TV-Kritik „Titans“: Batmans Robin ist jetzt „böse“ – und das ist gut so

    Kommende Netflix-Serie bringt DC Comics in dunklere Gefilde

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 29.10.2018, 15:00 Uhr

    Brenton Thwaites als Robin in „Titans“ – Bild: DC Universe
    Brenton Thwaites als Robin in „Titans“

    Was lange währt, wird bekanntlich endlich gut. Demnach müsste „Titans“ eine fantastisch gute Serie werden. Denn sie hatte bereits vor dem Start tonnenweise Vorgeschichte angehäuft. Zum einen die Entwicklungsgeschichte der TV-Serie selbst, die ursprünglich bereits 2014 für den US-Kabelsender TNT angekündigt war. Das Licht der Bildschirme erblickt sie jetzt mit vier Jahren Verspätung nicht im linearen Fernsehen, sondern als erste Eigenproduktion des frisch gestarteten Streamingdienstes DC Universe des Comicverlags DC, während sich Netflix die Rechte außerhalb der USA gesichert hat (fernsehserien.de berichtete). Weit schwerer wiegt die jahrzehntelange Geschichte der Comicvorlage(n), bei deren diversen Inkarnationen des Teams junger Superhelden selbst Hardcore-Fans nur noch mit größter Mühe durchblicken dürften.

    Deshalb hier die Kurzversion: Bereits 1964 erstmals in einem US-Comicheft aufgetreten, waren die Teen Titans ursprünglich ein Zusammenschluss jugendlicher Sidekicks, die ansonsten an der Seite berühmter Helden wie Batman und Wonder Woman kämpften, angeführt von Dick „Robin“ Grayson. Richtig erfolgreich wurden die Hefte aber erst, als Marv Wolfman und George Pérez sie 1980 einem Relaunch unterzogen und mit ihren neu erfundenen Figuren Cyborg, der Alien-Dame Starfire und der Empathin Raven sowie einem Mix aus Action und zwischenmenschlichen Beziehungen den Nerv der jungen Leser trafen. Etliche Neustarts und Umbesetzungen später gehören die Titans in ihrem Herkunftsland noch immer zu den beliebtesten Superheldengruppen, während sie in Deutschland immer eher ein Schattendasein fristeten. Ehapa veröffentlichte in den 80ern zehn Alben unter dem Titel „Junge Giganten“, eine Fortsetzung unter dem Originaltitel beim Hethke Verlag im Zuge der „Batmania“ 1990 schaffte noch weniger Ausgaben. Erst seit hierzulande quasi alle US-Mainstreamcomics bei Panini erscheinen, kommen auch deutsche Titans-Fans regelmäßig auf ihre Kosten. Bekannter als die Comics dürften bei uns jedoch die beiden Animationsserien sein, die kindgerechte Versionen der Helden präsentieren und es dieses Jahr sogar auf einen Kinoableger („Teen Titans Go! To the Movies“) gebracht haben.

    Und nun also endlich die Live-Action-Variante des Ganzen, die vom Tonfall her quasi den Gegenentwurf darstellt. Von der ersten Minute an lassen die Macher keinen Zweifel daran, dass hier keine unbeschwerten bunten Helden zu erwarten sind, die sich sprücheklopfend durch ihre Abenteuer kämpfen. Eine weitere Version des Todes von Dick Graysons Artisteneltern in der Zirkuskuppel entpuppt sich als Albtraum der jungen Rachel (alias Raven, Teagan Croft), einer auch sonst von düsteren Visionen gequälten Emo-Teenagerin. Erst unmittelbar, bevor ihre Mutter („Twin Peaks“-Star Sherilyn Fenn) vor ihren Augen grausam ermordet wird, kann diese ihr noch gestehen, dass Rachel gar nicht ihre leibliche Tochter ist. Das traumatische Erlebnis entfesselt in dem Mädchen unkontrollierbare Kräfte und lässt es verängstigt fliehen. Kurz darauf wird sie von Dick Grayson (Brenton Thwaites) auf der Straße aufgegriffen, der – im Zuge seiner Bemühungen, sich von seinem Ziehvater Batman abzusetzen – einen neuen Job als Detective bei der Polizei in Detroit angetreten hat (und nachts weiterhin als Robin auf höchst brutale Weise die Unterwelt aufmischt). Während Rachel Dick sofort aus ihrem Albtraum erkennt, glaubt der ihre Geschichte zunächst nicht. Erst nachdem sie von dem Mörder ihrer Mutter entführt wird, erkennt Dick seinen Fehler …

