„Impulse“: #metoo trifft auf Fantasy in neuer YouTube-Serie

    Science-Fiction und sexuelle Gewalt in klischeelastigem Kleinstadtsetting

    "Impulse": #metoo trifft auf Fantasy in neuer YouTube-Serie – Science-Fiction und sexuelle Gewalt in klischeelastigem Kleinstadtsetting – Bild: YouTube Premium
    Maddie Hasson in „Impulse“

    Ganz am Anfang: ein cold opening der rätselhaften Art. Zwei Männer prügeln sich auf einem Eisberg irgendwo im Polarmeer, fallen ins Wasser, rauschen dann plötzlich samt Ozeanwelle durch einen U-Bahn-Waggon in einer westlichen Großstadt. Immer wieder switchen sie hin und her: Eisberg, U-Bahn, Eisberg. Plötzlich ist einer der Männer weg, der andere bleibt allein auf der Gletscherinsel zurück. Dann aber: Willkommen in der Kleinstadtserie!

    Mit allem, was man so kennt. Mit dem bockigen Außenseiter-Teenie in ungeliebten familiären Neuverhältnissen, mit Nerds und Jocks an der Highschool und viel Popmusik auf der Tonspur. Bis es dort zu einem sexuellen Übergriff kommt: Die 16-jährige Protagonistin Henrietta „Henry“ Coles (gespielt von der 23-jährigen Maddie Hasson aus „Twisted“) geht nach ersten Zurückweisungen auf die Avancen des ebenso attraktiven wie arroganten Clay Boone (Tanner Stine) ein – umschwärmter Basketballstar der Schule – und will dann doch nicht weitergehen als bis zum austestenden Erstgeknutsche im Auto. Doch Clay lässt nicht ab, wird schließlich brutal übergriffig. Im Zustand der Panik tut Henry das, was die Männer auf dem Eisberg zuvor taten: Sie teleportiert sich samt Autotür in ihr Zimmer zurück, während das Auto selbst unter energetischem (Unter-)Druck, fast wie einer Schrottpresse, zusammengesaugt wird und Clays Rücken zerschmettert. Donnerwetter – was ist das? Ein Fantasyfilm, der an die #metoo-Debatte andockt? Bestimmt. Und auch eine metaphorische Darstellung der männlich dominierten rape culture. Die Macher jedenfalls nehmen diese Themen ernst: Vor Beginn jeder Folge wird eine Trigger-Warnung eingeblendet, und vor dem Abspann folgt der Kontakthinweis zum RAINN, dem „Rape, Abuse & Incest National Network“, einer amerikanischen Non-Profit-Organisation gegen sexuelle Gewalt.

    „Impulse“, zu beziehen über den YouTube-Streamingdienst „Premium“ (ehemals „YouTube Red“), ist keine Topserie – dazu sind die Darstellerleistungen zu unauffällig und die Kleinstadtverwicklungen zu wenig originell. Trotzdem ist dieses Projekt hochinteressant, weil es ein viel diskutiertes gesellschaftliches Thema (sexualisierte Gewalt) mit einem Fantasy-Motiv verbindet, das schon länger durch die Popkultur geistert: dem sogenannten jumping. Der US-Autor Steven Gould hat über diese Fähigkeit des Wegteleportierens aus Stress-Situationen seit 1992 mehrere (Young-Adult-Sci-Fi-)Romane geschrieben, und vor zehn Jahren brachte Regisseur Doug Liman („Edge of Tomorrow“) eine wenig erfolgreiche Verfilmung ins Kino. Der einschlägig mit dem Thema vertraute Liman wurde nun auch für die Pilotepisode der zehnteiligen YouTube-Serie engagiert, die sich allerdings nur sehr lose auf die Gould-Vorlagen (in diesem Fall auf den dritten Roman „Impulse“) bezieht. Konzipiert hat das in Kanada realisierte Projekt der Autor Jeffrey Lieber, der am bekanntesten dafür ist, dass er einst „Lost“ miterfand und mitentwickelte, bevor er von ABC zugunsten von J.J. Abrams und Damon Lindelof ausgebootet (und trotzdem bis zum Ende als Co-Creator geführt) wurde.

