Grace and Frankie – Review

    Jane Fonda und Lily Tomlin in neuer Netflix-Comedy – von Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 01.06.2015, 10:00 Uhr

    Waren sich nie so recht grün, müssen sich jetzt aber zusammenraufen: Grace (Jane Fonda) und Frankie (Lily Tomlin)
    Waren sich nie so recht grün, müssen sich jetzt aber zusammenraufen: Grace (Jane Fonda) und Frankie (Lily Tomlin)

    Zwei verheiratete Frauen über siebzig, konträre Persönlichkeiten. Sie mögen sich nicht besonders und sind eingeladen zum gemeinsamen Dinner, von ihren Gatten. Dort erwarten Grace und Frankie, dass diese ihnen etwas mitteilen, womit sie ohnehin rechnen: dass die beiden Berufskollegen endlich in den Ruhestand gehen. Doch ihre Offenbarung geht in eine ganz andere Richtung: Robert und Sol wollen ihre Gattinnen verlassen. Weil sie sich schon vor zwei Jahrzehnten ineinander verliebt haben und wenigstens ihren letzten Lebensabschnitt gemeinsam verbringen wollen. Als miteinander verheiratete Männer.

    Man könnte diesen Plot getrost als Melodram erzählen – schließlich verkleinert dieses späte Coming Out zwei langjährige Partnerschaften zum Fake, schließlich stellt es das Leben zweier Frauen auf den Kopf, die gerade in Ruhe auf die Zielgeraden einbiegen wollten. Die beiden Schöpfer dieser neuen Netflix-Serie, Marta Kauffman und Howard J. Morris, gehen allerdings einen ganz anderen Weg: Sie machen aus dieser Prämisse eine Comedy. Eine gute Wahl, denn irrwitzig genug ist die ganze Angelegenheit, das zeigt schon die animierte Intro-Sequenz, in der der unerhörte Partnertausch mithilfe von Figuren auf einer kollabierenden Hochzeitstorte skizziert wird – zu einer Coverversion von Stealers Wheels’ „Stuck in the Middle With You“.

    Kauffman und Morris sind Veteranen der klassischen Multi-Camera-Sitcom, erstere hat den Dauerbrenner „Friends“ erfunden, letzterer Unmengen Folgen von „Hör mal, wer da hämmert!“ und „Immer wieder Jim“ produziert, weshalb es auf den ersten Blick überraschend ist, dass sie sich hier an einer optisch schick in Szene gesetzten Single-Camera-Serie versuchen. Auf den zweiten Blick dann aber doch nicht: Mit Jane Fonda (77) als Grace und Lily Tomlin (75) als Frankie haben sie schließlich zwei Leading Ladies der amerikanischen Filmgeschichte an Bord geholt und damit einen echten Besetzungscoup gelandet. Die zweifache Oscarpreisträgerin Fonda (für „Klute“ und „Coming Home“) steht trotz ihres ikonischen Auftritts als Space-Queen „Barbarella“ wie kaum eine zweite Schauspielerin für die goldenen Jahre des aufgeklärten Hollywoodkinos der Siebziger, Lily Tomlin feierte nach ihrem Durchbruch im Film „Nashville“ vor allem als Komikerin Erfolge.

    Dies ist beider erste Zusammenarbeit seit dem Kinofilm „Warum eigentlich bringen wir den Chef nicht um?“ von 1980, und sie haben sichtlich Freude daran, hier erneut ganz gegensätzliche Charaktere auszugestalten: Grace ist die zugeknöpfte Ex-Chefin einer Kosmetikfirma, edel gekleidet und mondän frisiert, der Low-Carb-Ernährung verpflichtet. Das Haus, in dem sie jahrzehntelang mit Robert lebte, ist aufgeräumt, minimalistisch eingerichtet und in kühlen Farbtönen gehalten. Frankie dagegen stromert als Ex-Hippie mit esoterischen Anwandlungen und künstlerischer Ader in fließenden Stoffgewändern durch ein Haus, das mit afrikanischer Folk Art zugestellt ist.

    Schnell wird klar, was die Serie erzählen will: Wie gehen Grace und Frankie mit der für sie schockhaften Nachricht um (die ein wenig an den Amazon-Glücksgriff „Transparent“ erinnert)? Werden sich die Frauen annähern? Können sie aus der Situation neue Energien ziehen? Umso erstaunlicher ist es angesichts dieser sich praktisch von selbst aufdrängenden narrativen Richtung, dass die Serie in den ersten Folgen Mühe hat, einen verlässlichen Ton zu finden: Sitcom-Komik und der durchaus tragische Unterbau passen nicht immer glücklich zusammen, auf Momente herrlichen Dialogwitzes folgen immer wieder zu viele schale Scherze, vor allem aber stimmt der Fokus auf die beiden Hauptfiguren noch nicht, der Einbau ihres sozialen Umfelds wirkt halbherzig.

