„Der Beischläfer“: Ist die neue Amazon-Serie ein legitimer Nachfolger von „Monaco Franze“? – Review

    Bayerisches Prime-Video-Original soll an BR-Kultserien anknüpfen

    Rezension von Glenn Riedmeier – 28.05.2020, 21:30 Uhr

    „Der Beischläfer“ mit Markus Stoll und Lisa Bitter

    „Monaco Franze“, „Kir Royal“, „Irgendwie und sowieso“, „Münchner Geschichten“, „Café Meineid“ – bei den Namen dieser Serien wird mehreren Generationen warm ums Herz. Die bayerischen Kultserien aus den 1970er- und 1980er-Jahren zählen vor allem für Zuschauer südlich des Weißwurstäquators zum Nonplusultra, wenn es um zeitlose Klassiker mit einem hohen Nostalgiefaktor geht. Die Serien spiegeln den damaligen Zeitgeist und das bayerische Lebensgefühl wider. Bis heute werden sie regelmäßig wiederholt und können hohe Einschaltquoten verzeichnen. Zuletzt ließ hochwertiger Nachschub jedoch auf sich warten. Für Abhilfe will nun ausgerechnet Prime Video sorgen. Viele staunten nicht schlecht, als der Streamingdienst als sein nächstes deutsches Original „Der Beischläfer“ ankündigte.

    Die bayerische Comedyserie soll ganz gezielt an Vorbilder wie Franz Münchinger (Helmut Fischer in „Monaco Franze“) oder Baby Schimmerlos (Franz Xaver Kroetz in „Kir Royal“) anknüpfen – Stoffe, die man bisher eigentlich mit dem linearen Fernsehen verbindet. Fans solcher Serien sollen nun mit „Der Beischläfer“ zu Prime Video gelockt werden. In der Hauptrolle ist Kabarettist Markus Stoll zu sehen, der sich in Bayern mit seiner Figur Harry G einen Namen gemacht hat.

    Er verkörpert den umtriebigen Autoschrauber Charlie Menzinger. Zu Beginn der Serie wird er plötzlich von zwei Polizisten aus seiner Werkstatt abgeführt. Er ahnt von nichts und wird zu seiner großen Überraschung ins Justizgebäude am Lenbachplatz gebracht. Er klopft an die Justitia-Statue und kommentiert: Genauso hohl wie ihr. Unbeeindruckt von der Beamtenbeleidigung nehmen die Polizisten Charlie mit ins Innere und bitten ihn, zu warten. An Scheißdreck mach i! Glaubts ihr, i hob nix Bessers zum doa ois da rumzumsitzen?, nölt er – bevor Richterin Dr. Julia Kellermann (Lisa Bitter, „Dieses bescheuerte Herz“) ihm eröffnet, dass er vom Amtsgericht München zum Schöffen berufen wurde. Sie haben doch Ihre Post gelesen? Dann wissen Sie ja, dass Sie eine Woche Zeit hatten, um dagegen Einspruch zu erheben. Charlie erwidert, dass er den Brief nicht erhalten habe (in Wirklichkeit landete er ungeöffnet im Papierkorb).

    Die Richterin erklärt Charlie, dass er ab sofort fünf Jahre lang gemeinsam mit einem weiteren Schöffen und einem Berufsrichter ehrenamtlich Urteile fällen soll. Irgendjemand hatte Charlie als Schöffen vorgeschlagen. Wer dies ist, erfährt er jedoch nicht. Im Verdacht hat er seinen Kumpel Xaver Holzapfel (Daniel Christensen, „Leberkäsjunkie“).

    Hat Xaver (Daniel Christensen, r.) Charlie (Markus Stoll, l.) die Suppe eingebrockt? ©2019 The Amazing Film Company

    Das ist nichts für mich, entgegnet Charlie. Julia Kellermann lässt jedoch nicht mit sich reden und stellt klar: Das ist eine Ehre, die Sie nicht mehr ablehnen können. Nach einem missglückten Versuch, über das Toilettenfenster Reißaus zu nehmen und seine erste Verhandlung zu schwänzen, bleibt Charlie nichts anderes übrig, als widerwillig seine neue Aufgabe anzutreten – anstatt an alten italienischen Sportwagen zu schrauben. Er wird der neue „Beischläfer“ – so bezeichnen Berufsrichter abwertend „störende Laienrichter“ wie ihn.

