TV-Kritik Between

    Netflix’ neue Seuchenserie mischt „Under the Dome“ und „Herr der Fliegen“ – von Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 08.06.2015, 11:00 Uhr

    Das Grauen, wenn tausende Menschen von einer Seuche dahingeraft werden, ist unbeschreiblich – in „Between“ wird diese Apokalypse zum Kitsch
    Das Grauen, wenn tausende Menschen von einer Seuche dahingeraft werden, ist unbeschreiblich – in „Between“ wird diese Apokalypse zum Kitsch

    „House of Cards“, „Orange is the New Black“, „Daredevil“ – das sind gute Gründe, sich ein Abo für den Streamingdienst Netflix zuzulegen. „Between“ dagegen ist keiner. Das liegt sicher nicht daran, dass es Netflix nicht zugestanden wäre, den großen Qualitätsserien zur Abwechslung ein Alternativprogramm für die jugendliche Zielgruppe zur Seite zu stellen. Das ist nur legitim, zumal hier mit dem kanadischen Sender City kooperiert wurde (weswegen die Episoden auch unüblicherweise nicht simultan abrufbar sind). Leider zeitigen schon die ersten Episoden des dystopisch grundierten Teenie-Science-Fiction-Dramas die typischen Krankheitssymptome des zeitgenössischen Young-Adult-Sektors seit den „Twilight“-Erfolgen: Alles hier ist bierernst und freudlos, die Stimmung pendelt uneben zwischen übertrieben pathetisch und sarkastisch-abgeklärt.

    Ausgedacht und aus allen möglichen Richtungen zusammengeklaubt hat sich das der Autor und Regisseur Michael McGowan, der bislang mit mittelinteressanten Filmen auffiel („Saint Ralph“ lief auch bei uns im Kino). Hier scheint die Ausgangsfrage gewesen zu sein: Wie beglaubige ich einen Cast, der möglichst frei ist von hässlichen Erwachsenen? Die Lösung: Ich lasse den Spielort, das fiktive kanadische Provinzkaff Pretty Lake, von einer Seuche heimsuchen, die die komplette Bevölkerung ab 22 Jahren dahinrafft. Übrig bleiben fotogene Kinder, Teens und junge Erwachsene, gespielt von mehr oder weniger bewährten Kräften aus dem MTV-, Nickelodeon- und Kika-Kosmos, die in „Between“ Szenarien ausagieren müssen, die man sonst aus Stephen Kings Weltuntergangsvisionen wie „Under the Dome“ (die Stadt wird nach dem Ausbruch der Seuche unter Quarantäne gestellt) oder „Herr der Fliegen“ (verschiedene Jugendgruppen kämpfen um den Führungsanspruch) kennt.

    Die Erwachsenen tauchen in der Pilotfolge nur kurz auf, dann suppt ihnen schon schmoddriges Blut aus dem Mund und es geht vorzeichenlos in den plötzlichen Tod. Bald lebt niemand mehr, der älter ist als 21, es gibt mehr als 6000 Opfer im Ort. Die Premierministerin zeigt sich im Fernsehen betroffen, lässt aber umgehend einen vom Militär bewachten Zaun um Pretty Lake hochziehen, um bloß keinen Infizierten in die Außenwelt entwischen zu lassen. Warum – nur zum Beispiel – niemand Offizielles im Schutzanzug in die Stadt einrückt, um die Vorkommnisse zu untersuchen, ist eins der vielen Rätsel und Ungereimtheiten, die „Between“ nicht die Bohne interessieren.

    Lieber möchte McGowan vom Überlebenskampf und von der Selbstorganisation der zurückgelassenen Jugendlichen erzählen, das jedoch erledigt „Between“ auf bedauernswert abgestandene Weise. Da gibt es eine Unterschichtsfamilie, die als White Trash dadurch charakterisiert ist, dass der eine Bruder „nur“ als Klempner arbeitet, der andere, Ronnie (Kyle Mac), als Kleindealer, und die Schwester (Jordan Todosey, „Degrassi“) ein Piercing im Grübchen hat. Empört sind sie, wenn man sie „Rednecks“ nennt. Sie befinden sich im Clinch mit Chuck Lotts (Justin Kelly, „The Latest Buzz“), dem Sohn der reichsten Familie im Ort, der als zwielichtige Figur schon dadurch gekennzeichnet ist, dass er mit einem tomatenroten Sportauto durch die Gegend brettert und auf die Einflüsterungen einer Intrigantin (Samantha Munro) hört. Chucks Unternehmervater Charles (Stephen Bogaert als Fiesling der Pilot-Episode) fühlt sich quasi als König von Pretty Lake und darf sich vor seinem fälligen Ableben noch einmal als Richter und Henker in Personalunion aufspielen, „damit die Gegend zivilisiert bleibt.“

