„Sweetbitter“: Kulinarische Coming-of-Age-Geschichte bleibt erschreckend fad

    Rehäugige Protagonistin stolpert in Starz’ Bestseller-Adaption durch die Welt der Spitzengastronomie

    "Sweetbitter": Kulinarische Coming-of-Age-Geschichte bleibt erschreckend fad – Rehäugige Protagonistin stolpert in Starz' Bestseller-Adaption durch die Welt der Spitzengastronomie – Bild: Starz
    „Sweetbitter“

    New York war schon immer ein Versprechen, ein Traumort für junge Menschen aus aller Welt. „If you can make it there, you can make it anywhere“, wie schon Frank Sinatra sang. Diesem Ruf der Weltmetropole folgt auch Tess (Ella Purnell), Anfang 20, ein Mädchen aus der Provinz. Nicht gerade von der Tellerwäscherin zur Millionärin will sie werden, aber doch als Kellnerin anfangen, um sich währenddessen in aller Ruhe zu überlegen, was sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen will.

    Es soll eine dieser „Mitten aus dem Leben“-Geschichten sein, die der US-Bezahlsender Starz in seiner neuen eigenproduzierten Serie „Sweetbitter“, basierend auf dem Roman von Stephanie Danler (deutsch im Aufbau Verlag), erzählen will. Dem steht allerdings entgegen, dass viele der Entwicklungen nicht besonders glaubwürdig rüberkommen. So zum Beispiel die Entscheidung des Luxusrestaurant-Geschäftsführers Howard (Paul Sparks), der völlig unerfahrenen und auch nicht besonders schlagfertigen Tess nach dem eher misslungenen Vorstellungsgespräch und angesichts zahlloser anderer Bewerberinnen trotzdem den Job als Servicekraft zu geben. An ihrem ersten Abend stolpert die Neue dann entsprechend mehr durch ihre Arbeitsstelle als wirklich zu wissen, was sie da tut. Wie reagiert man etwa, wenn eine zwar sympathische, aber offensichtlich auch geistig verwirrte ältere Stammkundin einen bittet, sich doch zu ihr zu setzen, während sie ihre mit Brandy versetzte Suppe löffelt, weil alleine essen eben keinen Spaß mache? Und dann haben natürlich auch noch die zahlreichen neuen Arbeitskollegen alle ihre kleinen und größeren Geheimnisse, mit denen man richtig umzugehen lernen muss.

    Das klingt alles irgendwie wie dem Lehrbuch für Coming-of-Age-Drehbücher entnommen – und so wirkt es auch. Irgendeinen originellen Ansatz sucht man in den ersten beiden, jeweils nur knapp halbstündigen Episoden, von denen Stephanie Danler die erste selbst geschrieben hat, vergeblich. Diese Einführung, die die junge Protagonistin routiniert verschiedene Stationen ihres neuen Lebens absolvieren lässt, hat man so ähnlich schon Dutzende Male gesehen. Newcomerin Ella Purnell wirkt dabei zwar durchaus sympathisch, reagiert aber doch zu oft mit weit aufgerissenen Bambi-Augen auf die ihr fremde Welt der Top-Gastronomie und des New Yorker Nachtlebens. Alle anderen Figuren bleiben oberflächlich und zum großen Teil kaum unterscheidbar, mit Ausnahme des etwas undurchsichtigen Howard, der sich abwechselnd wie ein snobistischer Chef und wie ein väterlicher Mentor verhält, sowie der noch geheimnisvolleren Kellnerin Simone (Caitlin FitzGerald, die Libby Masters aus „Masters of Sex“). Letztere übt eine zunehmende Faszination auf Tess aus. Warum, wird nicht so ganz klar, da sie nicht viel mehr macht, als über Wein zu reden und Salzstreuer zu polieren.

    Kleinstadtmädchen Tess (Ella Purnell) wirkt mit ihren großen Rehaugen verloren in New York

    Überhaupt: der Wein. Der – respektive das Wissen darüber – fungieren hier als Metapher für Kultiviertheit. Wer einen Riesling geschmacklich einordnen kann, hat es quasi schon geschafft, den Sprung in die gesellschaftliche Oberschicht zu nehmen, dazu zu gehören. Es ist diese reichlich oberflächliche Weltsicht, die sich durch die ganzen Episoden zieht. Was nun genau die Faszination der gehobenen Gastronomie (nicht nur für Tess) ausmacht, gelingt der Serie jedoch überhaupt nicht zu vermitteln, der Funke springt einfach nicht über.

    Howard (Paul Sparks) verschafft Tess (Ella Purnell) ihr sinnlich-kulinarisches Erweckungserlebnis – den Zuschauer bleibt diese Ebene der Romanadaption vorenthalten

    In der zweiten Folge wird die Initiation des „Mädchens vom Lande“ dann auf die Spitze getrieben: Zufällig entdeckt Tess, dass die Mitarbeiter nach Feierabend noch gemeinsam im Restaurant einen trinken, verwickelt sich nacheinander in mehrere private Konflikte ihrer neuen Kollegen, was in eine Ohrfeige einer Kollegin und einen leidenschaftlichen Kuss einer anderen gipfelt (obwohl sie doch längst ein Auge auf den feschen Jake, gespielt von Tom Sturridge, geworfen hat). Auch hier leidet der Realismusanspruch wieder erheblich – solche ersten Arbeitstage hatte man selbst dann doch eher selten. Warum die Schlusspointe der Folge schon in der Anfangsszene vorweggenommen wurde, bleibt das Geheimnis des Drehbuchautors Stuart Zicherman.

    Auch mit „Sweetbitter“ bleibt Starz der unbeständigste der Serien produzierenden US-amerikanischen Aboanbieter. Außer dem Fantasy-Epos „Outlander“ hat er noch keine richtig hervorstechende Originalproduktion zu Wege gebracht und das wird sich mit einer in allen Aspekten absolut durchschnittlichen Serie wie dieser auch nicht ändern. In der völlig überlaufenen US-Serienlandschaft, in der alleine Netflix fast jede Woche eine neue Staffel einer Eigenproduktion raushaut, kann eine solch kleine Serie nur auffallen, wenn sie etwas wirklich Neues bietet oder besonders große Namen auf der Besetzungsliste vorweisen kann. Der bekannteste Name bei „Sweetbitter“ ist Brad Pitt – der war allerdings nur einer der ausführenden Produzenten. Leidlich unterhaltsam sind die Episoden – auch wegen der begrenzten Länge – zwar, wer aber unbedingt mal wieder den Ein- und Aufstieg einer jungen Frau in der New Yorker Gastronomie mitverfolgen will, sollte sich lieber (noch mal) „Coyote Ugly“ auf DVD angucken.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten beiden Episoden der Serie „Sweetbitter“.

    Meine Wertung: 3/5


    © Alle Bilder: Starz

    Die sechsteilige erste Staffel von „Sweetbitter“ läuft aktuell in den Vereinigten Staaten beim Sender Starz. Eine deutsche Heimat ist bisher noch nicht bekannt geworden.

    Trailer zu „Sweetbitter“

    21.05.2018, 16:28 Uhr – Marcus Kirzynowski/fernsehserien.de

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