„The Gilded Age“: Historienepos des „Downton Abbey“-Schöpfers schwelgt in Kulissen und Kostümen, startet aber zäh – Review

    Christine Baranski und Cynthia Nixon als New Yorker Geldadelige

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 22.04.2022, 15:10 Uhr (erstmals veröffentlicht am 23.01.2022)

    Christine Baranski (r.) und Cynthia Nixon (vorne l.) in „The Gilded Age“ – Bild: HBO
    Christine Baranski (r.) und Cynthia Nixon (vorne l.) in „The Gilded Age“

    Am heutigen Freitag (22. April) beginnt Sky in Deutschland mit der Veröffentlichung der US-Serie „The Gilded Age“, die zu Jahresbeginn in den USA veröffentlicht wurde – Sky zeigt die Episoden freitags ab 20:15 Uhr auf Sky Atlantic HD, neue Folgen stehen wöchentlich on Demand via Sky Ticket und Sky Q zum Abruf bereit. Aus diesem Anlass präsentieren wir erneut unsere Kritik zur Serie, die im Januar 2022 entstand.

    Es sind deprimierende Zeiten, in denen wir leben: Will man ein Geschäft oder Café betreten, wird erst mal der Impfstatus überprüft, Feiern und große Kulturveranstaltungen werden abgesagt, wöchentlich ziehen mehr Demonstrierende durch die Städte, die den Regierenden gar nichts mehr glauben und täglich werden einem mehrfach die aktuellen Ansteckungszahlen um die Ohren gehauen. Da kommt eine Serie gerade recht, die einen mitnimmt in eine hoffnungsvollere Zeit voller Aufbruchstimmung und wirtschaftlicher Prosperität – und in der die Menschen zudem noch deutlich besser angezogen waren.

    „The Gilded Age“ – das Vergoldete Zeitalter – heißt in den USA jene Periode des ökonomischen Aufstiegs und der gesellschaftlichen Erneuerung einige Jahre nach Ende des blutigen Bürgerkriegs zwischen Nord- und Südstaaten, im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Und so heißt auch die zunächst neunteilige HBO-Serie über genau diese Zeit, die verschiedene wohlhabende Familien in New York City begleitet. Und wer könnte besser geeignet sein, deren von übertriebenem Luxus und gehobenen Umgangsformen geprägten Alltag in Szene zu setzen als Julian Fellowes? Hat sich der Brite mit seinem Historienepos „Downton Abbey“ doch weltweit in die Herzen all jener Serienfans eingeschrieben, die einen livrierten Hausdiener ebenso zu schätzen wissen wie ein großes Dinner mit echt goldenem Besteck.

    Im Mittelpunkt seiner neuen Serie stehen vor allem zwei Familien, die paradigmatisch das Alte und das Neue Geld verkörpern, das im Zentrum der Ostküstenmetropole aufeinandertrifft. Auf der einen Seite die Van Rhijns, alter europäischer Geldadel, vertreten durch Agnes van Rhijn (Christine Baranski, „Good Wife“ und „The Good Fight“), die als Witwe und Erbin ihres Gatten das Zepter in der Hand und die alten Werte hoch hält. Ihr treu zur Seite steht ihre Schwester Ada Brook (Cynthia Nixon, „Sex and the City“), die finanziell von ihr abhängig ist. Auf der anderen (Straßen-)Seite die Russells, die nicht nur neu in der Nachbarschaft sind, sondern auch für das Neue Geld stehen, das mit Börsengeschäften erworben wurde. George Russell (Morgan Spector) will gerade in den Bau eines neuen Bahnhofs investieren, seine Gattin Bertha (Carrie Coon, „The Leftovers“) leidet darunter, dass sie von den alteingesessenen Familien der New Yorker Oberschicht als Emporkömmlinge betrachtet und nicht akzeptiert werden.

