TV-Kritik Akte X

    Uneinheitliche Serienfortsetzung verschenkt viel Potential – von Bernd Krannich

    Bernd Krannich
    Rezension von Bernd Krannich – 02.02.2016, 17:55 Uhr

    Für die Kassen von FOX kehren Mulder (David Duchovny) und Scully (Gillian Anderson) definitiv als Lichtgestalten zurück, aus Kritiker-Sicht liegt aber noch einiges im Schatten
    Für die Kassen von FOX kehren Mulder (David Duchovny) und Scully (Gillian Anderson) definitiv als Lichtgestalten zurück, aus Kritiker-Sicht liegt aber noch einiges im Schatten

    Mulder und Scully sind zurück. Für viele Fans von „Akte X“ ist damit ein lang gehegter Wusch in Erfüllung gegangen. Doch wie ein altes Stichwort sagt, soll man mit Wünschen vorsichtig sein, eben weil sie in Erfüllung gehen können – und vielleicht auch manch gar nicht wünschenswerte Begleiterscheinungen hat. Denn auch wenn die Mystery-Serie bei ihrer eigentlichen Ausstrahlung zwischen 1993 und 2002 neue Maßstäbe setzte, so hatte sie auch ihre Fehler. Und in vielerlei Hinsicht hat die Entwicklung der Serienproduktion das frühere „Akte X“ weit übertroffen.

    Eine bedeutende Weiterentwicklung seitens „Akte X“ in Sachen Serienproduktion war, dass es im Rahmen der Serie immer wieder Folgen gab, die eine Haupthandlung vorantrieben. Diese Entwicklung wurde in der Zwischenzeit weiter getrieben, so dass es nun bei fast allen Serien rote Handlungsfäden gibt, die sich durch nahezu alle Folgen ziehen.

    Das Revival von „Akte X“ macht dabei den Rückschritt und trennt wieder eher deutlich zwischen Folgen der Haupthandlung und solchen, die eine in sich abgeschlossene Handlung bieten.

    Daneben brachte „Akte X“ in seinen Anfangsstaffeln auch den cinematographischen Fortschritt, dass die einzelne Episoden „kleine Filme“ wurden. Das zeigte sich auch in der Herangehensweise, dass die zahlreichen X-Akten oftmals für sich alleine standen. Verglichen mit heutigen Fernsehserien wirkt „Akte X“ eher wie eine „Reihe“ denn als „Serie“: Zu uneinheitlich die Phänomene und ihre Erklärungen, als dass sie wirklich ein ganzheitliches Bild ergeben. Jedes beliebige Phänomen konnte thematisiert werden und es musste nie erklärt werden, wie es in das große Ganze passt.

    So ist es auch mit dem Revival. Dabei wird die Uneinheitlichkeit der Folgen noch dadurch verstärkt, dass bei den einzelnen Episoden je ein „Akte X“-Veteran sowohl für das Drehbuch wie auch die jeweilige Regie verantwortlich zeichnet. Und zumindest eingangs der Staffel scheinen dabei die unterschiedlichen Farben durch, die diese Kreativen jeweils in der „Akte X“-Geschichte vertreten haben.

    Die Auftaktfolge „My Struggle (Part I)“ etwa wurde von Serienerfinder Chris Carter geschrieben. Im Zentrum der Episode steht die fortlaufende Verschwörungshandlung, wie schon früher üblich werden aberwitzige Haken geschlagen. Am Ende stehen für Fox Mulder (David Duchovny) neue „Erkenntnisse“, für Dana Scully (Gillian Anderson) neue Theorien und Indizien, aber für das Team und die Öffentlichkeit keine Beweise. Für den Zuschauer ist erstmal Kopfkratzen angesagt ob der Versuche von Carter, im Stakkato-Stil „Akte X“-Mythologie mit der aktuellen Zeitgeschichte in Einklang zu bringen.

