„Them“: Wütende Rassismus-Anklage im Horrorgewand – Review

    Die erste Staffel der Anthologieserie ist virtuos inszeniert, aber überfrachtet

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 15.04.2021, 18:23 Uhr

    Die Axt im Haus: Lucky (Deborah Ayorinde) schlägt zurück. – Bild: Amazon Prime Video
    Die Axt im Haus: Lucky (Deborah Ayorinde) schlägt zurück.

    Für die Emorys soll ein neues Leben beginnen: Aus Chatham County in North Carolina ziehen sie 1953 nach Kalifornien. Für die schwarze Familie ist er der Versuch, der Rassentrennung in den US-Südstaaten zu entkommen – doch es wird eine Fahrt vom Regen in die Traufe. Die Nachbarschaft in East Compton ist ausschließlich weiß und beginnt sofort damit, die neuen Nachbarn zu terrorisieren. Und dann spukt es auch noch im neuen Haus! Mit seiner neuen Anthologieserie „Them“ will Prime Video an die erfolgreichen „Black Horror“-Produktionen der jüngsten Zeit anknüpfen. Die Serie spielt zwar vor siebzig Jahren, zieht aber Parallelen zur Gegenwart. Die antirassistische Breitseite ist hart und konsequent. Doch ob sie zu den Gruselfilmstereotypen passt, mit denen die Serie ansonsten operiert, ist eher ungewiss.

    Aus einer blutroten Kreisblende heraus, die aus Gruselfilmen der Hammer-Studios oder einem italienischen Giallo-Thriller stammen könnte, eröffnet der Prolog in North Carolina. Protagonistin Lucky Emory (stark: Deborah Ayorinde) ist mit ihrem Baby allein zu Haus, ihr Mann Henry (Ashley Thomas aus „24: Legacy“) mit den beiden Töchtern Ruby Lee und Gracie unterwegs. Eine weiße Frau kreuzt auf, macht seltsame Andeutungen, singt „Old Black Joe“, einen rassistischen Minstrel-Song aus dem 19. Jahrhundert, kommt auf das Baby zu sprechen. Dann: Schreie und eine explodierende Tonspur. Was passiert, bleibt im Unklaren, da die Macher direkt in den Vorspann übergehen. Da das Baby später aber kein Teil der Familie mehr ist, kann man sich ausmalen, was vorgefallen sein könnte.

    Immer wieder wird im Folgenden auf das Vergangene angespielt. Von einer psychischen Erkrankung Luckys ist die Rede, auch Henry ging und geht es nicht gut. An ihm (und anderen schwarzen US-Soldaten) wurden während des Zweiten Weltkriegs Nervengasexperimente durchgeführt, noch immer leidet er an Panikattacken. Aber kann Kalifornien die Lösung sein? Die Emorys zählen zu den ungefähr sechs Millionen Afroamerikanern, die ab 1916 bis in die späten 1960er-Jahre hinein aus den US-amerikanischen Südstaaten in den Norden und Westen der USA umsiedelten. Diese „Great Migration“ war eine Reaktion auf die Rassentrennung im Süden, die das Leben der schwarzen Bevölkerung nicht nur gefährdete, sondern auch in nahezu allen Bereichen erschwerte, somit auch berufliches Fortkommen unmöglich machte.

    Die Herablassung der anderen: Henry Emory (Ashley Thomas) ist der einzige Schwarze im Büro. Amazon Prime Video

    Doch selbst in East Compton, im Windschatten von Los Angeles, ist die Lage anno 1953 nicht viel besser als im sogenannten „Jim Crow South“ – wie Henry, der dort als Ingenieur arbeiten möchte, und seine Familie direkt nach ihrer Ankunft in 3011 Palmer Drive erfahren müssen. Die Klausel im Kaufvertrag des neuen Hauses, die explizit Menschen mit negro blood als Käufer ausschließt, von der Maklerin aber verdächtig schnell als unwichtig bezeichnet wird, ist nur der erste Widerhaken. Den Rest besorgen die adretten, weißen Nachbarn. Betty Wendell (Alison Pill) aus dem Haus gegenüber führt ein Geschwader von Hausfrauen ins Mobbing-Feld, die im Zuzug der schwarzen (von ihnen als kriminell eingestuften) Familie in das pastellgrün-rosa-gelb angepinselte Viertel den ersten Schritt hin zum Niedergang wittern. Die Damen setzen sich mit Tisch und Stuhl vor die Einfahrt der Neuankömmlinge, beschallen das Haus mit rassistischem Liedgut. Wie immer in solchen Fällen dauert es nicht lange, bis die Gewalt handfester wird.

