„Mighty Ducks: Game Changer“: Emilio Estevez ist erfolgreich zurück auf dem Eis – Review

    Charmante Fortsetzung der Kultfilm-Reihe für ein eher junges Publikum

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 26.03.2021, 17:18 Uhr

    Will kein Trainer mehr sein: Gordon Bombay (Emilio Estevez, 58) – Bild: Disney
    Will kein Trainer mehr sein: Gordon Bombay (Emilio Estevez, 58)

    In Zeiten der Krise blüht sie besonders gut, die Retromanie. Der Rückzug ins Heimelig-Altbekannte tröstet die vom chaotischen Jetzt Überforderten – und Produzenten der Kulturindustrie gefällt das, weil das Publikum auf diese Weise gar nicht erst mit mühsam neu Erfundenem angelockt werden muss, sondern bequem auf bewährtem Terrain abgeholt werden kann. Disney hat’s dabei besonders leicht: Der Mäusekonzern kann sich nach Belieben aus seinem riesigen, in weiten Teilen zusammengekauften popkulturellen Fundus bedienen. Die zehnteilige Serie „Mighty Ducks: Game Changer“ geht dabei einen ähnlichen Weg wie zuletzt „Cobra Kai“: Sie führt ein Erfolgsfranchise vergangener Dekaden mit einem Mix aus altem und neuem Cast direkt in die Jetztzeit. Und das scheint bestens zu klappen.

    Man kann natürlich nicht behaupten, dass die drei „Mighty Ducks“-Filme aus den 1990er-Jahren ähnlich einflussreich waren wie die „Karate Kid“-Filme, auf denen „Cobra Kai“ aufbaut. Im deutschsprachigen Raum war das sogar definitiv nicht so: Der erste Teil von 1992 („Mighty Ducks – Das Superteam“) lief bei uns zwar im Kino, das Sequel kam dann aber schon nur noch auf VHS heraus, der dritte Film dann sogar nur noch im Pay-TV. In den USA sah das allerdings schon ganz anders aus. Da hatte sich der günstig produzierte erste Film über einen zynischen Anwalt (Emilio Estevez), der nach einer Missetat dazu verurteilt wird, ein verkrachtes Kinder-Eishockeyteam zu coachen, zu einem Überraschunsgshit gemausert, der neben den Sequels noch eine ziemlich seltsame Animationsserie nach sich zog (mit Entenmenschen im Kampf gegen das Verbrechen!) und Disney überdies dazu inspirierte, sich ein eigenes echtes Hockeyteam anzulachen: die Mighty Ducks of Anaheim. Der Originalfilm gilt in den USA als absoluter Kultfilm speziell bei jenen, die damals so zwölf bis fünfzehn Jahre alt waren (und heute die 40 überschritten haben). Ob die sich auf die neuen „Mighty Ducks“ allerdings ebenso nostalgisch einlassen können wie auf „Cobra Kai“ (oder auf die Achtzigerjahresimulationsmaschine „Stranger Things“)? Eher nicht.

    Interessanterweise bedient sich die Serie allerdings desselben Kniffs, mit dem „Cobra Kai“ schon verblüfft hatte: der Umkehrung der Sympathieverhältnisse im Vergleich zur Vorlage. So wie das feindliche Karate-Dojo Cobra Kai aus den Filmen in der Serie nun das Herzensprojekt des Protagonisten ist, sind die „Mighty Ducks“, mit denen die jungen Zuschauer damals mitfieberten, nun keine sympathischen Underdogs mehr, sondern arrogante Platzhirsche des Jugend-Eishockeys, die Titel um Titel gewinnen und weniger talentierte Spieler brutal aussieben. Die Mighty Ducks sind in der neuen Serie (konzipiert vom damaligen Autor Steven Brill zusammen mit den „King of Queens“-Produzenten Josh Goldsmith und Cathy Yuspa) also die Antagonisten. Aus den Rebellen von einst ist eine Elitetruppe geworden, die nun von neuen Rebellen herausgefordert werden muss – und diese Herausforderer durchschlittern im Wesentlichen die gleichen Plotbahnen wie damals. Manche Dinge ändern sich eben nie.

    Sie sind nicht die Mighty Ducks – sie sind die Don’t Bothers! Disney

    Wie „Cobra Kai“ bewegt sich „Game Changer“ in derselben Timeline wie die zugrunde liegenden Filme. Das ermöglicht es den (realen) Darstellern von damals, ihre Rollen zu einem vorgerückten Zeitpunkt ihres (fiktiven) Lebens wiederaufzunehmen. Knapp dreißig Jahre nach dem Originalfilm geht Emilio Estevez inzwischen auf die sechzig zu, längst zählt der Bruder von Charlie Sheen nicht mehr zur ersten oder auch nur zweiten Star-Garde, was aber gut seiner Figur passt.