    Für die zweite Folge, „Founder’s Mutation“, zeichnet mit James Wong eher ein Mann für Suspense-Horror verantwortlich – Wong inszenierte etwa den ersten „Final Destination“-Film. Ermittlungen um Menschenversuche und den biotechnischen Fortschritt stehen im Zentrum.

    Folge drei, von vielen Beobachtern für das Juwel der Staffel gehalten, stammt schließlich aus der Feder von Darin Morgan: „Mulder & Scully Meet the Were-Monster“ Morgan gilt als „Erfinder“ der skurrilen, mit einem sehr schwarzen Humor daherkommenden X-Akten. Er zeichnete etwa für „Der Zirkus“ aus der zweiten Staffel und vor allem „Der Hellseher“ aus Staffel drei verantwortlich. Erneut ist Morgans Folge davon geprägt, dass er einerseits mit Horror-Klischees spielt und diese auf den Kopf stellt, gleichzeitig aber den Fans der Serie zahlreiche Referenzen zur eigenen Geschichte gibt, insbesondere zu seinem „eigenen“ Folgen.

    Jede der Folgen gibt den Fans das gewünschte „mehr“ von einer der zahlreichen Zutaten, die „Akte X“ seinerzeit ausmachten. Während Carters wild aktualisierte Verschwörungstheorien mit Bezug zu aktuellen Ereignissen allerdings eher für eine Magenverstimmung sorgen und Wongs Charakterdrama Begebenheiten aus Mulders und Scullys Leben nur erwähnt ohne sie wirklich fortführen, bleibt es Darin Morgan überlassen, die nahezu perfekte Folge abzuliefern.

    Kim Manners – „Let’s Kick It In The Ass“
    Kim Manners – „Let’s Kick It In The Ass“

    Das beinhaltet auch zahllose Meta-Witze. So verwendet Morgan etwa für seine Eingangsszene mit Tyler Labine und Nicole Parker-Smith zwei Darsteller als namenlos bleibende Drogenkonsumenten, die bereits vor 20 Jahren in zwei Folgen ähnliche Rollen spielten – für Labine war es der Einstieg in eine erfolgreiche Schauspielkarriere („Reaper – Ein teuflischer Job“, „Deadbeat“), Parker-Smith hingegen stand vor dem jetzigen Auftritt zuletzt vor der Jahrtausendwende vor der Kamera. Auf die Tränendrüse drückt für den Kenner eine Szene auf einem Friedhof, in der Mulder vor einem Grabstein mit der Aufschrift Kim Manners Halt macht – der einflussreiche „Akte X“-Produzent hatte vor seinem Tod im Jahr 2009 unter anderem bei 52 Folgen der Mystery-Serie Regie geführt, darunter im eigentlichen „Serienfinale“, dem abschließenden Zweiteiler der neunten Staffel. Nebenan findet sich der Grabstein von Jack Hardy: Der erste Assistant Director hatte ebenfalls eine bewegte, umfangreiche Geschichte im Umfeld von „Akte X“ („Millennium“, „Die einsamen Schützen“, „Final Destination“, „Akte X: Jenseits der Wahrheit“).

    In seiner Folge gelingt es Morgan auch, auf mehreren menschlichen Ebenen eine interessante Geschichte zu erzählen. Etwa über Mulder, der eingangs der Folge bei der Rückkehr zu den X-Akten mit sich selbst hadert, weil viele seine früheren Theorien und Indizien mittlerweile von der Wissenschaft oder der der Presse als Hoax enthüllt wurden, am Ende aber mit neuem Mut an die Fortsetzung seines Lebenswerks geht. Oder durch den Gastcharakter, den Rhys Darby spielt, und dem Morgan zahlreiche gleichsam interessante wie spitzfindige Beobachtungen über die menschliche Natur in den Mund legt.