    Charlie lernt Julia Kellermann schnell besser kennen. Die Richterin wurde von Berlin nach München versetzt und wohnt derzeit in ihrem Büro im Justizgebäude. Finden Sie mal was Bezahlbares in München, das kein Wohnklo ist, erklärt Julia. Gewitzt wie er ist, sieht Charlie seine Chance und bietet ihr an, den Kontakt zu einem befreundeten Makler zu vermitteln, der ihr eine Wohnung besorgen kann. Wenn dies klappt, soll die Richterin im Gegenzug Charlie aus seiner ehrenamtlichen Verpflichtung als Schöffe befreien. Sie geht den Deal ein.

    In unkonventionellem Outfit muss sich Charlie (Markus Stoll, r.) erst noch an seine neue Aufgabe als Schöffe gewöhnen. ©2019 The Amazing Film Company

    Es stellt sich rasch heraus, dass Charlie nicht viel von Regeln und Konventionen hält. Während der Verhandlungen gibt er unangebrachte Kommentare ab, außerdem nimmt er persönlichen Kontakt zu Angeklagten auf und neigt dazu, nicht objektiv, sondern nach gefühlter Gerechtigkeit zu urteilen – so wie einst das „Königlich Bayerische Amtsgericht“. Pro Folge wird ein Rechtsfall präsentiert – dieser findet allerdings nur als Nebenhandlung statt. Im Mittelpunkt der Story steht die fortlaufende Handlung der Protagonisten Charlie und Julia mit ihren jeweiligen Herausforderungen im privaten und beruflichen Bereich.

    Erfreulicherweise ist „Der Beischläfer“ kein reiner Klamauk, sondern schlägt auch ernste Töne an, um nicht in Vorabend-Schmunzelgefilde à la „Hubert und/ohne Staller“ abzudriften. Charlie verlor vor einem Jahr seine Frau Marie bei einem Autounfall durch fahrlässige Tötung. Damals wurde niemand verurteilt. Seitdem glaubt Charlie nicht mehr wirklich an Gerechtigkeit. Im Verlauf der Serie kommen die Umstände, unter denen Marie ums Leben kam, nach und nach ans Tageslicht. Charlie wohnt bei seinem Schwiegervater Paul (Helmfried von Lüttichau), der sich Sorgen um seinen Schwiegersohn macht und ihm ins Gewissen redet, sein Ehrenamt als Chance wahrzunehmen. Charlies Einstellung zu seiner Aufgabe als Schöffe ändert sich grundlegend, als er erfährt, wer ihn für diese Aufgabe vorgeschlagen hat … 

    Paul (Helmfried von Lüttichau, l.) redet seinem Schwiegersohn Charlie (Markus Stoll, r.) ins Gewissen. ©2019 The Amazing Film Company

    „Der Beischläfer“ bietet grundsolide, augenzwinkernde Unterhaltung, die dank der beiden Hauptdarsteller über eine ordentliche Portion Charme verfügt. Die Autoren Murmel Clausen (Weimarer „Tatort“, „Vaterfreuden“) und Mike Viebrock („Zaun an Zaun“) orientieren sich merklich an früheren Kultserien und versuchen, mit Charlie Menzinger eine neue bayerische Charakterfigur zu schaffen. Als Julia mit ihrem Vater telefoniert, sagt sie über Charlie gar: Der würde dir gefallen. Das ist so ein richtiger Monaco Frank. Dass es keine leichte Aufgabe ist, in die Fußstapfen der heißgeliebten Vorbilder zu treten, versteht sich von selbst. Markus Stoll macht seine Sache als sympathischer Antiheld mit Lausbuben-Qualitäten allerdings wirklich gut. Eine echte Überraschung ist auch Lisa Bitter, die hervorragend als Gegenpart zu Charlie funktioniert. Sie überzeugt als resolute und selbstbewusste Richterin, die verzweifelt auf der Suche nach einer bezahlbaren Bleibe in München ist.

