„Ein Hauch von Amerika“: Sehenswertes Melodram über die Nachkriegszeit – Review

    Event-Serie der ARD überzeugt durch ihre Besetzung und bewusst gesetzte Akzente

    Ralf Döbele
    Rezension von Ralf Döbele – 24.11.2021, 09:00 Uhr

    „Ein Hauch von Amerika“ startet heute bereits in der ARD Mediathek – Bild: SWR
    „Ein Hauch von Amerika“ startet heute bereits in der ARD Mediathek

    Ein weiteres Jahr geht zu Ende, eine weitere historische Eventserie geht auf Sendung. Das deutsche Fernsehen ist sicherlich nicht arm an diesem Genre. Dennoch sticht bereits die Ankündigung der neuen ARD-Eventserie „Ein Hauch von Amerika“, die ab heute in der Mediathek abrufbar ist, aus der Vielzahl ähnlicher Produktionen heraus. Zwar widmet sich das Format ähnlich wie „Schatten der Mörder – Shadowplay“ im vergangenen Jahr der Nachkriegszeit und dem Zusammentreffen zwischen Deutschen und den amerikanischen Besatzern. Allerdings rücken hier die zerbombten Metropolen in den Hintergrund und Regisseur Dror Zahavi („Tatort“) nimmt die Zuschauer mit in die pfälzische Provinz des Jahres 1951, genauer ins Dorf Kaltenstein.

    Hier treffen Opportunisten, Überlebenskünstler und ärmliche Bauern auf die amerikanischen Befreier, die sechs Jahre nach Kriegsende längst ihre Spuren im Alltag und in den Wünschen und Sehnsüchten der Bevölkerung hinterlassen haben. Die afroamerikanischen Armeeangehörigen sind in diesem Mikrokosmos nicht nur Anfeindungen der deutschen Bevölkerung, sondern auch denen ihrer eigenen Vorgesetzten ausgesetzt.

    Ein Schicksal, stellvertretend für viele, steht hier im Zentrum: die Liebe der deutschen Bauerntochter Marie Kastner zu einem afroamerikanischen Soldaten, der ausgerechnet den amerikanischsten aller Namen trägt, nämlich George Washington (Reomy D Mpeho). Doch eigentlich ist Marie dem deutschen Soldaten Siegfried Strumm (Jonas Nay, „Deutschland 83“) versprochen, auf dessen Rückkehr seine Familie bereits seit Kriegsende vergeblich wartet. „Der Russe hat ihn“, weiß auch Bürgermeister Friedrich Strumm (Dietmär Bär), der längst mit dem amerikanischen Colonel Jim McCoy (Philippe Brenninkmeyer, „girl friends“) über die Enteignung von Äckern und Feldern verhandelt

    Eines dieser Felder gehört der Familie von Marie, deren Vater auf „die Amis“ nicht besonders gut zu sprechen ist. Als der Hund der Kastners durch eine vergrabene Fliegerbombe getötet wird und Soldat Washington mit seinem Panzer aus Versehen die Kartoffelernte der Kastners dezimiert, wird bei Marie der Zorn und der Durchsetzungswille geweckt. Mit Ach und Krach büffelt sie sich die englischen Vokabeln in ihren Alltagswortschatz und stellt Colonel McCoy zur Rede. Zu ihrer Überraschung verhilft der ihr zu einer Anstellung als Haushälterin bei seiner Frau Amy (Julia Koschitz), die Marie nur allzu gerne, aber sicher nicht altruistisch, die Vorzüge amerikanischer Lebensstandards näherbringt. Als Maries Familie dann auch noch das Zimmer ihres Bruders Vinzenz (Paul Sundheim, „Deutscher“) an George vermietet, kommen er und Marie sich immer näher. Doch dann steht eines Tages Siegfried vor der Tür.

    Marie (Elisa Schlott) kann ihren Bruder Vinzenz (Paul Sundheim) nur mit Mühe daran hindern, auf einen Panzer loszugehen. SWR/​FFP New Media GmbH/​Ben Knabe

    Letztendlich bestimmt die Dreiecks-Konstellation Marie, George und Siegfried das Geschehen in „Ein Hauch von Amerika“. Die Eventserie folgt dabei weniger den Spielregeln bereits bekannter Event-Mehrteiler, sondern eher denen eines Melodrams der 1950er Jahre. Die leichte Künstlichkeit des Gezeigten und die farbenfrohe Umsetzung in der ach so grauen Provinz erinnern dabei in Ansätzen an das Werk der deutschstämmigen Regie-Legende Douglas Sirk, dessen elegante B-Filme wie „Was der Himmel erlaubt“ oder „Solange es Menschen gibt“ hinter ihrer farbenfrohe Fassade und den soapigen Handlungssträngen reichlich Gesellschaftskritik verbargen.