    Es war an dieser Stelle übrigens wieder einmal am berühmt-berüchtigen US-Sender FOX, durch einen Episodentausch für leichte Diskontinuität zu sorgen. Denn in Morgans Episode – eigentlich die zweite des Revivals – wird die Rückkehr von Mulder zu den X-Akten thematisiert, während er in einem (noch) recht kahlen Büro sitzt. In Wongs zweiter Folge hingegen – eigentlich als Episode fünf eingeplant – sitzen Mulder und Scully in einem bereits wieder vollgehangenen Büro, während sie Überwachungsvideos sichten.

    Während die neuen Folgen von „Akte X“ inhaltlich also kaum unterschiedlicher sein könnten, ist die Inszenierung stark an Altvertrautes angelehnt – was jedoch bisweilen anachronistisch wirkt. Anfang der 1990er, in den frühen Tagen von „Akte X“, soll etwa „Space 2063“ mit einem Budget von „sagenhaften 1 Millionen US-Dollar pro Folge“ die teuerste Serie im Fernsehen gewesen sein. Heutzutage werden regelmäßig drei bis vier Millionen pro Folge einer Dramaserie ausgegeben. Entsprechend detailreicher sind die Kulissen und die Inszenierung. Hingegen dominieren bei „Akte X“ weiterhin verhältnismäßig kahle Räume den Hintergrund, in den Außenaufnahmen gibt es nur wenige Statisten und auch bei der Wahl der Locations ist häufig „weniger“ genau das, was die Produzenten gesucht zu haben scheinen.

    Reichhaltig ist auf der anderen Seite das Angebot an bekannten Gesichtern, die die Episoden in Gastauftritten bevölkern – viele Schauspieler schienen ein Interesse auch an kleineren Gastrollen zu haben. Vorab bekannt wurden etwa Vik Sahay („Chuck“), Joel McHale („Community“), Annet Mahendru („The Americans“) oder Rhys Darby („Flight of the Conchords“). Doch auch weitere namhafte Schauspieler fanden sich ein, etwa Doug Savant („Desperate Housewives“), Rebecca Wisocky („Devious Maids“), Christine Willes („Dead Like Me – So gut wie tot“) oder Kacey Rohl („Hannibal“).

    Die Kunst eines gelungenen Serienrevivals besteht darin, auf der einen Seite den Fans zu geben, was sie an ihrer Serie früher gut fanden und auf der anderen Seite neue Impulse einfließen zu lassen. Chris Carter und Kollegen sind bei ihren jeweiligen Folgen mit sehr unterschiedlichen Mischungen vorgegangen. Dabei ist Carters Staffelauftakt eindeutig am wenigsten gelungen, während Darin Morgans Folge sich ohne Zweifel unter den besten Folgen von „Akte X“ einreihen darf.

    Grundsätzlich wäre es dem Revial aber zu wünschen gewesen, wenn die ohnehin nur sechs Folgen stärker eine einheitliche Linie gefahren hätten und die zur Verfügung stehende Zeit intensiver für ein Vorantreiben der Haupthandlung genutzt hätten. So wird der Zuschauer doch mit der Nase auf die ernüchternde Erkenntnis gestoßen, dass man „Akte X“ in der Erinnerung doch zu einem nicht geringen Maße verklärt hat.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten drei Episoden des Revivals von „Akte X“.

    Meine Wertung: 3,5/5

    © Alle Bilder: FOX

    Über den Autor

    Bernd Krannich

    Bernd Krannich ist Jahrgang 1974 und erhielt die Liebe zu Fernsehserien quasi in die Wiege gelegt. Sein Vater war Fan früher Actionserien und technikbegeistert, Bernd verfiel den Serien spätestens mit Akte X, Das nächste Jahrhundert und Buffy. Mittlerweile verfolgt er das ganzes Serienspektrum von „The Americans“ über „Arrow“ bis „The Big Bang Theory“. Seit 2007 schreibt Bernd beruflich über vornehmlich amerikanische Fernsehserien, seit 2014 in der Newsredaktion von fernsehserien.de.

    Lieblingsserien: Buffy – Im Bann der Dämonen, Frasier, Star Trek – Deep Space Nine

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