    Nach Schock, Verleugnung, Trauer ect. kommt die Erleichterung: Martin Sheen als Robert
    Nach Schock, Verleugnung, Trauer ect. kommt die Erleichterung: Martin Sheen als Robert

    Am wenigsten gilt das für die beiden untreuen Ehemänner. Auch hier gelang den Produzentinnen ein Besetzungsglücksgriff: Martin Sheen („The West Wing“) als Robert, inzwischen 74, und Sam Waterston („Law & Order“), ebenfalls 74, wirken als Berufs- und Bettgenossen von Anfang an mühelos vertraut miteinander und versuchen zum Glück erst gar nicht, durch exaltiertes Spiel irgendwelche Schwulenklischees zu reproduzieren. Sie erscheinen wie ein altes Ehepaar, das freilich das Unglück hatte, jahrzehntelang eben dieses Ehepaar gar nicht sein zu dürfen und nun, um das endlich nachzuholen, andere geliebte Menschen in neues Unglück zu stürzen.

    Beide Paare haben längst erwachsene Kinder: Grace und Roberts blonde Töchter Brianna (June Diane Raphael, „NTSF:SD:SUV::“) und Mallory (Brooklyn Decker, „Battleship“), Frankie und Sols soeben aus dem Alkoholentzug zurückgekehrten Sohn Coyote (Ethan Embry, „Harold & Kumar“) sowie den in Uganda geborenen Adoptivsohn Bud (Baron Vaughn, „Fairly Legal“). Brianna hat Graces Kosmetikfirma übernommen und gibt die zynische Kommentatorin des Geschehens, Mallory ist gestresste Familienmutter mit Tablettenproblem und überdies Coyotes ehemaliges Stalking-Opfer. Bud gibt dazu die Stimme der Vernunft. Sonderlich viel mehr ist aus den ersten Episoden nicht über die Töchter und Söhne zu erfahren, und, ganz ehrlich, wirklich interessant ist das nicht – ungeachtet der sehenswerten Darstellerleistungen.

    Sie alle stehen ohnehin und ganz zu Recht im Schatten der Hauptdarstellerinnen – und deren Comeback auf der großen (Streaming-)Bühne zuzusehen ist eine große Freude. Wie sie sich mit kleinen bis großen Nickeligkeiten beharken und sich angesichts ihrer katastrophischen neuen Lebenssituation dennoch aneinander anlehnen müssen; wie sie beide im von den Familien geteilten Strandhaus Zuflucht suchen und sich dort auf die Nerven fallen, wie sie ihre Männer zusammenstauchen, wenn diese sich Stühle mit Ryan-Gosling-Foto auf der Sitzfläche bestellen – all das lebt vom lebensklugen Spiel der beiden Diven, die niemandem mehr etwas beweisen müssen und hier jeweils glaubwürdig alt gewordene und von diversen Zipperlein gepeinigte Versionen ihrer angestammten Rollenprofile vor die Kamera bringen. Die meisten Lacher hat zwar die verlässlich derbe Lily Tomlin, die in der Pilotepisode (inszeniert von Tate Taylor, „The Help“) gleich eine durch Peyote-Pilze induzierte „Vision Quest“ unternehmen darf und dabei einen Hexenschuss erleidet, doch Jane Fondas Grace, die immer wieder köstlich daran scheitern darf, ihre Kontrolliertheit nicht zu verlieren, steht ihr kaum nach: Sie wirkt ein bisschen wie eine gealterte Ausgabe von Julie Bowens Claire Dunphy aus „Modern Family“.

    Nach einer leider sehr mauen zweiten Folge, in der die beiden Ehemänner den Titelheldinnen unmotiviert und abrupt die Kreditkarten sperren, nimmt „Grace and Frankie“ in der dritten Episode namens „The Dinner“ neue, vielversprechende Fahrt auf – und lässt hoffen, dass man sich in dieser Serie auch in Zukunft auf interessante Fragestellungen gefasst machen darf. Als Robert und Sol die Kinder zum Abendessen einladen, wird eine dieser Fragen unausweichlich: Müssen die Kinder mehr Verständnis für das Verhalten ihrer Väter aufbringen, weil diese nun zur ihrer Homosexualität stehen? Immerhin haben sie die Mütter jahrzehntelang betrogen. Wie sähe die Reaktion aus, hätten die Väter die Mütter die ganze Zeit mit anderen Frauen hintergangen? Auf dieser Ebene berührt „Grace and Frankie“ durchaus hintersinnig die institutionalisierte Political Correctness einer weißen, aufgeklärten, liberalen, materiell sorgenfreien Mittelschicht in den USA.

    Auch in anderer Hinsicht macht die dritte Episode Lust auf mehr: In „The Dinner“ überzeugt das Verhältnis von Komik und dramatischem Subtext, und auch das Gleichgewicht der Figurenkonstellation wirkt erstmals stimmig. Im Mittelpunkt stehen zwar klar Grace und Frankie und auf zweiter Ebene die künftigen Ex-Gatten, gleichzeitig jedoch machen die Autoren klar, warum auch die anderen Figuren eine Existenzberechtigung in dieser Serie haben. Bleibt dieser Tonfall erhalten, könnte sich „Grace and Frankie“ fraglos zu einer Comedy auswachsen, die man nicht nur der beiden legendären Hauptdarstellerinnen wegen gerne verfolgt.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Episoden der Serie.

    Meine Wertung: 3,5/5

    © Alle Bilder: Netflix

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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