„Suspicion“: Starbesetzte Apple-Thrillerserie lässt nach starkem Start nach – Review

    Vier Verdächtige in Kidnappingfall zwischen London und New York

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 03.02.2022, 17:30 Uhr

    „Suspicion“ – Bild: Apple TV+
    „Suspicion“

    Was passiert, wenn unauffällige Durchschnittsbürger plötzlich zu Verdächtigen bei einem aufsehenerregenden Verbrechen werden? Das ist die Prämisse von „Suspicion“, einer neuen britisch-amerikanischen Thrillerserie von Apple TV+, die auf dem israelischen Vorbild „False Flag“ basiert. War es dort noch der iranische Verteidigungsminister, der entführt wird, ist es hier der Sohn einer mächtigen New Yorker PR-Beraterin. Und statt Israelis sind es eben vier britische BürgerInnen, die sich mir nichts dir nichts Polizeiverhören, gewaltigem Medieninteresse und sogar potentiellen Terroristen ausgesetzt sehen.

    Es ist ein spektakulärer Coup: Leo Newman (Gerran Howell), Teenager-Sohn von Katherine Newman (Uma Thurman), die eine Top-PR-Agentur leitet, wird in einem New Yorker Luxushotel gekidnappt – von Menschen, die als Angehörige der britischen Königsfamilie maskiert sind. Das spektakuläre Video der Überwachungskameras geht schnell viral. Von dem jungen Mann fehlt hingegen jede Spur, es gibt auch keine Lösegeldforderung. Stattdessen schalten sich die Entführer mit kryptischen Botschaften sowohl in Sitzungen von Senatsausschüssen als auch in Pressekonferenzen von Katherine. „Tell the Truth – Erzähl die Wahrheit“ ist ihre einzige Forderung. Schnell wird klar: Es gibt irgendwas Schwerwiegendes, das die PR-Ikone in ihrer Karriere verschwiegen hat, und die Drahtzieher der Entführung wollen, dass das endlich ans Licht kommt.

    In London lernen wir zunächst einige Figuren kennen, die scheinbar nichts miteinander gemeinsam haben: Natalie Thompson (Georgina Campbell) ist eine junge Steuerberaterin am Tag ihrer Hochzeit, Tara McAlister (Elizabeth Henstridge, „Marvel’s Agents of S.H.I.E.L.D.“) eine Junior-Dozentin für Literatur am College, Aadesh Chopra (Kunal Nayyar, „The Big Bang Theory“) ein indischstämmiger Mann, der sich sehr gut mit Computersicherheit auskennt, allerdings im Teppichhandel seiner Famillie arbeiten muss. Sie alle werden urplötzlich von der Polizei verhaftet – Natalie sogar unmittelbar vor dem Altar -, und mit dem Vorwurf konfrontiert, an der Entführung beteiligt zu sein. Denn sie alle waren an jenem Tag in dem New Yorker Hotel. Und obwohl alle drei ihre Unschuld beteuern, zeigen sich bald erste Ungereimtheiten und weitere Verdachtsmomente.

    In ungewöhnlichen Rollen: „Queen Elizabeth“ und „Prinz Charles“ schnappen zu Apple TV+

    Es ist eine klassische Ausgangssituation für eine spannende Thrillerhandlung: Auf den ersten Blick völlig harmlose unbescholtene Bürger geraten unter einen schrecklichen Verdacht und ihr Leben wird von einem Moment auf den anderen aus den Angeln gerissen. Kollegen und Verwandte wenden sich ab, Jobs geraten in Gefahr und überall lauert die Medienmeute. Showrunner Rob Williams und Regisseur Chris Long setzen das in den ersten Folgen packend in Szene, unterstützt von einem sympathischen, überwiegend britischen Ensemble.