    Ähnlich funktioniert „Ein Hauch von Amerika“ ebenfalls, wenn auch natürlich deutlich moderner und unter EInsatz weniger Chiffren. Der Serie gelingt das Kunststück, ein beachtliches Ensemble vor einer Kulisse zu versammeln, die ohne die üblichen computeranimierten Zerstörungs-Landschaften anderer öffentlich-rechtlichen Produktionen mit der Thematik „Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit“ auskommt. Das Dorf Kaltenstein überzeugt als hyperrealer Mikrokosmus, in dem man sich als Zuschauer gerne aufhält.

    Dennoch entfaltet sich die Handlung mit weniger Biss und Präzision als im direkten Vergleich mit dem inhaltlich überragenden Genre-Standard, zu dem die ZDF-Miniserie „Ku’damm“ inzwischen geworden ist. Auch dort werden mit reichlich Cliffhangern und soapigen Elementen gestrige Gesellschaftbilder beleuchtet, vor allem das alte Frauenbild. In „Ein Hauch von Amerika“ geht es dagegen in weiten Teilen um die Verankerung von blindem Hass auf Schwarze und Rassismus in der Gesellschaft. Die Amerikaner sind hier ganz klar die Befreier, doch auch ihre Freiheit kommt mit deutlichen Schattenseiten daher – so banal, so korrekt. Wirklich neue Aspekte vermag die Miniserie dieser Betrachtung und der Rassismus-Debatte allgemein nicht hinzuzufügen, aber vielleicht muss sie das auch gar nicht. Es reicht vermutlich bereits mit Erschrecken festzustellen, dass sich vielleicht die Art und Umstände der Anfeindungen heutzutage geändert haben, unter der Oberfläche all dies aber noch immer brodelt.

    Allerdings lässt sich festhalten, dass „Ein Hauch von Amerika“ weitaus mehr mäandert als das ZDF-Pendant. So münden die Entwicklungen der Handlung oft genug in Vorhersehbarem. Die Macher haben sich keinen Gefallen damit getan, das Schicksal ihrer Hauptfigur Marie bereits gleich zu Beginn mit einem Zeitsprung anzuteasern. Das „Ob“ der Gezeigten wird dadurch zu einem deutlich weniger spannenden „Wie“ herabgestuft.

    Erika (Franziska Brandmeier) genießt die Aufmerksamkeit der US-Soldaten. SWR/​FFP New Media GmbH/​Ben Knabe

    Aufgefangen werden diese Schwächen zu einem großen Teil allerdings durch das fast durchgängig großartige Ensemble. Elisa Schlott überzeugt als energische Marie, die hin- und hergerissen ist zwischen dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben und den Verpflichtungen, die sie gegenüber ihrer Familie und ihrer besten Freundin Erika Strumm (Franziska Brandmeier) eingegangen ist. Im Gegensatz zu Erika lässt sich Marie aber weniger von den schneidigen Army Boys oder Luxusgütern aus Übersee beeindrucken, sondern vielmehr durch einem geradezu mystischen Hauch von Freiheit und Selbstbestimmung, der mit den Amerikanern durch Kaltenstein weht. Der Moment, in dem Marie im Kino sitzt und Judy Garlands Auftritt in „Der Zauberer von Oz“ mindestens genauso anstrahlt, wie sie zeitgleich von George angestrahlt wird, ist durch und durch bewegend. Welche Form von Sehnsucht ist hier wohl stärker?

    Erika lehnt sich währenddessen bereits gegen die Spießigkeit der gutsituierten Bürgermeisterfamilie Strumm auf. Sie hat die offensichtlichen Vorteile des American Way of Life längst verinnerlicht, träumt von einer Zukunft in San Francisco oder Los Angeles und verfolgt dieses Ziel mit beachtlicher Konsequenz. Sie putzt sich heraus, flirtet allzu gerne mit US-Soldaten, unter denen sich ja ein zukünftiger Gatte befinden könnte, und verbringt lange Nächte in der einstigen Dorfwirtschaft, die der Betreiber Schwiete (Ex–„Flemming“ Samuel Finzi) konsequent zur „Hawaii Bar“ für Armeeangehörige umgewandelt hat.

    Doch eine freizügige Tanzperformance, von Brandmeier voller Inbrunst dargeboten, bringt das Fass schließlich zum Überlaufen. Erikas Mutter Anneliese (Anna Schudt) ist überzeugt, dass sie mit drastischen, überaus katholischen Mitteln ihre Tochter wieder auf den rechten Pfad der Tugend zurückführen muss. Der aus heutiger Sicht geradezu surreal anmutende Cliffhanger am Ende der zweiten Episode, der aus Annelieses Handeln resultiert, ist ein frühes Highlight der Serie.