    Um den großspurigen Charles nicht völlig hartherzig wirken zu lassen, stellen die Autoren ihm eine gehandicapte Schwester zur Seite: Amanda hat das Down Syndrom, führt auch als Reporterin durch serienbegleitende Webisodes und muss in den ersten „Between“-Folgen als Mittelsperson papierner Drehbuchkonstruktionen den Intrigenstadl am Laufen halten: Ein von ihr versehentlich ausgelöster Brand findet letztlich nur statt, damit er Ronnie und seinen „Rednecks“ in die Schuhe geschoben werden kann. Wenn dann noch Mark (Jack Murray), der eben aus dem Knast entflohene Jungsträfling, im Ort auftaucht, dürfte es weiteren Neuzugang im Sammelsurium der Sündenbock-Stereotypen geben. Als Stimme der Vernunft dient wiederum der redliche Farmersohn Gord (Ryan Allen), der, wie es das Drehbuch-Stichwort will, mal als Streitschlichter, mal als Hebamme zu Hilfe eilt. In der zweiten Episode positioniert sich noch Wesley Morgan („Really Me – Der Star bin ich“) als freundlicher Diner-Kellner im Zirkel der Klischeesympathen.

    Die „Heldin“ Wiley (Jennette McCurdy)
    Die „Heldin“ Wiley (Jennette McCurdy)

    Dass hier von den eigentlichen Hauptdarstellern noch gar keine Rede war, ist so ungewöhnlich nicht: Zu wenig konnten sich einzelne Darsteller bislang als mögliche Identifikationsfiguren herausarbeiten. Wenn es so etwas wie ein darstellerisches Aushängeschild von „Between“ geben soll, dann wäre dies wohl „Sam & Cat“-Star Jennette McCurdy. Sie spielt die smarte Pfarrerstochter Wiley, die nicht nur mit zynischem Galgenhumor auffällt (der unzweifelhaft aus der Feder eines älteren Autoren stammt), sondern auch so hochschwanger ist, dass die Wehen noch in der Pilotepisode einsetzen. Wer der Vater des Kindes ist, bleibt geheim. Mit der Familie des Unbekannten hat sie einen Deal: Schweigen gegen Geld. Ein ebensolches Geheimnis ist auch, warum die Macher Wiley in der zweiten Folge erst einmal zur Randfigur degradieren, die sich um ihr Baby nicht schert, dann in Ohnmacht fällt und den langen Rest der Episode über vermeintlich tot auf einem Leichenberg herumliegen muss.

    Interessanter, relativ gesehen, ist Adam, mit heiserer Robert-De-Niro-Gedächtnis-Stimme gespielt von Jesse Carere (aus der US-Version von „Skins“). Er übernimmt den freilich nicht minder abgegriffenen Part des genialischen, bereits am MIT angenommenen und selbstredend heimlich in Wiley verliebten IT- und Technik-Nerds (äußere Indikatoren: Zauselfrisur und Hoodie), der sogleich in die Situation kommt, die Mystery-Elemente der Serie voranzutreiben. Weil er sich offenbar in jede Datenbank der Regierung einhacken kann, entdeckt er alsbald erste Anzeichen für Ungereimtheiten und Lügen in der offiziellen Version des Seuchenvorfalls.

    Leider wird es dadurch nicht spannender. In den ersten Episoden quält sich der Plot nur mühsam voran. Einerseits wird die Situation der auf sich allein gestellten Kids beleuchtet (Wileys Schwester Melissa, gespielt von Brooke Palsson aus „Less Than Kind“, führt in der Kirche ein Massenwaisenhaus, der Rest der Stadt sieht ziemlich postapokalyptisch aus), andererseits wird halbgar mit Crime und Countdowns gespielt. Zum Beispiel: Ein Mädchen liegt erschossen im Wald, es sieht aus wie Selbstmord, doch der clevere Adam folgert: eine Täuschung. Wer ist der Mörder? Oder: Jemand hackt den Toten die Finger ab, um an Goldringe zu kommen. Steckt Ronnie dahinter? Oder: Die nette Lehrerin Ms. Symonds, 21 Jahre jung, hat bald Geburtstag. Wird sie auch sterben? Von der ungeheuerlichen Erschütterung, die eine jugendliche Gemeinschaft aushalten muss, in deren Mitte sich Tausende von Leichen türmen, erfährt man dagegen nichts. Selbst den Tod der nächsten Verwandten erträgt man hier nach zwei prophylaktischen Schluchzern mit einer irritierend gefassten Geht-schon-weiter-Haltung – was allerdings auch am schauspielerischen Mindervermögen der meisten Darsteller liegen kann.