    Die meisten Blutspritzer auf dem Gesicht von Robin (Brenton Thwaites) stammen von seinen Opfern …
    Die meisten Blutspritzer auf dem Gesicht von Robin (Brenton Thwaites) stammen von seinen Opfern …

    Eine Parallelhandlung der Pilotfolge führt uns nach Wien, wo Kory Anders (alias Starfire, Anna Diop) – eine Frau mit knallroten langen Haaren – nach einem Autounfall am Rand einer Landstraße aufwacht und sich nicht erinnern kann, wie sie dort hinkam oder wer sie überhaupt ist. Eine Konfrontation mit dem Mob-Boss Kovar führt auch bei ihr zu einem plötzlichen Ausbruch ihrer Superkraft: Sie grillt einfach den Gangster und seine Gehilfen mittels eines aus ihren Händen schießenden Feuerstrahls. Zimperlich geht es also wirklich nicht zur Sache, worüber viele Fans und Kritiker bereits ihren Unmut geäußert haben. Insbesondere erstere kritisieren, die übertriebene Gewaltdarstellung und der allgemein düstere Tonfall passten nicht zum Geist der Vorlage. Dem könnte man allerdings erwidern, dass auch die Comic-Titans nicht nur für jugendliche Ungestümheit stehen, sondern mit legendären Geschichten wie dem „Judas-Vertrag“ und dem Kampf gegen den Dämonen Trigon dunkle Erzählungen über Verrat, Versklavung, religiöse Besessenheit und den Weltuntergang hervorbrachten. Dennoch ist es natürlich ungewohnt und wirkt erst einmal befremdlich, wenn ausgerechnet Robin auf seinen nächtlichen Streifzügen Kriminelle dermaßen zusammenschlägt, dass man schon fast um deren Leben fürchtet. Ein größerer Kontrast zum fröhlich-unbeschwerten „Wunderknaben“, wie er an der Seite seines leicht dicklichen Mentors in der alten „Batman“-Serie aus den 60ern zu entsprechend eingeblendeten Soundwords (Paff, Bumm, Bäng) Bösewichte verkloppte, ist kaum denkbar.

    Detective Grayson (Brenton Thwaites) wird zum Mentor für Raven (Teagan Croft) – sein Sportflitzer schindet schon mal mächtig Eindruck.
    Detective Grayson (Brenton Thwaites) wird zum Mentor für Raven (Teagan Croft) – sein Sportflitzer schindet schon mal mächtig Eindruck.

    Die Zeiten, in denen Comicserien auf diese Weise fürs Fernsehen adaptiert wurden, sind zum Glück endgültig vorbei. Aber auch vom eher „hellen“ Arrowverse, wie es die CW-Serien von „Arrow“ bis „Supergirl“ etabliert haben, setzt sich „Titans“ bewusst ab (obwohl mit dem unvermeidlichen Greg Berlanti hier wie dort derselbe Produzent die Strippen zieht). Die Serie orientiert sich tonal deutlich mehr an den aktuellen Kinofilmen aus dem DC Extended Universe von „Man of Steel“ bis „Justice League“ (und den Marvel-Serien von Netflix). Das muss nichts Schlechtes sein, solange die Autoren um Berlanti, Akiva Goldsman und Geoff Johns (immerhin selbst renommierter Autor der Comicreihe) den Figuren im Kern treu bleiben.