    Versucht den Aufstieg in die gehobene Gesellschaft: Bertha Russell (Carrie Coon) HBO

    Die Geschichte kommt ins Rollen, als eine verarmte Nichte der Brook/​Van Rhijn-Schwestern in die Stadt kommt: Marian (Louisa Jacobson) ist die Tochter von Agnes’ und Adas jüngst verstorbenem Bruder. Zwar hat sich die eigensinnige Agnes geweigert, zu dessen Bestattung zu fahren, sie nimmt seine Tochter aber für ihre Verhältnisse herzlich in ihrem Haus auf. In Marians Begleitung befindet sich eine junge Schwarze, Peggy Scott (Denée Benton), die nach ihrem Schulabschluss nach New York zurückkehrt, allerdings wenig Lust hat, wieder zu ihren Eltern in ein Schwarzenviertel zu ziehen. Die talentierte Frau träumt vielmehr davon, sich als Schriftstellerin ihren Lebensunterhalt verdienen zu können, fängt aber erst einmal bei Agnes als Sekretärin an. Während Peggy an ihrem Traum arbeitet, knüpft Marian gesellschaftliche Kontakte, darunter zum Sohn der Russells, aber auch ein junger Rechtsanwalt (Thomas Cocquerel), zu dem sie sich – trotz des Argwohns ihrer Tante – hingezogen fühlt.

    Es fällt zunächst nicht leicht, bei den zahlreichen Figuren und deren Beziehungen untereinander einen Überblick zu gewinnen. Denn das große Ensemble wird nicht nur durch weitere Oberschichtsfamilien ergänzt, sondern – wie in „Downton Abbey“ – auch noch durch das Hauspersonal. Das hält wie schon bei der britischen Adelsfamilie den Haushalt am Laufen, während es selbst unten in der Küche speist und seine spärliche Freizeit verbringt – jenes berühmte „Upstairs, Downstairs“, wie ein anderer TV-Klassiker („Das Haus am Eaton Place“) im Original hieß. Das spezifisch Amerikanische ist nun, dass auch Peggy, die qua Bildung, Kleidung und Auftreten eher zu den Herrschaften gehören müsste, mit Butlern und Hausmädchen am Küchentisch essen muss und in einem Dienstmädchenzimmer schläft. Und bald merken muss, dass der Rassismus noch tief verwurzelt ist, auch wenn der Bürgerkrieg vorbei und Afro-Amerikaner nun formal gleichberechtigte Bürger sind.

    Suchen beide ihren Platz im Leben: Marian Brooks (Louisa Jacobson) und Peggy Scott (Denée Benton) HBO

    Diese Konfrontationen sind auch die interessantesten Momente in den Auftaktfolgen, sind sie doch für uns moderne ZuschauerInnen unmittelbar anschlussfähig an die heutige Situation. Während alles, was sich in der High Society des 19. Jahrhunderts abspielt, schon sehr weit entfernt ist von unserem Alltag. Da wird im Smoking oder mit Damenhut gespeist, für einen Dinnerempfang so viel Essen aufgefahren, dass man damit ein ganzes Ferienresort bewirten könnte und die alleinstehenden Frauen gehen in sehr schönen, aber auch unglaublich einengenden Kleidern spazieren. Das kann man alles bestaunen und sich an dem Sinn für Ästhetik erfreuen, der in jener Zeit offensichtlich noch stärker ausgeprägt war als heute. Man kann aber auch nach den kleinen Brüchen suchen, den Hinweisen darauf, dass manche Menschen unter all diesen Konventionen eher zu ersticken scheinen.

    Der Fortschritt, die Liberalisierung gerade auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen, die im Verlauf der Serie wahrscheinlich noch eine größere Rolle spielen werden, deuten sich hier erst spärlich an. Eben in einer Figur wie Peggy, die nicht mehr bereit ist, die ihr nur aufgrund ihrer Hautfarbe – auch von der eigenen Familie – zugewiesene Position einfach so hinzunehmen. Aber auch bei Marian, die wie selbstverständlich Freundschaft mit Peggy schließt und selbst bestimmen will, wen sie einmal heiraten möchte. Dem gegenüber steht die strenge, vor lauter Konventionen fast erstarrte Agnes, die aber gerade nicht als Unmensch gezeichnet wird. Christine Baranski ist die Idealbesetzung für diese stolze wie lakonische Frau, die sie mit einer Mischung aus stiff upper lipp und angewidertem Gesichtsausdruck verkörpert. Überhaupt ist das Ensemble die große Stärke der Serie.

    Eigensinnig und streng: Agnes van Rhijn (Christine Baranski) HBO

    Inszenatorisch ist das alles hingegen noch etwas zäh, wenn man sich nicht auch gerne stundenlang Übertragungen von Adelshochzeiten oder Thronjubiläen anschaut. Das Schwelgen in den aufwendigen Kulissen und Kostümen – wie eigentlich immer bei HBO perfekt umgesetzt – und allgemein im Luxusleben der Protagonisten nimmt jedenfalls viel mehr Raum ein als die sporadisch gesetzten kritischen Untertöne. So sind die ersten Folgen des neuen Epos doch mehr Realitätsflucht als Gegenwartsparabel und dadurch auch ein weiterer Beleg dafür, dass sich das aktuelle Serienangebot des Premiumsenders weit von seinem Profil vor zehn bis 15 Jahren entfernt hat, als dort noch „Six Feet Under“ und „The Wire“ den Ton angaben. Aber vielleicht ist ja gerade das wieder zeitgemäß.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Episoden der Serie „The Gilded Age“.