    Wenn es eine Kategorie gibt, in der „Between“ das Niveau anderer Netflix-Produktionen hält, dann ist das die optische Seite der Inszenierung, die auch mit dem Gimmick eingeblendeter Text-Message-Dialoge der Protagonisten gefällt. Regisseur Jon Cassar („24“, „Nikita“) versteht sein Handwerk, vor allem die Kameraarbeit ist schick. Und doch ist auch dieses Plus ein zweischneidiges Schwert, da die elegische Regie die Ästhetisierung des Grauens forciert. Wenn auf dem Dorfplatz ein gigantischer Leichenberg, der notgedrungen Assoziationen weckt an Massengräber des Holocaust oder anderer Genozide, zu waidwundem Singer-Songwriter-Pop in dekorativen Flammen aufgeht, dann ist das nicht nur apokalyptischer Kitsch, sondern eine ärgerliche Verkitschung der Apokalypse.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „Between“.

    Meine Wertung: 2/5

    © Alle Bilder: Ken Woroner/Netflix

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am melden

      So, ich habe mir jetzt extra einen Account erstellt, um die doch recht aggressive Kritik (falls man es noch so nennen darf) ein wenig zu ergänzen. Meiner Meinung nach kann nach zwei Folgen (zumindest bei dieser Serie) noch lang keine vernünftige Aussage über den Inhalt der Serie getroffen werden. Ich habe beide Staffeln und somit alle bisher ausgestrahlten Folgen gesehen und muss der oben kundgetanen "Meinung" hiermit widersprechen. Würde man nämlich weiter schauen, so könnte man feststellen, dass der Plot-Twist tatsächlich sehr niveauvoll verpackt wurde.
      - Aufpassen, ab hier Spoiler-Alarm:
      Tatsächlich gibt es für die mysteriösen Geschehnisse und die grausam verhängte Quarantäne eine (wie ich finde) sehr gut gemachte Erklärung, die jedoch erst gegen Mitte der zweiten Staffel eindeutig wird. Noch etwas, das an dieser Serie hervorragend gemacht ist... Man durchschaut eben nicht sofort die Handlung, sondern wird Schritt für Schritt und unter vielen Irrungen und Wirrungen an die Erklärung herangeführt - es bleibt spannend bis zum Schluss. Der Grund für die Krankheit und die Unmenschlichkeit der Regierung werden weiterhin mittels einer denkbar realistischen Situation erklärt - Regierung und kapitalistische Pharmakonzerne arbeiten zusammen, um das Heilmittel für einen künstlich freigesetzten Virus für viel Geld an die Bevölkerung zu verkaufen. Ob das Ganze tatsächlich funktionieren kann, wird an menschlichen Versuchspersonen getestet - die Bewohner von Pretty Lake. Ich würde sogar sagen, die Serie ist geradezu brillant, da Spannung und Gesellschaftskritik perfekt vermischt werden. Einerseits fiebert man mit den Bewohnern der Stadt mit - ständige Machtkämpfe der verschiedenen Gruppen, Hungersnot, Angriffe der Regierung und Familiendramen, anderseits fragt man sich ständig, wie Regierung und Pharmakonzern so viele Menschenleben opfern, nur um finanziellen Profit zu machen - und wird dadurch unangenehm an die Art von Grausamkeit erinnert, die der Mensch auch in der Realität betreibt - nur meist nicht mit Bewohnern im eigenen Land.
      Kurz gesagt: eine fantastische Serie mit Herzschmerz, Spannung und einem unglaublich cleveren Plottwist, die zum Nachdenken anregt und eines der wichtigsten Probleme der Menschheit aufgreift. Nur zu empfehlen!
        hier antworten

      weitere Meldungen

      weitere Meldungen

      weitere Meldungen

      weitere Meldungen