    Das jumping findet sich in „Impulse“ nun also auf der Mikro- und Makro-Ebene: im Kleinen in der Figur der Henry, die nach der traumatischen Erfahrung des sexuellen Übergriffs durch Clay erkennen muss, dass die epilepsieartigen Anfälle, an denen sie schon länger leidet, so etwas wie das energetische Vorbeben ihrer Teleportationsfähigkeiten darstellen. Auf das Größere, Mysteriösere, Verschwörerische deuten episodenrahmende Sequenzen hin, in denen ein Glatzkopf (Keegan-Michael Key aus „Keanu“), ein Familienvater und ein dämonischer Unbekannter (Callum Keith Rennie, „Battlestar Galactica“) teleportierend Scharmützel austragen und auch mal dubiose Japaner vom Dach werfen. Was es damit auf sich hat, bleibt gezielt unklar.

    Henriettas „Schwester“ Jenna (Sarah Desjardins) – spätestens bei sexueller Gewalt gewinnt Mitgefühl über Zickenkrieg

    Der Schwerpunkt liegt jedenfalls auf Henrys Story. Schnell wird klar, dass die Fantasy-Erzählklammer nur ein Vehikel ist, um von Kleinstadtabhängigkeiten, juvenilem Emotionsstress und den Freuden wie Nöten des Außenseitertums zu erzählen. Wirklich neu ist davon dann allerdings nichts: Henry leidet darunter, dass sich ihre alleinerziehende Mutter, die Kellnerin Cleo (Missi Pyle), regelmäßig mit neuen Männern einlässt und diesen hinterherzieht. Gerade erst ist Henry mit Cleo ins Haus von deren aktuellem Lebensgefährten, einem verwitweten, nett-unscheinbaren Kegelbahnbetreiber (Matt Gordon, „Rookie Blue“), gezogen. Die Stiefschwester gab’s gratis dazu: Jenna (Sarah Desjardins aus „Project Mc²“) ist in der Schule beliebt, weshalb die blondierte Henry mit ihrem Hang zu Marihuana, Graffiti-Sprayerei, F-Worten und einer generell negativen Weltsicht nicht allzu gut mit ihr auskommt. Leider wurde Henry wegen ihrer Krampfanfälle für einige Zeit aus Sicherheitsgründen die Fahrerlaubnis erzogen, weshalb sie auf Jenna als Chauffeurin angewiesen ist. Dass die beiden sich zusammenraufen werden, darf natürlich als ausgemacht gelten.

    In der Highschool tummelt sich das bekannte Personal: arrogante, aber populäre Mitschülerinnen, ein grenz-autistischer (und in seiner Klischeehaftigkeit alsbald nervtötender) Nerd im altmodischen Pullover (Tatiana Maslanys jüngerer Bruder Daniel) und auch ein skurriler, zu diskriminierenden Sprüchen neigender Lehrer (Kristian Bruun aus „Orphan Black“). Henry eckt an, weiß sich aber zu wehren. Die Szene im Auto, in der sich der sexuelle Übergriff ereignet, inszeniert Liman als Lehrbeispiel für alle, die das mit dem „Nein heißt Nein“ noch immer nicht begriffen haben: Anfängliche Zustimmung zu dezenter Fummelei bedeutet nicht, dass damit schon die Erlaubnis für mehr gegeben ist. Irgendwann bittet Henry Clay, von ihr abzulassen, doch der überschreitet die Grenze des Zulässigen. Zu den stärksten Momenten von „Impulse“ gehören Henrys Flashbacks, in denen sie diese Szene in verschiedenen Alterativverläufen erinnert – wodurch ihre peinigenden Selbstzweifel ebenso versinnbildlicht werden wie die herablassenden Argumente der „Nun hab dich doch nicht so“- und „Du wolltest es doch auch“-Fraktion.