    Richterin Dr. Julia Kellermann (Lisa Bitter) und Schöffe Charlie Menzinger (Markus Stoll) sind nicht immer einer Meinung. ©2019 The Amazing Film Company

    Freunde bayerischer Serien dürften an „Der Beischläfer“ durchaus ihre Freude haben. Klischees über das Justizwesen werden hemmungslos bedient, inklusive einer Anwältin, die kurz vor der Verhandlung noch in einem „Men’s Body“-Heft schmökert. Derlei Überzeichnung ist natürlich wesentlicher Bestandteil einer Comedyserie. Untermalt werden die temporeichen, 30-minütigen Episoden mit einem Blasmusik-Soundtrack und Songs von Dreiviertelblut, einer folklorefreien Volksmusikband, die mit „Wannst du mim Deife danzt, dann brauchst guate Schuah, sonst lasst er di net in Ruah“ auch das Titellied beisteuern. Während der Szenenwechsel werden Bilder aus der Münchner Innenstadt eingestreut, um noch mehr bayerisches Flair zu verbreiten.

    Ob „Der Beischläfer“ das Zeug dazu hat, ein Klassiker wie „Monaco Franze“ oder „Kir Royal“ zu werden, bleibt abzuwarten. Die Macher haben sich Mühe gegeben, den Charme der Nostalgie-Serien in die Gegenwart zu übertragen, ohne altbacken zu wirken. Tatsächlich vermisst man zeitweise in der Ecke des Bildes das Logo des BR, wo man die Serie üblicherweise verorten würde. Wer mit bayerischem Produktionen bisher nicht vertraut ist, könnte mit dem ganz speziellen Humor und mit der Sprache fremdeln, wenngleich auf allzu ausgeprägten Dialekt weitgehend verzichtet wurde. Wer dennoch Verständnisschwierigkeiten hat und nicht weiß, was Sätze wie I hob sie no nia gschnackselt bedeuten, kann es ja im Wörterbuch nachschlagen.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Episoden von „Der Beischläfer“.

    Meine Wertung: 3,5/5

    „Der Beischläfer“ ist eine Produktion der Ring of Fire GmbH. Die erste Staffel umfasst sechs halbstündige Folgen, die ab dem 29. Mai im Angebot von Prime Video zur Verfügung stehen.

    Trailer

    Über den Autor

    Glenn Riedmeier ist Jahrgang ’85 und gehört zu der Generation, die in ihrer Kindheit am Wochenende früh aufgestanden ist, um stundenlang die Cartoonblöcke der Privatsender zu gucken. „Bim Bam Bino“, „Vampy“ und der „Li-La-Launebär“ waren ständige Begleiter zwischen den „Schlümpfen“, „Familie Feuerstein“ und „Bugs Bunny“. Die Leidenschaft für animierte Serien ist bis heute erhalten geblieben, zusätzlich begeistert er sich für Gameshows wie z.B. „Ruck Zuck“ oder „Kaum zu glauben!“. Auch für Realityshows wie den Klassiker „Big Brother“ hat er eine Ader, doch am meisten schlägt sein Herz für Comedyformate wie „Die Harald Schmidt Show“ und „PussyTerror TV“, hält diesbezüglich aber auch die Augen in Österreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten offen. Im Serienbereich begeistern ihn Sitcomklassiker wie „Eine schrecklich nette Familie“ und „Roseanne“, aber auch schräge Mysteryserien wie „Twin Peaks“ und „Orphan Black“. Seit Anfang 2013 ist er bei fernsehserien.de vorrangig für den nationalen Bereich zuständig und schreibt News und TV-Kritiken, führt Interviews und veröffentlicht Specials.

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Roseanne, Gargoyles – Auf den Schwingen der Gerechtigkeit

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1966) am melden

      Ich hab gestern alle 6 Folgen am Stück geschaut und mich sehr gut unterhalten.
      Die Serie war erfrischend anders und nicht so überdreht.
      Ich hoffe auf eine baldige Fortsetzung.
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      • (geb. 1967) am melden

        Null, null Bedürfnis dazu!!
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