    Meine Wertung: 3,5/​5

    In den USA startet die Serie „The Gilded Age“ am 24. Januar auf HBO.. Zwischenzeitlich wurde sie um eine zweite Staffel verlängert.

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv​a>.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Der erste Absatz ist unnötige politische Propaganda, sowas hat m.E. in der Kritik einer Entertainment-Seite nichts zu suchen.
      Oder versucht hier ein Impfgegner/Corona-Leugner seine Message zu verbreiten?
      • (geb. 1971) am

        Seh ich ganz genauso. Was soll der Mist? Wir haben schon genug deprimierende Spinner, die solchen unintelligenten Mist posten, das muss ich hier nicht auch nicht haben. Dummer Weise ist die Berufsbezeichnung Journalist so wie Juwelier oder Astrologe keine geschützte. DAs ist ärgerlich, weil es suggeriert, man sei qualifiziert dummes Zeug zu verbreiten.
      • (geb. 1978) am

        Unglaublich, was man hier in letzter Zeit für Kommentare liest! Dir gefällt der erste Absatz nicht? Dann überspring ihn! Wir sind hier auf einer Serien-Fanseite und nicht beim Investigativjournalismus! Warum muss man den Schreiber persönlich angreifen? DAS ist dumm!

        Zur Serie: Meiner Ansicht nach ist Julian Fellowes schon länger keine Visitenkarte mehr für gute Unterhaltung. Bei "Downton Abbey" steckten die Figuren irgenwann in ihren Klischees fest und "Belgravia" war ziemlich betulich mit Zuckerguss-Auflösung.
        Von der Beschreibung des Inhalts her würde ich mir "Gilded Age" jedenfalls nicht anschauen. Ich denke, ein "DA" Prequel hätte mehr hergegeben. Wie hat die Dowager Countess in jungen Jahren den russischen Adel becirct oder wie hat die Amerikanerin Cora ihren Platz in der britischen Upper Class gefunden, während ihr Mann in Südafrika im Krieg war? Hätte mich persönlich mehr interessiert.
      • am

        Schon lustig, ich dagegen finde es ziemlich dumm, wenn man sich der unkritischen ideologischen Beschallung hingibt ohne das Hirn zu benutzen.
        Aber vielleicht entspricht die scheinbare Gesinnung des Artikelverfassers (ich verzichte hier mal bewusst auf die Bezeichnung Journalist) Deiner persönlichen Grundeinstellung zum Thema, da sieht man solche Äußerungen natürlich weniger kritisch.
      • am

        Ich kann in meinem ersten Absatz keine politische Propaganda oder Message erkennen. Es ist einfach eine Zustandsbeschreibung. Oder findest du es schön oder angenehm, überall deinen Impfstatus nachweisen zu müssen, oder dass große Veranstaltungen und Feste seit Jahren nicht stattfinden dürfen? Das hat ja nichts damit zu tun, ob man persönlich diese Maßnahmen richtig oder notwendig findet oder nicht - angenehmer wäre es aber doch wohl für alle, wenn es sie nicht (mehr) gäbe bzw. geben müsste. Und wie gespalten unsere Gesellschaft derzeit ist, erkennt man schon daran, dass solche Kommentare abgegeben werden, in denen anderen irgendwelche Meinungen unterstellt werden, die sie gar nicht geäußert haben, und das dann gleich mit persönlichen Beleidigungen einhergeht.
      • am

        Hier ist jemand aber sehr empfindlich.
        Wo sehen Sie hier die persönliche Beleidigung?

        Ich frage mich allerdings auch, was der Zustand unter Corona mit einem Film, der Fiktion ist zu tun haben soll.
      • (geb. 1968) am

        Jeder Text, der ansatzweise die gegenwärtige gesellschaftliche Situation thematisiert, wird heute von irgendwem als "politische Progaganda" diffamiert. Äußerst bedenklich, wie manche mit ihrer Paranoia das gesellschaftliche Klima vergiften wollen.

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