    Während wir als Zuschauer mit den Verdächtigen mitleiden, bahnt sich in einer Parallelhandlung der eiskalte Auftragskiller Sean Tilson (Elyes Gabel, „Scorpion“) seinen Weg von New York nach London. Unterdessen lässt die ermittelnde Kriminalbeamtin Vanessa Okoye (Angel Coulby) die Verdächtigen auf freien Fuß – allerdings nur, um mittels allgegenwärtiger Videoüberwachung deren weiteres Handeln zu beobachten. Technisch beeindruckend verdeutlicht die Serie hier, dass es in einer Stadt wie London praktisch nicht mehr möglich ist, einen Schritt im öffentlichen Raum zu gehen, ohne im Blickfeld einer Kamera zu sein.

    Die vier Verdächtigen: Tom Rhys-Harries, Kunal Nayyar, Georgina Campbell und Elizabeth Henstridge Apple TV+

    Und tatsächlich nehmen die Drei, zu denen noch der undurchsichtige Student Eddie Walker (Tom Rhys Harries) stößt, bald Kontakt zueinander auf, um mit vereinten Kräften den Verdacht gegen sie zu entkräften. Doch dabei werden sie selbst gekidnappt und befinden sich schnell auf der Flucht, nicht nur vor staatlichen Behörden, sondern auch vor Kräften, bei denen überhaupt nicht klar ist, auf welcher Seite die stehen. Dieser Wendepunkt in der Handlung nach der Hälfte der acht Episoden bringt die Serie aber leider qualitativ auf die schiefe Bahn. Ab hier häufen sich die Logiklücken und unglaubwürdigen Enthüllungen. Figuren wechseln die Seiten schneller, als Bauern beim Schach fallen und jeder Zweite entpuppt sich als Doppelagent. Auch das letztendliche Motiv hinter der Entführung entpuppt sich als äußerst schwach.

    Eine Stärke bleibt die ebenso junge wie diverse Besetzung: Völlig unverkrampft agieren junge Frauen und Männer mit unterschiedlichen Hautfarben und kulturellen Hintergründen, ohne dass das groß thematisiert werden müsste. In einer Nebenrolle überzeugt die schon als Tochter in „Years and Years“ aufgefallene Lydia West. Dagegen bleiben die US-amerikanischen Stars eher blass: Noah Emmerich variiert als FBI-Agent im Grunde nur leicht seine Rolle aus „The Americans“. Uma Thurman wird zwar in Trailern und auf Promofotos groß herausgestellt, hat aber bis auf die letzte Folge nur sehr wenig Screentime und bleibt schauspielerisch weit hinter ihren Glanzzeiten aus Quentin-Tarantino-Tagen zurück.

    Die beiden US-Stars: Noah Emmerich als FBI-Agent Scott Anderson, Uma Thurman als Katherine Newman Apple TV+

    Die jeweils knapp einstündigen Folgen sind durchgehend modern und rasant inszeniert, so dass es nie wirklich langweilig wird. Allerdings kommen die Drehbücher nicht ohne Klischees wie einen übermisstrauischen alten Nachbarn aus. Das präsentierte Gesellschaftsbild ist eher düster: PR, Politik und Polizei bilden ein Geflecht, das Interessen verfolgt, die die normale Bevölkerung gar nicht durchschauen kann; dass maskierte Staatsdiener ohne Prozess Bürger eliminieren, scheint auch in westlichen Demokratien zumindest vorstellbar. Und bei der Auflösung wird besonders dick aufgetragen. Überzeugender wäre das Ganze aber wohl gewesen, wenn die Macher etwas mehr auf Stringenz und Plausibilität geachtet hätten. So ist „Suspicion“ zwar recht unterhaltsam ausgefallen, aber kein großer Wurf.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der kompletten ersten Staffel von „Suspicion“.

    Meine Wertung: 3,5/​5

    Die Serie startet am Freitag, den 4. Februar mit einer Doppelfolge auf Apple TV+. Die weiteren Episoden folgen dann jeweils wöchentlich.

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv​a>.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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