„Truth Be Told“: Apple TV+ kopiert mehr schlecht als recht True-Crime-Erfolgsformate – Review

    „Serial“-Abklatsch trotz Starbesetzung mit Octavia Spencer und Aaron Paul blass

    Rezension von Marcus Kirzynowski – 18.12.2019, 18:30 Uhr

    Aaron Paul (l.) und Octavia Spencer (r.) in „Truth Be Told“

    Mit seiner Dramaminiserie „Truth Be Told“ springt der neue Streamingdienst Apple TV+ auf den Trend der True-Crime-Formate auf, der vor einigen Jahren vor allem durch den Podcast „Serial“ ausgelöst wurde. Ob dessen Moderatorin und Produzentin Sarah Koenig wirklich als Beraterin in die Serie involviert ist, wie manche Webseiten schreiben, lässt sich durch die einschlägigen Datenbanken nicht bestätigen. Dass Koenig der Serienheldin als Vorbild gedient hat, ist aber offensichtlich. Wie in der ersten „Serial“-Staffel geht es zudem auch in der Serie um einen Mordfall, der nach Jahrzehnten wieder aufgerollt wird, weil Zweifel an der Schuld des Verurteilten aufgekommen sind.

    2014 sorgte der „Serial“-Podcast des öffentlich-rechtlichen Chicagoer Radiosenders WBEZ weltweit für Aufsehen. Fast erzählt wie eine fiktionale Drama(fernseh)serie fächerte die Journalistin Sarah Koenig in zwölf Folgen Woche für Woche einen realen, damals bereits 15 Jahre zurückliegenden Mordfall auf. Im Laufe ihrer Recherchen deckte sie immer mehr Verfahrensfehler und Widersprüche auf, bis sich am Ende niemand mehr sicher sein konnte, dass der Verurteilte auch tatsächlich der Mörder gewesen war. Der überragende Erfolg des Podcasts sorgte für eine Flut ähnlicher Formate, etwa auch bei Netflix in Form von „Making a Murderer“. Im Gegensatz dazu erzählt „Truth Be Told“ eine erfundene Geschichte, basierend auf dem Roman „Are You Sleeping?“ von Kathlen Barber.

    Oscar-Preisträgerin Octavia Spencer („The Help“, „Red Band Society“) spielt die Podcasterin Poppy Parnell, die ein Format präsentiert, das stark an „Serial“ erinnert. Ihren Durchbruch hatte sie vor 19 Jahren mit ihrer Berichterstattung über den Mord an einem Universitätsprofessor. Der damals erst 16-jährige Warren Cave („Breaking Bad“-Star Aaron Paul) sitzt seit seiner Verurteilung im bekannten Hochsicherheitsgefängnis St. Quentin.

    Octavia Spencer als Podcasterin Poppy Parnell in „Truth Be Told“.

    Bei einer Anhörung, die Caves Mutter Melanie (Elizabeth Perkins, „Weeds“) angestrebt hat, um ein neues Verfahren durchzusetzen, kommen Parnell jedoch ernste Zweifel an der Schuld des Mannes, zu dessen Verurteilung sie damals durch ihre Arbeit selbst beigetragen hat. Die Hauptbelastungszeugin, eine der Zwillingstöchter des Mordopfers, erweist sich nämlich im Nachhinein als höchst unzuverlässig. Und ihre Aussage war seinerzeit überhaupt einer von nur zwei Gründen, die zu Caves Verurteilung führten (der andere waren dessen am Tatort gefundene Fingerabdrücke). Die inzwischen berühmte Journalistin beschließt, den Fall in einer neuen Podcaststaffel ganz neu aufzurollen.

    Auf dem Papier klingt das zunächst vielversprechend, zumal Serienschöpferin und -produzentin Nichelle Tramble Spellman eine echte Starbesetzung zur Verfügung steht: neben Spencer, Perkins und Paul auch noch Lizzy Caplan („Masters of Sex“) in der Doppelrolle der Zwillingsschwestern, Michael Beach („Third Watch“) als Poppys Ehemann, Mekhi Phifer („Emergency Room“) als ihr Ex-Freund und Polizei-Detective sowie Tracie Thoms („Wonderfalls“, „Cold Case – Kein Opfer ist je vergessen“) als eine ihrer Schwestern. Viel aus deren Talent herausholen kann die Serie in den ersten Folgen aber nicht, dem steht das Drehbuch entgegen.