    Siegfried (Jonas Nay) ist aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurück SWR/​FFP New Media/​Martin Valentin Menke

    Gibt man „Ein Hauch von Amerika“ Zeit, sich zu entfalten, wird man Handlungsort und Figuren liebgewinnen und die eine oder andere Länge oder Ungelenkheit verzeihen. Dazu gehören auch mehrere Szenen, in denen das American English der Armeeangehörigen doch mehr gewollt als gekonnt wirkt, auch wenn der Einsatz von Untertiteln zur Unterstützung der Authentizität definitiv beiträgt. Gerade das ZDF-Pendant „Shadowplay“ aus dem vergangenen Jahr hatte ja unter der komplett deutschen Synchronisation gelitten. Die Event-Serie der ARD nutzt dagegen die Sprachschwierigkeiten von Marie zu teilweise urkomischen Szenen, in denen ihre Wut selbst durch ausbaufähiges Vokabelwissen nicht zu stoppen ist.

    Die Konflikte im Ort zwischen Bewohnern untereinander und auch zwischen Army und Kaltensteinern funktionieren als Antrieb der Serie. Nach den ersten drei Episoden fällt das Urteil zum im Zentrum stehenden Liebesdreieck Marie, George und Siegfried dagegen eher zwiespältig aus. Elisa Schlott, Reomy D Mpeho und Jonas Nay überzeugen individuell mit ihren Figuren, doch die Chemie untereinander ragt zunächst noch nicht besonders heraus. Andererseits muss gerade die durchsetzungsstarke Marie erst einmal zur Ruhe kommen, um überhaupt die Möglichkeit von Gefühlen für George in Betracht ziehen zu können. Was nicht ist, kann in den restlichen Episoden also noch werden. Die Schicksalsheftigkeit eines Zusammentreffens und die fortan nicht mehr zu verleugnende Anziehungskraft zwischen zwei Liebenden, die große Melodramen bis heute auszeichnen, kommt in den ersten drei Episoden aber definitiv zu kurz.

    George (Reomy D. Mpeho) und Marie (Elisa Schlott) kommen sich näher SWR/​FFP New Media GmbH/​Ben Knabe

    Dennoch ist „Ein Hauch von Amerika“ sehenswert. Nicht nur, weil die Macher deutlich darum bemüht sind, das inzwischen längst bis zum Überdruss strapazierte öffentlich-rechtliche Genre der Historienverfilmungen mit zahlreichen bewusst gewählten Akzenten aufzubrechen, sondern auch durch die Tatsache, dass sie Alltagsrassismus Afroamerikanern gegenüber als durchgängigen Handlungsstrang ins Zentrum einer solchen Produktion stellen. Dieser neue Blick auf das historische Event-Genre tut gut. Das sechsteilige Drama ist sicher nicht perfekt, aber dennoch eine unterhaltsame Fabel über Freiheitsdrang, Neubeginn, der Überwindung von Menschenfeindlichkeit sowie der Sehnsucht nach Selbstbestimmtheit und Modernität – Themen, die letztendlich zeitlos sind.

    Diese Kritik beruht auf der Sichtung der ersten drei Episoden von „Ein Hauch von Amerika“.

    Meine Wertung: 3,5/​5

    Alle sechs Folgen sind ab sofort in der ARD Mediathek abrufbar. Die lineare Ausstrahlung in Doppelfolgen beginnt dann am Mittwoch, den 1. Dezember um 20:15 Uhr im Ersten.

    Über den Autor

    Ralf Döbele ist Jahrgang 1981 und geriet schon in frühester Kindheit in den Bann von „Der Denver-Clan“, „Star Trek“ und „Aktenzeichen XY…ungelöst“. Davon hat er sich als klassisches Fernsehkind auch bis heute nicht wieder erholt. Vor allem US-Serien aus allen sieben Jahrzehnten TV-Geschichte haben es ihm angetan. Zu Ralfs Lieblingen gehören Dramaserien wie „Friday Night Lights“ oder „The West Wing“ genauso wie die Prime Time Soaps „Melrose Place“ und „Falcon Crest“, die Comedys „I Love Lucy“ und „M*A*S*H“ oder das „Law & Order“-Franchise. Aber auch deutsche Kultserien wie „Derrick“ oder „Bella Block“ finden sich in seinem DVD-Regal, das ständig aus allen Nähten platzt. Ralf ist als freier Redakteur für fernsehserien.de tätig und kümmert sich dabei hauptsächlich um tagesaktuelle News und um Specials über die Geschichte von deutschen und amerikanischen Kultformaten.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Star Trek – Enterprise, Aktenzeichen XY…ungelöst

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