    „Covenant“ (Abkommen, Vereinbarungsklausel) lautet der Untertitel dieser ersten Staffel einer auf mehrere Staffeln angelegten neuen Anthologieserie von Prime Video. Im Zentrum steht die Grundlage diskriminierenden Denkens: die Wegsortierung derjenigen, die nicht den als „normal“ oder „zugehörig“ eingestuften Kategorien entsprechen. „Wir“ gegen „sie“, auf Englisch: us vs. them. Spätestens beim Wort „Us“ muss man an den gleichnamigen Film des Comedians und oscarprämierten Regisseurs Jordan Peele denken, der in den letzten Jahren mit ebenjenem Film („Wir“), aber auch mit „Get Out“ und als Produzent der famosen Serie „Lovecraft Country“ bewiesen hat, dass sich die Beschäftigung mit Rassismus bestens mit dem Horrorgenre verbinden lässt. Denn was ist das, was viele von Rassismus betroffene People of Color ihr Leben lang erfahren, denn anderes als ein niemals enden wollender Horrorfilm? Die wahren Monster, zeigen diese Produktionen, wohnen oft genug im Haus nebenan.

    Betty (Alison Pill) in Panik: Geht’s mit der Nachbarschaft bergab? Amazon Prime Video

    Daran knüpft nun auch Little Marvin an, der bislang in Film und Serie noch kaum in Erscheinung getretene Autor von „Them“, doch anders als Peele, dessen Werke immer auch auf abgründigen Humor setzten und somit als Entertainment durchgingen, geht Marvin nun keinerlei Kompromisse mehr ein, wenn es darum geht, den Rassismus der weißen Mehrheitsgesellschaft auszumalen. Betty Wendell und ihre Freundinnen wirken wie die Stepford Wives im Kampf gegen den „schwarzen Schimmel“ (black mold), wie sie die Emorys bezeichnen. Als gleichgeschaltete Einheitsfront gegen das Fremde, sich selbst fratzenhaft zulächelnd, sind sie den neuen Nachbarn in sofortiger Feindschaft verbunden. Alison Pill legt Betty dabei als Variante jener äußerlich püppchenhaften, innerlich eiskalten Blondinen an, die sie zuletzt so häufig spielte (etwa in „Devs“). Als Nachbarin Midge (Lindsey Kraft, „Getting On – Fiese alte Knochen“) samt Mann wegziehen will, sieht Betty bereits das ganze Viertel kippen, weshalb sie ihren Mann Clarke („Spartacus“ Liam McIntyre) und seine Kumpels aus der Nachbarschaft („True Blood“-Star Ryan Kwanten taucht anfangs nur kurz auf) als willfährige Werkzeuge im Abwehrkampf gegen die Emorys einsetzt. Palmer Drive muss sauber bleiben!

    Der Rassismus begegnet den Protagonisten allerdings nicht nur zu Hause, sondern quasi überall: Ingenieur Henry muss im neuen Job die Herablassungen des Vorgesetzten (P.J. Byrne aus „Big Little Lies“) ertragen. Im Toilettenraum stopft er sich Papierhandtücher in den Mund, um ungehört laut aufschreien können. Die ältere Tochter Ruby Lee (Shahadi Wright Joseph) wird am ersten Schultag in der ebenfalls ausschließlich von Weißen besuchten Highschool gleich der Klasse verwiesen, weil die Lehrerin es ihr als Provokation auslegt, wenn die Mitschüler sie mit Affenlauten behelligen. Diese Szenen sind betont unsubtil und on-the-nose angelegt. Man spürt die Wut dahinter, die Entschlossenheit, keine Rücksichten mehr nehmen zu wollen, wenn es darum geht, die rassistischen Anfeindungen darzustellen, denen Schwarze ausgesetzt waren, die (nicht nur) in den Fünfzigerjahren in einer rein weißen Umgebung auftauchten. In der aufgewühlten Gegenwart nach der tödlichen Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA trifft diese frontale Herangehensweise, die keinerlei Gefangenen mehr macht, erst recht einen Nerv.