    Zunächst einmal wirken die Figuren nicht besonders interessant: Die Journalistin strahlt eher eine Mischung aus Arroganz und Langeweile aus, aber nicht den Ehrgeiz einer leidenschaftlichen Reporterin. Auch ihre Selbstzweifel in Bezug auf den Fall, der ihre Karriere in Gang gebracht hat, werden eher behauptet als glaubwürdig vermittelt. Aaron Paul bemüht sich redlich, all seine schauspielerische Kraft in die kurzen Szenen zu legen, die das Drehbuch ihm zugesteht, was aber eher übertrieben wirkt. Und Lizzy Caplan hat die undankbare Aufgabe, Zwillinge zu spielen, die sich äußerlich und charakterlich so ähnlich sind, dass man sie als Zuschauer nur anhand der verschiedenen Haarfarben unterscheiden kann. Nachdem vor Kurzem schon James Franco in HBOs „The Deuce“ nicht als Zwillingsbrüder, die man ebenfalls kaum auseinanderhalten konnte, überzeugen konnte, sollten Serienautoren vielleicht langsam mal auf dieses Gimmick verzichten (oder es so machen wie mit Ewan McGregor in Fargo, wo die Doppelrolle wegen der Unterschiedlichkeit der Brüder hervorragend funktionierte).

    Lizzy Caplan in der Doppelrolle als Buhrman-Zwillinge.

    Schwerer als die mangelnde Charakterisierung der Hauptfiguren fällt allerdings die Häufung unglaubwürdiger Zufälle ins Gewicht. Wenn Poppy die Mutter des vermeintlichen Mörders aufsucht, fällt der nicht nur vor Schreck die Mülltüte aus der Hand, sondern die Journalistin kann dank der gleichen Erkrankung ihrer Mutter auch aus den Abfällen schließen, dass Frau Cave Krebs haben muss und nur noch kurz zu leben hat. Wenn Zwillingsschwester Lanie Buhrman einen schweren Autounfall hat, ist gleich der Ex der Journalistin zur Stelle. Und wieso in Justitias Namen durfte Caves Vater, ein Polizist, selbst in dem Mordfall gegen seinen Sohn ermitteln? In jedem Rechtsstaat der Welt wäre ein so enger Verwandter doch gleich wegen Befangenheit von dem Fall abgezogen worden. Mangelnde Glaubwürdigkeit versucht Spellman durch Schockeffekte auszugleichen, etwa indem sich Cave im Gespräch mit der afro-amerikanischen Reporterin durch ein Hakenkreuz-Tattoo als Neonazi entpuppt oder später einen ebenso plötzlichen wie vorhersehbaren Gewaltausbruch hat.

    Unschuldig oder schuldig? Warren Cave (Aaron Paul) im Gefängnis.

    Während die Enthüllungen über das Geschehen in und nach der Mordnacht so dahinplätschern und ab und zu ein flotter Popsong das stylish gefilmte Geschehen untermalt, erwischt man sich zunehmend bei dem Gedanken, was das alles eigentlich soll. Von der Faszination und Ambivalenz, die „Serial“ ausstrahlte, sind hier nicht einmal Spurenelemente übrig geblieben. Es sieht alles ganz gut aus und ist solide gemacht, im Zeitalter der (Qualitäts-)Serienflut fragt man sich aber, warum man ausgerechnet bei dieser Serie dauerhaft dranbleiben soll. Man könnte in der gleichen Zeit ja auch einfach mal einen Podcast hören.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten beiden Episoden der Miniserie „Truth Be Told“.

    Meine Wertung: 3/5

    © Alle Bilder: Apple TV+

    Streaminganbieter Apple TV+ veröffentlicht seit Anfang Dezember die Miniserie „Truth Be Told“, die insgesamt zehn Episoden umfasst.

    Trailer zu „Truth Be Told“

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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