TV-Kritik „Pearson“: Gina Torres und das weitaus weniger unterhaltsame „Suits“-Spin-Off

    Eine Anwältin im lau temperierten Polit-Haifischbecken von Chicago

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 29.07.2019, 15:55 Uhr

    Gina Torres in der Rolle als Jessica Pearson in „Pearson“ – Bild: USA Network
    Gina Torres in der Rolle als Jessica Pearson in „Pearson“

    Mit „Suits“ ist das so eine Sache: Die oberflächenschicke, stets unterhaltsame, um lauter attraktive Menschen herum gestrickte, aber immer auch etwas zu leichtgewichtige Anwaltsserie des USA Network zählte jenseits des Atlantiks lange zu den populärsten Kabel-Produktionen überhaupt, während ihr in Deutschland der große Durchbruch verwehrt blieb: Nach der Pay-TV-Premiere auf FOX liefen die ersten Staffeln zunehmend erfolgloser und tiefer in der Nacht vergraben bei VOX. Seit zwei Jahren sind die neueren Staffeln bei Netflix zu finden – allerdings hinkt man hierzulande zwei Staffeln hinterher.

    Das ist durchaus ein Problem, wenn hier über „Pearson“ gesprochen werden soll. Jessica Pearson, gespielt von Gina Torres, war jahrelang so etwas wie – neben Hauptdarsteller Patrick J. Adams – der heimliche Star von „Suits“. Sie spielte die taffe Gründerin und geschäftsführende Partnerin der New Yorker Kanzlei, um die sich in der Serie alles drehte, hielt ihre Untergebenen und Kollegen mit schneidigen Sprüchen und No-Nonsense-Moves in Schach. Deshalb war es ein schwerer Schlag für „Suits“, als Pearson/Torres Ende ab der siebten Staffel nur noch sporadisch auftauchte und dann ganz die Biege machte. Weil sich neben ihr auch noch Adams verabschiedete sowie Co-Star Meghan Markle Richtung britische Royals abmarschierte, zeichnete sich bald ab, was inzwischen feststeht: Die in den USA gerade gestartete 9. Staffel wird die letzte sein.

    Um nun „Pearson“, die schon im Vorfeld von Torres’ Exit vermutete und kurz darauf bestätigte Spin-Off-Serie, überhaupt in irgendeiner Weise genießen zu können, sollte man zumindest das Ende der (in Deutschland via Netflix unlängst verfügbar gemachten) siebten „Suits“-Staffel gesehen haben. Das damalige Staffelfinale (Episode 7.16, „Good-Bye“), in dem Jessica Pearson ein letztes Mal auftaucht, dient als Backdoor-Pilot von „Pearson“: Jessica ist darin erstmals an ihrem neuen Wohn- und Arbeitsort Chicago zu sehen. Natürlich verscherzt sie es sich dort sofort mit Polizei und anderen Autoritäten, unter anderem, weil sie die Stadt unter dem korrupten neuen Bürgermeister Bobby Novak (Morgan Spector) wegen eines Immobilien-Neubauprojektes verklagt, für das ein gesamtes Armenviertel plattgemacht werden soll. Als herauskommt, dass die Hauptklägerin Lillian Cook zugleich die Mutter von Jessicas Cousine Angela (Chantel Riley) ist, verliert Jessica ihre Zulassung. Dennoch gibt sie zu verstehen, dass sie um den Immobilienentwickler McGann weiß, der Novak in der Hand hat, und auch um den fragwürdigen Todesfall eines weiteren Klägers gegen das Neubauprojekt. Novak geht prompt in die Offensive und bietet Jessica einen Job an: Sie soll als seine neue rechte Hand – im Original: fixer – die Vielzahl an Problemen lösen, die er so in der Lokalpolitik hat. Weil Jessica glaubt, dass sie aus dem inneren Zirkel der politischen Macht mehr bewirken kann als durch Angriffe von außen, sagt sie zu. Womit zumindest für sie das legal drama zum political drama wird.

    Jessica Pearson (Gina Torres, r.) und ihr Boss Bobby Novak (Morgan Spector) sind nicht immer gleicher Meinung …
    Jessica Pearson (Gina Torres, r.) und ihr Boss Bobby Novak (Morgan Spector) sind nicht immer gleicher Meinung …

    Warum das hier alles referiert wird? Ganz einfach: „Pearson“, entwickelt von „Suits“-ErfinderAaron Korsh höchstpersönlich in Zusammenarbeit mit dem langjährigen Executive Producer Daniel Arkin, setzt ohne Umschweife an dieser Stelle an und macht auch nicht viel Aufhebens, diese Geschehnisse noch einmal auszubreiten. Was heißt: Wer die „Good-Bye“-Episode und die darin eingeführten neuen Charaktere nicht kennt, dürfte seine liebe Mühe haben, dem Plot zu folgen. Es wirkt dann so, als würde man in eine Serie einsteigen, die schon eine Weile läuft.