    Vorsicht vor den Nachbarn: Gracie (Melody Hurd) und Lucky vor dem neuen Eigenheim. Amazon Prime Video

    Das Porträt einer schwarzen Familie im nur oberflächlich aufgeräumten Fünfzigerjahre-Amerika hätte sicher schon alleine eine spannende Serie ergeben können, in „Them“ aber lauert das Grauen zusätzlich im Inneren – ganz buchstäblich und zusätzlich noch im psychologischen Sinn. Sowohl der kriegsversehrte Henry als auch die offensichtlich am Tod (oder Verschwinden) ihres dritten Kindes fast zugrunde gegangene Lucky starren immer wieder in ihre seelischen Abgründe, lassen sich zu irritierendem Verhalten hinreißen: Henry wirft Obstkuchen an die Wand, weil er ihn zu sehr an den süßlichen Duft des Nervengiftes erinnert, Lucky fuchtelt nach den ersten nachbarlichen Attacken auf offener Straße mit einer Pistole herum. „Them“ spielt emotional von Anfang an am Anschlag. Schon nach einer Stunde ist eine so hohe Eskalationsstufe erreicht, dass man sich kaum vorstellen kann, wie sich der Plot noch weitere neun Episoden hochschaukeln soll.

    Ein bisschen mehr Luft zum Atmen wäre definitiv sinnvoll gewesen. Doch „Them“ ist noch dazu auch eine waschechte Horrorserie mit klassischen Schreckeffekten und Budenzauber. Alle möglichen aus Stephen-King-Romanen und Spukhaus-Filmen bekannten Motive tauchen auf: das getötete Haustier, der dunkle Keller mit Geheimnis, eine hagere Gruselgestalt, die nur der kleinen Tochter Gracie (toll: Melody Hurd) erscheint, ein mysteriös blutendes Grab im Garten. Wehrt sich das Haus – als Symbol der Umgebung, in der es sich befindet – aktiv gegen die Familie?

    Im Haus selbst spukt’s: Gracie sieht Schreckgespenster. Amazon Prime Video

    Die Ton-Ebene läuft dazu meist Amok, und wenn es mal ganz kurz still ist, folgt garantiert ein jump scare. Diese Schockmomente sind so effektiv, dass sie selbst abgebrühten Betrachtern das Heißgetränk von der Untertasse fegen. Regisseur Nelson Cragg (bislang vor allem als Kameramann aus dem Serienuniversum von Ryan Murphy bekannt) zieht auf eklektische Weise alle Register: Mal werden die Bild- und Style-Techniken älterer B-Horrorfilme bedient, dann wird mit Split-Screens und kreiselnden Draufsichten herumgespielt. Immer wieder verwirbeln die Realitätsebenen, und ein Soundtrack aus lauter zuckersüßen Popsongs von Patti LaBelle über die Delfonics bis Michael Jackson kommentiert gezielt sarkastisch das abgründige Geschehen in der trügerisch heilen Vorstadtwelt.

    Dass die Songs anachronistisch eingesetzt werden, unterstreicht die Zeitlosigkeit der antirassistischen Anklage, die die Macher um Little Marvin hier im Sinn hatten. Doch so virtuos das alles inszeniert ist, so stark die Besetzung ist (in Nebenrollen tauchen etwa Derek Phillips aus „Friday Night Lights“ als Cop und „Star Trek – Raumschiff Voyager“-Tuvok Tim Russ als Hausmeister auf), so sehr bleibt nach den ersten Episoden auch der Eindruck zurück, dass sich die Horrorelemente längst nicht so gut mit der antirassistischen Anklage verbinden, als dies bei Peele der Fall war. Das mag damit zusammenhängen, dass die Anklage in „Them“ eindeutig härter ausfällt. So lauert immer wieder die Gefahr, dass das konventionelle Spukgedöns am Ende ablenken könnte von dem, was die Serie eigentlich zu erzählen hat. Nicht nur, weil das Ergebnis dadurch unnötig überfrachtet wirkt, bietet diese zugespitzte Art einer „American Horror Story“ eine insgesamt durchaus strapaziöse Seherfahrung. (Vielleicht aber ist gerade das mal nötig, in einer Zeit, in der jede klare Positionierung sofort wütende Gegenreaktionen auslöst: Natürlich wird „Them“ auf den üblichen Plattformen von einschlägiger Seite längst „Rassismus gegen Weiße“ vorgeworfen. „Wir“ gegen „sie“, da ist es wieder.)

    Meine Wertung: 3 / 5

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „Them“.

    Trailer

    Seit dem 9. April ist „Them“ in Deutschland lediglich in einer Version mit englischem Originalton verfügbar. Die Veröffentlichung der Synchronfassung soll am 23. Juli 2021 erfolgen.

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Serie die niemand braucht, könnte man MInus Sterne vergeben würde ich es tun.

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