    Gordon Bombay ist nämlich kein erfolgreicher Hockeytrainer mehr und auch nicht in seinen Beruf als Anwalt zurückgekehrt, stattdessen leitet er eine heruntergerockte Eishalle. Er hat Finanznöte, viel richtungslose Wut in sich, und in fast jeder Szene spachelt er Kuchen oder Pizza in sich hinein. Bombay ist Single, heißt das, und er steht kurz vor der Verwahrlosung. Vor allem aber hat er angeblich so wenig Lust auf Eishockey, dass ihm die Ausstatter ein aufdringliches „No Hockey!“-Schild vor die Bürotür genagelt haben (natürlich zieht er nachts trotzdem seine einsamen Kreise auf dem Eis).

    Obgleich Bombay alle Bitten, er möge als Trainer tätig werden, im Minutentakt ausschlägt, ist sofort klar, worauf das hier hinausläuft: Der Mann wird auch in dieser „Mighty Ducks“-Version früher oder später wieder ein Team vermeintlich unfähiger Underdogs coachen und mit ihnen jenen prototypischen Handlungsbogen durchlaufen, den Sportkomödien wie „Die Bären sind los“ zwar nicht erfunden, aber etabliert haben. Bombays Part ist der des zynischen, etwas abgelederten Einzelgängers à la Han Solo, der durch die neue Aufgabe geläutert wird und neuen Lebenssinn findet.

    Doch Estevez taucht erst nach zwanzig Minuten auf – und darin liegt der zentrale Unterschied zu „Cobra Kai“. Wo dort nämlich mit Johnny und Daniel die Gegenspieler von damals auch die neue Serie dominieren und ihre um dieselbe Anzahl von Jahren älter gewordenen Fans bei Laune halten, zielen die „Game Changer“ ganz klar auf neue Zielgruppen ab. Emilio Estevez ist eher als eine Art (Dauer-)Gaststar mit dabei, und die herangewachsenen Mighty Ducks von damals sollen später nur mal kurz vorbeischauen (Joshua Jackson, der bekannteste von ihnen, ist aber wohl nicht dabei). In erster Linie ist „Game Changer“ nämlich eine Kinder- und Jugendserie. Die große Bühne gehört hier einer neuen jungen Darstellerriege – und natürlich Lauren Graham.

    Alleinerziehender Interims-Coach: Lauren Graham als Alex Disney

    Der „Gilmore Girls“-Star spielt in „Game Changer“ die alleinerziehende Juristin Alex, deren zwölfjähriger Sohn Evan (Brady Noon aus „Good Boys“) gleich zu Beginn bei den Mighty Ducks rausgeschmissen wird. Da er in seinem Alter nicht mithalten könne, solle er sich gar nicht weiter darum bemühen: „Don’t bother!“ schleudert der Trainer dem Knaben herablassend entgegen. „Wir sind hier nicht zum Spaß!“ Alex echauffiert sich daraufhin: Ob Kinder denn nicht einfach nur aus Freude Mannschaftssport betreiben könnten? Die pädagogische Stoßrichtung der Serie wird gleich etabliert: Alex erscheint sympathisch bodenständig im Vergleich zu den Müttern der anderen „Mighty Ducks“-Spieler, darunter eine ihrer Kolleginnen (Julee Cerda), denen die Mitgliedschaft in diesem Prestige-Verein nur deshalb wichtig zu sein scheint, weil sich darüber an renommierte College-Stipendien kommen lässt. (In den USA wird im Jugendsport oft von programs gesprochen.)

    Alex überredet ihren enttäuschten Sohn bald dazu, selbst ein Team zusammenzustellen, in dem sich Kinder versammeln sollen, die von den Mighty Ducks nicht aufgenommen werden würden. Der Name des divers besetzten und gemischtgeschlechtlichen Teams: „The Don’t Bothers“! Gemeinsam ist den Mitgliedern, dass sie gängigen Schönheits- und Coolness-Normen nicht entsprechen und in der Regel nicht mal die Grundlagen des Eishockeyspiels beherrschen.

    Da wären also: Hockey-Podcaster Nick (Maxwell Simkins aus „The Sleepover“), der aus Kanada neu nach Minneapolis gezogene Schönling Logan (Kiefer O’Reilly), Nerd Lauren (Bella Higginbotham), Videospiel-Geek Koob (Luke Islam), aber auch die in der Schule beliebte Maya (Taegen Burns) und der Draufgänger Sam (De’Jon Watts). Später wechselt noch „Mighty Ducks“-Stürmerin Sofi (Swayam Bhatia), für die Evan romantische Frühgefühle hegt, die Seiten, weil sie genug hat vom rücksichtslosen Professionalismus der Ducks.