    Das lässt sich nach nur zwei Folgen noch nicht abschließend beurteilen, da die Einführung der Charaktere noch im Gange ist. Anders als in den meisten anderen Serien um maskierte Helden ist die Origin-Story hier nicht nach der ersten Episode abgeschlossen, sondern wird sich anscheinend über weite Teile der ersten Staffel ziehen. So ist von einem Team im herkömmlichen Sinne bislang noch nichts zu sehen und auch das vierte potentielle Mitglied, der Gestaltwandler Beast Boy alias Garfield Logan (Ryan Potter), taucht nur in der Schlusssequenz des Piloten kurz auf: in Form eines grünen Tigers, der ein Videospiel klaut – so viel Comic Relief erlauben die Autoren sich dann doch.

    Starfire (Anna Diop) umgibt sich mit ausgebrannten Gangstern …
    Starfire (Anna Diop) umgibt sich mit ausgebrannten Gangstern …

    Sicher kann man über einzelne Entscheidungen zu Besetzung und Namensgebung streiten: Graysons Identität als Nightwing, die er in den Comics bereits seit den 80ern hat, hätte besser zu dieser düsteren Version gepasst, der Name Robin ist aber eben außerhalb der Comicszene viel bekannter. Raven ist hier deutlich jünger als in den Comics, so dass Dick als ihr Mentor und Vaterfigur agieren kann. Das funktioniert bislang gut, zumal die beiden auch am besten charakterisiert werden. Starfire ist nun eine Schwarze, orangefarbene Haut wirkt im Film nun mal alberner als im Comic.

    Insgesamt hinterlässt die Auftaktfolge mit interessant angeteaserten Geheimnissen, einer Mischung aus Mystery-, Horror- und Thrillerelementen und überzeugenden Jungdarstellern einen vielversprechenden Eindruck. Die zweite Episode verwirrt dann jedoch dadurch, dass sie die angerissenen Handlungsstränge weitgehend links liegen lässt (weit und breit keine Starfire und kein Beast Boy) und stattdessen mit dem Heldenduo Hawk und Dove zwei neue Nebenfiguren einführt. Dabei erinnert insbesondere der gealterte, noch brutaler agierende Hawk (Alan Ritchson) eher an den von Nicolas Cage gespielten Anti-Batman aus „Kick-Ass“ als an einen typischen Superhelden, während sich Hawks (auch Lebens-)Partnerin Dove (Minka Kelly) als Dicks Ex entpuppt – für ein bisschen Soap ist also auch gesorgt.

    Treffen der anonymen Superhelden: Dawn „Dove“ Granger (Minka Kelly), Hank „Hawk“ Hall (Alan Ritchson), Raven (Teagan Croft) und Dick „Robin“ Grayson (Brenton Thwaites)
    Treffen der anonymen Superhelden: Dawn „Dove“ Granger (Minka Kelly), Hank „Hawk“ Hall (Alan Ritchson), Raven (Teagan Croft) und Dick „Robin“ Grayson (Brenton Thwaites)

    Der große Wurf ist „Titans“ nach zwei Folgen noch nicht, Potential ist – auch wegen der horizontalen Erzählweise – jedoch genügend vorhanden. Wenn die Macher in den weiteren Folgen die Geschichte etwas stringenter vorantreiben und neben Robin und Rachel auch die weiteren Figuren stärker herausarbeiten, stünde einer ernstzunehmenden Alternative zur Kino-“Justice League“ wenig im Wege. Das interessantere Heldenteam waren die Titans in den Comics eigentlich schon immer.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten zwei Episoden der Serie „Titans“.

    Meine Wertung: 3,5/5

    © Alle Bilder: DC Universe

    Aktuell strahlt der US-amerikanische Streamingdienst DC Universe die zwölfteilige erste Staffel von „Titans“ aus, eine zweite Auflage ist bereits bestellt. Die Rechte für den deutschsprachigen Raum hat sich der Streaming-Dienst Netflix gesichert. Hier wurde aber noch kein Startdatum verkündet.

    Trailer zu „Titans“

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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