    Was wiederum nichts mit „Suits“ selbst zu tun hat. Die Mutterserie muss man wiederum nicht näher kennen, sie spielt, zumindest in den ersten Folgen, keinerlei Rolle für die Geschehnisse in „Pearson“ – wenn man mal von Jeff Malone absieht (D.B. Woodside aus „Lucifer“), der seit der vierten „Suits“-Staffel als Jessicas Mal-ja-mal-nein-Partner fungiert und mit ihr inzwischen in einer neuen, luxuriösen Chicagoer Wohnung lebt (allerdings auch schnell wieder verschwindet). Auch der Tonfall von „Pearson“ ist ein gänzlich anderer: Der humorvolle Oberflächenglitzer von „Suits“ ist hier einer in erdige Düsternis runtergefilterten Ernsthaftigkeit gewichen, die langjährige „Suits“-Fans durchaus irritieren dürfte. Abgesehen von Jessica Pearsons patentierter Powerfrauen-Rigorosität erinnert hier wenig an den Vorläufer.

    Wie üblich in topmodische Garderobe gewandet, stöckelt Gina Torres (die einst in Joss Whedons Kult-Serie „Firefly“ bekannt wurde) auf gefährlich hohen Stilettos durch ein urbanes Politsumpf- und Korruptionsszenario, das gerne an „The Wire“ oder „Scandal“ gemessen würde, aber über die Standards herkömmlicher Procedurals kaum hinauskommt. Morgan Spector, Chantel Riley und Simon Kassianides als Novaks Halbbruder und Chauffeur Nick D’Amato spielen die Rollen aus der „Good-Bye“-Episode ansatzlos weiter, während Bethany Joy Lenz („One Tree Hill“) die Rolle von Novaks oberster Gemeindeanwältin Keri Allen von Rebecca Rittenhouse übernahm. Keri, die Jessica einst die Anwaltslizenz entzog, wird dabei von Anfang an so offensiv als ihre Antagonistin inszeniert, dass es klar ist, dass sich schon bald eine produktive Freundschaft zwischen beiden entwickeln dürfte – schon in Episode zwei gibt es dafür erste Ansatzpunkte. Natürlich hat Keri auch eine Affäre mit Novak, dessen Gattin Stephanie (Betsy Brandt aus „Breaking Bad“) derweil kränkelnd zu Hause sitzt.

    Der Cast von „Pearson“: Keri Allen (Bethany Joy Lenz), Bobby Novak (Morgan Spector), Angela Cook (Chantel Riley), Jessica Pearson (Gina Torres), Nick D’Amato (Simon Kassianides), Derrick Mayes (Eli Goree) und Yoli Castillo (Isabel Arraiza)
    Der Cast von „Pearson“: Keri Allen (Bethany Joy Lenz), Bobby Novak (Morgan Spector), Angela Cook (Chantel Riley), Jessica Pearson (Gina Torres), Nick D’Amato (Simon Kassianides), Derrick Mayes (Eli Goree) und Yoli Castillo (Isabel Arraiza)

    Eli Goree („Zeit für Legenden“) spielt Derrick Mayes, den alternden PR-Chef des Bürgermeisters. Leider hat er als beflissener Nobody zwischen all den Alpha-Männern und -Frauen um ihn herum keine Chance sich zu profilieren. Den Power-Move des Bürgermeisters, sich seine eigene Nemesis, nämlich Jessica, ins eigene Haus zu holen, wiederholt Jessica übrigens fast deckungsgleich, indem sie die frisch gefeuerte Social-Media-Referentin Yoli Castillo (gut: Isabel Arraiza), mit der sie zuvor unschön aneinandergeriet, flugs zu ihrer eigenen Assistentin ernennt. Womit das wesentliche Personal der Serie komplett wäre.

    Strukturell baut sich das Geschehen auf einem inzwischen allzu beliebten Kniff auf: In der ersten Szene sehen wir Jessica, wie sie kompromittierendes Material über den Bürgermeister und dessen Verwicklung in den Tod des erwähnten Anti-Gentrifizierungs-Klägers vernichtet – und danach verschwindet! Klar ist, dass dieses Mysterium erst im Finale der auf zehn Episoden gestreckten Staffel geklärt wird. Zuvor springt der Plot erst einmal acht Wochen zurück, um ins Klein-Klein der Lokal-Diplomatie vorzudringen: Mit Elektro-Busunternehmern und Anwälten muss in finster ausgeleuchteten Räumen gekungelt werden; bei besonders wichtigen Gegenspielern wird in Bars antichambriert; Pearson verscherzt es sich dabei mit allen möglichen Leuten (natürlich mit Plan!) und macht vor allem den Bürgermeister und seine Keri immer wieder sehr wütend, während weite Teile der ersten Folgen daraus bestehen, dass immer wieder irgendwelche Leute im Rathaus fragen, wer denn diese großgewachsene, arrogante Frau ist, die da neuerdings ein- und ausgeht.