    Zu den größeren Konstruktion der Serie gehört es, dass das Team, weil es einen eigenen ice rink zur Austragung der Heimspiele benötigt, ausgerechnet in Gordon Bombays Eishalle landet. Und dass Alex in derselben Kanzlei arbeitet, in der auch Gordon weiland wirkte, dürfte ebenfalls noch für Komplikationen sorgen.

    Dem Kinderzimmertraining zum Trotz: Evan (Brady Noon) fliegt bei den Mighty Ducks raus. Disney

    Wenn ein Plot auf derart gängigen Pfaden wandelt, hängt alles an den Charakteren. Die aber sind zum Glück so vielversprechend angelegt, dass man ihnen zutraut, eine ganze Staffel oder sogar mehr tragen zu können. Simkins tut sich dabei besonders hervor: Als trockenhumorig-frühweiser Dauerquassler mit einem hoffnungslosen Crush auf Imbissbedienung Winnie (Emily Haine, „Fargo“) bekommt er in den ersten Episoden ohnehin am meisten zu tun.

    Doch auch Noon und Bhatia, die im emotionalen Mittelpunkt der Erzählung (als Captain und Star-Spielerin des Teams) platziert werden, überzeugen. Clever und liebevoll wird mit den Schwächen der Kids gespielt: Der smarte Logan etwa sieht aus wie der typische Herzensbrecher und Supersportler, erweist sich dann aber als schlechtester Spieler von allen. Und Koob, der an der Spielkonsole ein spektakuläres Reaktionsvermögen zeigt, versagt als Goalie auf dem Eis, weil sein Körper nicht weiß, wie er den Puck abwehren soll – so ganz ohne „x“-Taste.

    In der dritten Folge, nach den ersten heftigen Niederlagen der „Don’t Bothers“, wird das Unvermeidliche schließlich konkreter: Bombay dürfte das Team bald als Trainer übernehmen, am Horizont schimmert zudem, na klar, eine mögliche Liebelei zwischen ihm und Alex. Das Überraschende: Es gelingt den Autoren sowie den Regisseuren um Comedy-Veteran Michael Spiller („Modern Family“, „The Mindy Project“) verblüffend gut, in Sachen Tempo, Timing und Tonfall an die Mighty-Ducks-Filme anzuknüpfen. Sie beschwören viel von der Unbekümmertheit dieser alten Sportkomödien herauf und lassen dabei zumindest so viel Frechheit zu, wie es im berüchtigt cleanen Disney-Kosmos heutzutage noch möglich ist. Insgesamt funktionieren diese „Game Changer“ also bestens als Update für Kids in ganz veränderten (gesellschaftlichen wie medialen) Lebensrealitäten. Vergleichbaren Charme und Witz (spät-)kindlicher Darsteller hat man zuletzt allenfalls im formidablen Reboot von „Der Babysitter-Club“ gesehen. Zuschauer dieser Altersklasse dürften dieser Neuauflage jedenfalls augenblicklich verfallen.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Episoden der Serie „Mighty Ducks: Game Changer“.

    Meine Wertung: 4 / 5

    Die Serie „Mighty Ducks: Game Changer“ wird beim Streamingdienst Disney+ ab dem 26. März 2021 mit wöchentlich neuen Episoden veröffentlicht.

    Trailer zu „Mighty Ducks: Game Changer“ (Synchronfassung)

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am via tvforen.de

      Nach "Karate Kid" kehren auch die "Mighty Ducks" zurück - wenngleich letzterer zumindest bei uns in Deutschland nie den Kult erreicht, wie "Karate Kid".

      Aber schön, Emilio Estevez mal wieder VOR der Kamera zu sehen :)
      • (geb. 1994) am

        Fand die erste Folge sehr stark vorallem Lauren Graham in Best Form!


        Die Serie kann man echt mit Cobra Kai vergleichen.


        Denke auch, dass Bombay Trainer wird denke ihn Folge 2 übernimmt da Alex es nicht hin bekommt! 


        Ein guter Mix aus Comedy und ernsten Tönen!
        • (geb. 1979) am

          Hätte am liebsten gleich danach die zweite Folge gesehen. 
        • (geb. 1994) am

          Nach 3 Folgen finde ich kann man die Serie gut mit Original Film vergleichen! 


          Da hatte Bombay zunächst auch keinen Bock auf Eishockey zu Beginn! 


          Nur da war er ein überheblich Anwalt nun ist er ein abgestürzter Held!


          Die neuen Ducks sind wie die Hawks damals und die beiden Trainer sind ähnlich! 


          Bin gespannt ob Bombay selbst übernimmt oder Alex nur hilft!


          Bin gespannt ob vl ein kleines Cameo von Josuha Jackson drinnen ist! 

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