Bull

    Oberflächlich bleibendes Procedural feiert die schlimmsten Probleme des US-Rechtssystems – von Gian-Philip Andreas

    Generisch wie die dargestellte Serie: Das Haupt-Promo-Bild zu „Bull“

    Phil McGraw? Nie gehört. Doch in den USA kennen ihn eigentlich alle: Seine nachmittägliche Talk-Show „Dr. Phil“, die man sich als eine Art lärmenden Fernseh–„Domian“ mit Studiogästen vorstellen muss, bedient populärpsychologische Bedürfnisse und läuft seit 2002 erfolgreich im ganzen Land. Sie hat McGraw zum omnipräsenten Multimillionär gemacht und zur Medien-Celebrity mit eigener Diätproduktlinie. Gelegentlich schaut der 66-jährige Doktor der Psychologie auch für selbstironische Gastauftritte in Serien von „Frasier“ über „Lass es, Larry!“ („Curb Your Enthusiasm“) bis „Crazy Ex-Girlfriend“ vorbei. Jetzt hat er sich selbst eine Serie ausgedacht – und hätte das mal besser gelassen.

    Zusammen mit „Dr. House“-Produzent Paul Attanasio legt er mit „Bull“ eine Gerichtsserie über seine erste Karriere als Fachmann für „Trial Science“ vor. Damit gemeint ist eine Art „Prozess-Wissenschaft“ unter Einbeziehung von Neurolinguistik, Psychologie und demografischer Datenaggregation. Als Prozess-Psychologe mit eigenem Team war McGraw Ende der Neunziger als Sidekick für „Die Oprah Winfrey Show“ entdeckt worden, nun wird bei CBS ein arg gelacktes und krampfhaft auf Social-Media-affine Publikumsschichten abzielendes Courtroom-Procedural fürs Primetime-Publikum daraus. Als fiktive (und attraktivere) Version McGraws spielt Michael Weatherly die Titelfigur namens Dr. Jason Bull. Zuvor war Weatherly nach 13 Staffeln als Special Agent Tony DiNozzo beim Krimi-Dauerbrenner „Navy CIS“ ausgestiegen; doch ob „Bull“ einen ähnlich langen Atem beweisen wird, daran darf man zweifeln.

    Was McGraw/Bull unter „Trial Science“ verstehen, wird in der von Rodrigo Garcia inszenierten Pilotepisode in stereotypen Walk-and-Talk-Passagen und Schuss-Gegenschuss-Klientengesprächen verdeutlicht: Bull, der geniale Psychologe mit gleich drei PhD-Abschlüssen, berät Angeklagte, um einen „optimalen“ Prozessverlauf zu erreichen. Das heißt: Mithilfe jeder Menge Daten, die sein hippes Team nach dem Motto legal-illegal-scheißegal wer-weiß-woher zusammenspioniert, analysiert er Juroren „bis hinein in ihre Neuronen“, um sie durch entsprechend zielgerichtete Verteidigung in die gewünschte Bahn zu lenken. Mit anderen Worten: Bull manipuliert das Geschworenengericht nach allen Regeln der Kunst, und diese fragwürdige Kunst steht in „Bull“ im Zentrum der Bewunderung. Angesichts der Tatsache, dass das Jury-System, wie es in der amerikanischen Strafjustiz üblich ist, seit jeher genau wegen dieser Art Einflussnahme in der Kritik steht, darf man den achselzuckenden Pragmatismus, den die Macher hier feiern, getrost zynisch finden, zumal es Bull herzlich egal ist, ob seine Klienten schuldig sind oder nicht.

    Ein echter „Schönling“: Michael Weatherly in der Rolle des Dr. Jason Bull

    Es versteht sich von selbst, dass die Dienste seiner Firma TAC („Trial Analysis Corporation“), die in einem Glasturm in Manhattan residiert, nur für die Betuchtesten bezahlbar sind, ein Umstand, der am Anfang der Episoden durch collagierte O-Töne quasi-dokumentarischer Videoclips immerhin angetippt wird. Da artikulieren Durchschnittsbürger ihre Wut aufs Justizsystem mit sarkastischen Sätzen wie „Innocent till proven black!“ oder eben „Rich people don’t play by the same rules!“ Doch bleibt diese skeptische Sicht ein Feigenblatt: In den Episoden selbst spielen sie keine Rolle.

    Für die wenigen, die ihn bezahlen können, wirf Bull seine Maschinerie an. Dazu gehören sogenannte „Mock Trials“, also Simulationen des Prozesses, um den es gerade geht, und „Mirror Juries“, also Schatten-Jurys aus Menschen, die in puncto sozialer Herkunft und ideologischer Einstellung den tatsächlichen Geschworenen im Prozess spiegelbildlich gleichen und deren Verhalten also optimal vorhersagbar machen sollen – anhand einer ausgeklügelten „Vorhesagematrix“, die meist als blinkende Wand voller Screens und Datenkolonnen ins Bild gerückt wird. Wie groß dieser Aufwand ist, zeigt sich daran, dass beiläufig von den Wochen oder gar Monaten die Rede ist, die zwischen den Szenen vergangen sind. Die 22 Folgen der Staffel dürften also zehn Jahre erzählte Zeit abdecken. Schon klar, dass nur Millionäre bei der TAC vorstellig werden dürften.