    Nachdem Henrys Teleportation ein zerdeppertes Auto und Clay mit schweren Verletzungen zurücklässt, schaltet sich die Polizei ein, die hier in zwei konträren Ausprägungen in Erscheinung tritt: Deputy Anne Hulce (Enuka Okuma aus „Rookie Blue“) ist engagiert und zugewandt, der Sheriff dagegen ein ignoranter, sexistischer Fatzke, der den Fall schnell ad acta legen möchte. Warum, das deutet sich schnell an, und leider rutscht die Serie spätestens damit in doch enttäuschend generische Bahnen ab: Denn in der Kleinstadt floriert ein Drogenhandel, in den der Sheriff ebenso verwickelt zu sein scheint wie eine Horde zwielichtiger Mennoniten und Clays Vater Bill, den Kantschädel David James Elliott („J.A.G.“) angemessen bedrohlich als Scheusal spielt. In amüsanter Analogie zum Protagonisten einer anderen YouTube-Premium-Serie (Daniel LaRusso in „Cobra Kai“) ist Bill Boone Besitzer eines Autohauses, das hier allerdings als Front für dunkle Geschäfte dient, außerdem verlangt das krankhaft ehrgeizige Alphatier sportliche Höchstleistungen von seinem Sohn: Für jeden Patzer beim Basketball wird Clay als „pussy“ beschimpft, was als Hinweis auf den Zeitgeist in Trump-Amerika zu lesen ist, andererseits auch als überdeutlicher psychologischer Trigger für Clay, der die aufgestauten Demütigungen in sexuelle Übergriffigkeiten kanalisiert. Wie Clays Loser-Bruder Lucas (Craig Arnold), der Henry einmal in den Kofferraum seines Wagens sperrt, in diesem Spiel mitspielt, bleibt ebenso abzuwarten wie die Frage, ob Vater Bill seinen Lieblingssohn verstößt, nachdem dieser durch den Teleportations-“Unfall“ zum Querschnittsgelähmten wird – und natürlich, ob und wenn ja, wie genau die seltsamen Jumper aus der Rahmenhandlung mit all dem zu tun bekommen werden. Logisch ist das, was sich da entspinnt, nicht immer: Dass Henry etwa in den Wagen des sinistren Bill steigt und sich von diesem in einen dunklen Wald fahren lässt, ist schwer nachzuvollziehen.

    Kleinstadttyrann, Autohausbetreiber und Drogendealer: Bill Boone (David James Elliott)

    Die Young-Adult-Zielgruppe dürfte all dies dennoch spannend finden, und Maddie Hasson gibt in ihrer Performance zwischen traumatisiertem Opfer, Teleportations-Täterin und trotziger Teenietochter tatsächlich alles. Es fehlt in diesen ersten Episoden indes entschieden an markanten und überraschenden Figuren, und das Regiekonzept, quasi jede neue Szene mit Popmusik einzuleiten, hat etwas Ermüdendes. Mal sehen, ob sich das einpendelt. Das Originellste an „Impulse“ ist jedenfalls die Verschränkung von Thesenstück und Fantasy – dieser Idee gebührt Respekt.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „Impulse“.

    Meine Wertung: 3/5


    © Alle Bilder: YouTube

    „Impulse“ ist ein YouTube Original und wurde bei der Videoplattform veröffentlicht. Die ersten drei Episoden der Serie stehen beim Kanal der Serie, Impulse, kostenlos zum Abruf bereit, um die restlichen Episoden sehen zu können muss man ein YouTube Premium-Abo abschließen. Zu „Impulse“ existiert bisher keine Synchronisation, die Serie ist ausschließlich im Origianlton mit Untertiteloption verfügbar.

    Trailer zu „Impulse“

    19.06.2018, 19:30 Uhr – Gian-Philip Andreas/fernsehserien.de

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