    Die zentralen Figuren, die es als „Fall der Woche“ zu „bearbeiten“ gilt, werden dabei schon im Episodentitel benannt: die Stadträtin aus der Pilotfolge („The Alderman“), die die Schließung einer Schule verhindern soll, der beleidigte Polizeipräfekt (als Gast: Jim O’Heir aus „Parks and Recreation“) aus Folge zwei („The Superintendent“). So dürfte das weitergehen, während das übergreifende Mysterium um Novak, seinen möglicherweise als Doppelagent fungierenden Bruder Nick und den schmierigen Immobilienhai McGann sukzessive seiner Auflösung entgegengeht.

    Tower of Power: Jessica Pearson (Gina Torres)
    Tower of Power: Jessica Pearson (Gina Torres)

    So sehr sich aber die Regie (Kevin Bray und Silver Tree haben beide „Suits“-Erfahrung) um Tempo und stylishe Abgründigkeit bemüht, so wenig gelingt es ihr, den insgesamt wenig originellen Plot unterhaltsam zu gestalten. Die Hinter-den-Kulissen-Dialoge sind zwar durchaus solide, und die Einblicke, die sie liefern, sind ernüchternd: Letztlich besteht der Job des Bürgermeisters hier nur aus finanzieller Instant-Kosmetik, also darin, denjenigen, die gerade mal wieder am lautesten schreien, ein kleines Extra aus dem Stadtsäckel zuzuwerfen. Doch an die genannten Vorbildern im Polit-/Crime-Genre kommen die Autoren trotzdem nie heran.

    Zudem wirken gerade jene Szenen, in denen Pearson sich ihrer alleinerziehenden Cousine Angela, einer angehenden Krankenschwester, widmet, besonders steif und generisch – ganz so, als müsse die taffe Ex-Juristin unbedingt als Familienfrau aufgewertet werden. Dennoch ist Gina Torres in der Titelrolle das einzige wirkliche „Asset“ dieses Spin-Offs: Wie sie majestätisch durch die vielen Subplots schreitet und über deren viele Schwächen nobel hinwegspielt, ist immer noch eine Schau. Ob das alleine aber ausreicht, um sowohl Neulinge als auch eingefleischte „Suits“-Fans (die hier zu Recht den Humor vermissen werden) auf Dauer bei der Stange zu halten, darf getrost bezweifelt werden.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „Pearson“.

    Meine Wertung: 2,5/5

    © Alle Bilder: USA Network

    Aktuell wird „Pearson“ in den Vereinigten Staaten beim USA Network ausgestrahlt. Einen deutschen Ausstrahlungstermin oder eine Sendeheimat ist aktuell noch nicht bekannt.

    Trailer zu „Pearson“

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • Bernd_Redakteur (geb. 1974) am 12.08.2019 22:21melden

      @LegendenLebenEwig: Danke für den Hinweis, die Falschschreibungen wurden korrigiert. An dieser Stelle seien mir zwei Hinweise gestattet. Einerseits: Der Autor des Texts hat die Bildbeschreibungen nicht zu verantworten, sondern aus technischen Gründen ich als sein Kollege. Andererseits ist das mit dem Namen Golec in der Tat verwirrend - und hat mich verwirrt: Die Figur des Bürgermeisters wurde vorab mit dem Namen Bobby Golec angekündigt (https://www.wunschliste.de/tvnews/m/suits-rebecca-rittenhouse-und-morgan-spector-fuer-potentielles-spin-off-engagiert), der Name kursiert daher auch in zahlreichen Quellen noch und stand etwa auch noch in unserer Castliste. Da ich die Serie noch nicht gesehen hatte, war mir die Diskrepanz nicht ins Auge gesprungen.
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      • LegendenLebenEwig (geb. 1983) am 02.08.2019 14:48melden

        Ganz gleich, was der Autor nun von Pearson halten mag (oder auch nicht);
        wenn die Bildunterschrift des Chicagoer Bürgermeisters von "Bobby NOVAK" erst zu "Bobby GOLEC" und dann zu "Bobby NOVACK" wechselt, zeugt DAS eher für Verwirrung als das Staffeldurcheinander von Suits und die schlechten Programmplatzierungen von Free- & Pay-TV-Sendern !!
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