „Jurassic Park“ oder „Tanz der Vampire“ sehen zu dürfen – die dann auch zu liebgewonnenen Dauerbrennern auf ihrem Fernseher wurden. In das Serienbusiness stieg sie erst später ein: Die ersten Serien, die die Wahlkölnerin mit Vorspann und Haaren verspeiste, waren „Star Trek – Next Generation“ und „Die Simpsons“. Seit 1999 schreibt sie jede Menge Zeug in einer wilden Mischung; seit 2020 auch Serienkritiken, Horror-Empfehlungen und Interviews für fernsehserien.de.

    Lieblingsserien: Peaky Blinders – Gangs of Birmingham, Family Guy, Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Einen Comedy-Sender finde ich für eine sehr ernste Krankheit, wie Depressionen es nunmal sind, auch nicht gerade als geeignet. Robert Enke, einen früheren Bundesliga-Torhüter, haben seine Depressionen letztlich in den Selbstmord getrieben, um ein prominentes Beispiel zu geben.

      Sollte THE MOPES eine TNT-Original-Produktion sein, wäre TNT Serie besser als Abspielstation.

      Äußerst unglückliche Programmierung!
      • am

        "Jeder Mensch erfährt in seinem Leben mindestens einmal eine depressive Verstimmung, und sei es beim ersten Liebeskummer. Dennoch wird die Krankheit als Thema immer noch häufig mit spitzen Fingern angefasst und in der Leistungsgesellschaft als Unfähigkeit verpönt."

        Und solche Sätze, bei denen eine schwere, psychologische Krankheit als "Jeder hat so etwas manchmal, ist ja nur Liebeskummer" trivialisiert wird, sind da nicht hilfreich.

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