    Dabei ist es schrecklich ernüchternd, wie wenig innovativ sich die eigentlichen Episoden-Plots gestalten: Im jeweiligen „Fall der Woche“ gilt es einen Angeklagten rauszuhauen, die Strafverteidiger einzunorden oder zu entlassen, Hinweise über Jurymitglieder zusammenzutragen und den Prozess so lange zu manipulieren, bis das Ziel erreicht ist. Zehn Minuten vor Schluss hat Bull dann den bekannten „Dr. House“-Moment, in dem ihm der entscheidende Kniff zur Lösung des Falls einfällt. Das Problem daran: Hugh Laurie war als House ein Zyniker, der immer faszinierend blieb, weil die Autoren von Anfang an in seine Abgründe blicken ließen. Bull dagegen ist ein Zyniker, der irgendwie auch nett sein möchte, doch von Anfang an hohl ist: Weatherly sieht mit Styler-Hornbrille, offenem weißem Hemd und Maßanzug wie eine Mischung aus Dressman und Investmentbanker aus, hat aber kaum mehr zu spielen als pausenlos höhnisch in sich hinein zu grinsen und mit monotoner Stimme nicht besonders witzige Oneliner zum Besten zu geben. Diese Distanziertheit kommt einem Desaster gleich: Einen uninteressanteren, auch unsympathischeren Protagonisten hat es in einer Network-Courtroom-Serie noch nicht geben. Das liegt aber auch daran, dass die Autoren ihm und seinen Team-Mitgliedern keinerlei Charaktertiefe zugestehen. Außer der Tatsache, dass Bull geschieden ist und sehr stolz auf seine Doktortitel ist, weiß man über ihn nach zwei Folgen genau gar nichts – auch blitzen keinerlei Zweifel an seinem Tun auf, an übergreifenden Handlungsbögen und Charakterfragen scheint die von Steven Spielberg mitproduzierte Serie nicht interessiert zu sein.

    Bulls Team besteht aus fünf Leuten, die bezeichnenderweise kaum mehr als Stichwortgeber sind: Freddy Rodríguez („Six Feet Under“) wirkt als Ex-Anwalt Benny ebenso sträflich unterfordert wie Geneva Carr als Neuropsychologin Marissa („abgeworben von der Homeland Security“), die den Kunden (und Zuschauern) wie eine Chefsekretärin mit Kladde in der Hand das Tun und Wirken ihrer Firma erläutern muss – und das gleich mehrfach. Jaime Lee Kirchner („Mercy“) hat als Ex-Polizistin Danny kaum mehr zu tun als toll auszusehen, und Hackerin Cable, gespielt von Annabelle Attanasio (Tochter des Produzenten), ist mit Hipster-Mützchen und brutalstmöglichem „vocal fry“ in der Stimme Sinnbild für das Bemühen der Macher, möglichst cool und up-to-date rüberzukommen und die „Millennials“ abzuholen, indem sie Instagram- und Snapchat-Postings durchs Bild flirren lassen. Woher Cable die ganzen Daten hat, ist allen herzlich wurscht.

    Die Fälle selbst kommen von der Krimi-Resterampe und werden überraschungsfrei durchexerziert: In der Pilotepisode muss der verzogene Teeniesohn eines ratlosen Millionärs (Frederick Weller aus „In Plain Sight – In der Schusslinie“) vom Verdacht freigesprochen werden, er habe eine Schülerin erwürgt; in der zweiten Episode geht es um die Unschuld einer Pilotin (Trieste Kelly Dunn aus „Banshee“ und „Blindspot“), einzige Überlebende eines Flugzeugabsturzes. Es geht um Homosexualität und Vorurteile gegenüber Frauen, aber spannend wird es nie, weil die Fälle allzu schematisch aufs erwartete Ende zusteuern: dass nämlich Dr. Bull mit seinen behavioristischen Psycho-Tricks schon wieder einen Fall gewinnt und dann noch überheblicher dreinschauen darf als zuvor.

    In beiden Episoden sind die Angeklagten tatsächlich unschuldig, wodurch wohlfeil suggeriert wird, dass man sich mit Team Bull auf der guten Seite befindet. Interessanter könnte es erst werden, wenn einer der beiden folgenden Fälle einträte: wenn Bull erstens einem Schuldigen beistünde oder, zweitens, ein Unschuldiger trotz Bulls Bemühungen verurteilt würde. Ob Bull dann immer noch grinst? Das werden nur die Abgebrühtesten unter den Zuschauern erfahren – nämlich die, die bis so lange durchhalten.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „Bull“.

    Meine Wertung: 2/5


    © Alle Bilder: CBS

    21.10.2016, 15:30 Uhr – Gian-Philip Andreas/fernsehserien.de

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas
    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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